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Sportsfreundin Ricarda im Interview Laufen ist Herzenssache

Für Ricarda ist das Laufen mehr als Sport. Nach schweren Hüftoperationen und mit einem Herzschrittmacher ist Bewegung ein Privileg, das sich die 23-Jährige erkämpft hat.



"Hätte ich Sie nicht vor mir sitzen, hätte ich gedacht, das Geburtsdatum ist falsch. Die Diagnosen lesen sich wie von einer 89-jährigen kranken Dame." Für Ricarda sind solche Aussagen von Ärzten normal. Immerhin hat die Lübeckerin mit gerade mal 23 Jahren schon 2 schwere Hüftoperationen hinter sich und einen Herzschrittmacher in der Brust. Das hält sie allerdings nicht von ihrer Laufleidenschaft ab, ganz im Gegenteil: Auf der Strecke fühlt sie sich frei und ist eine Läuferin wie alle anderen.

Runner’s World: Du bist heute eine leidenschaftliche Läuferin – du und Sport habt euch aber nicht immer so gut verstanden, richtig?

Ricarda: Das ist wahr. In der 10. Klasse habe ich nicht mal eine Sportnote bekommen, weil ich mich immer vorm Unterricht gedrückt habe. Ich habe es einfach gehasst, obwohl eine 3 locker möglich gewesen wäre. Die Faulheit hat damals gewonnen.



Runner’s World: Die böse Faulheit ist heute aber kein Problem mehr für dich?

Absolut, der innere Schweinehund ist sehr zahm geworden. Fürs Laufen muss ich mich auch nicht motivieren – wenn ich mich nicht bewege, werde ich mies gelaunt. An Tagen, an denen ich auch lieber auf der Couch liegen würde, schaue ich auf meine Ziele. Die erreicht man nur mit Arbeit und Fleiß und eben nicht in der Jogginghose auf dem Sofa. Und gerade wenn man nicht laufen will, braucht man es eigentlich am dringendsten.

Runner’s World: Wann hat es zwischen dir und dem Laufsport das erste Mal gefunkt?

Das war vor 3 Jahren, als ich in meinen Triathlonverein eingetreten bin. Damals wollte ich ein regelmäßiges Lauftraining nach meiner ersten Hüftoperation. Ich glaube, da siegte das typisch Menschliche: Etwas nicht können oder dürfen, und gerade deshalb trotzdem machen wollen. Ich konnte früher vor Schmerzen kaum laufen, nach der ersten OP war das wieder möglich und hat mich deshalb auch gereizt.



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Runner’s World: Du hast deine Krankengeschichte schon ein paar Mal angesprochen: Was genau war bei dir sozusagen "kaputt"?

Leider einiges. Ich hatte eine Hüftfehlstellung, genauer eine Hüftdysplasie. Eigentlich wird das im Kleinkindalter festgestellt, bei mir kam das erst mit 18 Jahren raus. 2013 hatte ich eine Umstellungsoperation an der rechten Hüfte. Dabei wird das Hüftgelenk mehrfach gebrochen und im Winkel verändert. Vorerst war nur rechts geplant, da es links keine Schmerzen gab. Leider hat sich das geändert und 2016 stand dann die linke Seite an.
Den Herzschrittmacher habe ich 2015 aufgrund einer Herzmuskelentzündung bekommen. Die Entzündung hatte ich im Dezember 2014, aber man hat abgewartet, ob sich das Herz regeneriert. Den Schrittmacher habe ich dann im Mai 2015 implantiert bekommen.

Runner’s World: Und du warst gerade mal 18 bei der ersten OP. Wie reagiert man darauf, dass solche Eingriffe bevorstehen?

Bei der Hüfte war ich relativ "entspannt", weil ich wusste, dass mir die OP helfen wird und die starken Schmerzen nimmt. Mit der OP bestand eine gute Chance, die Schmerzen zu lindern. Und auch beim Herzschrittmacher war ich nicht wirklich ängstlich, da ich nach der Herzmuskelentzündung 5 Monate lang ständig umgekippt bin durch mein geschwächtes Herz. Da nimmt man alles an, das irgendwie helfen und Lebensqualität zurückgeben kann.

Runner’s World: Wie war die Zeit nach den Eingriffen?

Die war leider nicht so positiv wie meine Einstellung davor. Vor allem nach der ersten Hüft-OP war es der absolute Horror: Ich lag nur rum, durfte höchstens im 70-Grad-Winkel sitzen und das 12 ganze Wochen lang. Das zweite Mal war es zum Glück anders. Durch ein anderes Verfahren konnte ich direkt wieder sitzen und war sehr selbständig, hatte nur Hilfe bei Einkäufen oder im Haushalt, konnte auch alleine wohnen.
Direkt nach der Schrittmacher-Implantation hat es mich kurz gepackt, weil ich erst dann realisiert habe, dass ich ab da von so einem kleinen Gerät in meiner Brust abhängig bin. Aber nur 3 Wochen nach dem Eingriff habe ich an meinem ersten Laufevent teilgenommen.


Runner’s World: Das muss ein großartiges Gefühl sein, dann endlich nicht nur wieder auf eigenen Füßen, sondern sogar an einer Startlinie zu stehen.

Oh ja, unbeschreiblich schön. Am Anfang war es schon ein riesiger Erfolg, das Bein überhaupt anzuheben. Ich habe auch vor Freude geweint, als ich das erste Mal ohne Gehhilfen einen Schritt gemacht habe. Die Muskulatur nach den Hüftoperationen wieder aufzubauen, ein sauberes Gangbild zu haben, das alles war nicht einfach. Deswegen kann ich das Gefühl gar nicht richtig beschreiben, das ich bei meinem ersten Lauf hatte – aber ich musste danach allen davon erzählen, sogar meinem Operateur. Ich hatte so ein breites Grinsen und war so dankbar, dabei bin ich nur 3 statt die geplanten 5 Kilometer gelaufen. Aber das war in dem Moment völlig egal.

In ihrem Blog dokumentiert Ricarda ihre Leidenschaft: VomStartzumZiel.de

Runner’s World: Wenn du es zusammenfasst, was bedeutet Laufen für dich?

Vor allem 3 Dinge: Lebensqualität, weil ich es im Gegensatz zu früher einfach machen kann; Dankbarkeit, weil ich gelernt habe, dass man auch die kleinen Dinge wertschätzen sollte; und Gesundheit, weil mir das Laufen zeigt, ich bin gesund und kann genauso laufen wie andere in meinem Alter.
Außerdem sehe ich viel von der Natur und entdecke neue Dinge. Gleichzeitig komme ich zur Ruhe und schalte ab. Und danach bin ich einfach immer zufrieden. Für mich ist jeder Lauf ein Beweis, was man alles erreichen kann, wenn man es will – und das quasi "nur" mit Laufschuhen und Sportklamotten. Und 2018 ist mein erstes Jahr ohne Operationen.

Runner’s World: Und mittlerweile läufst du nicht nur, sondern nimmst an Triathlons teil.

Ja, meine Vereinskollegen sind daran "schuld". Sie haben mitbekommen, dass Laufen mit meiner Hüfte nicht immer so gut funktioniert hat und mir das Rennrad als Alternative vorgeschlagen. Und wer schon läuft und radelt, kann ja auch gleich noch schwimmen. Da ich das schon als Kind immer toll fand, hat das wunderbar gepasst. 2017 habe ich an meinem ersten Triathlon teilgenommen. Es waren 33 Grad und ich war so glücklich, als ich endlich angekommen bin, denn ich hatte auf der Strecke ehrlich gesagt ziemlich zu kämpfen. Im Ziel kamen mir dann die Freudentränen.

Runner’s World: Triathlon alleine ist dir aber nicht genug, denn eines deiner großen Ziele ist der Ironman.

Das ist er definitiv. Nächstes Jahr will ich erstmal einen Ironman 70.3 angehen, denn für den echten Ironman brauche ich definitiv noch mehr Trainingserfahrung und Fitness. Das entscheidet sich zum einen nach der Olympischen Distanz, die ich dieses Jahr mache und zum anderen nach meiner Herzkontrolle im Oktober. Aber prinzipiell spricht nichts dagegen. Und wenn es klappt, kullern beim Zieleinlauf bestimmt wieder ein paar Freudentränen.

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