Der Mythos: Zu viel laufen ist ungesund
Nach einem Artikel im Wall Street Journal lebt der Mythos wieder, dass zu viel laufen ungesund für den menschlichen Körper ist. Übertrieben?!
Neuste Artikel lassen den Mythos, dass zu viel laufen ungesund ist, wieder aufleben.
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In diesem Fall sollte es einem besonders vertraut vorkommen, weil an dem Heart-Leitartikel, dieselben Leute mitgearbeitet haben, die schon diverse negative Artikel zum Thema veröffentlichten ("Cardiovascular damage resultingfrom chronic excessive endurance exercise", Juli 2012, "Potential adverse cardiovascular effects from excessive endurance exercise", Juni 2012, "Exercise like a hunter-gatherer: a prescription for organic physical fitness").
Der Herzspezialist Paul Thompson sagte im Wall Street-Artikel: "Die Leute, die behaupten, dass man sich auch übertrainieren kann, manipulieren die Fakten. Sie verfolgen damit nur ihre eigenen Ziele". Natürlich verfolge auch ich eigene Ziele. Ich laufe gern, und das färbt unvermeidlich meine Perspektive. Es gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass die gesundheitlichen Vorteile des Ausdauertrainings ab einem gewissen Punkt auch ins Gegenteil umschlagen können. Doch wo ist diese Grenze? Keiner weiß es genau, aber mein persönliches Gefühl sagt mir, dass, wenn Sie mehr als eine Stunde pro Tag trainieren, Sie dies nicht nur aus gesundheitlichen Gründen tun.
Der Grat ist schmal. Aber entscheidend ist, dass dies auch nicht bedeutet, dass Sie Ihre Gesundheit schädigen, indem Sie eine Stunde pro Tag trainieren. Wenn Leute dies behaupten, stimme ich mit Thompson überein, dass sie die Fakten verdrehen. Zwei Beispiele:
1. Eines der Hauptargumente, die diese Auffassung stützen soll, ist eine Studie, die im Sommer auf einer Konferenz präsentiert wurde. Die Wall Street Journal-Beschreibung lautet: Eine Studie, die über drei Jahrzehnte hinweg 52.600 Menschen untersucht hat, ergab, dass die Läufer unter ihnen eine um 19 Prozent niedrigere Sterblichkeitsrate hatten als die Nichtläufer. Doch innerhalb der Läufergruppe verloren diejenigen diesen Sterblichkeitsvorteil wieder, wenn sie mehr als 32 bis 40 Kilometer pro Woche trainierten.
Doch ein Teil aus der Studie blieb dabei unerwähnt: Die Cox-Regression (das ist eine Überlebenszeitanalyse, bei der gleichzeitig der Effekt mehrerer Einflussgrößen auf eine Zielvariable untersucht wird) wurde verwendet, um den Zusammenhang zwischen Laufen und Sterblichkeit nach Anpassung der Basisdaten wie Alter, Geschlecht, Überprüfungsjahr, Körpermassenindex, Tabakkonsum, übermäßiger Alkohol-Konsum, Hypertonie, erhöhtem Cholesterinspiegel, genetischer Disposition und die Stufen anderer körperlicher Aktivitäten zu messen.
Das bedeutet, dass sie eine statistische Methode angewendet haben, die jedermanns Gewicht, Blutdruck, Cholesterin etc. im Grunde gleichgesetzt. Aber das ist absurd. Warum glauben wir, dass das Laufen für die Gesundheit förderlich ist? Weil das Laufen eben eine Rolle in Bezug auf Gewichtsreduzierung, Blutdruck, Cholesterin und so weiter spielt. Im Endeffekt sagen sie damit also, "wenn wir die allseits bekannten gesundheitlichen Vorteile von intensivem Ausdauertraining ignorieren, dann hat intensives Ausdauertraining auch keine Gesundheitsvorteile."
2. Ein weiteres, kleines Beispiel für diese Haltung wird in der folgenden Erklärung deutlich:
Eine sehr große neue Studie ergab, dass der Nutzen von Ausdauertraining nur bei einer Tagesdosis von bis zu einer Stunde intensiver körperlicher Betätigung entsteht. Über diese hinaus erreicht Ausdauertraining keinen weiteren Nutzen.
Bei einstündigem Sportprogramm täglich verbessert die Gesamtsterblichkeitsrate um 29 Prozent.
Wen und Kollegen antworteten, dass sie darüber wirklich Daten haben – die Hoffnung O´Keefes wird darin jedoch nicht bestätigt: Bei 120 Minuten täglichem Training lag der Hazard-Wert für die Gesamtsterblichkeit bei ungefähr 0,55. (Der Hazard-Wert gibt dabei die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ausfallereignisses in einem kleinen Zeitintervall an, also hier das momentane Sterberisiko.) Das ist ein besserer Wert als bei 60 Minuten Training pro Tag. Auch der Hazard-Wert für kardiovaskuläre Erkrankungen war bei 120 Minuten Training besser als bei 60 Minuten Training. Die nachteiligen Auswirkungen der Mehrbelastung durch das Training über eine Stunde am Tag hinaus schienen die Vorteile nicht zu überwiegen. "Wir waren nicht in der Lage, eine obere Grenze der körperlichen Aktivität, ob moderat oder anspruchsvoll, festzustellen, über die hinaus mehr Schaden als Nutzen in Bezug auf die langfristige Lebenserwartung festzustellen war."
Dieser Austausch fand statt, bevor die neue Welle von Rezensionsartikeln über die Gefahren von übermäßigem Training die Fachwelt überschwemmte. Und trotzdem wird die Studie immer noch als Beweis dafür zitiert, dass mehr als eine Stunde Training täglich gesundheitsschädlich sein soll. Wie es Michael Bubb von der University of Florida in einem späteren Brief an die Zeitschrift ausdrückte: "Die Interpretation der Daten, die in der Rezension von O'Keefe und anderen zur Verfügung gestellt wurde, ist irreführend, besonders im Hinblick auf die Antwort, die die Autoren der ursprünglichen Daten dazu gegeben haben."
Um mich zu wiederholen, ich wechsle nicht zum anderen Extrem und behaupte, dass übermäßiges Training nicht schädlich sein kann oder sogar, dass ein Zusammenhang zwischen Herzschäden und extremen Trainingsbelastungen unmöglich ist. Dies sind offene und legitime Fragen. Doch diese Panik-Mache ist dumm. Wir können über alles, was die "potenziellen" Risiken und Vorteile betrifft, spekulieren, aber die wirkliche Aussage ist glasklar: Wenn Sie mehr als eine Stunde pro Tag trainieren, werden Sie wahrscheinlich länger leben, als wenn Sie weniger als eine Stunde pro Tag trainieren.
