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Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 111 verrückte Kilometer

Beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail durch das Pielachtal in Niederösterreich sind 111 Kilometer zu absolvieren. Leserreporter Andreas Franzwa war dabei.

Leserreporter Andreas und sein Begleiter Werner beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 +
Foto: privat

Andreas und Werner haben beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 mitgemacht, ihrem ersten Ultralauf über so eine Distanz.

Nach einer Woche Urlaub im Friaul treffe ich Werner an der Raststation Steinhäusel. Er hatte die Idee zum Dirndltal-Extrem-Ultratrail. Aufregung und freudige Erwartung liegen in der Luft. Wie wird er werden, unser erster Ultralauf über so eine Distanz?

Die häufigste Reaktion auf unsere geplante Teilnahme am Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 war ungläubiges Kopfschütteln und fast abschätzige Skepsis. Die häufigste Frage, auch von meiner Frau: „Warum?“. Komischerweise habe ich mir diese Frage vor dem Bewerb nie gestellt. Das sollte sich noch ändern.

Wir erreichen Obergrafendorf, wo der Start am nächsten Morgen um 6.00 Uhr stattfinden wird. Nach Anmeldung, Briefing und Pasta-Party steht definitiv fest: hier sind wir richtig, nur Verrückte und gleich 140 davon. Die kurze Nacht verbringen wir im Bettenlager, leider mit Extrem-Schnarchern.

Start zum Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 im Morgengrauen

2. August 2014, 6.00 Uhr: Startschuss zum Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 und schon sind wir auf der Strecke. Nach den ersten Metern verwandelt sich alle Aufregung und Anspannung in Konzentration und Vorfreude. Ein super Gefühl, mit nichts zu vergleichen. Die ersten Stunden und Kontrollpunkte laufen wir unter einer Wolkendecke, die uns noch vor der für heute angekündigten Hitze von bis zu 30 Grad in Schutz nimmt. Auch das wird sich ändern. Wir treffen immer wieder Leute, die uns anfeuern, Mut machen und uns nach vorne peitschen. Nichts kann uns aufhalten.

Tiefpunkt nach der Marathondistanz

Kilometer 40. Marathon-Distanz erreicht. Doch mit dem Erreichen dieser Distanz kommt auch der erste und im Nachhinein gesehen auch der tiefste Tiefpunkt. Kein Riegel oder Gel will mehr die Speiseröhre runter, die Getränke schmecken jetzt schon schrecklich. Doch das Schlimmste sind die aufkommenden Zweifel und jetzt doch die Frage nach dem "Warum?" Werner ist zu diesem Zeitpunkt etwas voraus gelaufen, was meiner Stimmung nicht zuträglich ist. Fragen beginnen durch den Kopf zu schießen: Was machst Du hier? Für wen machst Du das? Was werden alle denken, wenn Du es nicht schaffst?

Ich bleibe stehen. Tränen. Der Verzweiflung. Voll Wut. Dann kommt der Ärger, über mich, die anderen und überhaupt alles.

Ich weiß nicht warum, aber ich laufe und gehe weiter.

Die Gedanken gehen nicht weg, machen jeden Schritt schwerer und schwerer, obwohl es körperlich wieder leichter zu werden scheint. Das Loch in meinem Kopf, in das ich zu stürzen drohe wird größer und größer. Aber ich gehe weiter, noch ein Schritt, noch eine Kurve, noch eine Markierung, der Versuch wieder einen Rhythmus zu finden.
Leserreporter Andreas Franzwa lief beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 mit +
Foto: privat

111 Kilometer durch das Pielachtal waren beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail zu absolvieren.

Herzliche Versorgung baut auf

Und dann ist er da, der fünfte Kontrollpunkt. Werner wartet schon, macht Späße mit den Damen, die uns auf unglaublich liebevolle und herzliche Art und Weise versorgen und viele aufmunternde Worte und Späße für uns bereithalten. Meine Stimmung bessert sich, und ich lasse mich von der positiven Stimmung anstecken. Nach vergleichsweise kurzer Rast machen wir uns wieder auf den Weg. Jetzt kommen die beiden richtigen „Bergwertungen“.

Mit frischen Kräften geht es bergauf nun gut voran, wir schaffen gut Kilometer um Kilometer. Doch die Zweifel kommen wieder, so sicher wie das Thermometer den prognostizierten 30 Grad entgegenklettert. Diesmal entschließe ich mich, Werner davon zu erzählen. Irgendwo zwischen Kilometer 55 und 65, irgendwo im Dirndltal, bekomme ich dann eine sportlich-philosophische Lehrstunde von meinem Freund, die mich rettet.

Die Kilometer beginnen wieder zu laufen, oder sind wir es? Wir unterhalten uns weiter, noch eine Steigung, tauschen Meinungen aus, setzen noch einen Fuß vor den anderen, noch eine Kurve und dann Kilometer für Kilometer und Kontrollpunkt um Kontrollpunkt. Dann der Gipfel des Eisensteins, Suppe, warme Suppe, ein freundlicher Empfang, noch freundlichere Worte und dann wieder weiter.

Zweifel zählen nicht mehr

Die Zweifel sind aber nicht verschwunden, sie scheinen nur einfach nicht mehr zu zählen, zu wiegen und die Beine schwer zu machen, obwohl sie es zu diesem Zeitpunkt jetzt wirklich sind. Der Kopf ist wieder frei, die Gedanken bei mir und nicht sonst wo, Konzentration und Fokus auf der Strecke, bei jedem Schritt und jedem Meter.

Zwischen Eisenstein und Hohenstein kommt Kilometer 70. Werner: "Andi, nur noch einen Marathon bis ins Ziel!". Als nächstes nehmen wir den Hohenstein in Angriff, Werner läuft wieder etwas voraus, was von nun an immer wieder so ist, ich suche meinen Rhythmus, zähle meine Schritte, bleibe bei mir und wir erreichen so kurz hintereinander den Kontrollpunkt 7 am Gipfel des Hohensteins. Gekochte Kartoffeln mit Salz, kaltes Trinken, gefolgt vom erneuten Auffüllen der Trinkblase und der Riegel- und Gelreserven. Vor uns liegt nun eine lange Bergab-Strecke und wir sind nicht zum ersten Mal froh über unsere Stöcke und das trockene Wetter, kaum vorstellbar wenn hier die Strecke nass und rutschig wäre.

Mit Stirnlampen durch die Nacht

Nach dem achten Kontrollpunkt kommt die Nacht – Zeit, unsere Stirnlampen auszupacken. Wir helfen im Gelände einem Mitstreiter zurück auf die Strecke und bleiben einige Kilometer zusammen. In tiefster Finsternis geht es über Wiesen, bevölkert von Tieren mit großen leuchtenden Augen, die friedlich vor sich hin grasen und doch für ein etwas mulmiges Gefühl sorgen.

Irgendwo in der Finsternis verlassen unseren Mitstreiter die Kräfte und er gibt auf. Ein kurzes Nachdenken darüber, Mitleid, so kurz vor dem Ziel dann doch aufgeben zu müssen, letzte Worte und dann nur noch kurz die Schweinwerfer in der Nacht, als er mit dem Auto mitgenommen wird.

Kurz vor Mitternacht passieren zwei Dinge: Ich werde mir der Tatsache bewusst, dass ich große, wirklich große Blasen auf beiden Fußballen habe. Und ich weiß, dass ich das Ziel wirklich erreichen kann.
Andreas und Werner können beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail 2014 die tolle Aussicht genießen +
Foto: privat

Was für eine Aussicht! Der Lohn für viele Höhenmeter beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail.

Die längsten Kilometer meines Lebens

Jetzt sind es noch etwas weniger als 10 Kilometer bis ins Ziel. Dies werden die längsten Kilometer meines Lebens, ich gehe wieder dazu über, mir einen nächsten Punkt, einen Baum neben der Straße, ein Haus als Anhaltepunkt zu suchen und dann endlich eine Laterne, die die Zivilisation, den Ort Kammerhof ankündigt. Werner will versuchen unter den 22 Stunden zu bleiben und läuft wieder voraus, viel Glück! Mehr als Gehen ist zu diesem Zeitpunkt und nicht nur wegen der Blasen nicht mehr möglich. Ich freue mich über die Laternen, das Licht und den Ort Kammerhof und bin fast untröstlich als ich all das hinter mir lassen muss und wieder in die Dunkelheit eintauche.

Ich komme auf eine Straße, die mich zu einem Bahnübergang führt und zu einem Verkehrsschild: Obergrafendorf 4 km. Ich kann es kaum glauben. Auch diese werden die vier längsten Kilometer meines Lebens und auch wenn ich weiß, dass ein Kilometer 1.000 Meter hat, so kommt es mir so vor, als würde ich für jeden einzelnen 10.000 Schritte brauchen. Doch die Lichter von Obergrafendorf rücken näher, das versprechen auch die Streckenschilder neben der Bahnstrecke, die parallel zur Laufstrecke verläuft.

Der Läufer hinter mit rückt näher zu mir auf, ich höre seine Schritte, das Klacken der Stöcke und sein Atmen. Jetzt braucht mich aber auch keiner mehr überholen, denke ich. Verdammt, so kurz vor dem Ziel. Außer meiner innerlichen Wut vermag ich dem Ganzen jedoch nichts entgegenzusetzen. Noch 100 Meter, bis er mich eingeholt hat, noch 50, noch 10. Dann die Vorbereitung auf eine kurze soziale Interaktion, einen Gruß, höflich bleiben und dann: "Na Anderl, wie geht’s da?" Werner? Es ist Werner!

Der muss doch schon im Ziel sein!? Wie ist das möglich? Noch bevor ich fragen kann, erzählt er mir, er habe sich bei der letzten Abzweigung für die falsche Richtung entschieden und erst umgedreht, als er zu einem Verkehrsschild mit "Obergrafendorf 7 km" gekommen sei. Mit genügend Ärger im Bauch sei er hierher dann zügig gelaufen. Was bin ich froh, dass Werner da ist! Wir werden gemeinsam ins Ziel laufen.

Die Zielgerade beim Dirndltal-Extrem-Ultratrail

Endlich ist die lange Gerade zu Ende, eine Kurve nach links, kurz geradeaus, dann nach rechts und wir sind am Ortseingang von Obergrafendorf, das Ziel keine 750 Meter mehr entfernt! Was nun kommt, ist ein Geschenk, das sich einem nur nach 111 Kilometern voller Begegnungen, lachenden Gesichtern, Flüchen, Schmerzen, Zweifeln, Blasen und unzähligen neuen Bildern im Kopf, erschließt. Die Gewissheit, es getan und geschafft zu haben, nicht trotz, sondern mit den Zweifeln im Gepäck.

Die Zielgerade liegt vor uns, Gerhard Lusskandl und Erika Pickl warten auf uns im Zielhäuschen, denen wir dann mit Tränen und überglücklich nach 21:48:40 Stunden in die Arme fallen – und mit dem Versprechen, nie wieder so etwas zu machen. Und glauben Sie es oder nicht, auch das sollte sich noch ändern.
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Autor: Andreas Franzwa 09.11.2014
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