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Kathrine Switzer Eine Frau boxt sich durch

1967 gingen die Bilder vom Boston-Marathon um die Welt: Kathrine Switzer finishte das Rennen - trotz Widerstand des Veranstalters. Hier die Geschichte zum 50-jährigen Jubiläum.

Kathrine Switzer +
Foto: Adidas

Die damals 19-jährige Kathrine Switzer lief 1967 als erste Frau mit einer Startnummer ins Ziel beim Boston-Marathon.

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Frauenlauf

Fünfzig Jahre nach ihrem legendären Boston-Marathon 1967 – dort lief sie unerlaubterweise mit – finishte Kathrine Switzer diesen auch 2017. Im Interview berichtet sie, welche Unterschiede sie feststellen konnte und gibt Tipps fürs Marathonlaufen.

Kathrine, wie hast du deinen Marathon in Boston in diesem Jahr erlebt?

Kathrine Switzer: Das Rennen war einfach fantastisch, alle Leute an der Strecke haben mich angefeuert. Es war großartig, mit meinem 261-Fearless-Team zu laufen, wir waren 118 Frauen und 7 Männer. (Anm. d. Red.: Die Non-Profit-Organisation 261 Fearless möchte über das Laufen Frauen Selbstbewusstsein geben, sie vernetzen und einen gesunden Lebenstil fördern.)

Kannst du den Boston-Marathon von 1967 mit dem von 2017 vergleichen? Was sind die größten Unterschiede?

Alles war anders, was man sich nur vorstellen kann! Vor 50 Jahren war es bitterkalt, es gab Schneeregen und eisigen Wind. Die Männer im Rennen waren damals auch wunderbar, aber die Organisatoren waren es ganz und gar nicht. 1967 liefen 700 Läufer mit, es gab fast keine Zuschauer, vielleicht 10. In diesem Jahr liefen 25.000 mit. Die ersten starteten um 9:30 Uhr, danach starteten immer mehr – unsere Startzeit war dann um 11:15 Uhr. Es gab keinen Meter an der Strecke, an dem keine Zuschauer standen, außer an Brücken oder an Seen. Viele von ihnen hielten Schilder mit meinem Namen oder meiner Startnummer 261, die mir der Renndirektor beim ersten Mal abreißen wollte. Leute, die die Geschichte noch nicht kannten, haben dieses Jahr beim Boston-Marathon zum ersten Mal davon gehört und feuerten mich an.
Ein großer Unterschied war auch die Ausrüstung. Damals trug ich den Schuh „Adidas Special“, dieses Mal den Adidas Supernova mit Boost-Material. Am Tag vor dem Rennen hat Adidas das 261-Fearless-Team in die Runbase in Boston eingeladen, einen Store mit Museum. Dort gibt es noch einen einzigen Adidas Special, und den durfte ich signieren.

Gab es auch etwas, das noch genauso war?

Die Hügel habe ich genau wiedererkannt. Ich habe mich sehr gut an die Marathonstrecke erinnert. Nur dass wir in diesem Jahr die Berge förmlich hochgeschrien wurden von den Zuschauern. 1967 stand dort niemand. Aber die Zielgerade und das Gefühl, auf das Ziel zuzulaufen, war wie damals. Heute feierten uns die Zuschauer dort allerdings und viele Journalisten und Kamerateams erwarteten uns. Damals waren an dieser Stelle wirklich wütende Journalisten.
Genauso wie vor 50 Jahren habe ich auch die 261 als Startnummer vom Boston-Marathon bekommen. Damit feiern wir nicht nur die letzten 50 Jahre, sondern die Bewegung. Wir feiern die letzten und die nächsten 50 Jahre und wollen Frauen stark machen und ihnen Türen öffnen.

Welche Tipps möchtest du Läuferinnen heute mitgeben?

Mein Tipp für Läuferinnen: Lauft immer weiter. Versucht immer, gesund zu bleiben. Achtet auf euch und euren Körper. Denn wenn ihr gesund seid, könnt ihr laufen, und das gibt euch Kraft und Energie. Lebt bewusst, gesund und aktiv.
Wichtiger ist aber der Tipp, den ich Frauen geben möchte, die noch nicht laufen. Geht einfach raus, setzt einen Fuß vor den anderen, nur 10 Minuten. Das kann dein Leben verändern! Für Frauen, die noch nicht laufen, ist übrigens auch die 261-Bewegung.

Hast du noch einen Tipp für Läufer in deiner Altersklasse?

Gebt auf euch Acht. Macht einen Ruhetag, wenn ihr krank oder verletzt seid, oder auch zwei oder eine Woche. Versucht, so lange wie möglich gesund zu bleiben und zu laufen, denn das hält die Knochen stark und das Gewicht unter Kontrolle.
Übrigens geht es jetzt den alten Läufern so wie den Frauen damals. Die Leute sagen, das Laufen sei zu anstrengend für Ältere. Das ist lächerlich! Für mich war der Marathon jetzt mit 70 Jahren leichter als der Marathon 1967.
Kathrine Switzer +
Foto: Adidas

Noch heute setzt sich Switzer für Frauen und Laufen ein, zum Beispiel mit ihrem 261-Fearless-Projekt.

Frauen und Marathon – eine lange Geschichte

Die Frauen hatten es an­fangs schwer. Die Gründer der modernen Olympi­schen Spiele, allen voran der Franzose Pierre de Coubertin, hielten wenig bis gar nichts von der Frauen­-Leichtathletik. Während die Männer schon 1912 in Stockholm in insgesamt 20 Disziplinen auf fünf Mittel­- und Langstrecken um Medaillen kämpften, mussten die Frauen bis 1928 warten, bis auch sie die olympische Anerkennung erhielten. Erst durften sie nur über 100 und 800 Meter, in der Sprintstaffel, im Hochsprung und im Diskuswerfen antre­ten. Der 800­-Meter-­Lauf, den die Deut­sche Lina Radke gewann, war umstritten, weil Vorläufe und Finale an aufeinander­ folgenden Tagen stattfanden.

800 m für Frauen nach der Premiere wieder gestrichen

Viele Läuferinnen waren total erschöpft, einige bra­chen zusammen – ein gefundenes Fressen für die konservativen Kräfte, die darin den Beweis sahen, dass Frauen tatsächlich das schwächere Geschlecht seien. Es wurde argumentiert, dass die längeren Distanzen die zarte Weiblichkeit nicht nur überfordern würden, sondern dass sie sogar zu einer Vermännlichung oder Un­fruchtbarkeit führen könnten. Der Leis­tungssport würde den begrenzten Energievorrat verschwenden, den jede Frau für die Mutterschaft brauche. Viele medizi­nische Experten teilten diese Ansichten, und so entschied das IOC in Absprache mit dem internationalen Leichtathletik­ Verband IAAF, die 800 Meter wieder aus dem Programm zu streichen. Erst 1960 traute man den Frauen die 800 Meter wie­der zu, 1972 dann auch die 1.500 Meter.

Noch viel länger mussten die Marathon­läuferinnen auf ihren olympischen Einsatz warten. Erst 1984 war es so weit, obwohl die IAAF bereits 1928 eine erste beacht­liche Leistung aufgezeichnet hatte: Die Britin Violet Piercy lief im Alleingang in Chiswick 3:40:22 Stunden. 38 Jahre später wurde diese Zeit von einer andere Bri­tin, Dale Greig, unterboten (3:27:45 h). Doch den eigentlichen Durchbruch brachte erst der Auftritt von Kathrine Switzer.

"Ich war bloß eine junge Läuferin, die ihren ersten Marathon laufen wollte"

Es war im Dezember 1966 in Syracuse im US­-Bundesstaat New York. Die zu der Zeit 19-jährige Journalismus-Studentin Kathy Switzer war im Schneesturm unterwegs mit ihrem 50-jährigen Coach Arnie Briggs, der 15-mal den Boston-Marathon gefinisht hatte. Da sagte Briggs plötzlich: „Keine Frau kann Boston laufen. Wenn es eine schaffen kann, dann vielleicht du, aber du müsstest es mir vorher im Training beweisen.“ Und so starteten die beiden drei Wochen vor dem Boston-Marathon 1967 zu einem Testlauf über die 42 Kilometer. Am Ende fühlte sich Switzer so gut, dass sie vorschlug, noch acht Kilometer dranzuhängen. Am nächsten Tag kam Briggs zu ihr und sagte: „Melde dich für den Marathon an, im Reglement der Amateur Athletic Union ist nichts über das Geschlecht der Teilnehmer zu finden.“

Kathrine Switzer füllte das Anmeldeformular aus und unterschrieb, wie sie das immer tat, mit „K. V. Switzer“. Nun fühlte sich auch ihr Freund Tom Miller, ein Football-Spieler und Hammerwerfer, trotz seiner 106 Kilo herausgefordert: Wenn eine Frau den Marathon laufen kann, könne er das auch. Außerdem gesellten sich noch Arnie Briggs selbst und ein Läufer aus seinem Crosslauf-Team dazu. Am Renntag, dem 19. April 1967, liefen die vier von Anfang an zusammen. Switzer ahnte nicht, dass sie an diesem Tag in die Geschichte eingehen sollte. „Ich lief den Marathon nicht, weil ich etwas beweisen wollte“, sagt sie, wenn man sie darauf anspricht. „Ich war bloß eine junge Läuferin, die ihren ersten Marathon laufen wollte.“
Kathrine Switzer beim Boston-Marathon +
Foto: Getty Images

Trotz der Behinderung durch einen Offiziellen erreichte Kathrine Switzer 1967 beim Boston-Marathon das Ziel.

Die Rennleitung versuchte, Switzer zum Aufgeben zu bewegen

Doch dann geschah der Zwischenfall, der nicht nur ihr Leben veränderte, sondern auch die Rolle der Frauen im Sport. Lassen wir Switzer selbst erzählen: „Es war nach etwa vier Meilen. Wir hörten Gehupe, und jemand schrie: ‚Geht zur Seite, nach rechts!‘ Ein offener LKW bahnte sich den Weg durch die Läufer, gefolgt von einem Bus. Es waren Presseleute. Plötzlich verlangsamte der Fahrer das Tempo, die Fotografen begannen Bilder von uns zu schießen: eine Frau mit Startnummer inmitten der Männer! Wir lachten. Doch plötzlich stand ein Mann in einer blauen Jacke auf der Straße und zeigte mit dem Finger auf mich. Ich dachte, er sei ein Zuschauer, bis ich die blau-gelbe Schleife auf seinem Kragen erkannte und begriff, dass er zur Rennleitung gehörte. Er hielt mich an der Schulter fest und schrie: ‚Verlass sofort mein Rennen und gib mir die Startnummer.‘ Arnie versuchte vergeblich zu intervenieren und rief: ‚Lass sie laufen, Jock, ich habe sie trainiert.‘ Dann machte Tom ein paar Schritte auf diesen Jock zu und schubste ihn so heftig, dass er im Straßengraben landete. Wir liefen weiter, aber ich hatte Angst, dass dieser Zwischenfall böse Folgen haben würde.“

Vor allem sorgte der Vorfall dafür, dass Kathrine Switzer unbedingt ins Ziel kommen wollte. „Wenn ich aufgegeben hätte, wäre das ein Triumph für Jock Semple und seine Gesinnungsgenossen gewesen.“ Nach 4:20 Stunden erreichten sie das Ziel als Trio, Schwergewicht Tom, Switzers späterer Ehemann, traf eine Stunde später ein. Am nächsten Tag waren die Fotos nicht nur im „Boston Globe“, sie waren überall.

Van Aaken leistet in Deutschland Pionierarbeit in Sachen Frauen und Laufen

Für die Frauen-Laufbewegung hatte sich seit den 50er-Jahren auch der deutsche Sportmediziner und Trainer Dr. Ernst van Aaken starkgemacht. Er war ein Verfechter des Dauerlaufs (er entwickelte die „Waldnieler Dauerlaufmethode“) und forderte schon früh die Legalisierung von Frauen-Wettkämpfen auch über längere Distanzen. 1967, nur fünf Monate nach Kathrine Switzers Lauf in die Geschichtsbücher, ließ er beim Marathon in Waldniel drei Frauen teilnehmen. Dabei realisierte Anni Pede-Erdkamp in 3:07:26 Stunden eine – damals noch inoffizielle – Weltbestzeit. 1973 führte van Aaken den ersten Marathon nur für Frauen durch und zehn Jahre später sogar einen 100-Meilen-Lauf.

Van Aakens prominenteste Athletin war Christa Vahlensieck, geborene Kofferschläger. Zwischen 1973 und 1989 gewann Vahlensieck 21 Marathonläufe, sie verbesserte zweimal die Weltbestzeit, zuerst auf 2:40:16 und dann auf 2:34:48 Stunden, und holte elf nationale Meistertitel. Mit ihren großen nationalen und internationalen Erfolgen auf der Marathondistanz und darüber hinaus hat sie den Frauen in Deutschland die Tür aufgestoßen.

In den USA starten bei Straßenläufen inzwischen mehr Frauen als Männer

Seither haben laufende Frauen einen lange nicht für möglich gehaltenen Siegeszug angetreten. In den USA, dem Land, das uns vor 40 Jahren schon die Joggingbewegung beschert hat, nehmen an den Straßenläufen heute mehr Frauen als Männer teil, beim New-York-Marathon waren es im November 2016 unter den 28.548 amerikanischen Teilnehmern 49,9 Prozent Frauen. Und alles begann mit Kathrine Switzer, der Frau, die 1947 im deutschen Amberg als Tochter eines amerikanischen Offiziers geboren wurde und ihr ganzes Leben dem Ziel gewidmet hat, Frauen zum Sport zu motivieren: als Läuferin, Journalistin, Autorin, Fernsehkommentatorin.
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Autor: Britta Ost/Jürg Wirz 02.06.2017

Hier finden Sie weitere Informationen zum Boston-Marathon 2017.

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