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Tobias Sauter im Interview "Ich habe nicht abgekürzt"

Tobias Sauter wurde bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in München wegen Abkürzens disqualifiziert. Der 31-Jährige widerspricht und äußert sich im Interview zu den Vorfällen.

Tobias Sauter +
Foto: Privat

Wurde bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in München disqualifiziert: Tobias Sauter. Der 31-Jährige widerspricht.

Tobias Sauter, 31, gehörte 2007 bis 2011 zu den besten deutschen Marathonläufern (Bestzeit: 2:17:27 Stunden). Er qualifizierte sich 2009 für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften und 2010 für die Europameisterschaften. Dann machten Verletzungsprobleme seiner Karriere ein Ende. Sauter nahm zwanzig Kilogramm zu und widmete sich seinem Sportmanagement-Studium. 2013 nahm er innerhalb weniger Wochen die zwanzig Kilo wieder ab und plante sein Comeback. Das verlief bisher äußerst holprig: Beim Mannheim Marathon (31.5.) wurde er in aussichtsreicher Position liegend fehl geleitet und stieg aus. Bei den Deutschen Marathon-Meisterschaften in München (12.10.) wurde er wegen Abkürzens disqualifiziert. Sauter fühlt sich aber im Recht und hat einen Anwalt eingeschaltet.

Runner’s World: Was ist los mit Ihnen? Sie entwickeln sich so langsam zum Enfant terrible der Laufszene. Das Pech scheint Ihnen an den Laufschuhen zu kleben. Erst die Probleme in Mannheim und jetzt wurden Sie in München wegen Abkürzens disqualifiziert. Hand aufs Herz: Haben Sie abgekürzt?

Tobias Sauter: Nein, habe ich nicht. Die Regeln besagen, dass ich die abgesperrte Strecke nicht verlassen darf – und das habe ich auch nicht getan. Ich bin in München gelaufen, wie ich es seit 15 Jahren mache, stets den direkten nicht abgesperrten Weg und der ging an der mir vorgeworfenen Stelle eben über den Bordstein – und hier gab es keine Streckenabsperrung. Anders übrigens als an anderen Stellen der Strecke – einige Kurven waren innen abgesperrt, andere nicht. Viele andere Läufer sind nach dem Marathon zu mir gekommen und haben gesagt, dass sie an dieser Stelle genauso gelaufen sind. Einer hat sogar angeboten, seine eigene Disqualifikation zu verlangen, wenn ich nicht rehabilitiert werde.

Mit Mannheim habe ich abgeschlossen – was dort passiert ist, ist ärgerlich, aber hierzu ist alles gesagt. Ich gehe davon aus, dass wenn ich weiter hart arbeite, auch das Glück wieder zurückkommt. Die jetzige Situation ist für mich nicht angenehm, aber ich werde das packen. Trotzdem sind Mannheim und München natürlich sehr ärgerlich für mich.

RW: Aber der Deutsche Leichtathletik-Verband hat ein Kampfgericht vor Ort gehabt und das hat sie offiziell disqualifiziert und auch Zeugen benannt?

Tobias Sauter: Ja, an der besagten Stelle, bei etwa km 34, wurde mir von einem Radfahrer mitgeteilt, ich solle das Abkürzen sofort unterlassen. Ich gab zu verstehen, dass ich in meinen Augen nichts falsch gemacht hätte und lief mein Rennen weiter wie gehabt. Bei Kilometer 37 kam ein Motorradfahrer, zeigte mir die rote Karte und sagte, ich solle die Strecke verlassen. Ich hielt das für einen schlechten Witz und hab ihm gesagt, dass ich dies nicht tun werde solange man mich dazu nicht zwingt. Nach einiger Diskussion hat mir der Kampfrichter erlaubt, weiter zu laufen. Aber was diese Situation für meine Motivation bedeutet hat, kann sich wohl jeder vorstellen. Im Ziel habe ich umgehend Einspruch eingelegt. Diesen hat die Jury abgelehnt. Mit der Frage, ob die Strecke an dieser Stelle abgesperrt war, hat sich die Jury anscheinend gar nicht auseinandergesetzt.
Tobias Sauter beim Zieleinlauf +
Foto: Norbert Wilhelmi

Tobias Sauter bei seinem Zieleinlauf im Münchner Olympiastadion.

Was ich außerdem nicht verstehe ist, dass die Jury mit dem sportlichen Leiter des Marathons in Mannheim besetzt war und für den der damalige Verlauf der Veranstaltung – glaubt man der Presse – persönliche Konsequenzen hatte. Natürlich hätte ich dieses Jury-Mitglied ablehnen können – aber erwartet man von mir wirklich, dass ich kurz nach dem Finish eines Marathons das Handy parat habe und einen Anwalt einschalte? Hinzu kommt noch, dass die Jury als Zeugen unter anderem den Trainer eines anderen Läufers vernommen hat, mit dem ich unmittelbar um eine Platzierung konkurrierte. Ein Radbegleiter vom Veranstalter hat mir hinterher gesagt, dass der Kampfrichter die betreffende Situation nicht einmal selbst gesehen hat, sondern ihm nur von einem Radbegleiter eines Konkurrenten berichtet wurde. Wo bleibt denn hier die Objektivität? Fast noch mehr ärgert mich, dass das betreffende Jury-Mitglied sich jetzt im Nachgang zu den Vorkommnissen in diversen Laufmedien äußert und mich hier in ein schlechtes Licht stellt.

RW: Kann es also sein, dass man Sie beim Verband nicht mag, gibt es eventuell sogar persönliche Animositäten?

Tobias Sauter: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht und es spielt für mich auch keine Rolle.
Wer mich kennt, weiß, dass ich ein absolut fairer Sportler bin, auf den man sich verlassen kann. Ich liebe meinen Sport und den ehrlichen Wettkampf und ich hasse Ungerechtigkeit. Was hätte ich nach Mannheim tun sollen? Jeder Marathonläufer, egal ob Profi- oder Hobbyläufer weiß, wieviel Herzblut, Anstrengung und Zeit in so einer Vorbereitung stecken. Klar bin ich da manchmal etwas emotional und sage vielleicht in der Emotionalität auch mal Dinge, die nicht hätten sein müssen. Dann entschuldige ich mich aber auch dafür und konnte mich in Mannheim mit dem m3 Agentur Chef professionell einigen.

RW: Jetzt geht es aber auch um Ihren Ruf in der Laufszene. Egal, welche Seite Recht hat, Ihr Ruf ist jetzt ein bisschen angekratzt. Was werden Sie dagegen tun?

Tobias Sauter: Nach dem Ärger in Mannheim hatte ich gehofft, mich nur noch aufs Laufen konzentrieren zu können – dass es jetzt anders gekommen ist, bedroht mich in meiner sportlichen Existenz und macht sich auch nicht gut für eine spätere berufliche Laufbahn. Mir bleibt deshalb überhaupt keine andere Wahl, als mich anwaltlich beraten zu lassen. Ob und welche konkreten Schritte es gibt, werden wir in den nächsten Tagen entscheiden. In jedem Fall kann ich die Situation nicht so auf sich beruhen lassen.
RW: Da fragt man sich natürlich, ob Sie überhaupt noch Lust haben, weiter am Comeback zu arbeiten? Also: Laufen Sie weiter?

Tobias Sauter: Für mich persönlich gab es bereits mein Comeback – man hat mir nur die Belohnung genommen. Und das Comeback war gut, mental sogar sehr gut. Die zweite Hälfte war mehr als eine Minute schneller als die erste und das trotz der Situation mit dem Kampfrichter am Ende. Der „Ist-Zustand“ sind also 2:20 Stunden, das ist nicht weit von meiner Bestzeit entfernt. Wenn ich es im Frühjahr noch einmal probieren sollte, würde das Ziel ganz klar Bestzeit lauten. Eigentlich wäre jetzt sogar ein guter Zeitpunkt nochmal Gas zu geben, weil ich gerade mein Studium abgeschlossen und damit zumindest eine gewisse Sicherheit habe.

Mit voller Konzentration und Motivation wäre sicherlich einiges möglich. Ich hatte gehofft, mir zwei oder drei Monate Kenia mit den Prämien von den Deutschen Meisterschaften und neuen Sponsoren verwirklichen zu können. Damit sieht es jetzt erst einmal schlecht aus. Keine Prämien, keine Sponsoren, noch kein Verein. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich noch einmal Unterstützung erhalten würde – aber dafür muss erst einmal dieser Vorfall vom Tisch. Noch mehr freuen würde ich mich, wenn einmal jemand vom Verband auf mich zukäme, um die ganze Angelegenheit noch einmal zu besprechen. Für mich ist das alles eine riesige Ungerechtigkeit, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Wie soll ich meinen Sport professionell ausüben, wenn ich unter solchen Umständen bei einer deutschen Meisterschaft disqualifiziert werde?
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Autor: Interview: Martin Grüning 23.10.2014

Hier finden Sie weitere Informationen zum München-Marathon 2016.

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