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Barfuß zwischen allen Fronten Zola Budd

Als Barfußläuferin und Jahrhundert-Talent betrat Zola Budd die Laufbühne, bald geriet sie zwischen alle Fronten.

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Foto:

Zola (rechts) bei den Cross Weltmeisterschaften 1986 in Neuf Chatel, Schweiz.

Zur Person

geboren am 26.05.1966 in Bloemfontein, Südafrika
Größe: 1,58 m
Gewicht: 48 kg


Auf den Namen Zola Budd stieß ich erstmals vor einem Vierteljahrhundert. Wenn all das stimmte, was man las, gab es da einen Teenager im südafrikani­schen Bloemfontein, im Herzen des Apartheid-Staats, der bar­fuß und in Höhenlagen gegen nationale Konkurrentinnen die Welt­rekorde des US-amerikanischen Lauf-Superstars Mary Decker angriff. Als begeisterter Sportler war ich neugierig geworden und bat Peter Younghusband, damals „Daily Mail“ Korrespondent in Süd­afrika, der Sache nachzugehen. Und damit begann eine Geschichte voller Probleme, Konfrontationen und Missverständnisse.

Die südafrikanische Laufszene war bereits 1982 auf Zola aufmerksam gewor­den, als sie mit 15 Jahren die nationale Meisterschaft über 1500 und 3000 Meter gewann. Richtig eingeschlagen hat allerdings erst eine Meldung im Januar 1984, als sie in einem Rennen in Stellen­bosch den Weltrekord von Mary Decker über 5000 Meter um mehr als sechs Sekunden unterbot – 15:01,83 gegenüber 15:08,26 Minuten. Doch der Rekord wurde nie anerkannt, weil Südafrika seit Anfang der Sechzigerjahre wegen seiner Politik der Rassentrennung von der internationalen Sportwelt ausgeschlossen war und zum Beispiel auch nicht an Olympischen Spielen teilnehmen durfte. Nach diesem Lauf überrannten Scharen von Reportern und Managern die Familie Budd. Sie belagerten das Grundstück und schnüffelten auf der Suche nach interessanten Motiven herum – und derer gab es einige.

Zola lebte auf einer Farm mit Vater Frank, einem Briten, und Mutter Tossie, einer Afrikaanderin. Dort gab es Tiere – unter anderem Strauße –, und so war bald zu lesen, Zola habe ihre Fähigkeit, schnell zu laufen, dadurch erworben, dass sie mit den Straußen trainiere. In ihrem Schlafzimmer gab es eine Sammlung von 39 Medaillen, die sie schon gewonnen hatte, und – zum großen Vergnügen der Reporter – neben Fotos der britischen Mittelstreckenstars Sebastian Coe und Steve Ovett – auch ein Poster, das Mary Decker zeigte. Der Höhepunkt des bizarren Werbens von Journalisten und Managern um die Gunst von Zola Budd war, dass die „Daily Mail“ 100 000 Pfund (damals umgerechnet rund 150 000 Euro) für die Exklusivrechte an ihrer Geschichte zahlte, das Mädchen mit seinen Eltern nach England brachte und arrangierte, dass alle auf schnellstem Weg britische Pässe bekamen. „Mein Vater erkannte meinen kommer­ziellen Wert“, schrieb sie später einmal, „und Pieter (Labuschagne, Zolas erster Trainer, Anm. d. Red.) sonnte sich schon im Gefühl des Prestiges, das er als Trainer einer Weltklasseläuferin erlangen würde. Zusammen mit der ,Daily Mail‘, die den ganzen Vorgang arrangiert hatte und daraus einen Riesen-PR-Coup gestaltete, machten sie aus mir eine Art Zirkuspferdchen.“
Am 6. März 1984 schrieb „Daily Mail“-Sportkolumnist Ian Wool­dridge, Zola sei das kostbarste Juwel der gesamten Leichtathletik-Welt. Zwar war ich es gewesen, der für die „Daily Mail“ den Kontakt zu Zola hergestellt hatte, doch als ich erfuhr, in was für einer Nacht-und-Nebel-Aktion sie nach England geschleust wurde und dass der Familie Budd britische Pässe besorgt werden sollten, damit Zola bei Olympia für Großbritannien laufen konnte, war ich ziemlich verärgert. „Damit will ich nichts zu tun haben“, sagte ich zum Chefredakteur, „für mich ist das ein PR-Gag und hat mit Sport nichts zu tun.“ Doch der sah das anders und erwartete meine Unterstützung.

Nachdem sie mit einer Privatmaschine klammheimlich auf dem Flughafen von Southampton gelandet war, wurde Zola in ein Haus in Guildford gebracht und trat dem örtlichen Club bei: Aldershot, Farnham and District. Gemeinsam mit ihrem Coach suchte sie ein geeignetes Rennen, um das geforderte Limit für die Olympischen Spiele zu unterbieten. Schließlich fiel die Wahl auf einen Wettkampf der Southern League in Dartford. Ich fuhr nach Kent, organisierte einen Aufwärmbereich in unmittelbarer Nähe des Stadions in Dartford, überredete die Platzwarte, die Aschenbahn optimal zu präparieren, schlug Zola vor, aufgrund des schlechten Zustands der Bahn Spikes zu tragen und briefte die Stadionsprecherin, die auch die unvermeidliche Pressekonferenz moderierte. Zur Eröffnung der Versammlung ließ sie tatsächlich „Chariots of Fire“ von Vangelis intonieren. Unbeeindruckt von dem ganzen Trubel gewann Zola das Rennen locker in 9:02 Minuten, was für die Olympia-Qualifikation ausreichte, und binnen einer Stunde war sie wieder verschwunden.

Wie zu erwarten war Zola für Apartheid-Gegner ein Symbol der Rassentrennungspolitik in Südafrika. Für die Auflage der „Daily Mail“ war sie ein Glücksfall. Und ihr Vater Frank Budd versprach sich von ihr einen willkommenen Geldregen. Frank erzählte mir einmal, er habe zwei Ziele im Leben. Eins sei, eine Million Pfund auf dem ­Konto zu haben, das andere, einmal mit der Queen Tee zu trinken. Er war nahe daran, beides zu erreichen.


Für einen Großteil der Probleme, die sich für Zola auftaten, waren ihre Eltern verantwortlich. Frank und Tossie waren über 30 Jahre verheiratet und hatten sechs Kinder. Frank war ein gedrungener Mann mit rötlicher Gesichtsfarbe, Tossie eine groß gewachsene, bodenständige Frau. Frank sprach Englisch, Tossie Afrikaans. Als die beiden nach England kamen, lagen sie in ständigem Clinch, und ­dieser Zustand besserte sich nicht, im Gegenteil – die Auseinandersetzungen wurden sogar noch schärfer. Zwei Wochen vor den Olympischen Spielen zog Zola zu Hause aus und drohte ­ihrem Vater, sie würde bei dem Großereignis nicht antreten, wenn er nach Los Angeles kommen sollte.

Frank kam nicht nach Los Angeles, und Zolas Rennen, das Duell zwischen Zola Budd und Mary Decker über 3000 Meter, wurde im Vorfeld von den Medien als das Ereignis der Spiele gefeiert. Doch der Wettkampf verlief ganz anders als erwartet: Mary Decker schien das Rennen von der Spitze aus laufen zu wollen, aber als Zola nach 1700 Metern die Führung übernommen hatte, berührte Decker beim Versuch, sie innen zu überholen Zolas Ferse und kam selbst zu Fall. Während Decker stürzte und auf dem Rasen des Stadions liegen blieb, lief Zola unter den Buhrufen der amerikanischen Zuschauer weiter. Nach dem Sturz bestimmten neben Zola die Rumänin Ma­ricica Puica und die Britin Wendy Sly das Tempo an der Spitze. Als noch 500 Meter zurückzulegen waren, fiel Zola aus der Dreier-Spitzengruppe heraus und wurde auf der letzten Runde sogar noch von einigen Läuferinnen überholt. Maricica Puica gewann schließlich in 8:35,96 Minuten, Zola torkelte als Siebte ins Ziel. Als Zola anschließend im Stadiontunnel auf Mary Decker traf, entschuldigte sie sich bei ihr. „Kümmer dich um deinen eigenen Mist“, fauchte ­diese sie an.

Fünf Monate später, im Dezember 1984, schrieb Mary Decker an Zola: „Ich wollte dir schon lange schreiben … wollte mich dafür entschuldigen, dass ich bei den Olympischen Spielen deine Gefühle verletzt habe … Mein Ausscheiden war für mich eine sehr große Enttäuschung, und ich habe sehr emotional reagiert … Wenn wir uns das nächste Mal sehen, möchte ich dir die Hand reichen, und wir wollen alles vergessen, was passiert ist. Wer weiß, manchmal werden ja aus den größten Gegnern noch Freunde.“
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Foto: Claus Dahms

Zola bei den Cross Weltmeisterschaften 1986 im Rennen in Neuf Chatel, Schweiz.

Doch die Probleme hörten auch nach den Olympischen Spielen nicht auf. Zola fand heraus, dass ihr Vater den Großteil des Geldes, das die „Daily Mail“ für die Story gezahlt hatte und das ihr aus diversen Promotion-Deals zustand, unterschlagen hatte. Sie kehrte nach Bloem­fontein zurück, um sich zu erholen. Im selben Jahr verlor sie drei Rennen gegen Mary Decker, ihre Form ließ zu wünschen übrig. Vor dem ersten dieser Rennen hatte der Renn-Promoter Andy Norman angefragt, wie viel Geld Zola für ein Revanche-Rennen verlangen würde. In der festen Überzeugung, dass kein Mensch derart viel Geld auf den Tisch legen würde, forderte ihr Manager dreist 90 000 Pfund (damals umgerechnet knapp 135 000 Euro). Doch die Summe wurde tatsächlich bezahlt.

Im Frühjahr 1985 gewann Zola die Crosslauf WM in Lissabon und stellte in London mit 14:48,07 Minuten einen Weltrekord über 5000 Meter auf. 1986 wurde sie wiederum Cross-Weltmeisterin und stellte einen Hallen-Weltrekord über 3000 Meter auf (8:39,79).

Obwohl niemand im Ernst glauben konnte, dass Zola die Apartheid Politik Südafrikas gut­heißen würde, hielten die Proteste gegen sie weiter an. Unglücklicherweise war sie jung und naiv genug, um durch die Anfeindungen und Unterstellungen aus dem Konzept gebracht zu werden, und so manches Mal war sie von all dem Druck, der auf ihr lastete, überfordert. Dabei wollte sie doch eigentlich nur laufen.

In den Jahren nach den Olympischen Spielen von Los Angeles litt Zola unter schweren Depressionen, und eine Verletzung an der rechten Hüfte trug nicht gerade dazu bei, dass sich ihr Zustand besserte. Nach längerem Suchen fand sie 1987 in Johannesburg einen Alternativmediziner, mit dessen Hilfe sie ihr Problem in den Griff bekam, so dass sie wieder schmerzfrei laufen konnte.

In einigen Rennen lief Zola auch weiterhin barfuß. Wenn sie auf Asphalt lief, trug sie übrigens immer Laufschuhe, nur auf der Bahn und im Crosslauf lief sie ohne. 1988 plante sie, für Großbritannien an den Cross-Weltmeisterschaften in Neuseeland teilzunehmen, obwohl Boykott-Drohungen im Raum standen. Daneben träumte sie davon, sich über 3000 Meter für die Olympischen Spiele im September desselben Jahres in Seoul zu qualifizieren. Am 16. April jedoch empfahl der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF dem briti­schen Verband, Zola für zwölf Monate zu sperren. Nach Ansicht der IAAF hatte sie bei einem Aufenthalt in Südafrika an einem Rennen teilgenommen.

Ich fragte Zola, ob sie einen Wettkampf bestritten habe, und sie verneinte. Sie zeigte mir ihr Trainingstagebuch, und ich konnte darin nichts finden, was auf ein Rennen hingedeutet hätte. Der britische Verband widersetzte sich jedenfalls der Aufforderung. Bevor jedoch irgendeine Untersuchung des Falls vorankam, brach Zola unter dem Druck zusammen. Mit Anzeichen einer schweren Depression floh sie nach Bloemfontein. Der Presse gegenüber erklärte sie: „Man hat mich wie eine Kriminelle behandelt. Ständig wurde ich gejagt. Ich halte das nicht mehr aus.“

Als ich mich am Flughafen Heathrow von Zola verabschiedete, war mir klar, dass sie zum ersten Mal seit ihrem 13. Lebensjahr eine Laufpause machen würde. Ihre Eltern hatten sich 1986 scheiden lassen, ihr Vater war zu Hause ausgezogen. Zola lernte in Bloemfontein den damals 26-jährigen Michael Pieterse kennen, Sohn eines vermögenden Geschäftsmanns. Am 15. April 1989 heirateten die beiden.

Heute ist Zola Budd, die ehemals heimatlose barfüßige Läuferin, 42 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Sie lebt zusammen mit ihrer 13-jährigen Tochter Lisa und den 10-jährigen Zwillingen Mikey und Azelle in Myrtle ­Beach im US-Bundesstaat South Carolina. „Ich bin froh, dass ich nach all den schlechten Lauferlebnissen von damals das Laufen heute wieder genießen kann, ganz ohne Druck.“ Außerdem lockte sie der Marathon.

Ich war dabei, als Zola bei ihrem ersten Marathonversuch 2003 in London nach 37 Kilometern aufgab, weil ihr Blutzuckerspiegel zu niedrig war. Letztes Jahr lief sie erst einen Marathon in Bloemfontein in 3:10 Stunden, und beim New-York-Marathon kam sie dann nach 2:59:53 Stunden ins Ziel. Diesen Marathon hat sie offensichtlich genossen, mit dem Training für den nächsten hat sie bereits begonnen. Sie läuft nach wie vor sehr leichtfüßig, und ich bin sicher, dass sie viel schneller laufen kann.

Zola hat einen Abschluss in Psychologie und strebt einen Master-Abschluss für eine Tätigkeit als Psychotherapeutin an. Von ihrem Mann Michael hat sie sich 2006 nach 17 Ehejahren getrennt. Ihr ­Visum für die USA ist zwei Jahre gültig. Sie hat zwei Olympia-Teilnahmen hinter sich, zwei Cross-WM-Titel errungen und eine Handvoll Weltrekorde. All die Rückschläge, die sie erlitten hat, haben ihr offenbar eins nicht genommen: die Freude am Laufen.

Alle Portraits aus der Serie "Von den Stars lernen" finden Sie hier
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01.07.2009
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