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Skatstadtmarathon Altenburg Ein ganz besonderer Lauf

Leserreporter Günter Schmidt lief beim Skatstadtmarathon
Altenburg seinen 100. Marathon. Für ihn war das natürlich ein ganz besonderer Lauf.

Heike Drechsler +
Foto: Privat

So viel Zeit muss auch während eines Marathons sein: Foto mit Heike Drechsler.

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Marathon

Ich bin eine Null! Wussten wir schon, wird da so manch einer denken. Aber mal ehrlich, heute bin ich eine ganz besondere Null – die Null Einhundert. Diese Startnummer haben mir die Veranstalter vermacht, weil ich heute meinen 100. Marathon laufe.

Dadurch wäre ich fast zum Betrüger geworden. Nicht was ihr denkt, es hat kein Marathon gefehlt, aber normalerweise wäre ich heute schon den 102. Marathon gelaufen. Naja, dachte ich mir, da läufst du eben dreimal den 99., um die Veranstalter nicht zu enttäuschen.

Aber das Problem löste sich von selbst. Vor fünf Wochen hatte ich an einer Wanderung über schlappe 108 Kilometer teilgenommen, in dessen Ergebnis meine Mobilität etwas eingeschränkt war. Was mich fast zur Verzweiflung trieb, brachte meinen Arzt zum Schwärmen. Angesichts meiner Füße meinte er: “So große Blasen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen…!“

Marathon 99/1 fiel darauf hin aus, Marathon 99/2 endete nach 18 Kilometern. Es ist heute wirklich mein 100. Marathon!

Aber der will erst einmal gelaufen sein. Mit Lauffreund Andreas Gäbler treffe ich rechtzeitig im „Goldenen Pflug“ ein. Im Parkhaus der modernen Mehrzweckhalle stellen wir das Auto ab, nur die Treppe hoch, da haben wir auch schon unsere Startunterlagen in der Hand. Wer seine Sachen nicht im Auto gelassen hat, kann sie hier abgeben und nach dem Lauf auch duschen. Und wer Hunger hat, kann Frühstücken. Bis jetzt ein Rundum-Sorglos-Paket.

Bis zum Start auf dem Markt sind es etwa 400 Meter. Dort heizt schon Moderator Stefan Bräuer Läufer und Zuschauer ein. Der macht das sehr gut. Ich hoffe trotzdem, dass er mich nicht sieht. Denn wenn er mich sieht, bin ich dran…

Es gibt in Altenburg immer so eine Marathonwette. In diesem Jahr hat Tommy Kirstein gewettet, dass er die Halbmarathondistanz rückwärts läuft. Und dabei schneller ist als ein Marathonläufer. Dabei hat er sich als Gegner logischerweise keinen Kenianer einfliegen lassen, sondern sich irgend so eine Null ausgesucht. Genau, die Null Einhundert!

Verliert Tommy die Wette, läuft er die zweite Runde in einem Röckchen. Das würde ich gern sehen! Denn wenn ich die Wette verliere, dann wird es knüppelhart. Dann muss ich nächstes Jahr den Skatstadtmarathon barfuß laufen! Nein, nicht schon wieder Blasen an den Füßen…

Natürlich erwischt mich Moderator Stefan Bräuer. Er braucht ja nur am Start zu warten, irgendwann muss ich dort aufkreuzen. Dann folgt das, was ihr aus dem Vorfeld von Boxkämpfen kennt, der verbale Schlagabtausch. Tommy zeigt sich siegessicher, ich mich auch. Obwohl da zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Einerseits weiß ich, der Weltrekord im Rückwärtslaufen von Thomas Dold über 10.000 Meter liegt bei unter 40 Minuten. Das schaffe ich nicht vorwärts bei Rückenwind in Orkanstärke. Andererseits, wir sind hier nicht auf dem Elberadweg, wo Dold seinen Weltrekord aufgestellt hat. Die Strecke des Altenburgmarathons ist schon für Vorwärtsläufer sehr, sehr anspruchsvoll.

Start ist 9 Uhr. Tommy, sein Fahrradbegleiter und ich starten bereits 8.55 Uhr. Kennt ihr das Gefühl, eher starten zu dürfen, Elite zu sein? Aber das Gefühl brauche ich gar nicht erst zu beschreiben, die meisten von euch werden das ohnehin nie kennenlernen. Ich genieße das Klicken der Kameras, die letzten Fragen der Presse. Wir stehen im Mittelpunkt. Was sage ich, wir sind der Mittelpunkt. Und was denke ich? Mein Gott, wenn ich das Ding vergeige und langsamer bin als ein Rückwärtsläufer, dann bin ich für den Rest meines Lebens der Trottel der Nation.

Es geht los. Komisch, da läuft einer vor mir, den sehe ich von vorn, der guckt mich an. Daran muss man sich erst gewöhnen. Und der ist verdammt schnell unterwegs auf dem Pflaster des Altenburger Marktes, wo es leicht bergab geht. Die Zuschauer, die dichtgedrängt an der Strecke stehen, jubeln uns zu. Tommy vielleicht etwas mehr als mir.

Er hat ungefähr das Tempo, das ich ohnehin laufen würde. Aber kaum vom Markt runter, warten die ersten Anstiege. Langsamer wird er kaum. Ich denke an die Worte von Andreas Gäbler: Lass dich nicht locken, laufe dein Tempo!

Dann geht es einen langen Berg hinab zum Großen Teich. Ich bleibe meinem Tempo treu und merke, ich bekomme Vorsprung. Ich schaue mich nicht um, will gar nicht wissen, ob er mir noch an den Fersen hängt. Ich spitze nur die Ohren: Keine Fahrradgeräusch, keine Kommandos des Fahrradbegleiters sind hinter mir zu hören. Wo sind die Beiden? Ich glaube, ich leide an Verfolgungswahn…

Entlang des Großen Teiches ist die Strecke flach, dann erwartet mich im Stadtwald ein langer Anstieg. Endlich erreiche ich die erste Verpflegungsstelle bei Kilometer 5. Ein kurzer Blick nach hinten, er macht Hoffnung, aber es sind keine 100 Meter die ich einsehen kann.

Der Salzstreuer ist in der Jackentasche beim Skatstadtmarathon Altenburg

Ich hole meinen Salzstreuer aus der Jackentasche, schütte etwas Salz in den Wasserbecher. Salz ist wie Doping, nur erlaubt und viel billiger. Aber warum habe ich das eigentlich mitgebracht? Ich laufe in Altenburg! Da ist auch die Verpflegung ein Rundum-Sorglos-Paket. Da gibt es nicht nur Salz, da ist von Schokolade über Kekse bis zu Melonenscheiben alles im Angebot. Und das an ausreichend vielen Verpflegungsstellen - für eine Startgebühr zwischen 25 und 40 Euro (Nachmeldung).

Ich habe es schon erwähnt, die Strecke in Altenburg ist nicht ohne. Aber wenn es bergauf geht, muss es ja auch wieder mal bergab gehen. Man kann es so ausdrücken: Ein gesunder Wechsel zwischen Anstrengung und Erholung ist gegeben.

An einem Waldrand gibt es einen leicht ansteigenden Wiesenweg. Nicht lang, aber Tommy dürfte das nicht gefallen. Gerade als ich darüber nachdenke, überholt mich ein Läufer. Dein Konkurrent ist weit hinter dir, verkündet er. Aber was ist weit? 500 Meter oder mehr, ruft er mir zu. Na ja, da kann ich ja einen Gang runterschalten.

Und genießen! Vor allem die Vielfältigkeit dieser Strecke. Ich bin jetzt auf einem Abschnitt entlang einer Bundesstraße unterwegs, das mag nicht berauschend klingen. Aber hier bietet sich ein weiter Blick ins Altenburger Land. Wanderer sitzen am Feldrand – das ist Urlaubsidylle.

Dass Altenburg selbst auch einiges zu bieten hat, dürfte bekannt sein. Da ist die Spielkartenfabrik, wo seit über 500 Jahren Spielkarten hergestellt werden. Das Lindenaumuseum, mit der größten Sammlung frühitalienischer Tafelbilder nördlich der Alpen. Die Roten Spitzen sind Altenburgs Wahrzeichen, gehörten einst zu einem von Barbarossa gestifteten Augustinerkloster. Und wenn ich schon einmal beim Aufzählen bin, darf ich natürlich das Landestheater Altenburg mit seinen über 500 Plätzen nicht vergessen.

Hauptattraktion der Stadt ist das auf einem Porphyrfelsen errichtete Schloss. Ritter Kunz von Kaufungen hatte hier im Jahre 1455 die Prinzen Ernst und Albrecht entführt. Ja, für die, die es noch nicht wissen: Der wohl spektakulärste Menschenraub der deutschen Geschichte fand in Altenburg statt.

Freier Museums-Eintritt mit Medaille vom Skatstadtmarathon Altenburg

Die Marathonstrecke führt unmittelbar an all diesen Sehenswürdigkeiten vorbei. Und da heute auch noch die Museumsnacht stattfindet, genügt es sich nach dem Lauf die Medaille umzuhängen und schon hat man freien Eintritt in den Museen der Stadt.

Am Schloss denke ich noch einmal an Tommy Kirstein. Die steile Auffahrt zum Schloss, die Treppen hinunter in die Stadt, das alles ist schon für vorwärts laufende Menschen eine Herausforderung. Was es für rückwärtslaufende bedeutet, kann man nur erahnen. Am Ende hat Tommy die Wette verloren, wird etwa 30 Minuten nach mir die Ziellinie überqueren. Hut ab vor dieser Leistung!

Nach etwa 2:20 Stunden erreiche ich den Markt, beende die erste Runde. Die Massen toben, der Sieger der Marathonwette ist da! Aber auch wenn der nicht da ist, ist hier die Stimmung am Kochen. Dafür sorgen Dauermoderation, Live-Musik und Sambatänzerinnen. Normalerweise dürfte man gar nicht weiterlaufen…

In der zweiten Runde, am Berg im Stadtwald, läuft der Erfurter Roland Berner bei mir auf. „Sag mal, was war denn das für ein Gefühl, über Kilometer das Feld anzuführen?“, fragt er mich. Es war gar keins. Denn darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Schade eigentlich, so weit vorn war ich noch nie – und das wird mir wohl auch nie wieder passieren. Meinen Urenkeln werde ich noch davon erzählen! Dass ich früher gestartet bin werde ich aber weglassen…

Im Stadtwald herrscht reges Treiben. Inzwischen sind die 13-Kilometer-Läufer gestartet und überholen uns natürlich problemlos. Während ich den Läuferansturm zum Fotografieren nutze, schaut sich Roland immer wieder um. Wo bleibt sie denn? Haben wir sie verpasst? Sollten wir vielleicht warten? Auch so eine Geschichte für die Urenkel. Wenn ich denen mal erzähle, dass ich beim Altenburg-Marathon auf Heike Drechsler gewartet habe! Dann werden die später sagen, unser Uropa war schneller als eine Olympiasiegerin…

Dann kommt Heike Drechsler. Sie war gestern Abend Stargast der Eröffnungsveranstaltung und will heute die 13 Kilometer laufen. Sie wollte sicher auch durchlaufen – aber da war diese Null an der Strecke. Genau – die Null Einhundert. Ich kann es nicht lassen und muss Sie fragen, ob wir nicht schnell ein Foto machen können. Und Heike hat ja gesagt, ihren Lauf für mich unterbrochen! Es gibt Tage, die kann man getrost vergessen. Der heutige gehört nicht dazu!
Es gibt einige Stellen an der Strecke, an denen die Post so richtig abgeht. Die Stimmungshochburg befindet sich aber auf der Kulturmeile im Schlosspark. Dort wartet aber auch der schlimmste Berg der Strecke. Normalerweise würde jeder Läufer vom Anfang bis Ende des Berges fluchen. Normalerweise – aber nicht in Altenburg.

Hier schnappt man sich am Fuße des Berges seinen Getränkebecher, amüsiert sich unter den Klängen von Livemusik über die zahlreiche klugen Läufersprüche, die dort auf Tafeln zu lesen sind, lässt sich von den Cheerleadern anfeuern – und ist schon oben. Am Teehaus, wo ein Kinderfest stattfindet.

Danach geht es bergab auf historischem Pflaster. Nur eine kleine Gasse, aber gleich mit zwei Fanmeilen. Und wisst ihr, was uns an der einen angeboten wird? Da kommt ihr nie drauf. Ich habe schon Marathons erlebt, da wäre ich froh gewesen, wenn ich endlich mal einen Becher Wasser bekommen hätte – hier gibt es Sekt! Ja, ja – das Altenburger Rundum-Sorglos-Paket…

Im Ziel gibt es viel Applaus - für alle. Eine Rose - ebenfalls für alle. Und eine Medaille – auch für alle. Und dann gibt es noch eine Autogrammkarte von Heike Drechsler – natürlich nicht für alle. Die gibt es nur für den Wettsieger und das neue Mitglied im 100-Marathon-Club. Moderator Stefan Bräuer hat sie extra für mich besorgt.

Wisst ihr, was Heike da draufgeschrieben hat? Für Mister Marathon Günter Schmidt! Für eine Null, wenn es auch eine Null Einhundert ist, vielleicht etwas zu viel der Ehre. Mister Marathon und das noch von Heike Drechsler, das ist doch wie ein Adelstitel! Leute, die nicht so charakterfest sind wie ich, würden bei so viel Ehre größenwahnsinnig werden.

Kurze Zeit später laufe ich mit einer Krone auf dem Kopf über den Markt. Das Bild setze ich später bei Facebook rein, mit den Worten: Altenburg hat einen König…!

Noch ein Wort zur Medaille. Jedes Jahr gibt es eine andere, immer einer Karte des Skatspiels entsprechend. Dieses Jahr gab es die Rot 8. Ich freu mich schon auf den Tag, an dem ich alle Karten mein eigen nennen kann. Ich schaffe das! Und wenn ich dann im fortgeschrittenen Alter von 89 Jahren auch nur noch einen Marathon im Jahr laufen kann – es wird Altenburg sein…

Viel Lob, aber es gibt auch etwas, was mir am Skatstadtmarathon nicht gefällt? Ja, leider findet er nur einmal im Jahr statt…

„Ich möchte mich ganz herzlich bei den Organisatoren, Moderatoren, den Anheizern und Trommlern, den vielen fleißigen Helfern und den vielen Zuschauern an der Strecke und auf dem Markt bedanken. Altenburg ist ein ganz besonderer Lauf.“

Das sind nicht meine Worte, sondern die von Peter Then, der in seiner Heimatstadt seinen 25. Marathon finishte. Über 3.000 Teilnehmer in 13 Wettbewerben dürften es ähnlich sehen.
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Autor: Günter Schmidt 15.06.2016

Hier finden Sie weitere Informationen zum Skatstadtmarathon Altenburg 2016.

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