Top Themen: Laufhelden | Individuelle Trainingspläne | Laufschuh-Datenbank | Uhren-Datenbank | Lauftrainer-App | Laufen anfangen | Laufen

Maik Wollherr Raus aus dem Mittelmaß!

Sportlich liegt sein größter Erfolg vier Jahre zurück. Seitdem läuft Maik Wollherr hinterher. Wir wollten wissen, welche Träume der Kopf ­hinter dem Web-Portal Fartlek TV und dem Arne-Gabius-Song noch hat, und haben ihn zu Hause besucht.

Maik Wollherr 2 +
Foto: Dirk Mathesius

Die künstlerische Seite des Sportlers: Maik rappt, malt Bilder, dreht Videos und schreibt Texte. Seine kreative Ader dient dem Entmüllen des Kopfes und ist für ihn eine Art Therapie.

THEMEN

Mizuno

Berlin-Wedding. In dem Bezirk, der oft die Vorsilbe „Problem-“ verpasst kriegt, wohnt zwischen Dönerbuden und Gemüsehändlern Maik Wollherr. Er begrüßt uns in ­einer spartanisch, aber sehr gemütlich eingerichteten Wohnung mit einer Küche, die er aus Paletten selbst gezimmert hat. Maik ist ein langer Kerl mit blonden Haaren und Nerdbrille, der das sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht. „Vor der Haustür konnte ich mir schon ein paar Mal anhören, was ich für ’ne Schwuchtel sei.“ Doch den 31-Jährigen, der in der niedersächsischen Provinz aufwuchs, stört dieser raue Ton nicht. „Mir gefällt, dass ich dem Kerl dann auch einfach an den Kopf werfen kann, was für ein Spast er doch ist.“ Und es gebe hier ja auch viel Höflichkeit. Die Opas, die ihn jeden Morgen beim Training im Park grüßen, seien ganz nett.

Mal ehrlich, nicht allzu viele können mit dem Namen Maik Wollherr etwas anfangen. Wie auch? Maik war nie ein Überflieger der Leichtathletik, dem die Siege in den Schoss gefallen sind. Während seiner Jugend läuft Maik hinterher, nicht vorneweg. Trotzdem fällt er mit 17 die Entscheidung, nur noch zu laufen. Maik, der sich selbst als Ganz-oder-gar-nicht-Typ bezeichnet, trainiert wie besessen: 14-mal die Woche – neben der Schule. „Selbst mit aller Anstrengung war ich arschweit weg davon, mal ein Rennen zu gewinnen.“
Maik Wollherr 3 +
Foto: Dirk Mathesius

Im Schillerpark, unweit seiner Wohnung, dreht Maik viele Runden – und Videos für seinen Blog und Youtube-Kanal.

Maik erzählt frei heraus, ohne etwas zu beschönigen. Er habe einfach nicht genug Talent. Ein Erlebnis aus dieser Zeit blieb ihm besonders in Erinnerung. Es war 2002 bei den Deutschen Cross-Meisterschaften in Regensburg. 97 Jungs kamen ins Ziel, Maik wurde 93. „Auf dem Klo traf ich den Viertplatzierten, Moritz Waldmann. Er war in meinem Jahrgang und fragte, ob ich gewonnen hätte. Ich antwortete nur: Nee, ich ganz sicher nicht.“

Trotz fehlender Erfolge bleibt Maik bei seinem Plan und beginnt sich auf die 3000-Meter-Hindernis-Strecke zu konzen­trieren – nicht, weil er das besonders gut kann, sondern weil die Konkurrenz da besonders klein ist, wie er sagt. Er steckt sich Ziele: 2005 Bester in Osnabrück, 2006 Bester in Niedersachsen, 2007 Bester in Deutschland. Mit dem U23-Titel in Hannover geht dieser Plan zunächst perfekt auf. Doch mit dem Umzug nach Berlin, wo es Maik 2009 seiner Freundin Siri wegen hinzieht, kommt es zum Umbruch. Ein Jahr zuvor hat er sich von seinem Vater als Trainer getrennt und für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Auf den Sprung in die Sportfördergruppe hofft er vergeblich, obwohl er sich in den folgenden Jahren stetig verbessert. 2011 läuft er fast alle seine aktuellen Bestzeiten. Statt für einen Verein tritt er bei Rennen unter „wollherr.punkt.komm“ an. Dahinter verbirgt sich sein Blog – und eine andere Seite von ihm.

Maik ist nämlich nicht nur Sportler, sondern auch Künstler. Er schreibt, malt, rappt – von ihm stammt der Song „Ohne Bindestrich“ über Arne Gabius. Maik kann vieles, aber nach eigener Aussage vieles nur halb gut. Sein Blog, den er anfangs als Trainingstagebuch nutzt, wird mit der Zeit immer persönlicher. Er schreibt seine Gedanken nieder und seinen Frust von der Seele. Frust, weil seine sportliche Karriere mal wieder nicht so verläuft, wie er sich das vorstellt. 2013 verpasst er mit seinem vierten Platz knapp das Treppchen bei den Deutschen Meisterschaften. Maik gehört endlich zur deutschen Spitze. Doch nur eine Woche darauf reißt bei einem Rennen am Wassergraben seine Achillessehne.

Schlecht für ihn, gut für die Website Fartlek.de. Gemeinsam mit seinem Kumpel Christian Krannich hatte Maik kurz zuvor diese deutsche Version des amerikanischen Portals FloTrack auf die Beine gestellt. Wegen der Verletzung hat er viel Zeit, sich um das Projekt zu kümmern, Videos von Leichtathletik-Veranstaltungen zu drehen und Profisportler zu interviewen. Nur mit einer Kamera und einem Dik­tiergerät mischt Fartlek.de die deutsche Leichtathletik-Berichterstattung auf. Doch das Nischen-Projekt schläft wieder ein, auch weil alle Beteiligten regulären Jobs nachgehen – Maik macht zu der Zeit eine Ausbildung zum Erzieher. „Mich wurmt es bis heute, dass ich da wieder mal was angefangen und nicht zu Ende gebracht habe.“
Maik Wollherr 4 +
Foto: Privat

Zum 20-jährigen Jubiläum des Mizuno Wave Rider hatten wir unsere Leser aufgerufen, ein Foto ihrer eigenen Modelle einzusenden. Mit diesem quietschbunten Wave Rider 18 bewarb sich Maik für diese Geschichte.

Vielleicht auch deshalb versucht er es 2015 noch mal mit den 3000-Meter-Hindernis. Vergeblich. Maik bringt auf der Bahn nicht viel zustande. „Ich bin jemand, der sich selbst total fertigmachen kann, wenn es nicht läuft.“ Vor Rennen schläft er zu dieser Zeit kaum, weil er nervös ist, danach, weil er mit sich hadert. 2016 zieht er die Reißleine und beendet das Kapitel Hindernislauf endgültig. „Nach dem Achillessehnenriss laufe ich den letzten zehn Prozent bis heute hinterher.“ Dass das letzte Quäntchen fehlt, hat neben der Verletzung sicherlich auch mit einem anderen Schlag zu tun: dem Tod seines Vaters 2015. „Ich will es nicht auf ihn schieben, aber mit ihm ist ein Lebensabschnitt gestorben.“

Wenn Maik über seinen Vater spricht, wird der sonst stets zu Scherzen aufgelegte Mann kurz sehr ernst. Im letzten Sommer schmeißt er dann wieder alles um. Straße statt Bahn. Marathon- statt Hindernislauf. Der erste Versuch 2016 in Berlin war mit 2:29 Stunden kein großer Erfolg. Doch mit Rückschlägen kennt sich Maik ja ganz gut aus. So versucht er neben seinem Job weiterhin seinen Traum zu verwirklichen: den Sprung an die Spitze. Doch in dem Träumer steckt halt auch ein Realist: „Ich werde jetzt kein Hartz-IV-Profisportler.“

Maik arbeitet inzwischen als Erzieher für den Deutschen Kinderschutzbund im Wedding. Unter der Woche von 10 bis 16 Uhr ist er kein Sportler und auch kein Künstler, sondern Pädagoge. Seine ersten und letzten Gedanken am Tag gehören trotzdem dem Sport. Mit Tobias Singer hat Maik wieder einen Trainer und mit dem LAC Olympia 88 einen neuen Verein. Wofür er die rund zwölf Einheiten pro Woche abreißt? Sein größter Traum sind aktuell die Europameisterschaften 2018 in Berlin. Vielleicht schafft Maik die Quali und darf nächstes Jahr vom knapp zehn Kilometer entfernten Bezirk Wedding ins Olympiastadion einlaufen. Und vielleicht steht dann auch einer der netten Opas an der Marathon-Strecke und grüßt Maik wie beim morgendlichen Training.
Jetzt noch besser laufen: aktuelle Lauftipps, News und Tests >>

Autor: Henning Lenertz 17.02.2017
Kostenloser Newsletter
RUNNER'S WORLD ERLEBEN
Mehr zu Community
Rasierte Beine wirkten als Weckreiz
Wettkampfmodus

Foto: Privat

Die rasierten Beine zweier Triathleten reizten Dieter Baumann so sehr, dass er in den Wett... ...mehr

Das SHR-System des Schönrechnens sorgt für Motivation
Dieter Baumann

Foto: Privat

Das SHR-System des Schönrechnens sorgte dafür, dass Dieter Baumann sich am Gelbbauchunken... ...mehr

Russland und Kasachstan durchquert
Kai Markus Run My Silkroad Kasachstan Interview

Foto: Privat

Kai Markus ist seinem Ziel in China wieder 2.000 Kilometer näher gekommen. Was ihn auf dem... ...mehr

Sie sind hier: >> >> >>Raus aus dem Mittelmaß!
(©) Rodale-Motor-Presse GmbH & Co. KG