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Alex Hutchinsons Lauflabor Das Rätsel des Endspurts

„Wie entwickelt man einen besseren Endspurt“, fragt sich Alex Hutchinson in seinem Lauflabor. Während die Frage eindeutig ist, erweist sich die Antwort als sehr komplex.

27082015 Gesa Krause Bronze Peking 2015 +
Foto: photorun.net

Im Endspurt werden noch einmal alle Kräfte mobilisiert. Unser Foto zeigt das Finale über 3.000-m-Hindernis der Frauen bei der LA-Weltmeisterschaft in Peking.

THEMEN

Kohlenhydrate

Vor fast einem Jahrzehnt veröffentlichten Ross Tucker und seine Kollegen von der Universtity of Cape Town ein bemerkenswertes Diagramm, das die durchschnittliche Tempoeinteilung bei den Mittel- und Langstrecken-Weltrekorden der Männer im vergangenen Jahrhundert darstellt.

Langstrecken-Weltrekorde fast immer mit Endbeschleunigung

Die Muster sind bemerkenswert einheitlich. Auf 5.000 und 10.000 Metern wurde immer der erste und der letzte Teil des Rennens am schnellsten gelaufen – unter allen 66 Rekorden, die im modernen Laufzeitalter auf diesen beiden Distanzen aufgestellt wurden, war nur einmal, 1997 bei Paul Tergat, ein anderer als der erste oder letzte Kilometer der schnellste.

Tempoeinbuße auf der Mittelstrecke

Im Gegensatz dazu wird auf der 800-m-Distanz die zweite Runde praktisch immer langsamer gelaufen als die erste. Dies trifft seit 1912 auf alle, mit Ausnahme von zwei Weltrekorden (Jim Ryun 1966 und Dave Wottle 1972) zu.

Wenn man derartige Muster erkennt, macht es Sinn, nach ihrer Bedeutung zu fragen. Das sind die besten Läufer in der Geschichte, am besten Tag ihres Lebens – dann es ist ja wohl kein Zufall, dass alle Weltrekordler auf der Langstrecke etwas langsamer werden und dadurch am Ende mehr Energie übrig haben, während alle 800-Meter-Rekordhalter besonders schnell starten. Alles hat seinen Grund. Aber welchen genau?
Lauflabor Endspurt WR +
Foto: Alex Hutchinson

Die durchschnittliche Tempoeinteilung bei den Mittel- und Langstrecken-Weltrekorden der Männer im vergangenen Jahrhundert.

Drei verschiedene Ansätze

Es gibt dazu mehrere Ansatzpunkte. Es könnte ein Ergebnis der psychologischen Renneinteilung sein: Je weiter die Ziellinie noch entfernt ist, umso konservativer ist möglicherweise das Rennverhalten. Mich überzeugt dieser Ansatz nicht wirklich, weil wir sicherlich viele Ausnahmen kennen, in denen jemand aggressiv läuft und insgesamt mit einer schnellen Zeit belohnt wird, auch wenn er am Ende einbricht.

Es könnte auch eine rein physiologische Folge der begrenzten Versorgung mit anaerober Energie am Ende eines langen, überwiegend aeroben Rennens sein; im Vergleich zum 800-Meter-Rennen, in dem diese Reserven von Anfang an gebraucht werden. In diesem Zusammenhang ist die folgende Graphik aus einer brasilianischen Studie von 2013 interessant. Sie zeigt die Tempoeinteilung bei Rad-Zeitrennen über 13 bis 15 Minuten. Die Teilnehmer starteten entweder mit vollen (dunkle Quadrate) oder teilweise entleerten (helle Quadrate) Kohlenhydratspeichern. Der Endspurt ist im Rennen mit vollen Energiespeichern viel stärker, auch wenn er zu kurz ist, um die Kohlenhydratspeicher völlig zu entleeren, was für mich gegen eine rein physiologische Erklärung spricht.

Oder, wie Tim Noakes und andere vermuten, könnte der Grund eine Art Schutzmechanismus im Gehirn sein: Egal wie sehr Sie es auch versuchen, ist es Ihnen erst, wenn Sie kurz vor dem Aufgeben sind, erlaubt, auf Ihre Notreserven zurückzugreifen.

Dissertation untersucht Verhältnis der zentralen und peripherischen Erschöpfung

Auf der Endurance Research Conference in Kent stellte Christian Frøyd vom Sogn og Fjordane University College in Norwegen einige diesbezüglich interessante und relevante Ergebnisse vor. Frøyds Dissertation wurde von Noakes und Guillaume Millet von der University of Calgary gemeinsam betreut. Sie untersuchte das Verhältnis zwischen der zentralen Ermüdung (im Gehirn- und Nervensystem) und der peripherischen Erschöpfung (vor allem in den Muskeln) während Zeitrennen von drei, 11, und 43 Minuten.

Dieses „Zeitfahren“ war etwas ungewöhnlich, weil dabei die wiederholte Streckung des rechten Knies in einem bestimmten Rhythmus mit so viel Kraft wie möglich verlangt wurde (das heißt, man fuhr effektiv im eigenen Tempo,- eine Art einbeiniges Radfahren mit fester Trittfrequenz). Diese Vorgehensweise ermöglichte es den Forschern den maximalen freiwilligen Krafteinsatzes mehrmals zu messen, ebenso wie durch elektrische Stimulation zu bestimmen, wie hoch das Erschöpfungsniveau in den Muskeln ist und außerdem durch Elektromyografie (EMG = elektrophysiologische Messtechnik in der neurologischen Diagnostik) eine Einschätzung über die Stärke des Signals vom Gehirn zu bekommen.

In anderen Experimenten wurde schon versucht, ähnliche Dinge zu untersuchen, doch dort mussten die Probanden vom Rad steigen, um die Erschöpfungstests zu machen. Dabei stellte sich heraus, dass die Muskeln anfangen, sich innerhalb von Sekunden von der Ermüdung zu erholen, wodurch sich ein verzerrtes Bild der Erschöpfungsniveaus ergibt.
Lauflabor Endspurt Zeitrennen +
Foto: Alex Hutchinson

Das Diagramm zeigt die Einteilung und die Stärke des Endspurts der Rad-Zeitrennen mit vollen (dunkel) und entleerten (hell) Kohlenhydratspeichern.

Dauer des Zeitrennens als wichtiger Faktor

Die wichtigste Erkenntnis war, dass die Relation zwischen der zentralen und peripherischen Erschöpfung von der Länge des Zeitrennens abhängt – es gab beispielsweise keine Beweise dafür, dass es nur eine einzige Schwelle der Muskelerschöpfung gibt, die immer anzeigt, wann Sie Ihr Maximum erreicht haben.

Stärkerer Endspurt bei längeren Zeitrennen

Interessanterweise neigten die Probanden zu einem starken Endspurt in den 11- und 43-minütigen Zeitrennen, aber nicht im dreiminütigen Rennen - genauso wie die Weltrekorddaten im dem ersten Diagramm zeigen. Die EMG-Daten deuten noch in eine andere Richtung. Gegen Ende des dreiminütigen Rennens nahm die peripherische Erschöpfung schnell zu, trotzdem zeigte das EMG deutliche Spitzen nach oben, was bedeutet, dass das Gehirn versuchte, noch mehr Muskelfasern zu rekrutieren. Mit anderen Worten unterstützte das Gehirn auch im kürzeren Zeitrennen einen Endspurt, aber die starke Muskelermüdung bedeutete wohl, dass dieser Spurt zwar eine Verlangsamung verhinderte, aber keine Beschleunigung mehr auslösen konnte.

Klärt das die Frage, was einen Endspurt auslöst? Nicht soweit ich dies beurteilen kann. Die Ergebnisse schließen keine der möglichen Erklärungen aus. Aber sie machen deutlich, wie universell diese Rennstrategie zu sein scheint: Die 800-Meter-Rennen sind auch keine Ausnahmen von der Regel, dass jeder am Ende noch mal antritt - zumindest was das Gehirn betrifft. Umso allgemeingültiger dieses Muster ist, desto schwieriger ist es für mich zu glauben, dass sein Auftreten im menschlichen Ermessen liegt und nicht etwas viel tiefer Sitzendes widerspiegelt.

Endspurt beginnt im Kopf

Die rein praktische Frage ist natürlich: „Wie entwickelt man einen besseren Endspurt?“ Obwohl es sicher sehr komplex ist, würde ich sagen, dass dafür der allererste Schritt sein müsste, zu verstehen und zu glauben, dass man immer noch Reserven hat, die man allerdings erst am Ende des Rennens abrufen kann, egal wie der Rest des Rennens verlaufen ist.
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Autor: Alex Hutchinson 03.10.2015
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