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Alex Hutchinsons Lauflabor Werden die Gefahren des Sitzens überbewertet?

Natürlich ist es nicht gut, den ganzen Tag zu sitzen. Aber das Sitzen pauschal als das "neue Rauchen" zu bezeichnen, war wohl übertrieben.

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Sitzen ist sehr oft mit anderen ungesunden Verhaltensweisen verbunden.

Eines der großen Gesundheitsthemen in den letzten zehn Jahren war die Idee, dass „Sitzen das neue Rauchen“ sei. Das sollte klar machen, dass längere Zeit in einem Bürostuhl zu sitzen oder sich auf der Couch zu räkeln, negative Gesundheitsfolgen hat, die noch über den reinen Bewegungsmangel hinausgehen.

Diese Auffassung ist so weit verbreitet, dass es nicht überrascht, wenn es darauf immer wieder Reaktionen gibt. Prof. Emmanuel Stamatakis von der University of Sydney veröffentlichte jetzt einen interessanten Kommentar zum Thema mit dem Titel „Why sitting is not the ‘new smoking´“. Er bezieht sich dabei auf die Ergebnisse einer Studie, die er und seine Kollegen gerade im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht haben.

In der Untersuchung analysierte Stamatakis die Daten aus einer Langzeitstudie von fast 5.000 britischen Staatsbeamten, die in den 1990er Jahren ausführliche Fragebögen zu ihren Sitz- und Bewegungsgewohnheiten ausgefüllt hatten. Die Grundfrage, die beantwortet werden sollte, war, ob die Daten voraussagen konnten, wer in den nachfolgenden Jahren Diabetes entwickeln würde.

Sitzen führte zu keiner direkten Erhöhung des Diabetesrisikos

Kurz und knapp: Nach Stamatakis hat das Sitzen zu keiner direkten Erhöhung des Diabetesrisikos geführt. Stattdessen wird zu viel Sitzen mit einer Reihe anderer ungesunder Verhaltensweisen verbunden, wie beispielsweise Bewegungsmangel. Besonders Menschen, die sehr viel Fernsehen schauen, „neigen dazu, einen niedrigeren sozioökonomischen Status zu haben, arbeitslos zu sein, über eine schlechtere psychische Gesundheit zu verfügen und weniger gesund zu essen und der ungesunden Nahrungsmittelwerbung ausgesetzt zu sein.“

Infolgedessen, sagt er, verschwinde ein erhöhtes Diabetesrisiko, wenn die Ursachen für Übergewichtigkeit angegangen werden. Denn das primäre Problem sei das Übergewicht und nicht das übermäßige Sitzen. Deshalb sollte besonderen Wert daraufgelegt werden, die Leute zu mehr Bewegung zu bringen, anstatt einfach nur das Sitzen zu vermeiden.

Ich bin immer für Bewegung, aber möchte trotzdem einige Gedanken als Antwort auf Stamatakis Aussage formulieren. Zuerst könnte die ganze „Sitzen ist das neue Rauchen“-Analogie ein bisschen mehr Erläuterung vertragen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand damit andeuten wollte, dass Sitzen tatsächlich so tödlich wie das Rauchen ist oder dass Stühle Tabak enthalten oder andere Gleichwertigkeiten im wörtlichen Sinne vorhanden sind. So wie ich es verstehe, besteht die Ähnlichkeit darin, dass das Sitzen ein völlig allgegenwärtiges Verhalten in unserer Gesellschaft ist (so wie es das Rauchen auch einmal war) und sich nun herausstellt, dass die Gesundheitsauswirkungen unterschätzt wurden. So ist in dem Umfang, in welchem diese Analogie buchstäblich interpretiert wird, sicherlich etwas Zurückhaltung angebracht.

Bezüglich der möglichen Gefahren hat besonders die Aussage, dass zu viel Sitzen immer negative Gesundheitseffekte hat, unabhängig davon, wie viel man sich bewegt, meine Aufmerksamkeit erregt. Es ist eine Sache zu sagen, dass ein Nachmittag nur vor dem Fernseher zu sitzen nicht gesund ist; es ist eine andere, zu sagen, dass es immer noch schlecht ist, auch wenn Sie am Vormittag schon 30 Kilometer gelaufen sind und 100 Liegestützen gemacht haben. Ist das wirklich wahr? Ich habe schon vor ein paar Jahren einen ausführlichen Blick auf einige der Beweise für diese Behauptung geworfen und kam zu dem Schluss, dass „zu viel Sitzen und zu wenig Bewegung zwei sehr verschiedene Dinge sind, denen beiden etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.“

Stamatakis argumentiert hingegen, dass das Problem mit dem Sitzen größtenteils mit Bewegungsmangel und damit assoziierten Verhaltensweisen wie dem Verzehr von ungesunden Snacks und Junk-Food einhergeht.
Couch Potato +
Foto: iStockphoto.com/ David Clark

Besonders Menschen, die sehr viel Fernsehen schauen, neigen dazu, über eine schlechtere psychische Gesundheit zu verfügen und weniger gesund zu essen.

Aber es gibt einige Einschränkungen, die dabei beachtet werden sollten. Zuerst einmal wurde in seiner Studie das Sitzen mit der Diabetesgefahr verbunden. Sogar nach der Anpassung an potentielle Faktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen, Gesundheit und der gesamten körperlichen Aktivitäten, war bei denjenigen, die mehr als 50 Stunden pro Woche saßen, das Diabetesrisiko um 26 Prozent höher als bei denjenigen, die wöchentlich weniger als 33 Stunden gesessen hatten.

Interessant ist, dass sich diese Beziehung abschwächt, wenn der Faktor Übergewicht hinzukommt: Sobald der Body Mass Index (BMI) einbezogen wurde, lag die Diabetesgefahr bei denjenigen, die am meisten gesessen hatten, nur noch bei 19 Prozent und die Beziehung war nicht mehr statistisch signifikant. Und doch es ist genug, um Verdacht zu erwecken.

Ein noch subtilerer Punkt ist, dass die Anpassung des BMIs nicht angemessen sein könnte, weil es Beweise dafür gibt, dass zu viel Sitzen die Gefahr von Adipositas erhöhen kann – wieder unabhängig davon, wie viel man trainiert. So werden durch die statistische Gleichsetzung des Gewichts einige negative Effekte des Sitzens annulliert.

Das ist ein heikler Punkt, weil hier wahrscheinlich vielfältige kausale Zusammenhänge am Werk sind. Übergewichtig zu sein, veranlasst die Menschen durchschnittlich mehr Zeit sitzend zu verbringen und erhöht auch die Gefahr an Diabetes zu erkranken. Und umgekehrt kann zu viel Sitzen zu mehr Gewicht und und einem erhöhten Diabetesrisiko führen. Wenn das stimmt, dann würde eine Anpassung des BMIs wie in Stamatakis Studie zu einer Unterschätzung der Gefahren des Sitzens und eine Nicht-Anpassung zu einer Überschätzung führen würde. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.

Schließlich ist es auch von Nachteil, dass die Schätzung der Sitzzeiten in der Studie auf den Fragebögen basierte. Fragebögen sind nicht besonders genau, denn sie sagen nichts über das präzise Sitzverhalten aus. Sitzen Sie acht Stunden ohne jede Bewegung? Oder stehen Sie alle 20 Minuten auf, um zum Drucker zu gehen oder einfach mal Ihre Beine auszustrecken? Die Summe der Sitzzeiten kann ähnlich sein, aber jede kurze Unterbrechung könnte eine wichtige Rolle beim Zurücksetzen der metabolischen Veränderungen spielen, die auftreten, wenn Sie zu lange sitzen.

Eine andere aktuelle Studie, die von der Technologieforscherin Shilpa Dogra von der University of Ontario veröffentlicht wurde, hebt einige dieser Probleme hervor. Sie untersuchte die Verbindung zwischen längeren Sitzzeiten und physischer Fitness bei älteren Erwachsenen. In diesem Fall standen selbstgemessene Sitzzeiten und durch ein Beschleunigungsmessgerät erfasste Daten von über 1.000 Probanden zur Verfügung.

Wie die britische Studie konnte auch die kanadische Untersuchung keine Beziehungen zwischen selbstgemessenen Sitzzeiten und körperlicher Fitness feststellen. Also, werden die Gefahren des Sitzens tatsächlich überschätzt?

Nicht so schnell – denn die objektiven Beschleunigungsmessdaten offenbarten einige Beziehungen. Die Gesamtsumme der Sitzzeiten war hier umgekehrt proportional mit der Fitness verbunden, unabhängig von der Menge der körperlichen Aktivität. Auch die Anzahl kurzer Sitzunterbrechungen und der Prozentsatz an ununterbrochenen Sitzzeiten, die mehr als 20 Minuten dauerten, standen mit der kardiorespiratorischen Fitness in Beziehung. Zumindest in diesem Falle spielten also unterschiedliche Sitzgewohnheiten eine Rolle.

Ich kann abschließend nur sagen, dass ich persönlich häufiger mein Sit-Stand-Schreibtisch verwenden werde. Allein schon, weil ich ein paar hundert Dollar dafür ausgegeben habe, möchte ich glauben, dass er hilfreich ist. Und ich mag ihn tatsächlich auch aus Bequemlichkeitsgründen: Den ganzen Tag zu sitzen, fand ich noch nie bequem, so dass gelegentliche Stehpausen zum wohltuenden Vergnügen werden.

Aber ich finde auch die Beweise dafür, dass das dauerhaftes Sitzen unabhängige Gesundheitseffekte hat, sehr faszinierend. Herauszufinden, was die wirklichen Risiken sind und wie sie mit anderen assoziierten Faktoren wie Nahrungsmittelauswahl und sozioökonomischem Status zusammenhängen, wird zukünftig eine große Herausforderung für die Forscher sein. Inzwischen sollten wir vermeiden, die Risiken zu hoch zu hängen oder aber zu unterschätzen.
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Autor: Alex Hutchinson 03.03.2017
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