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Interview in Kirgisistan Die ersten 7.000 Kilometer sind geschafft

Kai Markus Xiong hat ein Faible für China - und läuft daher von Hamburg nach Schanghai, 12.000 Kilometer. Martin Grüning begleitete ihn zwei Tage in Kirgisistan. Das Interview.

 Interview mit Kai Markus in Kirgisistan +
Foto: 361°

RUNNER'S-WORLD-Chefredakteur Martin Grüning (2. v.l.) begleitete Kai Markus Xiong zwei Tage in Kirgisistan.

Die Geschichte zu Kai Markus 12.000 Kilometer langem Lauf ist eigentlich ganz kurz: Kai Markus hat sich seit zwanzig Jahren mit China beschäftigt, persönlich und beruflich. Das führte unter anderem auch dazu, dass er mit einer Chinesin verheiratet ist, deren chinesischen Nachnamen Xiong er jetzt trägt. Und dies wiederum hat dazu geführt, dass sich Kai Markus überlegte, wie er auch für andere eine Brücke zwischen den beiden Kulturen schlagen kann, die ihn heute bewegen. Da kam ihm der Gedanke des 12.000-km-Laufs von Hamburg nach Schanghai. An diesem Wochenende wird er die chinesische Grenze erreichen und hat inzwischen schon fast 7000 Kilometer in den Beinen. Unser Redakteur Martin Grüning ist nach Kirgisien geflogen und hat Kai Markus zwei Tage auf seinem Weg begleitet.

Kai Markus, Du hast jetzt wirklich bald die chinesische Grenze erreicht, was Du immer als großes Zwischenziel genannt hast. Da muss die Zeit für ein Zwischenfazit sein, ich sage: Komm mit mir heim, ich biete Dir einen Rückflug an. Was sagst Du? Läufst Du weiter?

Kai Markus:
Ich habe gar keine Alternative, ich habe es zugesagt. „Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen“ heißt doch ein deutsches Sprichwort. Das ist die Erwartung der Menschen, denen ich dieses Projekt vorgestellt habe. Und gerade für mich als Nicht-Profiläufer, der ich vorher war, werde ich ja aufmerksam von den „echten“ Läufern verfolgt, ob es möglich ist, 12.000 und mehr Kilometer zu laufen. Also für mich gibt es keine Zweifel, dass ich das durchziehe.

Es ist ja nahezu unglaublich, Du bist jetzt 7.000 Kilometer gelaufen, und hast keinen Tag auf deinen Zeitplan verloren. Ich durfte ja gestern die Etappe mitlaufen und war tatsächlich beeindruckt, wie schnell Du Dich bewegst, abwechselnd laufend und sehr, sehr zügig gehend. Wir sind auf den Taldyk-Pass über die 1400 Höhenmeter hinauf geradezu geflogen. Hättest Du das selbst geglaubt, dass Du das so packst, erst einmal rein körperlich…?

Ja. Ich wäre sicher nicht gestartet und hätte die ganze Familie so ins Risiko gebracht, wenn ich nicht an den Erfolg geglaubt hätte – und glaube. Der erste, der an den Erfolg glauben muss, bist Du selber. Dass wir die Geschwindigkeit ohne Zeitverlust halten können, hätte ich so nicht vermutet, aber vor allem, weil ich mit – noch – mehr organisatorischen Herausforderungen gerechnet hätte, bei Grenzkontrollen zum Beispiel. Aber das ist bis jetzt mehr oder weniger gutgegangen.

Lass uns über das Sportliche reden, bevor wir auch auf die organisatorischen Herausforderungen und vor allem den kulturellen Aspekt Deines Projekts kommen… Du siehst anders aus, als beim Start in Hamburg, ich würde sagen, Du siehst sehr viel gesünder, einfach besser aus!

Meine Freunde sagen mir auch, dass ich auf den Fotos und in den Berichten sehr viel jünger aussehe. Ich wiege jetzt nur noch 65 statt achtzig bis 85 Kilo, was natürlich damit zu tun hat, dass ich den ganzen Tag in Bewegung bin, immer zwischen 30 und 70 Kilometer, einen Tag auch mal 100. Aber ich habe auch meine komplette Ernährung umgestellt, nutze spezielle Nahrungsergänzungsmittel von Biogena, die meinen Energie-Haushalt unterstützen. Meine Leistungsfähigkeit ist in den letzten Wochen natürlich explodiert. Meine Form nimmt im Laufe der Reise zu. Das ist vielleicht anders als bei jemandem, der schon seit Jahren extrem viel läuft, vermutlich sogar ein Vorteil. Ich werde ausdauernder und ausdauernder mit jedem Tag der Reise.

12 Paar Schuhe hast Du in den zurückliegenden 114 Tagen durchgelaufen. Zeit, einen der wichtigsten Unterstützer Deines Projekts zu erwähnen, den chinesischen Sportartikler 361°. Du hast ihr Modell „Sensation 2“ wirklich einem Härtetest unterzogen (Zum Testbericht)

Fakt ist, selbst wenn ich keine Schuhe gesponsert bekommen hätte, wäre ich irgendwie durchgekommen, aber es ist natürlich für mich ein Luxus, ein qualitativ gutes Material zu haben, was ich mir selber ausgesucht habe. Ich bin ja auf 361° zugegangen, weil ich von ihrem Material überzeugt war, und habe sie um Unterstützung gebeten. Aber für mich ist es auch wichtig, dass sie bereit waren, mehr zu machen, als nur das Equipment und die Schuhe zu sponsern. Dennoch ist es auch so, dass, wenn ich fünf neue Paar Schuhe brauchen würde, sie mir diese sofort senden würden… Das war aber bisher gar nicht nötig, da das Material eher immer länger hielt, als erwartet. Das gibt einem ein gutes Gefühl, wenn man sich auf sein Material verlassen kann.

Was wirklich überraschend ist (für mich), dass der sportliche Teil Deines Projekts scheinbar eine geringere Herausforderung ist, als die Organisation und vor allem die Finanzierung…

Mit dem Erreichen Chinas ist ein wichtiger Schritt getan, aber das Projekt ist noch immer nicht bis zum Ende durchfinanziert, es fehlen noch immer 60.000 Euro, um bis nach Schanghai zu kommen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das auch noch hinbekommen. Wir haben erst am 3. Juli die Zusicherung von 361° erhalten, dass sie die Kosten des Tour-Guides für China übernehmen. Das ist großartig. Bis zu dem Punkt stand das Weiterkommen und der Erfolg des Projekts in den Sternen. Wir dürfen uns in China ohne Guide nicht bewegen – was in Usbekistan übrigens auch so war. Das ist eine Vorgabe der Regierung. Und das kostet bei 150 Tagen, die er uns begleitet, natürlich richtig was.

Grundsätzlich ist die Finanzierung eine zeitaufwendige und sehr emotionale Sache. Ich muss Menschen von meinem Projekt überzeugen, und das, obwohl ich noch kein ähnliches Projekt vorzuweisen habe. Das kostet manch schlaflose Nacht, da ich dies ja nach den Laufstunden abends machen muss. So komme ich meist nur auf vier bis fünf Stunden Schlaf.

Das konnte man auf unserer gemeinsamen Etappe auch sehr gut verfolgen: Die Stunden, die wir gelaufen sind, schienen die leichtesten für Dich zu sein. Du konntest alles andere vergessen, warst ganz auf das Lauferlebnis konzentriert. Die Stunden davor und danach waren offensichtlich die beanspruchenderen für Dich.

Ich hatte gehofft, vor dem Lauf alles fertig zu haben, aber das hat nicht geklappt und – das habe ich gelernt – kann auch nicht klappen. Manche Herausforderungen sind nicht vorhersehbar. Aber ich beruhige mich oft angesichts der Menschen, die ich unterwegs treffe, die zehn Stunden harte Feldarbeit machen, und das Lächeln dabei nicht verlieren. Dann sage ich mir, dass das nun mein Job ist und ich mich darüber wirklich nicht beklagen muss. Ich hab's mir selbst ausgesucht, keiner hat mich dazu gezwungen – und ich bekomme so viel zurück.

Ja, was mich sehr beeindruckt hat, waren die Begegnungen, die Du mit den Menschen am Rande der Laufstrecke hattest. Und ich fand es beachtlich, dass Du Dir die Zeit für diese Begegnungen genommen hast. Die Kinder, die uns von den Feldern entgegengelaufen kamen und begrüßen wollten, die Männer, die zum Tee gewunken haben…

Ich halte bei jedem an, der sich mit mir unterhalten will, das ist doch der Sinn dieses Laufs, auch wenn diese Stopps den klassischen Laufrhythmus stören. Ich will ja mit den Leuten in Kontakt kommen, das ist das, was ich nenne, eine Brücke der Kulturen zu schlagen. Das kostet Zeit, logisch, der Tag wird dadurch lang, aber das motiviert doch auch. Ich hatte in Russland, Usbekistan, jetzt hier in Kirgisien immer die Aufzeichnung einer russischen Nachrichtensendung zu unserem Lauf auf dem Mobiltelefon parat, die ich den Interessierten zeigen konnte, so dass sie verstanden, was wir hier machen. Ach, und ganz ehrlich, es ist auch noch ein Anliegen von mir – Du hast es ja erlebt – jeden Tag ein Kind zum Lächeln bringen. Stell Dir mal vor, dass würde jeder machen…

… naja, so viele Kinder, wie Du auf unserer Strecke zum Lachen gebracht hast, da brauchen schon 100 andere das heute nicht mehr zu tun… Das bringt mich aber auch nochmal auf den Gedanken, den wir vertiefen müssen, nämlich den der „Kulturbrücke“, den Du sehr bewusst immer wieder betonst. Bist Du mit dem Ergebnis bisher zufrieden? Das ist ja ein sehr, sehr großes Thema!

Es ist ein großes Thema, aber meine Erwartungshaltung ist nicht so groß. Muss sie auch nicht sein. Ich freue mich über jeden, der mir eine neue Chance gibt, über Dinge neu nachzudenken, ich freue mich über jeden, der durch meine Begegnungen über uns neu nachdenkt, ich freue mich, wenn ich ein kleines stückweit Schubladendenken zerstreuen kann. Und ich glaube, dass das uns bis jetzt extrem gut gelungen ist. Die ganze Medienpräsenz, die wir bisher hatten, fokussiert sich meistens auf die Idee der Kulturbrücke und viele Menschen bestätigen uns darin, dass gerade in der politischen Landschaft, in der wir derzeit leben, solche Brücken zu schlagen wichtig ist. Dieser Lauf ist ein wunderbares Vehikel, um diese Idee zu transportieren. Laufen kann jeder, Laufen versteht jeder, egal wo auf der Welt. Klar, es könnte alles immer mehr und größer sein, aber das Fazit bis jetzt ist: meine Erwartungshaltung wurde zu einhundert Prozent erfüllt.

Victor! Er ist auch ein wichtiger Part in Deinem Projekt geworden, mit seinem Käfer und dem Wohnanhänger, in dem Ihr Euer Hab und Gut transportiert, lebt und schlaft. Er hat auch seinen Job hingeschmissen für dieses Projekt, ohne zu wissen, was danach kommt…

Ja, Victor und sein Bug sind natürlich ein wichtiger Teil der Story geworden. Er fährt meist voraus und wartet irgendwo auf mich. Und dann sind der Käfer von 1984 mit seinen 34 PS, der einen 750-kg-Wohnanhänger 12.000 Kilometer von Hamburg nach Schanghai schleppt, schon eine unglaubliche Geschichte und ein Blickfang, um den sich die Menschen sammeln. Und wenn Victor dann noch erzählt, dass da gleich einer kommt, der diese Strecke läuft, zu Fuß, dann glaubt das natürlich keiner… bis ich wirklich auftauche. Dann siehst Du wirklich nur noch in erstaunte Gesichter! Das ist der Moment, wo unser Projekt die Menschen auch fängt, wo sie uns auch aufmerksam zuhören. Den Part hätte ich nicht, wenn Victor nicht dabei wäre. Einen einsamen Läufer übersieht man vielleicht auch mal, aber den Käfer und den Wohnwagen nicht…

Zuhause warten Deine Frau und Dein 15 Monate alter Sohn. Dass Du die zurückgelassen hast, zeigt ja wirklich, wie wichtig Dir dieses Projekt war bzw. ist. Kann man sagen, das ist momentan das Größte und Wichtigste, was Du je in Deinem Leben auf die Beine gestellt hast?

Das Größte, was ich je auf die Beine gestellt habe, ist mein Sohn! Wenn es dem zuhause nicht gut gehen würde, würde ich auch das Projekt abbrechen. Ich habe das Projekt gegen den Willen meiner Frau gemacht. Es war eine lange und harte Diskussion. Sie akzeptiert es, aber sie war und ist nicht einverstanden damit. Am Ende des Tages glaube ich aber, dass es gut für meine Familie ist.

Ja, ich sehe meinen Sohn die Monate des Projekts nicht aufwachsen, das erste Mal, dass er „Papa“ gesagt hat, habe ich auf einem Video gesehen. Das sind die Momente, die hart sind. Ich bin immer froh, wenn wir mal Strecken belaufen, auf denen wir bessere Internetverbindungen haben und ich mit meiner Frau und dem Kleinen regelmäßiger chatten kann. Zugegeben, ich habe es unterschätz, wie sehr mich das belastet, aber ich bin zum Glück den Umgang mit Stress gewohnt, doch ich brauche jetzt auch alle die Erfahrung, die ich diesbezüglich habe, um damit umgehen zu können. Das ist wirklich der härteste Part der ganzen Reise!

Zum Schluss: Was waren bisher die schönsten Momente der Tour? Was waren die die schwierigsten? Kannst Du das benennen?

Das kann ich nicht sagen. Das Projekt ist ja auch noch nicht abgeschlossen. Es ist eher eine Summe von vielen tollen Momenten, die mich dominiert. „Sei dankbar, um jeden Tag, den wir geschafft haben, es könnte morgen vorbei sein…“ das sage ich mir jeden Abend dankbar vor dem Einschlafen.

Was wirst du tun, wenn Du am 4. November das Ziel in Schanghai erreicht hast?

Das hängt ja auch davon ab, was die Sponsoren für Vorstellungen haben… aber da, wo ich Zeit habe, werde ich meinen Sohn nicht aus den Augen lassen, viel Blödsinn mit ihm machen. Viele denken sicher, ich werde mich hinlegen wollen und schlafen, aber, nein, ich hoffe auf eine ganz intensive Zeit mit dem Kleinen und mit meiner Frau.

Und wo werden wir Kai Markus Xiong in einem Jahr am 8. Juli 2018 treffen?

Das ist schwierig! Ich habe meiner Frau versprochen, dass ich ab dem Überschreiten der chinesischen Grenze beginne, mir einen Job für nach Beendigung des Projekts zu suchen. Dass sichergestellt ist, dass ich die Familie weiter ernähren kann. Und das hat dann auch oberste Priorität. Aber natürlich habe ich auch weitere Projekte im Kopf, die mich bewegen bzw. die mich beschäftigen werden in den kommenden Jahren. Ich bin sicher, dass war nicht die letzte Brücke, die ich schlage…
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Autor: Martin Grüning 11.07.2017
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