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Baumanns Lauf der Woche Mein offener Brief an Helmut Digel

Sportfunktionär Helmut Digel war ein langjähriger Wegbegleiter von Dieter Baumann. Auf sein FAZ-Interview antwortet Dieter in einem offenen Brief.

Dieter Baumann +
Foto: Asics

Dieter Baumann

THEMEN

Erkältung

Lauf der Woche
Donnerstag 12.11.2015
Tübingen
Offener Spitzberg-Gedankenlauf


Ich melde mich vom Dauerlaufen heute mit einem offenen Brief an das ehemalige Councilmitglied und langjährigen Vizepräsidenten der IAAF, Helmut Digel:

My dear old friend Helmut, es tut mir leid, dass ich mich erst heute melde. Eigentlich wollte ich dies sofort nach Ihrem FAZ-Interview vor einigen Wochen tun, aber Sie kennen das ja, Auftritt hier, Vortragsreise dort und zwischendrin am Sportinstitut in Tübingen eine Vorlesung. Warum sollte es Ihnen anders gehen als mir? Wir sind eben geistige Brüder.

Ja, ich bin ein wenig durcheinander. Sie glauben mir also nicht. Der Wirkstoff Nandrolon ist also gut für ältere Athleten, sagen Sie. Bestimmt haben Sie Ihr Wissen von unserem dear old friend Gabriel Dollé, den ehemaligen Anti-Doping-Mann der IAAF, der im jetzigen Korruptionsfall verhaftet wurde. Aber Sie wissen doch, unser dear old friend Gabriel kann es doch gar nicht wissen. Oder ist er Zahnarzt?

Und zudem, ich kann es nicht glauben, dass Sie mir nicht glauben. Ich kenne Sie doch. Beim nächsten Fest hier an der Universität Tübingen werden Sie mir sicherlich wieder freundschaftlich die Hand reichen.

Ach my dear old friend Helmut, ich verzeihe Ihnen. Alles. Uns kann nichts trennen und wenn Sie jemand versteht, dann bin ich das. Sie sagten im Interview sinngemäß, dass Sie es sich nicht vorstellen konnten, dass ein einziges Ereignis ein Leben total auf den Kopf stellen könnte. Es ist wirklich bedauerlich, was Sie durchmachen mussten und jetzt, zu allem Überfluss, diese Geschichte mit unserem geschätzten dear old friend Lamine Diack. Korruptionsverdacht. Mit Ihnen als IAAF-Präsident wäre das nicht passiert.

Ganz tief in unseren Herzen, das weiß ich, ticken wir gleich. Unsere gemeinsame Geschichte war doch der Anti-Dopingkampf. Und: ein fairer Umgang zwischen Athleten und Verbänden. Kein einfaches Ding, wie wir heute sehen, aber wir zogen an diesem gemeinsamen Strang.

Ach was haben wir gestritten. Aber immer im Guten, my dear old friend, immer im Guten! Erinnern Sie sich noch, damals auf Mauritius? Wir, die Athleten, wohnten vor dem Wettkampf in einer Art Garage und Sie residierten im First-Class-Hotel. Es war Ihnen peinlich, wie man uns untergebracht hatte und Sie holten uns zu sich ins Hotel. Ja, Sie waren ein Freund und werden es immer bleiben.

Allerdings war ich nach meiner Rückkehr von Mauritius schon etwas stinkig. Musste ich doch das First-Class-Hotel als geldwerten Vorteil versteuern. Aber warum rege ich mich auf? Ihnen erging es doch genauso, oder?

Erschüttert bin ich nun um so mehr, was sich unser dear old friend Sebastian Coe alles anhören muss. Ob er als Vizepräsident der IAAF die Vorgänge innerhalb des Weltverbandes tatsächlich nicht mitbekommen hätte. „Sind Sie blind oder korrupt?“, wurde er gefragt. Was sollte er darauf antworten? Ihnen, my dear old friend Helmut, wäre sicherlich etwas eingefallen. Sie sind ja nicht blind. Liest man Ihre Interviews, so waren Sie offensichtlich jahrzehntelang von Heuchlern, Deppen oder Nichtskönnern umgeben. Und trotz allem haben Sie durchgehalten. Noch dazu: es hat Sie niemand gezwungen. Sie haben es freiwillig gemacht. Respekt.

Wie haben Sie es vor einigen Jahren formuliert, Sie hätten mit unserem dear old friend Lamine „Ihren Frieden gemacht“. Das haben Sie schön gesagt. Wissen Sie, unsere russischen Athleten haben mit ihm auch ihren Frieden gemacht. Aber natürlich anders. Auf für einen Sportfunktionär natürlichem Wege.

Ach, wie herrlich konnten Sie sich, my dear old friend Helmut, in Rage reden. Wissen Sie noch, als Sie mir von einer positiven Dopingprobe erzählten, die verschwunden war? War es Atlanta 1996? Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie Sie sich in richtig ehrliche Rage geredet haben. Großes Theater. Und trotzdem durchgehalten. 20 Jahre.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann waren es die vielen Reisen, die Begegnungen mit Menschen, die Sie motiviert haben. Dass dies immer im First-Class-Hotel sein musste, dass es Staatsempfänge gab und meist ein persönlicher Chauffeur zugegen war, nahmen Sie „für die Sache“ in Kauf. Aber ich weiß, ganz tief im Innern, my dear old friend Helmut, mochten Sie das nicht. Wahrscheinlich weigerten Sie sich sogar, den Teller Obst in Ihrer Suite auch nur anzurühren. Ganz ehrlich, das hab ich nie geschafft. Noch heute esse ich bis auf das letzte Apfelkörnchen alles auf. Gut, ich bezahle ja auch.

Ich hoffe sehr, my dear old friend Helmut, dass wir uns bald wiedersehen. Sie sind mein Freund. Vielleicht gelingt es uns ja, dass wir ein kleines Kabarettprogramm schreiben. Ich spiele den gedopten Athleten, Sie die Heuchler, Deppen und Nichtskönner. Es wird der Brüller.
Dieter Baumann, die Götter und Olympia +
Foto: privat

Dieter Baumann, die Götter und Olympia – Termine 2015
• 14. November 2015 Hösbach / Kultur und Sportpark, 19:00 Uhr
• 15. November 2015 Frankfurt / Käs, 20:00 Uhr
• 29. Dezember 2015 Bietigheim-Bissingen / Kleinkunstkeller, 20:00 Uhr
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