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Der Schriftsteller im Interview Ein Lauf mit Matthias Politycki

Beim Laufen hat Schriftsteller Matthias Politycki oft Einfälle, die er am Schreibtisch niemals so gehabt hätte. Wir liefen mit ihm gut anderthalb Stunden durch Hamburg.

Trainingstagebuch
Strecke: Von Eimsbüttel zur Alster und zurück
Ort: Hamburg
Wetter: sonnig, ­9 Grad
Distanz: 16 Kilometer
Zeit: 1:36 Stunden
Tempo: 6:00 Min./km

Sind Sie auch einer dieser Spätstarter, die mit 40 der Midlife-Crisis davonlaufen wollten?

Nein, ich bin schon als Jugendlicher gelaufen, weil es mir Spaß gemacht hat. Offenbar fand ich dabei etwas anderes als beim Kicken oder Skifahren – und finde es noch heute.

Heute sind Sie Marathonläufer, da geht’s um mehr als nur um Spaß.

Allerdings, Marathon ist eine ernste Angelegenheit. Da geht’s um die Überwindung von Schmerz und ums ganz große Glück, das danach kommt. Meinem alten Leben davonrennen wollte ich dabei übrigens nie. Ich bin einfach über die Jahre stets längere Strecken gelaufen. Irgendwann wollte ich’s dann wissen.

Und wann sind Sie Ihren ersten Marathon gelaufen?

Im April 2012. Das war vor allem ein großartiges Freundschaftserlebnis.

Ein Freundschaftserlebnis?

Die Monate des Trainings habe ich mit meinen Freunden Seb und ­Onkel verbracht, übrigens zwei der Hauptfiguren in meinem neuen Buch „42,195“. Die Gespräche, die man bei Dreistundenläufen führt, sind anders als die, die man sonst führt. Laufkumpel rangieren direkt hinter Ehepartnern: Sie wissen alles voneinander und sagen es auch.

Sind Sie beim Laufen eigentlich besonders kreativ?

Kreativ sein sollte ich ja eigentlich immer, dazu laufe ich nicht. Doch gerade beim Laufen überraschen mich oft Einfälle, die ich am Schreib­tisch nie gehabt hätte. Mitunter entstehen dabei ganze Gedichte, auch im Rhythmus des Laufens: „Laufen, laufen, nichts als laufen, durch den Park und die ­Alleen …“ Oder ganze Handlungsstränge von Romanen. Beim Laufen wird eben auch das Gehirn durchgeschüttelt.

Kam Ihnen die Idee zum Marathonbuch auch beim Laufen?

Klar, und von da an machte ich mir nach jedem Lauf erst mal Notizen. Je länger die Läufe, desto umfas­sender erfährt man sich dabei als Mensch und als Mitmensch neu. Man bekommt einen anderen Blick auf die Welt und die Gesellschaft. Darüber wollte ich schreiben: über unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte und all das andere, was wir im Alltag sonst nie so erfahren.

Hat das Schreiben des Schriftstellers etwas mit dem Lauftraining des Läufers gemeinsam?

Insbesondere das Romanschreiben hat viel mit dem Marathonlaufen zu tun. Ein Roman ist eine lange Strecke mit allerhand unbekannten Schikanen, eine Art Cross-Marathon. Um bis zur letzten Seite durchzukommen, muss man sich gründlich vorbereitet haben.
Während der Niederschrift selbst erlebt man ähnliche Höhen und Tiefen wie beim Marathon, von der Eu­pho­rie des Starts bis zur Glücksdepression im Ziel.

$(text:b:Soeben erschien Matthias Polityckis neues Buch 42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken. Hoffmann und Campe, 20 Euro.



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