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2. RUNNER'S WORLD-Laufschuhsymposium "Es bleibt spannend in der Laufschuhentwicklung"

Auf der ISPO in München fand das 2. RUNNER'S-WORLD-Laufschuhsymposium statt. Der Eingangsvortrag des Schweizer Wissenschaftlers Benno Nigg sorgte für große Aufregung.

2. RUNNER’S WORLD-Laufschuhsymposium +
Foto: Britta Ost

Der Vortrag des Schweizer Wissenschaftlers Benno Nigg sorgte für Aufsehen.

Im Rahmen der Internationalen Sportartikelmesse (ISPO) in München fand am 5. Februar das 2. RUNNER’S WORLD-Laufschuhsymposium statt, zu dem sich 180 Laufschuhexperten aus dem Handel und der Industrie angemeldet hatten, um über die Zukunft des Laufschuhs zu diskutieren.

Nach einer kurzen Begrüßung durch RUNNER'S-WORLD-Redakteur Urs Weber referierte der international anerkannte Schuhexperte Professor Benno Nigg von der University of Calgary (Kanada) zum Auftakt über das Thema „Läuferverletzungen: Welche Rolle spielen die Laufschuhe?“ und setzte in seinem Vortrag direkt Zeichen, die weltweit den Laufschuhmarkt aufhören lassen werden. Der Schweizer Wissenschaftler „sang eine Totenmesse“ auf die altbekannte Kategorisierung von Laufschuhen, die sich vornehmlich auf das Aufsatz- und Abrollverhalten des Fußes und seinen Pronationswinkel stützt – also wie weit der Fuß beim Abrollen nach innen knickt - und machte deutlich, dass sowohl die Stärke der Pronation wie auch die Dämpfung eines Laufschuhs nur wenig mit der Häufigkeit von Laufverletzungen korreliert. Nigg zeigte anhand einer großen Studie, dass die Pronierer unter den untersuchten Läufern sogar am wenigsten häufig verletzt waren.

Bei der Laufschuh-Wahl wird der Komfort immer wichtiger

Sein Fazit: „Die vertikalen Impaktkräfte, die vertikale Belastungsrate und die Fuss-Pronation sind keine Ursachen für Verletzungen.“ Die Unterschiede im Bewegungsbild von Läufern, die Verletzungen beeinflussen, sind seiner Meinung nach offensichtlich viel mehr „die Muskeln, Gelenksmomente, innere Kräfte, die Druckverteilung“. Und er schob mit erhobenem Zeigefinger nach: „Das sind die Variablen, die wesentlich sind, die muss man sich anschauen, wenn man Laufverletzungen erklären bzw. mit der richtigen Schuhversorgung verhindern will.“ Doch die zahlreichen Händler im Auditorium fragten sich: Was ist dann der Ersatz für Pronation und Aufprallkräfte als Beratungskriterien? Die Antworten des Professors waren noch wenig konkret. Nigg referierte zum so genannten „bevorzugten Bewegungsablauf“ eines Läufers, den der Laufschuh nicht verändern beziehungsweise unterstützen müsse und warf das Wort „Komfort“ in die Runde. „Der beste Laufschuh für einen Läufer ist der, der den bevorzugten Bewegungsablauf desselben zulässt und den dieser am komfortabelsten findet,“ postulierte der Wissenschaftler zum Abschluss seines Vortrags und ließ die Zuhörer ein wenig ratlos zurück. Die fragten sich natürlich, was die wissenschaftlichen Parameter für „Komfort“ denn wohl sind, worauf auch der Professor „noch keine Antwort“ wusste.

„Hat die Überpronation ausgedient?“

Und wenig später stieß Niggs Kollege Dr. Gert-Peter Brüggemann, Professor an der Sporthochschule in Köln, dann auch noch in dasselbe Horn: „Hat die Überpronation ausgedient?“ titelte sein Vortrag und der Wissenschaftler zitierte eine ähnliche Studienlage wie der Schweizer mit dem Beweis, dass es zu kurz greift, bei der Analyse von Laufverletzungen nur auf das Fußverhalten in der Laufbewegung zu achten. Brüggemann konzentriert sich derzeit in seinen Forschungen zu besseren Laufschuhen und einer verbesserten Kategorisierung von Schuhen auf die Beziehungen zwischen dem Fußverhalten und der Kniebewegung während des Laufens. Er fand heraus, „dass die Bewegung des Kniegelenks von der Rückfußbewegung maßgeblich beeinflusst wird“, musste aber zugeben, dass die Bewegungskoppelung sehr individuell ist.

Für jeden einzelnen Läufer sei die habituelle Gelenkbewegung im Knie allerdings sehr stabil über viele Bewegungszyklen. Laufschuhe sollten diese bevorzugte Gelenkbewegung nicht stören - im Gegenteil: ein individuell geeigneter Laufschuh soll Abweichungen von der habituellen Gelenkbewegung reduzieren.


Brooks arbeitet bereits an einer neuen "Laufschuh-Generation"

Gemeinsam mit dem Laufschuhhersteller BROOKS, einer der Partner des 2. RUNNER’S WORLD-Laufschuhsymposiums, arbeitet Brüggemann schon sehr konkret an der Umsetzung seiner neuen Erkenntnisse für die Laufschuhentwicklung bzw. -beratung. Das von BROOKS neu eingeführte „StrideSignature“-Konzept fußt auf diesen Erkenntnissen. André Kriwet, einer der führenden Laufschuhentwickler der Firma, sagt dazu: „Wir haben beobachtet, dass der Laufschuh zwar Einfluss auf den Sprunggelenkswinkel hat, jedoch nicht das gesamte System der gewohnten Gelenkbewegungen dominiert. Unsere Konstruktion nach dem „Stride Signature“-Prinzip löst sich von dem Gedanken, den Fuß bei der Abrollbewegung kontrollieren zu wollen: Der Schuh soll die Belastung nicht mehr korrigieren, sondern optimieren.“ Auf diese Weise wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass jeder Läufer einen individuellen Bewegungsablauf hat.
2. RUNNER’S WORLD-Laufschuhsymposium +
Foto: Britta Ost

Drei Sensoren an Taille, Ober- und Unterschenkel vermessen die Kniebewegung des Läufers.

Anhand eines Prototypen wurde den Symposiumsteilnehmern ein Blick in eine mögliche zukünftige Laufschuhberatung gewährt. Drei Sensoren an Taille, Ober- und Unterschenkel vermessen die Kniebewegung des Läufers. In einem ersten Schritt wird die habituelle Gelenkbewegung bestimmt, indem der Läufer im Stand einige Kniebeugen macht. Das sei laut Prof. Brüggemann derzeit die beste Möglichkeit, die gewohnte bevorzugte Gelenkbewegung zu ermitteln; beim Gehen bewegt sich das Knie ebenfalls in der bevorzugten Weise, hier ist der Winkel aber zu klein für die Messung. Im zweiten Schritt läuft die Testperson eine kurze Strecke barfuß, dabei wird die Abweichung zur habituellen Gelenkbewegung im Knie bestimmt. Im dritten Schritt muss nun der Laufschuh gefunden werden, der die Bewegung wieder in Richtung der habituellen Gelenkbewegung verschiebt. Dazu läuft der Proband mit verschiedenen Schuhen, wobei man jeweils die Gelenkbewegung misst und den optimalen auswählt. Im Test auf der ISPO mit zwei Testläufern entsprach der mit den besten Werten auch dem mit dem subjektiv besten Komfort.

Mit Spannung erwartet worden war der nachfolgende Auftritt von 361°. Dieser chinesische Sportartikel-Hersteller ist auf dem chinesischen Markt hinter Li Ning die Nummer 2 und arbeitet gerade an einem internationalen Roll-out, beginnend im deutschsprachigen Raum und UK. Als Sponsor der Olympischen Spiele in Rio 2016 wird sich die Markenbekanntheit sicher schnell erhöhen. Bei Laufschuhen setzt 361° auf die Fundamente Schockabsorbtion, Stabilität, Guidance und Responsiveness sowie eine traditionelle Sprengung von 8 - 11 Millimetern. Ein Fokus liegt auf dem Vorfuß-Design: verbesserte Flexibilität und Grip sollen für bessere Kraftübertragung vom Muskel auf den Boden sorgen und ein responsiveres Laufgefühl ermöglichen.

Welche Auswirkungen haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die Händlerberatung?

Passend zur Frage nach dem individuell passenden Laufschuh und dem Schlagwort Komfort war dann auch der anschließende Auftritt von Caspar Copetti. Er ist einer der Gründer der jungen Schweizer Laufschuhmarke ON, einem weiteren Partner des Symposiums, die in ihrer erst fünfjährigen Firmengeschichte mit ihrem einzigartigen Sohlenkonzept schon einiges auf dem Laufschuhmarkt in Bewegung gesetzt hat. Copetti postulierte Kernsätze, wie „Es gibt nicht die eine perfekte Art zu laufen, sondern Millionen Laufstile.“, „Wir müssen von der Korrektur zu Erlebnis und Komfort kommen“, „Der Blick muss vom Knöchel auf den ganzen Körper gehen.“ Was eigentlich auch sehr gut die Ergebnisse seiner Vorredner auf den Punkt brachte und eine Steilvorlage für die anschließenden Work-Shops war, in denen vor allem die zahlreich anwesenden Händler nun darüber diskutierten, welche Auswirkungen die vorgenannten Erkenntnisse für die Beratung im Handel am so genannten „Endverbraucher“, dem Kunden, dem Läufer wohl haben muss. Dabei stellte sich heraus, dass gerade die neue Studienlage eine versierte Beratung keineswegs überflüssig, sondern besonders nötig macht. „Komfort ist ein guter Indikator für einen guten Laufschuh“ brachte es Ulf Lunge, von Lunge Sport, auf den Punkt, „aber komfortabel sind viele Laufschuhmodelle.“ „Wir müssen mit einer versierten Beratung weiterhin dem Läufer helfen, sich im Dschungel der vielen Laufschuhmodelle zurechtzufinden“, schob Dieter Lang, von Lang-Lauf in Jugenheim nach, „es reicht sicher nicht in einen Schuh hineinzuschlüpfen, ihn komfortabel zu finden, und deshalb zu kaufen.“

Ausklang des Laufschuhsymposiums bei Bier und Kabarett von Dieter Baumann

„Es bleibt spannend in der Laufschuhentwicklung“, so brachte es RUNNER’S-WORLD-Redakteur Urs Weber zum Abschluss auf den Punkt. „Vor allem angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland inzwischen 38 verschiedene Laufschuhhersteller gibt, die seit 2014 677 neue Laufschuhe auf den Markt gebracht haben, ist es vor allem aus Läufersicht wichtig, klare Kriterien zu definieren, nach denen die Auswahl des perfekten Laufschuhs Sinn macht“, schloss der Schuhexperte das Symposium. Schluss war dann aber doch noch nicht, denn anschließend wurde bei einem Glas Bier erst noch heftig weiter diskutiert und dann dem Kabarett-Auftritt des 5.000-m-Olympiasiegers Dieter Baumann entspannt zugehört. Der resümierte das Thema übrigens auf seine Weise: „Laufschuhwissenschaft? Lauft, Freunde, lauft, einfach mal drauflos ...“ So kann man es auch sehen, muss man aber nicht.
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Autor: Martin Grüning 06.02.2015
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