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Hansjürg Moser beim Burgos-Ultra-Stage-Race 2016 252 Kilometer und 6.500 Höhenmeter auf dem Weg der Legenden

Der 70-jährige RUNNER'S-WORLD-Leser Hansjürg Moser berichtet vom Burgos-Ultra-Stage-Race. Über 252 Kilometer und 6.500 Höhenmeter lief er in sechs Etappen auf historischen Pfaden rund um die nordspanische Stadt Burgos.

Leserreporter Hansjürg Moser Burgos-Ultra-Stage-Race 2016 +
Foto: Privat

Durch atemberaubende Landschaften führte das Burgos-Ultra-Stage-Race 2016.

Es war ungewöhnlich kalt, ein feiner Regen nieselte vom grauen Himmel. Die beiden Gestalten mit langen, weißen Bärten und wilden Haaren standen am Rande des kleinen Wäldchens auf dem grasbewachsenen Hochplateau. Einer der Druiden aus vergangenen Zeiten schlug eine riesige Trommel, der andere entlockte einem Büffelhorn klagende, durchdringende Töne. 33 Läuferinnen und Läufer lauschten ungläubig den beiden Zauberern aus uralten Zeiten. Manu Pastor, bekannter spanischer Langstreckenläufer und Organisator dieses in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Laufes, hatte sich diese Eröffnung ausgedacht. Ein erster Hinweis an uns Teilnehmende, dass die sechs Tage in erster Linie dem Laufen gelten sollten, doch auch dass die unglaubliche, tausendjährige Geschichte dieser katalanischen Region und ihrer Bewohner die Grundlage für den gewählten Streckenverlauf bildete.

Erste Etappe: 48 Kilometer, +1.400 Meter, -1.840 Meter

"5, 4, 3, 2, 1, Go!" Mit dem versteckten, steilen Abstieg vom legendären, befestigten, keltischen Ort Castro Ulaña auf dem Hochplateau durch den kaum erkennbaren Klippenweg begann das Burgos-Ultra-Stage-Race 2016. Wie üblich zog sich die Kolonne rasch in die Länge. Bei meinem gemächlichen Tempo war ich erst mit Chris, den ich schon von Kambodscha her kannte, dann alleine unterwegs. Wunderschöne, üppig bewachsene Moorlandschaften, steile Abstiege in die Schluchten des Rudron Flusses, mittelalterliche Dörfer, Dolmen und Megalithen zogen mich in ihren Bann. Nach rund 40 Kilometern begann der Abstieg ins Ziel der ersten Etappe: das noble, malerische Dorf Sedano. Wie alle Läufer wurde ich am Ziel begeistert empfangen; Applaus, Applaus. Was danach folgte, war einmalig und wurde allen Läufern auch auf den weiteren Strecken geboten: nicht nur ein eigenes Bett und Dusche, nein, auch ein hervorragendes Nachtessen, je nach Wahl für Veganer, Vegetarier oder Fleischesser, in gemütlicher Atmosphäre. Das gemeinsame Essen hat das Gefühl, eine Familie zu sein, sehr verstärkt. Wer mochte, konnte seine schmerzenden, gestressten Beine massieren lassen, selbstverständlich gegen Bezahlung. Nur wenige blieben danach zum Plaudern an den Tischen sitzen.

Zweite Etappe: 51,5 Kilometer, +1.370 Meter, -1.490 Meter

"6:30 Uhr, Frühstück!" Wer noch schläft, wird rasch wach. Emsiges Treiben in den Zimmern und Toiletten, einige sind mit ihren Beinen und Füßen beschäftigt, ich werde mich von einer der beiden hübschen Race Doctors aus England, Helen und Laura, das rechte Knie tapen lassen; etwas überraschend zwickt es mich ein bisschen. Auf den Tischen im Essraum gibt’s alles, was das Läuferherz frühmorgens begehrt. Die freiwilligen Helfer unter der Regie von Maria sind jeden Moment präsent und unterstützen uns mit ihrem großen Einsatz. Start um halb acht; alle stehen im kühlen Morgenwind voll ausgerüstet draußen. Nachts hat es aufgeklart, der Himmel in blau und weiß gleicht einer Patchwork-Decke. Nach einigen kurzen Hinweisen zur Strecke gibt Rennleiter Manu Pastor die Piste frei! Der heutige Weg der Legenden orientiert sich an Kämpfen der im Nordwesten Spaniens seit mehreren Jahrhunderten lebenden Goten und ihres Königs Rodrigo mit den aus Nordafrika eingedrungenen Umayaden und deren Führer Tariq.

Wir verlassen das Dorf Sedano, folgen einem versteckten, flachen, beinahe überwachsenen Trail durch dschungelartige Vegetation entlang eines kleinen Flusses mit romantischen Tümpeln, alten Brücken, einem Wasserfall. Ich bin wieder alleine und bewundere die verschiedenen, prächtigen mittelalterlichen Dörfer. Beim ersten von jeweils drei Kontrollpunkten kontrollieren die Ärztinnen mein getapetes rechtes Knie. Bis jetzt ist alles OK. Nach Valdelateja führt der Weg steil nach oben bis zum imposanten, hoch am Kliff hängenden Felsenheiligtum der Goten. Darin sollen zu Zeiten Rodrigos seine Vertrauten riesige Schätze vor den Feinden versteckt haben. Ich quere mehrere Täler und steile Canyons, bewundere den 4.500 Jahre alten Dolmen las Arenillas und erreiche das Hochplateau von Masa mit seinen mächtigen Windturbinen. Kein Wunder, wurden diese dort platziert: der stürmische Wind zerrt an mir, stößt mich hin und her. Der aufkommende Regen peitscht mir horizontal ins Gesicht, doch die riesigen Felder mit tausenden von Sonnenblumen heitern mich wieder auf. Nach dem dritten Kontrollpunkt beginnt der lange Abstieg. An der Burg von Poza de la Sal vorbei erreiche ich nach einigen Kilometern das Camp drei in der Nähe der gleichnamigen Stadt. Organisatoren und Helfer sorgen wiederum großzügig für unsere Erholung nach langem Lauf.

Dritte Etappe: 48 Kilometer, +1.090 Meter, -800 Meter

Endlich, blauer Himmel, Sonnenaufgang. Noch ist der volle Mond blass am Firmament sichtbar, ein wunderbarer Anblick. Die dritte Etappe steht an, "nur" 48 Kilometer. Ein beruhigendes Gefühl stellt sich ein. Locker traben wir auf breitem Weg durch das ursprünglich römische Dorf hinaus südwärts durch eine völlig andere Landschaft: die unendliche Weite von Las Torcas ist ein riesiges Anbaugebiet: Getreide und Sonnenblumen soweit das Auge reicht, braunes Ackerland und rote Erde wechseln sich ab, dazwischen trockenes Gras, Büsche, einzelne Bäume. An den Kontrollpunkten gibt’s Wasser, Cola, Sandwiches, für Hartgesottene sogar Bier. Wir queren wiederum zahlreiche, gepflegte spanische Dörfer, genießen das freundliche und aufmunternde "Hola" ihrer Bewohner und müssen danach die angesagten rund 1.000 Höhenmeter wieder erkämpfen. Die Strecke auf den Hochebenen zieht sich für mein Gefühl nahezu unendlich durch die windigen Weiten. Dieser Teil der Strecke fällt mit der Via Italia, dem 2.000 Jahre alten römischen Weg zusammen, ein eigenartiges Gefühl, zu erfahren, dass römische Legionäre zur Eroberung Spaniens auf diesem Weg marschiert sind. Nach einigen Kilometern meldet sich mein rechtes Knie mit einem leichten Ziehen. Ich bin verärgert und beschließe, diesen diffusen Schmerz nicht zu beachten. Beim letzten Kontrollpunkt untersucht Helen mein Knie. Sie schaut mich etwas besorgt an, doch ich winke ab; die letzte Strecke werde ich schon schaffen!
Leserreporter Hansjürg Moser Burgos-Ultra-Stage-Race 2016 +
Foto: Privat

Nichts als das Laufen in der nahezu unberührten Natur.

Leider verläuft der Trail bis zum Ziel ziemlich steil nach unten. Mit einer neuen Gehtechnik, nämlich mit dem rechten Fuß nach außen gedreht, kann ich den Pfad zwar etwas langsamer, doch einigermaßen schmerzfrei bewältigen. Allerdings bin ich froh, das Dorf Atapuerca zu erreichen. Bei diesem Ort auf dem berühmten Pilgerweg Camino de Compostela schlugen sich zwei Brüder, Ferdinand I., König von Leon und Garcia Sancho III., König von Pamplona mit ihren Heeren. Offenbar wollten sich die beiden Könige nur treffen, um Differenzen über ihre Ländergrenzen zu bereinigen, doch das "Meeting" eskalierte. Der Legende nach waren es die Offiziere und Soldaten, denen es mehr um Kampf und Blut als um Diskussion ging, welche die Schlacht anzettelten. Garcia Sancho III. wurde dabei getötet, worauf sich Bruder Ferdinand I. ohne Skrupel zum ersten Imperator Spaniens ausrufen ließ. Nach dem fantastischen gemeinsamen Abendessen kümmere ich mich in erster Linie um mein rechtes Knie, denn morgen ist die härteste Etappe angesagt. Oh weh?

Vierte Etappe: 52,5 Kilometer +1.995 Meter, -1.735 Meter

Kaum erwacht und angezogen sitze ich schon vor den Ärztinnen, die mein Knie untersuchen. Die diffusen Schmerzen rund ums Knie, jedoch nicht im Knie selbst, zeugen von einer Entzündung des ITB-Bandes. Nach dem erneuten Tapen bekomme ich als letztmögliche Maßnahme und zur Sicherheit Schmerztabletten. OK, erst mal Frühstücken, dann sehen wir unterwegs weiter. Von unserem Ort Atapuerca biegt unser Pfad frühmorgens bei Sonnenaufgang in den bekannten Pilgerweg Camino de Compostela ein. Am azurblauen Himmel bemerke ich das christliche Symbol eines leuchtend weißen doppelten Kreuzes, gebildet aus vier verblassenden Kondensstreifen. Eigenartiger Zufall? Auf den 14 Kilometern dieses Streckenteils begegne ich dutzenden von Pilgern; wir grüßen uns meist freundlich mit einem "Hola". Neben mir läuft Chris aus Australien. Er zeigt zum Horizont. In der Ferne: sehr, sehr weit weg, erhebt sich der 2.000 Meter hohe San Millan Gipfel, benannt nach dem im 6. Jahrhundert 60 Jahre lang in einer Höhle lebenden, von der Bevölkerung verehrten Eremiten Millan. Der soll der Legende nach 300 Jahre später bei der Schlacht der Spanier gegen Abderraman beim Ort Simancas den Einheimischen auf einem weißen Pferd reitend zu Hilfe gekommen sein.

"Dort hinauf müssen wir und danach auf der anderen Bergseite wieder steil hinunter zu unserem Camp". "Oh weh". Auf dem langen Weg zum Bergmassiv passiere ich das Kloster San Juan de Ortega und das Dorf Alarcia, dann beginnt der Aufstieg zum Gipfel auf 1.995 Metern. Schon in der Ebene schlucke ich meine erste Schmerztablette, muss mein Tempo zurücknehmen. Durch wunderschöne, lichte Wälder, vorbei an Alpweiden mit grasenden Kühen kämpfe ich mich nach oben. Die Sicht in die unendlichen Weiten Spaniens ist großartig. Erst spät am Nachmittag befinde ich mich unterhalb des Gipfels, das Knie schmerzt wie verrückt, ich bin ziemlich erschöpft. Unser Rennleiter Manu fragt mich, was ich tun möchte. Ich bin überzeugt, den sehr steilen, schmalen, schwierigen Abstieg nicht zu schaffen und beschließe, die vierte Etappe hier abzuschließen. So kann ich das Mannschaftsfahrzeug nutzen, um ins Lager vier zu gelangen und mein Bein zu pflegen. Von den 52,5 Kilometern habe ich immerhin rund 42 geschafft.

Fünfte Etappe: 42 Kilometer, +625 Meter, -865 Meter

Meine Bettnachbarn im Schlafsaal wecken mich durch ihr geschäftiges Treiben. Mein erster Gedanke gilt meinem Knie. Dank der abendlichen Massage und Salben verspüre ich nur noch ein geringes Ziehen. Mit dem reichhaltigen Frühstück bringe ich mich wach und wieder etwas in Form. Heute stehen nochmals 42 Kilometer an. Manu erläutert zu meiner Erleichterung, dass die Strecke kaum mehr Steigungen aufweisen werde. Auch bei den Anderen scheint diese Ankündigung gut anzukommen, sehe ich doch verschiedene der Teilnehmenden heute Morgen etwas langsamer zur Dusche gehen. Vor dem Start entscheide ich mich, erst ab dem zweiten Kontrollpunkt zum Ziel zu laufen, um mein ITB-Band etwas zu schonen. Die Crew fährt mich zu meinem gewählten Startpunkt, etwa 27 Kilometer vom Ziel, dem berühmten Kloster San Pedro de Cardena entfernt. Wie versprochen führt der breite, meist flache Weg durch eine weite, grüne, fruchtbare Landschaft mit sanften, bewaldeten Hügeln. Ich genieße die totale Einsamkeit und Ruhe, bin ich doch dem Teilnehmerfeld weit voraus; ein völlig neues Gefühl. Unterwegs werde ich trotzdem noch vom Top-Läufer Salva Calvo Redondo aus Spanien überholt. Er läuft und läuft und läuft in jedem Gelände! Bald kommt das große Kloster in Sicht. Hier üben sich über 30 Mönche in der Kunst eines einfachen, harten und entbehrungsreichen Lebens im Gebet und in der Einkehr. Im Gästebereich kann ich ein kleines Zimmer mit Dusche und einem wunderbar weichen Bett beziehen. Ausruhen ist angesagt. Am späten Nachmittag hat Manu für uns eine einzigartige Führung durch das Kloster und in viele geschichtsträchtige, normalerweise nicht zugängliche Klosterbereiche organisiert. Das Dinner wird von einer örtlichen Küche geliefert, da unsere weibliche Crew keinen Zugang zur klösterlichen Küche erhält.
Leserreporter Hansjürg Moser Burgos-Ultra-Stage-Race 2016 +
Foto: Privat

Nach Sechs Tagen ist es geschafft - alle Teilnehmer des Burgos-Ultra-Stage-Race 2016 durften stolz auf sich sein.

Sechste Etappe: 13 Kilometer, +215 Meter, -325 Meter

Ich schlafe so lange es geht in diesem wunderbaren Bett. Der Start zur letzten, kurzen Etappe ist ja auch erst auf neun Uhr angesagt – Spitze! Nach dem Aufstehen entschließe ich mich rasch, die 13 Kilometer in weniger als zwei Stunden zu absolvieren; die Schmerzen sind ja doch etwas abgeklungen. Noch rasch ein Gruppenbild vor dem Klostereingang, dann laufen wir los. Bald merke ich, dass auch die anderen diese Strecke etwas gemächlicher angehen. Der schöne Pfad durch Wiesen und Gebüsch führt zum Flüsschen Alandzon. Ich befinde mich wieder auf dem Pilgerweg nach Santiago, allerdings wieder in entgegengesetzter Richtung laufend. Am Ende des Weges weist mich der Pfeil nach links. Ich biege ab, erreiche eine breite Straße und finde mich plötzlich unter hunderten von Touristen wieder. Ich schlängle mich durch die Menschen, dann renne ich über die steinerne Brücke auf die riesige Kathedrale zu. Vor dem Haupttor leuchtet das Zielband von 'The Way of Legends', dann bin ich im Ziel. Umarmungen, Gratulationen, Fotos, Fotos, Fotos, ein unglaubliches Gefühl von Freude und Erlösung. Zum letzten Fototermin auf den Stufen zum Haupteingang gesellt sich Manus Frau mit den vielen Kindern aus der Schule für Benachteiligte, welche das Paar vor Jahren ins Leben gerufen hat; ein wunderschönes Abschiedsbild. Wir beziehen ein luxuriöses Hotel in der Stadtmitte. Am Nachmittag sind alle in eine bekannte Tapas-Bar zu feinsten Häppchen eingeladen.

Das grosse Abschiedsdinner mit Rangverkündigung beginnt im Hotelsaal um acht. Chic bis sehr elegant gekleidet präsentieren sich unsere Frauen, während die Herren eher dezent bis sportlich gekleidet erscheinen. Trommelschläge, urige Töne nähern sich; die beiden Druiden verkünden das Ende des ersten Burgos-Ultra-Stage-Race. Manu Pastor blickt zurück, verteilt viel Lob und Dank. Nach dem köstlichen Dinner verkündet er die Resultate und überreicht den erfolgreichsten Läufern eine von einem lokalen Künstler gestaltete Medaille.

Der nächste Morgen ist der schwierigste der ganzen Woche. Schweren Herzens muss ich Abschied nehmen von meinen Laufkollegen, den beiden hervorragenden Ärztinnen, von der Liebenswürdigkeit der Crew, nicht zuletzt von Manu Pastor, der mir diese unglaubliche, intensive Erfahrung ermöglichte.
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Autor: Hansjürg Moser 15.11.2016
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