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Alex Hutchinsons Lauflabor Sind Muskelschmerzen nach einem Marathon genetisch bedingt?

Bei einigen Menschen sind die Muskeln nach einem Marathon stärker geschädigt als bei anderen. Langsamer sind sie dadurch trotzdem nicht.

Mainz-Marathon 2017 +
Foto: Tomas Ortiz-Fernandez

Marathonläufer - wie hier beim Mainz-Marathon 2017 - haben nach dem Rennen unterschiedlich große Muskelschäden. Das ist genetisch bedingt. Schlussfolgerungen auf die Leistung sind daraus allerdings nicht zu belegen.

Vor ein paar Wochen machte eine Pressemitteilung mit einem provokanten Titel die Runde: „Sind Ihre Muskeln genetisch bereit, einen Marathon zu laufen? Der Weg für den Einsatz von Genetik im Training ist nun offen.” Die Presseinformation bezog sich auf eine Studie von Forschern des Exercise Physiology Laboratory der Camilo José Cela Universität in Spanien, die im PLoS One veröffentlicht wurde und Marker für Muskelschäden nach einem Marathonlauf untersuchte.

Früheren Studien zufolge, scheinen einige Sportler größere Muskelschäden zu erleiden als andere, trotz gleichartigem Training. Die neue Studie verknüpfte diese Unterschiede mit sieben Genvarianten und die Pressemitteilung legte nahe, „dass die Genetik für den erfolgreichen Abschluss dieser langen Distanz eine wesentliche Rolle spielt.“

Das Thema interessiert mich zum Teil wegen meiner eigenen begrenzten Erfahrung mit dem Marathonlaufen. Ich lief 2013 meinen letzten Marathon und habe dabei sehr gelitten. Obwohl ich der Selbstdiagnose eher skeptisch gegenüberstehe, war mein Eindruck, dass meine Vorbereitung, Renneinteilung und mein Energievorrat eigentlich in Ordnung waren, gleichzeitig wurde meine Oberschenkelmuskulatur förmlich zerrissen. Kann ich also meine genetische Veranlagung für diese akuten Muskelbeschwerden verantwortlich machen? Und könnten mir diese Erkenntnisse helfen, es nächstes Mal besser zu machen?

Die Studie untersuchte 67 Läufer beim Rock 'n' Roll Madrid-Marathon, die Blutproben und einige einfache Tests vor und nach dem Rennen absolvierten. Insbesondere wurden die Niveaus der beiden Proteine Creatin-Kinase (CK) und Myoglobin gemessen, die im Blut auftreten, wenn die Muskulatur beschädigt wird. Die verschiedenen Läufer wurden einer 14-teiligen „Gen-Score“ zugeordnet, je nachdem, ob sie keine, ein oder zwei Genkopien jeder der sieben Genvarianten mit niedrigerer Anfälligkeit für Muskelschäden aufwiesen.

Tatsächlich wiesen die Marathonläufer mit relativ niedrigem CK-Niveau nach dem Rennen (unter 400 Einheiten/Liter) auch eine höhere Genanzahl auf: durchschnittlich 5,2 von 14, verglichen mit nur 4,4 bei denjenigen mit höherem CK-Niveau. Die Messung des Myoglobins im Blut, die ebenfalls der Unterscheidung zwischen den Gruppen mit geringeren und stärkeren Muskelschäden diente, ergab ähnliche Resultate.

Das klingt erst einmal gut. Aber es ist noch ein langer Weg vom Hype der Pressemitteilung und der daraus resultierenden Nachrichten. Dazu einige Beispielüberschriften: „Vielleicht sind Sie für einen Marathon einfach nicht geboren, sagt die Wissenschaft“, so die amerikanische Nachrichtenzeitung Metro. Oder wie Reader´s Digest es ausdrückte: „Das erklärt alles: Ambitionierte Läufer sind genetisch begabt, wodurch sie weniger Schmerz empfinden.“ Im Untertitel wird weiter ausgeführt: „Brauchen Sie doppelt so lang, um die Ziellinie zu erreichen? Machen Sie dafür einfach Ihre Genetik verantwortlich.“

Kein statistisch signifikanter Unterschied feststellbar

Da ist nur ein Problem: Die tatsächlichen Rennergebnisse unterstützen diese Schlussfolgerung nicht. Beide Gruppen finishten den Marathon durchschnittlich in knapp unter 4:00 Stunden, ohne dass es ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen ihnen bestand.

Beide Gruppen wiesen ebenfalls eine grundsätzlich identische Verminderung der maximalen Sprunghöhe vor und nach dem Marathon auf. Die Veränderung der Beinmuskelkraft und die wahrgenommene Anstrengung während des Rennens wurden auch sehr ähnlich eingeschätzt. Und sogar die danach aufgetretenen Symptome eines Muskelkaters, die eng mit Muskelschädigungen verbunden sind, waren in beiden Gruppen nahezu gleich.

So wäre eigentlich eine bessere Überschrift gewesen: „Das erklärt nichts.” Ich zweifle nicht daran, dass die identifizierten Gene tatsächlich mit einem CK-Anstieg zusammenhängen und dass diese Zunahme irgendwie mit den Muskelschäden verbunden ist. Aber zumindest in dieser Studie haben diese subtilen Unterschiede wohl keine Aussagekraft darüber, wie schnell Sie laufen können oder wie angestrengt Sie sich fühlen.

Gewissermaßen können Sie die Ergebnisse als Beispiel für den zweifelhaften praktischen Wert vieler genetischer Tests nehmen, die derzeit für Athleten auf den Markt gebracht werden. Denn selbst wenn die Effekte echt sind, sind die daraus resultierenden Unterschiede nur sehr fein.

Und selbst wenn es große Unterschiede gäbe und die Gruppe mit weniger Muskelschäden deutlich schneller wäre – was würde das ändern? Würde Sie die Gewissheit, dass Sie genetisch zur Gruppe mit stärkeren Muskelbeschwerden gehören, davon abhalten, einen Marathon zu laufen? Falls ja, wäre das ein gutes Argument, diesen speziellen genetischen Test nicht zu machen.

Es gibt auch eine einfachere Schlussfolgerung: Lesen Sie die Studie und nicht die verkürzte Pressemitteilung oder die darauf basierenden Nachrichtenartikel. Für mich ist es schon interessant, mehr über die Faktoren und Gene zu erfahren, um vielleicht zu erklären, warum ich auf den letzten 10 Kilometern meines Marathons so schrecklich gelitten habe. Aber diese besondere Studie ist nicht das Alibi, das ich gesucht habe.
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Autor: Alex Hutchinson 12.05.2017
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