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Erfahrungsbericht Grenzen verschieben, um Gutes zu tun

Nach 16 Marathons ging unser Mitarbeiter Jonas Müller beim Wings for Life World Run nun erstmals über die 42,195 Kilometer hinaus.

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Foto: Norbert Wilhelmi

Jonas Müller und die anderen 10.000 Läufer nahmen sich die gute Laune trotz Dauerregen und windigen Bedingungen nicht nehmen.

„Running for those who can’t“, so der Slogan des Wings for Life World Runs. Laufen für Menschen, die es nicht können! Emotionalisierende Worte, die nicht nur mich berührten. Wie auch viele andere Menschen, die dem Laufsport nahestehen und ihre sportliche Leidenschaft am 07.05. dazu nutzen wollten, anderen Menschen Gutes zu tun, zogen diese Worte auch mich nach München.

Drei Jahre lang hatte ich mir den Lauf über den Livestream angesehen und mir vorgestellt, wie es wohl wäre, selbst Teil des einzigen weltweiten Charity-Laufs dieser Größe zu sein. Jahr für Jahr war die Veranstaltung in ihrer Größe und Attraktivität gewachsen – und meine Begeisterung gleich mit. Nun war es also an der Zeit selbst endlich einmal Teil dieses einmaligen Events zu sein. Folglich meldeten meine Freundin Natalie und ich uns für den Wings for Life World Run in München mit Start um 13:00 Uhr Ortszeit an. Spätestens als wir unser wichtigstes Event des Frühjahrs, den Paris-Marathon, Anfang April mit neu errungener Bestzeit abhaken und der Vergangenheit zuordnen konnten und die Beine ein paar Tage später wieder erholter waren, stieg meine Vorfreude auf den Lauf von Tag zu Tag. Rund 130.000 Läufer waren 2016 rund um den Globus verteilt zeitgleich für die gelaufen, die es nicht können. Auch für dieses Jahr wurden wieder steigende Zahlen prognostiziert. Folglich wunderte es mich nicht, als ich bereits einige Tage bevor es nach München ging erfuhr, dass das Event in München mit 10.000 Läufern nun ausgebucht sei.

Tipps von Mr. Wings for Life persönlich

Am Samstagmorgen ging es dann aus unserer südbadischen Heimat mit dem Zug ins schöne München. Nach drei vor unseren Augen erspielten Punkten des deutschen Fußball-Rekordmeisters in der heimischen Allianz Arena gegen den SV Darmstadt 98 und einer großen Portion Nudeln konnten wir die Vorbereitungen für beendet erklären. Während für Natalie der Spaß im Vordergrund stand, weshalb sie spontan rund 25 Kilometer mit unseren sportlichen Kollegen und Freunden, Kletterer Alexander Megos sowie seinem Fotografen Liam Lonsdale, lief und ihr Rennen nach nach 31,45 Kilometern beendete, hatte ich mir ambitionierte Ziele gesteckt. Nach 16 Marathons in sechs Ländern auf drei Kontinenten und einer Zielzeit von 2:43 Stunden bei den letzten beiden Marathonstarts hatte ich zwar in den vergangenen Jahren einiges erlebt, eine Distanz von mehr als 42,195 Kilometern war mir aber noch fremd. Bevor sich mein Marathondebüt am 12.05.2017 jedoch zum fünften Mal jähren sollte, wollte ich dies ändern. Florian Neuschwander, Mr. Wings for Life World Run persönlich, gab mir den Tipp mich vor dem Lauf in Sachen Höhenprofil und Streckenplan der Münchner Strecke zu informieren. 35 Kilometer flach, dazwischen zwei, drei unangenehme Passagen über Feldwege und kleine Anstiege, alles in allem aber wie gesagt flach, danach jedoch zunehmend wellig, so meine Info vor dem Lauf. 3:08 Stunden für 42,195 Kilometer, bis man als Läufer vom Catcher Car eingeholt wird. Kein Spaziergang, aber mit meiner Zeit von 2:43:07 Stunden aus Paris im Rücken alles andere als ein Problem. Mein Ziel legte ich daher auf 50 Kilometer fest.

Dauerregen und Schlamm zum Start

Nachdem sich das Wetter wie gehofft noch von den teilweise schon fast sommerlichen Temperaturen wieder zum aus Durchschnittsbürger-Sicht recht miesen April-Wetter wandelte, war der 07. Mai gekommen. Aus Breaking2 wurde Breaking50 und aus Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge BWL-Student Jonas Müller. Als die Startnummern abgeholt waren und sich die Zeiger auf der Uhr langsam Richtung 13:00 Uhr bewegten, nahmen wir unsere Plätze im vordersten Startblock ein – da ich wusste, wo ich am Ende landen könnte natürlich in Reihe eins. Noch kurz die Arme in die Luft, den Fotografen ein paar schöne Momente für überwältigende Bilder schenken und los ging mein erster Ultramarathon bzw. für über 155.000 Läufer weltweit unser gemeinsamer Lauf um einen Teil dazu beizutragen, dass Querschnittslähmungen eines Tages heilbar sein werden. Warum „unser“? Ich schreibe bewusst „unser“, da vor, während und nach dem Rennen ein ganz besonderes Gefühl der Gemeinsamkeit in der Luft lag und irgendwie selbst eine gute Woche danach nun immer noch zu spüren ist. Es war kein Lauf wie jeder andere. Natürlich ging es gerade unter den 88 Teilnehmern, die in München 42,195 Kilometer oder mehr liefen, ordentlich zur Sache, aber immer fair und nicht mit dem Ziel, das „Ziel“ unter jeden Umständen schneller als die anderen Läufer zu erreichen beziehungsweise im Falle des Wings for Life World Runs unbedingt weiter als die Anderen laufen zu wollen, sondern mit dem Gedanken einfach so weit wie irgendwie möglich kommen zu wollen. Man lief also nicht gegen andere Läufer, sondern wenn dann gegen sich selbst und besonders natürlich gegen das Catcher Car.
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Foto: Norbert Wilhelmi

Wenige Sekunden vor dem Start hieß es "Hände hoch!".

Punkt 13:00 Uhr begann wie bereits erwähnt das Rennen und 155.288 Läufer machten sich weltweit auf den Weg, dem Catcher Car zu entkommen. Im München ging es dabei vom Coubertinplatz zwischen Olympiastadion und Olympiahalle startend erst einmal eine Runde um den Olympiasee, vorbei an der BMW Welt und langsam Richtung Nord-Westen und somit stadtauswärts. Bereits nach fünf Kilometern hatte ich mich zwischen Platz 30 und 35 eingeordnet. Auch wenn dies nicht die Platzierung war, die ich mir letzten Endes erhoffte, blieb ich ruhig und hielt mich an meinen Marschplan. Bereits nach sechs Kilometern erreichten wir im Dauerregen den ersten Waldabschnitt, bei dem es über aufgeweichte, recht matschige Waldwege ging. Als der Wald etwas später wieder verlassen wurde, erinnerten mich die Läufer um mich herum mit ihrer nun stark vollgespritzten Kleidung an meinen Crosslauf-Ausflug, den ich in meiner Zeit in Schottland wagte, als ich als Straßenläufer der Roadrunners Südbaden plötzlich zum Crossläufer des Hare & Hounds Running Clubs wurde. Da die schottischen Crossläufe, die von uns Deutschen wohl eher als „Matschklettern“ gesehen werden, keineswegs mit den deutschen Crossläufen, die von den Schotten schon eher „hay bale jumping“ genannt werden, zu vergleichen sind, wusste ich jedoch, dass man nach „wahren“ Crossläufen anders aussieht.

Aufholjagd trotz flottem Start

Bald waren zehn und kurz darauf auch 15 Kilometer gelaufen. Wie geplant fühlte sich alles locker an. Einzig der Gegenwind machte es uns Läufern zu diesem Zeitpunkt des Rennens schwer. Noch voller Energie, aber wissend, dass sich am Wind auf den ersten 50 Kilometern wohl wenig ändern würde, lief ich weiter kontrolliert. Den Halbmarathon erreichte ich etwas verfrüht nach 1:24 Stunden. „Bei einem Marathon würde das Rennen nun so langsam richtig beginnen, heute beginnt hier trotz bayrischer Blaskapelle aber gar nichts“, dachte ich mir und lief weiter. Mittlerweile hatte sich das Feld stark auseinander gezogen, sodass man nur alle paar hundert Meter einen oder mehrere Läufer finden konnte. Ich war mir jedoch sicher, dass es nicht bei Platz 30 bleiben werde. Nach und nach sammelte ich Läufer um Läufer ein. Nach rund 28 gelaufenen Kilometern erreichte ich so die Top 25, weitere knapp zehn Kilometer später die Top 20. Dazwischen musste zwischen Kilometer 32 und 33 allerdings noch ein grober Schotterweg, den ich zu diesem Zeitpunkt verfluchte, überwunden werden.

Weiter, immer weiter

Die Reise ging weiter durch kleine Dörfer und über zahlreiche Landstraßen. Auch wenn ich zeitweise weit und breit keinen Läufer sah, war ich nie alleine – der Gegenwind blieb mir, auch als es Richtung Marathonmarkierung ging, treu. Nach 41 Kilometern nutzte ich die Verpflegungsstelle zur kurzen Gehpause. Wasser, Banane, nochmal Wasser, weiter. Den Marathon machte ich wenig später nach 2:54:46 Stunden voll. Mit dem ersten Meter vorbei an der Damen mit Dirndl und Kuhglocke betrat ich Neuland. Auch wenn ich den Marathon fast zwölf Minuten langsamer wie noch in Paris am 09.04. gelaufen war, hatten die vergangenen Kilometer Spuren hinterlassen. Der Laufstil wurde schlechter, die Beine ebenfalls. Trotzdem kämpfte ich mich natürlich voran. Fortan orientierte ich mich wie geplant am 4:30 Minuten/Kilometer-Tempo. Wie vom zeitgleich beim Wings for Life World Run in Mailand laufenden Florian Neuschwander angekündigt, wurde es welliger. Das Tempo schwankte so nun immer mehr, der Wille war hingegen ungebrochen. Ich bemühte mich fortan noch gezielter auf einen ordentlichen Laufstil zu achten und verlor die Kilometerzeiten nicht aus den Augen. Auch wenn diese besonders aufgrund des welligen Streckenabschnitts schwankten, war ich auf Kurs. Nach harten Kilometern war das Ziel erreicht und mein ganz eigenes Breaking-Projekt, nämlich Breaking50, erfolgreich erledigt. Was aber, wenn man nach 50 Kilometern das weiße Catcher Car noch nicht einmal sieht? Auch diese Frage hatte ich mir bereits Tage zuvor gestellt und war schnell zur simplen Antwort gekommen: Dann lauf! Frei nach dem Motto meines Kindheitsidols Oliver Kahn machte ich also „Weiter, immer weiter“.
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Foto: Natalie Wangler

Auch zahlreiche Größen anderer Sportarten wie Beachvolleyball-Olympiasieger Julius Brink gingen an den Start.

„All in“ - die letzten Meter eines 53 Kilometer langen Rennens

Mittlerweile zweifelsohne schon etwas auf dem Zahnfleisch gehend – oder nennen wir es lieber laufend – ließ ich meine Laufuhr von nun an außen vor und versuchte einfach noch möglichst weit zu kommen. Nach 51 Kilometer sah ich das Catcher Car erstmals näherkommen, nach 52 Kilometer wusste ich, dass es nicht mehr lange gehen würde, bis mein Rennen ziemlich genau zwischen München und Augsburg ein Ende finden würde. So lief ich weiter, gab nochmal alles, passierte einen weiteren Läufer und lief immer näher an die Plätze neun, zehn und elf, die zusammenliefen, ran. Bevor ich die Dreier-Gruppe allerdings erreichen konnte, wurde ich selbst erreicht. Das Catcher Car hatte mich geschnappt, ich riss die Arme hoch und freut mich über einen Marathon, dem ich nun nicht nur das Wörtchen „Ultra“ voranstellen durfte, sondern auch über einen tollen zwölften Gesamtplatz und in erster Linie darüber 53,61 Kilometer für die gelaufen zu sein, die es nicht können. Platz 129 von 155.288 Läufern weltweit komplettierte das sehr gute Ergebnis.

Ein netter Zuschauer am Streckenrand reichte mir gleich ein Glas Wasser, sein Nachbar ein Apfel. Zwei, drei Minuten später kam ein Kleinbus um die Kurve, der die letzten, und somit die besten, Läufer einsammeln und zurück zum Münchner Olympiapark bringen sollte. Rund eine Stadionrunde später stiegen bereits die drei nächsten Läufer zu, die wenige Momente zuvor keine hundert Meter vor mir gelaufen waren. Die Jagd auf die letzten Acht begann. Erschöpft aber glücklich tauschten wir uns bereits im Bus aus. Nach weiteren 1,5 Kilometern stieg ein gewisser Hermann Achmüller, der 2001 als Pacemaker die erste Frau zu einer Marathon-Zielzeit von unter 2:20 Stunden geführt hatte, ein. Spätestens als der mit 61,62 Kilometern auf Rang drei gelandete Schweizer Manuel Wyss dazukam, entwickelte sich ein spannendes Gespräch, wodurch die geschätzten 90 Minuten im Bus zügig vorbeigingen. Beeindruckend, was meine beiden deutlich erfahreneren Kollegen, die beide bereits die 40 überschritten haben, mir als zu diesem Zeitpunkt gerade noch 22-jährigen Läufer von ihren Karrieren als Topläufer beziehungsweise als Triathlon-Profi berichteten. Schön war es zudem den diesjährigen Sieger Sebastian Hallmann mit dem Bus verfolgen zu dürfen und so hautnah dabei gewesen zu sein, als dieser nach 68,47 Kilometer vom Catcher Car eingeholt wurde.

Das Finisherbüffet der Letzten

Als Letzte aller 10.060 Läufer schlenderten wir gegen 18:30 Uhr durch das Marathontor des Olympiastadions und die Treppen hinauf. Die fleißigen Helfer der Veranstaltung hatten die Zielverpflegung mittlerweile schon wieder fast komplett abgebaut, sodass dieser Punkt für uns entfiel. Da wir das Finisherbuffet normalerweise als einer der Ersten erreichen, war auch das eine neue Erfahrung.

Beim gemeinsamen Abendessen tauschten Natalie (31,45 Kilometer), Alex (27,05 Kilometer), Liam (30,32 Kilometer) und ich (53,61 Kilometer) uns über unsere 142,43 Kilometer und das Event an sich aus. Auch wenn wir alle deutlich weiter als der Durchschnittsläufer (rund 15 Kilometer) gelaufen waren, konnten wir von unterschiedlichen schönen Momenten berichten und teilten die Meinung, dass sich ein Start beim Wings for Life World Run für jeden lohnt. Egal, ob drei Kilometer oder 83, ob laufend oder mit Rollstuhl, ob in München, Dubai oder per AppRun an einem beliebigen Platz unserer Erde. Fast jeder kann laufen, gehen oder sich im Rollstuhl fortbewegen. Nur gemeinsam ist es möglich eine möglichst große mediale Wirkung zu erzeugen, so auf das Thema aufmerksam zu machen und gleichzeitig noch 6,8 Millionen Euro zu sammeln.

Ob ich nächstes Jahr wieder in München starten werde? Wir werden sehen. Falls ich weder in München noch bei einem der anderen 25 Events dabei sein werde, starte ich eben als AppRunner und laufe ein paar Kilometer weniger. Eins steht aber fest: Ich komme wieder - und vielleicht werden dann ja die 55 Kilometer angegriffen.
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Autor: Jonas Müller 19.05.2017

Hier finden Sie weitere Informationen zum Wings for Life World Run München 2017.

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