Top Themen: Laufhelden | Individuelle Trainingspläne | Laufschuh-Datenbank | Uhren-Datenbank | Lauftrainer-App | Laufen anfangen | Laufen

Wimbledonsieger auf der Laufstrecke Ein Lauf mit Michael Stich

Statt auf den Tennisplatz zieht es Wimbledonsieger Michael Stich inzwischen öfter auf seine Lieblingslaufstrecke am Hamburger Alsterlauf.

Michael Stich +
Foto: Marcus Vogel

Seit über 20 Jahren engagiert ­Michael Stich sich mit der von ihm gegründeten und nach ihm benannten Stiftung für HIV-infizierte und an AIDS erkrankte Kinder.

Trainingstagebuch
Strecke: Alstertal
Ort: Hamburg
Wetter: bedeckt, 21 Grad, schwül
Distanz: 6 Kilometer
Zeit: 36:20 Minuten
Tempo: 6:03 Min./km

Du läufst mit Lauf-App?
Michael Stich: Ja, dann hab ich zumindest einen Überblick über das Training.

Wie oft läufst du?
Es gibt Phasen, da laufe ich vier, fünf Mal in der Woche, dann gibt es aber auch Phasen, da laufe ich sechs Wochen gar nicht. Am liebsten laufe ich morgens. Ich mag es, den Tag damit zu beginnen.

Allein?
Ich habe einen Laufpartner, mit dem ich auch den Alstertaler Halbmarathon laufe; wir laufen vorher manchmal zusammen. Er ist auch einer, der nicht so viel redet. Ich mag beim Laufen diese Quatschköpfe nicht, die meinen, sie müssten noch den Tag bewältigen oder resümieren. Das kostet Energie und zieht meistens Seitenstiche nach sich.

Wir sind hier auf der Halbmarathonstrecke des Alsterlaufs, war das dein erstes Rennen?
Ja, das war 2014 mein erster Halbmarathon, vorher bin ich nur einmal in einer Staffel beim Hamburg-Marathon gelaufen. Ich bin eigentlich kein Wettkampfläufer.

Wurdest du beim Lauf viel angesprochen?
Nein, ich gehöre ja zum Alstertal irgendwie schon dazu. Ich finde den Lauf sehr nett, und da ich mit einem Freund laufe, macht es in dem Fall noch mehr Spaß, wenn man sich gegenseitig noch ein bisschen pusht und vorantreibt. Aber es ist mit den anderen Teilnehmern völlig entspannt. Ich finde die Stimmung schön, es ist eine nette Atmosphäre. Auch beim Marathon war es eine sehr schöne Atmosphäre, aber in so einem großen Feld zu laufen, ist irgendwie anders.

Im Gegensatz zum Tennis.
Ja. Im besten Fall hat man beim Doppel noch einen Kollegen, aber generell ist man da schon eher mit sich selber.

Läufst du gegen andere oder gegen deine eigene Zeit?
Nein, ich habe mir abgewöhnt, einen Ehrgeiz zu entwickeln, wenn jemand vor mir ist, dass ich ihn unbedingt kriegen will. Wenn man sich gut fühlt, dann kann das ja manchmal genau dieser Pacemaker sein. Aber generell achte ich auf mich und nicht darauf, was um mich herum passiert. Ich zähle auch nie, wieviele Läufer mich überholen. Man wird ja tendenziell doch mehr überholt, als dass man selber überholt – das ist zumindest mein Gefühl – und das ist auch nicht schlimm. Es gibt einfach immer welche, die besser sind.

Startest du schnell?
Nein, eigentlich nicht. Eher läuft mein Freund am Anfang gefühlt zu schnell los. Weil ich weiß, dass ich das sowieso nicht halte und mich das nicht weiterbringt, versuche ich eigentlich, ein relativ gleichbleibendes Tempo zu erwischen.

Seid ihr dieses Jahr beim Halbmarathon wieder am Start?
Es ist eingeplant. Mal gucken, was die Fitness macht.

Gibt es ein Zeitziel?
Oh. Im ersten Jahr, 2014, war es eigentlich ganz gut, etwa 1:54. Letztes Jahr waren es 2:06. Unter zwei Stunden wäre schon die Zielvorstellung. Aber in beiden Jahren habe ich ungefähr bei Kilometer 16 geschwächelt.

Wie lang läufst du in der Vorbereitung?
Ich laufe meistens die 7,5 Kilometer, dann aber auch vermehrt die 12,5 und 15. An einem guten Tag, wenn es sich ergibt, auch mal länger, aber nicht geplant. 20 Kilometer in der Freizeit – da wird’s dann selbst mir irgendwann zu langweilig. Wenn ich auf Sylt bin, habe ich dort eine Strecke von 16,5 Kilometern, bergauf, bergab, Wind dazu. Insgesamt müsste ich die Vorbereitung vielleicht ein bisschen ernster nehmen und einen Trainingsplan auf das Datum hin machen. Aber davon will ich mich dann auch nicht zu sehr einengen lassen. Dabei sein und vernünftig das Beste geben. Mal gibt’s gute Tage, mal gibt’s schlechte Tage, egal wie viel man trainiert.

Machst du auch Intervalltraining oder Fahrtspiele?
Nein. Ich hab mir immer mal vorgenommen, Steigerungsläufe oder Bergläufe zu machen, aber bisher ist es beim Vornehmen geblieben. Die Umsetzung lässt noch auf sich warten.

Laufen ist ja eine lebenslange Sportart…
Hoffnungsvollerweise. Solange der Körper mitmacht. Aber ich genieße es. Das ist hier eine wunderschöne Laufstrecke. Wir sind mitten in Hamburg und haben hier so eine grüne Oase.

Läufst du außer dem Alstertaler Halbmarathon noch andere Rennen?
Nein. Ich wollte früher mal Marathon laufen, aber mit meinen Knien geht das sowieso nicht mehr, davon hat mein Arzt mir abgeraten. Ich weiß auch ehrlicherweise gar nicht mehr, warum ich das mal wollte. Vielleicht, damit ich’s mal gemacht habe. Halbmarathon ist eine gute Distanz. Das ist anstrengend genug. Der Alstertaler Halbmarathon liegt ja hier direkt vor der Haustür, das ist sehr angenehm.

Also nicht mal nach New York?
Das ist mir viel zu stressig. Ich habe als Sportler schon viele tolle Live-Erlebnisse erleben dürfen. Aber das heißt nicht, dass ich in Europa nicht mal etwas laufe. London hat ja einen tollen Halbmarathon, Luxemburg auch. Ich werde aber definitiv kein Lauftourist.

Ist Laufen eher Entspannung oder hast du Ambitionen auf Zeiten?
Grundsätzlich schon, aber der Ehrgeiz ist dann nicht groß genug, dass ich das dann auch mit einem Trainingsplan unterlege und sage, da muss ich jetzt hinkommen. Der Anspruch fehlt und das ist auch gut so, denn am Ende ist es für mich Spaß. Laufen ist Entspannung, ein Wegkommen vom Alltag, um auch mal den Kopf frei zu kriegen, und natürlich eine sportliche Herausforderung. Wenn man einen guten Tag hat, zu wissen, jetzt habe ich die Strecke in einer anderen Zeit bewältigt, das ist auch schön. Aber ich bin jetzt nicht von Ehrgeiz getrieben, dass ich einen Plan hätte, ich müsste zum Ende des Jahres die zehn Kilometer in einer bestimmten Zeit laufen.

Musst du dich überwinden zum Laufen?
Klar. Es ist ja nicht so, dass man morgens aufwacht und sagt, yeah, ich muss jetzt laufen gehen. Man macht es gerne, und es gibt auch mal Tage, da macht man es nicht so gerne. Aber wenn man dann draußen ist, freut man sich, dass man’s gemacht hat. Es ist jedoch nicht so, dass mein erster Gedanke „Laufen“ ist, wenn ich aufstehe. Mir macht es Spaß zu laufen, ich kann aber auch mal vier Wochen darauf verzichten.

Läufst du bei jedem Wetter?
Ja. Ich finde es manchmal sogar gerade schön, wenn es regnet. Außer bei Gewitter laufe ich immer – Schnee, Eis, Regen, Wind.

Grad ist es ja ziemlich schwül. Du läufst trotzdem in lang.
Ja, das liebe ich. Ich liebe es zu schwitzen. Ich habe das früher auch gemacht, wenn ich Tennis gespielt habe. Auch in Australien, wo es ja teilweise sehr heiß war, habe ich manchmal auch in langer Hose trainiert, weil ich das Schwitzen einfach unheimlich gerne mag.

Du trägst auch keine Funktionskleidung?
Nein. Ich liebe Baumwolle. Ich finde, das ist immer noch der beste Schweißabtransporteur, und es trägt sich am besten auf der Haut. Diese ganze Synthetik ist nicht so richtig meins. Die Synthetikklamotten stinken so schnell, fürchterlich. Da bin ich einfach oldfashioned.

Wie aktiv spielst du noch Tennis?
Nicht sehr. Ich hab dieses Jahr Punktspiele für den UHC gespielt, wo wir gerade vorbeigelaufen sind - für die Herren 30, weil das eine sehr nette Mannschaft ist, die ich schon seit vielen Jahren kenne. Das hat Spaß gemacht, aber privat spiele ich eher selten, weil mir dazu die Zeit fehlt und auch die richtige Begeisterung. Dieses Jahr spiele ich wieder ein bisschen mehr, weil es mir mehr Spaß macht. Dazu kommen dann noch drei Schaukämpfe und das war’s.

Du läufst also mehr als dass du Tennis spielst. Machst du noch andere Sportarten, Fußball?
Nein, das kann ich mit meinen Knien nicht so richtig. Die Gruppe ist mir auch zu groß. Ich glaube, da ist auch dieser Einzelsportler hängen geblieben. Ich bin froh, wenn ich was alleine machen kann. Zwischendurch gehe ich auch gerne mal Fahrradfahren, Rennrad oder Crossrad. Beim Laufen höre ich auch manchmal gern Musik – an anderen Tagen kann ich das dann wieder überhaupt nicht ertragen. Für Musik muss ich schon sehr entspannt und offen sein.

Vergleiche doch mal Tennis und Laufen.
Tennis und Laufen sind natürlich schwierig miteinander zu vergleichen, da es beim Tennis natürlich kurze, spezifische Bewegungen sind. Es ist ja mehr Sprinten und hat nichts mit Laufen im klassischen Sinne von Ausdauersport zu tun. Laufen selbst kann entweder anspruchsvoll sein, wenn man Steigerungsläufe macht, oder einfach schnelleres Spazierengehen.

Hast du mit dem Laufen nach der Profikarriere gleich weitergemacht?
Ja, ich bin eigentlich immer dabei geblieben. Nach der aktiven Zeit hatte ich zuerst etwas mehr Fitness gemacht und bin gern auf dem Laufband gelaufen. Heute finde ich das Laufen hier draußen in der Natur wesentlich angenehmer.

Wie sieht das Lauftraining eines Tennisspielers aus?
Auf der einen Seite gibt es das Ausdauertraining und dann das Sprinttraining auf dem Platz selbst, also ganz kurze Abläufe. Es gibt aber auch mal Steigerungsläufe. Es ist wichtig, dem Körper nicht nur monoton ein Erinnerungsmuster zu geben. Beim Dauerlauf ist es manchmal das Problem, wenn man sich einmal auf sein Tempo eingegroovt hat, dann ist es irgendwann schwer, daraus auch wieder auszubrechen.

Dafür dann die Bergläufe und Steigerungsläufe. Laufen wir gerade dein Standardtempo?
Normalerweise laufe ich etwas schneller, so zwischen 5:20 und 5:30. Wenn ich mal schnell unterwegs bin, 5:05 oder 5:10.

Recht zügig für einen lockeren Dauerlauf.
Ich bin dann nachher aber auch kaputt. Nicht kaputt im Sinne von „fertig“, aber man hat etwas getan. Wenn ich zu langsam laufe, finde ich das teilweise anstrengender als ein bisschen zügiger zu laufen.

Ist Laufen für dich komplett Freizeit oder verbindest du es etwa bei Spendenläufen auch mit deiner Stiftung?
Nein, das ist reines Privatvergnügen. Irgendetwas muss man ja für sich selber haben – und da gehört Laufen bei mir definitiv dazu. Man kann es überall machen. Wenn ich nach New York gehe, kann ich meine Schuhe mitnehmen und im Central Park laufen. Ich mache das wirklich für mich. Und das ist auch wichtig. Manchmal laufe ich einfach zum Abschalten. Manchmal hilft es auch, ein Thema mal durchzudenken. Aber in erster Linie versuche ich, den Kopf frei zu kriegen. Außerdem hat man dabei auch Zeit, mal über völlig Belangloses nachzudenken, weil man ganz mit sich ist und ein bisschen mehr Sauerstoff im Kopf hat.
Ich mag es auch gern, in fremden Städten zu laufen, ohne die Strecken zu kennen. Weil man bei seinen Hausstrecken immer schon genau weiß: Ich muss noch um die Kurve, dann noch über die Brücke und hab noch soundso viel Kilometer vor mir. Wenn es einem dann sowieso schon schwerfällt, dann kann das manchmal sehr mühsam sein. Bei fremden Strecken weiß man einfach gar nicht, was auf einen zukommt, das finde ich manchmal sehr angenehm. Jetzt gerade in London bin ich auch zwei, dreimal gelaufen. Das Hotel lag in Chelsea, da dachte ich, ich kann an der Themse entlang laufen, dann über die Brücke zurück, bis ich irgendwann gemerkt hab, dass die eine Brücke, über die ich zurück wollte, nur für Autos war. Ich bin dann umgedreht, und es wurde länger als geplant. Aber es war trotzdem gut.
Jetzt noch besser laufen: aktuelle Lauftipps, News und Tests >>

Autor: Interview: Britta Ost 17.08.2016
Ein Lauf mit ...
Der SchriftstellerEin Lauf mit Eugen Ruge

Die Idee für seinen ersten Marathon hatte Eugen Ruge im Alter von 49 Jahren, als er am Brandenburger Tor beim Berlin-Marathon zuschaute. ...mehr

Der RechtsanwaltEin Lauf mit Matthias Prinz

Der Rechtsanwalt Matthias Prinz lief seinen besten Marathon in New York in 3:49 Stunden. ...mehr

Der BundesgesundheitsministerEin Lauf mit Daniel Bahr

Unser Gesundheitsminister Daniel Bahr trägt auf seinen vielen Reisen die Laufschuhe immer mit sich. ...mehr

Kostenloser Newsletter
RUNNER'S WORLD ERLEBEN
Mehr zu Community
Ein Lauf mit Susanne Fröhlich
Ein Lauf mit Susanne Fröhlich

Foto: Dieter Schwer

Susanne Fröhlich läuft ehrgeizig und engagiert sechs mal in der Woche. Ihr Motiv ist nicht... ...mehr

Praktikum bei RUNNER'S WORLD
Redaktion 2016 Kraftwerk

Foto: RUNNER'S WORLD

RUNNER'S WORLD sucht einen Praktikanten oder eine Praktikantin, die in einem sportlichen, ... ...mehr

Mit Olympia-Gold zur Welt-Leichtathletin
Welt-Leichtathletin des Jahres 2016 Almaz Ayana

Foto: race-news-service.com

10.000-m-Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Almaz Ayana wurde als Welt-Leichtathletin des... ...mehr

Sie sind hier: >> >> >>Ein Lauf mit Michael Stich
(©) Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG