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Alex Hutchinsons Lauflabor Die Vorteile einer sanften Landung

Eine aktuelle Studie besagt, dass sanftes Auftreten beim Laufen das Verletzungsrisiko minimiert. Hutchinson hält aber "Trainingsfehler" für die entscheidenden Faktoren bei Verletzungen.

Die Vorteile sanften Auftretens beim Laufen +

Ein sanftes Auftreten minimiert das Verletzungsrisiko.

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Lauftechnik

Beeinflusst ein „hartes“ Aufkommen der Füße beim Laufen das Verletzungsrisiko? Ein Weg, um dies herauszufinden, ist es, die biomechanischen Parameter bei einigen hundert Läufern über einen längeren Zeitraum zu messen und festzustellen, welche Kräfte beim Auftreten entstehen, um dann zu sehen, wer sich verletzt und wer nicht. Genau das hat Irene Davis von der Harvard University gemeinsam mit ihren Kollegen von der South Dakota State University und der University of Lincoln in einer Studie versucht, die im British Journal of Sports veröffentlicht wurde.

Mit welchem Ergebnis? Nun, das hängt davon ab, von welcher Seite man das Ganze betrachtet.

Die schnellste Analyse ist wohl, einfach die Läufer, die sich verletzt haben, mit den Unverletzten zu vergleichen. Von den 249 weiblichen Freizeitläuferinnen in der Studie verletzten sich 144 während der zweijährigen Untersuchungsperiode. Grundsätzlich gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen: Sie hatten so ziemlich das gleiche Durchschnittsalter, liefen ähnliche Kilometerzahlen (die verletzte Gruppe lief etwa 188 Kilometer und die unverletzte Gruppe etwa 172 Kilometer im Monat, was ein statistisch nicht signifikanter Unterschied ist) und sie wiesen keinerlei Unterschiede in ihren vertikalen Aufprallbelastungen auf.

Aber hier macht die Studie noch nicht halt. Stattdessen grenzt die Analyse die Gruppen weiter ein und konzentriert sich auf die verletzten Läuferinnen, die einen Arzt zur Behandlung ihrer Verletzungen hinzugezogen haben, und vergleicht sie mit einer kleinen Gruppe von 21 Frauen, die angaben, dass sie in ihrer bisherigen Laufkarriere noch nie verletzt waren. Vergleicht man diese beiden Untergruppen, weist die Gruppe mit diagnostizierten Verletzungen tatsächlich größere Stoßbelastungen auf, als die nie verletzte Gruppe.
Das ist ein interessantes Ergebnis und kommt dem nahe, was man eigentlich erwartet hatte. Doch trotzdem gibt es noch einige weitere erwähnenswerte Punkte. In einer perfekten Welt wäre diese Studie noch im Internetportal ClinicalTrials.gov. aufgeführt, um genau nachvollziehen zu können, was die primären Zielvariablen waren, als die Studie startete. Wenn sie es ist kann ich sie dort leider nicht finden. Vielleicht hatten die Forscher von Anfang an vor, sich auf diese beiden Untergruppen zu konzentrieren (diagnostizierte Verletzungen und nie Verletzte), allerdings wundert man sich, warum der Fokus auf einer Untergruppenanalyse liegt statt auf dem scheinbar offensichtlichen Hauptvergleich.

Mehr Trainingskilometer = mehr Verletzungen

Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die Gruppe mit den diagnostizierten Verletzungen 193 Kilometer pro Monat absolviert hatte. Im Vergleich dazu lief die nie verletzte Gruppe nur 144 Kilometer im Monat. Während die statistische Analyse noch versucht diesen Unterschied zu erklären, kommt man nicht darum herum zu erkennen, dass die verletzten Läufer signifikant mehr gelaufen sind – mögliche biomechanische Unterschiede noch gar nicht eingerechnet.

Schließlich denke ich, dass die Studie anders hätte aufgebaut werden müssen. Der erste Studienabschnitt beschäftigt sich mit der Entwicklung des Menschen zum Barfußläufer, der mit dem Mittel- oder Vorfuß auftritt, während die Dämpfung von modernen Laufschuhen häufig dazu verleitet, eher mit der Ferse aufzukommen. Schlussfolgernd wurden die Ergebnisse dann dazu genutzt, eine starke Gewichtung auf das Adaptieren des Mittel- bzw. Vorfußlaufens zu legen.

Das Problem dabei ist, dass sich die Studie explizit auf Läufer bezieht, die mit der Ferse aufkommen. Alle Probanden wurden zuvor ins Labor eingeladen, um deren Laufstile zu analysieren. Diejenigen, die beim Laufen nicht mit der Ferse aufkamen, wurden von der Studie ausgeschlossen. Also war der naheliegende Schluss, der gezogen werden konnte, dass diejenigen unter den Fersen-Läufern, die am weichsten aufkommen, am ehesten Verletzungen vermeiden können.

Gilt dasselbe dann auch für die Mittel- und Vorfußläufer? Das ist eine völlig andere Frage, da hier komplett andere Verletzungsmuster vorliegen und beispielsweise die Belastung der Achillessehne ein vergleichsweise größeres Problem ist. Die Aufprallkräfte bei der Landung sind für Fersen-Läufer qualitativ andere. Beim Auftreten mit der Ferse entstehen „vorübergehende Krafteinwirkungen“, die es beim Mittel- oder Vorfußlaufen gar nicht gibt. Man kann die Menschen aus Gruppe A nicht mit der Aus Gruppe B vergleichen und das Ergebnis für die Schlussfolgerung nutzen, dass alle in Gruppe B wechseln sollten.
Um fair zu bleiben: ich denke Gretchen Reynolds Artikel hat gute Arbeit geleistet indem er den Fokus wieder auf das weiche Auftreten statt einen Laufstilwechsel geleitet hat.

Davis hat einige nette Zitate darin, wie ein Läufer aussieht, der sanft mit der Ferse auftritt: „wie ein Insekt, dass übers Wasser läuft“. Sie rät, sich vorzustellen, dass man auf Eierschalen läuft oder auch die Schrittfrequenz zu erhöhen. Ich denke, das ist ein angemessenes Fazit, dass man aus der Studie ziehen kann.

Bin ich hier kleinlich? Ja. Die Wahrheit ist, dass ich die Schlussfolgerung der Studie, dass eine höhere vertikale Stoßbelastung mit einem höheren Verletzungsrisiko einhergeht, durchaus plausibel finde. Ich glaube, dass diese Annahme wahr ist und es ist großartig, dass sich Davis und ihre Kollegen mit der Sammlung dieser wichtigen Daten beschäftigen.

Aber die entscheidendere Botschaft die ich aus der Studie ziehe ist, dass die Unterschiede subtil sind und wahrscheinlich keine dominierende Rolle in der vermeintlichen „Epidemie“ moderner Laufverletzungen spielen. Die Tatsache, dass der Hauptvergleich zwischen der verletzten und unverletzten Gruppe keine Unterschiede der Aufprallparameter gezeigt hat, deutet darauf hin, dass der entscheidende Beweis hier wohl eher nicht zu finden ist.

Mein Gefühl sagt mir noch immer, dass „Trainingsfehler“ die ausschlaggebenden Faktoren für die meisten Laufverletzungen sind: zu viel, zu schnell, zu früh. Es ist jedoch nicht so, dass die entstehenden Kräfte beim Auftreten überhaupt nicht von Bedeutung sind; sie sind es und es lohnt sich besonders, an sie zu denken, wenn man häufig verletzt ist.

Es ist nur eine Frage der Gewichtung. Die Idee, den „richtigen” Weg zu finden, um verletzungsfrei zu laufen, ist verständlich und populär. Aber es ist bei weitem nicht so wichtig wie zu lernen, geduldig zu sein.
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Autor: Alex Hutchinson 04.03.2016
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