Top Themen: Laufschuhe | Laufuhren | Abnehmen | Trainingspläne | Coaching | Lauftrainer-App | Abnehm-App | Laufhelden | A - Z

Von barfuß bis Fitbit Badeanzüge und Sprungfedern

Roberta Gibb schleicht sich verbotenerweise in das Starterfeld des Boston Marathons. Da es keine Sport-BHs gibt, trägt sie dabei einen Badeanzug.

From Barefoot to Fitbit Monty Montgomery 03/17 +
Foto: RUNNER'S WORLD Archive

Monty Montgomery lief 1974 den Marathon in unter drei Stunden – in Khakihose und Lederschuhen.

Im Jahr 1966 schlich sich eine 23-jährige Frau, Roberta Gibb alias „Bobbi“, in das Starterfeld des Boston-Marathons ein. Der Lauf war, wie damals üblich, nicht für Frauen zugelassen, sie galten als zu wenig belastbar für den Marathon. Die Ansichten des deutschen Arztes Ernst van Aaken, der behauptete, Frauen seien sogar ausdauernder als Männer, waren in den USA noch unbekannt, er hielt erst ab 1971 Vorträge in den USA. Aber zurück zu Roberta Gibb: Da es weder Sport-BHs noch Tights gab, zog sie sich ihren Badeanzug an und eine blaue Kapuzenjacke darüber. Von ihrem Bruder lieh sie sich ein Paar Bermudashorts. Und an den Füßen trug sie weiße Schuhe, wie man sie von Krankenschwestern kennt. Gibb lief den Marathon in 3:21:40 Stunden, was damals Platz 126 in ­einem Feld von 415 bedeutete. (Die Deutsche Anni Pede lief 1967 bei einem von van Aaken veranstalteten Lauf bereits 3:07 Stunden.)

Derartiges Improvisieren bei der Garderobe war an der Tagesordnung, die Läufer wussten oft nicht, was sie anziehen sollten. Meist trugen sie ein Baumwoll-Sweatshirt und eine dazu passende Hose, was im Winter bei Männern schon mal die gefürchteten „Kälte­schäden im Genitalbereich“ verursachte, so der medizinische Fachausdruck. Aber auch bei warmem Wetter bekamen Läufer Probleme. Hal Higdon, ein Vorreiter in Sachen Laufen in den USA und Autor der „Distance Running News“, schrieb im Frühjahr 1968 in einem Artikel für die „New York Times“ von einer Begegnung am Strand von Miami Beach. Higdon lief am Wasser entlang und merkte, wie jemand hinter ihm herlief: „Ich schaute mich um, und da lief ein Hippie! Ein bunt gestreiftes Shirt, Haare wie die Beatles und barfuß. Er trug eine Blume in der einen Hand, und mit der ande­ren hielt er seine lange Halskette fest, damit die nicht bei jedem Schritt umherschleuderte.“

Mein Vater lebte damals in einem Vorort von Chicago. Seit seiner Studentenzeit war er nicht mehr ­gelaufen – damals freilich auch nur mit einem Ball. „Laufen ist Quälerei“, pflegt er auch heute noch zu sagen. „Wenn wir beim Training mit dem Ball versagten, mussten wir zur Strafe Runden laufen.“ Meine Mutter absolvierte ihr Laufpensum ausschließlich auf dem Tennisplatz. Tennis war damals schon eine eigene Welt, mit dazugehöriger Mode, von den Schuhen über die Kleider bis zum Zubehör. In unserem heimischen Sprachgebrauch galten alle Sportschuhe als Tennisschuhe, daneben gab es Alltags- und Sonntagsschuhe, die in der Kirche getragen wurden. Wenn meine Mutter damals hätte laufen wollen – was aber nie vorkam –, hätte sie in unserer Lokalzeitung Vorschläge gefunden, was sie hätte tragen können, um dabei modisch auszusehen. Die „Chicago Tribune“ veröffentliche bereits 1968 in einem Sonderteil entsprechende Tipps („Jogging in Fashion“). Darin kam zum Beispiel „der eleganteste Übungsanzug aus feinstem, weichem, luxuriösem Kaschmir“ vor. Vervollständigt wurde das Outfit durch knöchelhohe Schuhe in Orange mit pinkfarbener Sohle.

Während seiner kurzen Karriere als Schuhver­käufer war Amby Burfoot bereits ein großer Fan der „Distance Running News“ geworden, die 1970 nach Mountain View in Kalifornien umzog und sich fortan „The Runner’s World“ nannte. Erst viel später, 1986, wurde Burfoot dort Chefredakteur. Da schickten Hersteller bereits ganze Paletten unterschiedlichster Produkte per Post an die Redaktion – Zeichen eines rasant wachsenden Marktes. Burfoot erinnert sich, dass sogar mal ein Fallschirm für Läufer dabei war – und diverse höchst eigenwillig konstruierte Lauf­schuhe. „Ich weiß noch, wie ich mal ein Paar Laufschuhe geschickt bekam, die doch tatsächlich Sprungfedern in der Sohle hatten“, erinnert sich Burfoot. „Viele dieser Firmen verstanden einfach nicht, dass es den meisten von uns einfach nur um das Vergnügen geht, sich frei zu bewegen, ohne lästigen Ballast.“

Die Laufstrecken wurden damals oft noch mit dem Auto abgefahren, um die Strecke zu vermessen. Intervalle wurden mit dem Sekundenzeiger der Armbanduhr gestoppt. Natürlich dachte man jedes Mal, man sei doch viel weiter (und viel schneller) gelaufen. Ein anderer berühmter Protagonist der Laufszene erschien an der Startlinie seines ersten Wettkampfs (kurz nachdem er das Rauchen aufgegeben hatte) in Jeans und einem Disney-Sweatshirt. Das war 1973: Bill Rodgers gewann später dreimal den Boston-Marathon und erklärt seinen Aufzug heute so: „Wir hatten diese ganze Ausrüstung einfach nicht.“ Wenige Jahre darauf konnte er mit Laufequipment ein ganzes Warenhaus füllen, das Bill Rodgers Running Center.

Rodgers war seiner Zeit voraus, als er 1977 in Boston dieses Laufgeschäft eröffnete. An der Westküste hatte 1975 Paul Terrell in Mountain View in Kalifornien den The Byte Shop eröffnet. Es war der weltweit erste Laden, der Bestellungen mithilfe eines Apple-Computers verarbeitete, konstruiert von einem gewissen Steve Wozniak und auf den Markt gebracht durch Steve Jobs. Jobs bestritt seine Auftritte gern in New-Balance-Laufschuhen (wenn er nicht gerade barfuß in Meetings saß). Einen Steinwurf entfernt von The Byte Shop entschied man sich in den Redaktionsbüros erneut zu einer Umbenennung, aus „The Runner’s World“ wurde RUNNER’S WORLD. Das „The“ wurde weggelassen, Thefacebook machte es Jahre später auch so; übrigens befindet sich deren Firmensitz im nur zehn Kilometer entfernten Menlo Park.

Mountain View ist heute vor allem berühmt als Stammsitz von Google und nicht als Geburtsort von RUNNER’S WORLD (die 1985 nach Emmaus, Pennsylvania, umzog). Tatsächlich entwickelten sich in der Region, die später Silicon Valley genannt wurde – den Begriff gab es in den späten 1970er-Jahren noch nicht –, die Laufbewegung und die Hightech-Community parallel zueinander. Sie waren ein ungleiches Paar: die eine ursprünglich und instinktgetrieben, die andere fortschrittlich und undurchschaubar. Beide gediehen prächtig und gehörten irgendwie zusammen, manchmal zum beiderseitigen Erstaunen.
Jetzt noch besser laufen: aktuelle Lauftipps, News und Tests >>

Autor: Steve Rushin 17.02.2017
WEITERLESEN
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Waffeleisen und Luftkissen

Seite 1: Von barfuß bis Fitbit
Seite 2: Barfuß und Bowlingschuhe
Seite 3: Badeanzüge und Sprungfedern
Seite 4: Waffeleisen und Luftkissen
Seite 5: Laufuhren und Walkmans
Seite 6: Activity-Tracker und Vernetzung

Kostenloser Newsletter
RUNNER'S WORLD ERLEBEN
NEWS
Im Laufschritt um den Stadtpark
BKK Mobil Oil RUN FUN DAY im Hamburger Stadtpark

Foto: Marathon Hamburg Veranstaltungslogo GmbH

Traumhaftes Laufwetter hatten am 21. Mai die 500 Starter beim 2. Run Fun Day im Hamburger ... ...mehr

9.100 liefen durch das Ruhrgebiet
VIVAWEST Marathon 2017

Foto: Thomas Sobczak

Beim VIVAWEST Marathon 2017 ging es umjubelt von Zuschauern quer durchs Ruhrgebiet. Abid E... ...mehr

Sonniges Laufspektakel in Mainfranken
Würzburg-Marathon 2017

Foto: Norbert Wilhelmi

In der 17. Auflage fand der Würzburg-Marathon bereits statt. 2017 waren Andre Ziegert und ... ...mehr

Sie sind hier: >> >> >>Badeanzüge und Sprungfedern
(©) Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG