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Sportsfreund Ramon im Interview Vom Laufmuffel zum Ultraläufer

Laufen? Fand Ramon früher nur langweilig. Bis er sich nach erfolgreichem Kampf gegen den Krebs in den Laufsport verliebte. Heute bestreitet der 28-Jährige Ultramarathons und Ultratrailruns



Je länger die Strecke, desto besser. Für Sportsfreund Ramon ist Laufen mehr als Freizeitbeschäftigung – für den Wahl-Braunschweiger ist es, etwas unerwartet, die große Leidenschaft geworden. Es fing damit an, dass er nach seiner Krebsbehandlung vor rund 10 Jahren überschüssiges Gewicht verlieren wollte.

Runner's World: Ramon, wie sehr füllt der Laufsport dein Leben aus?
Ramon: Um ehrlich zu sein, dreht sich der absolute Großteil meiner Freizeitbeschäftigung um Sport – wenn ich mal nicht laufe, bin ich im Fitnessstudio oder im Karateverein. Sogar mein Urlaub besteht aus sportlichen Reisen, zum Beispiel war ich 2015 mit Freunden in Lissabon um dort den Marathon zu laufen. Die Stadt haben wir uns natürlich auch angeschaut.

Sprich, keinen Sport treiben ist bei dir also Tabu?
Auf keinen Fall! Ich bin genauso für einen entspannten Nachmittag auf dem Sofa zu haben, mit Pizza und guter Serie. Die Balance macht's.

Runner's World:Hast du vor dem Laufen schon Sport getrieben?
Ganz lange nicht. Als Kind habe ich in viele Dinge reingeschnuppert, vom Fußball über Schwimmen bis Handball und Tennis, aber der Funke ist da nie übergesprungen. Erst in der Oberstufe im Gymnasium habe ich mit dem Karate angefangen. Vom Laufen war da noch keine Rede – im Gegenteil, ich fand es absolut furchtbar und langweilig.

Kaum vorzustellen, dass du als Ultraläufer den Sport mal nicht leiden konntest.
Dafür kann ich es absolut nachvollziehen, wenn Leute sich nicht vorstellen können, was jetzt für mich so schön daran ist. Ich hatte ja mal die gleiche Perspektive.

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Wie hast du denn dann zum Laufsport gefunden?
So komisch es klingt, ausgerechnet in einer Bar. Ein guter Freund meinte, dass er an dem Abend nichts trinken wollte und früh schlafen gehen müsse, da er am nächsten Morgen beim Halbmarathon starten würde. Das fanden natürlich erstmal alle langweilig – bei mir hat das aber irgendwie einen Schalter umgelegt. Ich habe mich gefragt, "warum kann ich das eigentlich nicht machen, statt Sonntags verkatert im Bett zu liegen?"



Und von da an waren du und das Laufen ein Herz und eine Seele?
Das hat noch ein bisschen gedauert. Aber meine innere Motivation war geweckt. Der besagte Freund und ich sind zufällig sogar aus unserem Heimatort in die selbe Stadt, sogar die selbe Straße, gezogen. Er hat mir immer mal wieder das Angebot gemacht, gemeinsam laufen zu gehen. ich war damals noch stark übergewichtig und überhaupt nicht fit. Es war auch wirklich eine ziemliche Quälerei am Anfang.

Das Übergewicht stammte von deinem Kampf gegen den Krebs?
Richtig. Normalerweise assoziiert man Chemotherapie mit dem exakten Gegenteil, also starkem Gewichtsverlust, davon bin ich am Anfang auch ausgegangen. Aber die hohe Menge an Cortison, die ich bekommen habe, und die fehlende Bewegung brachten genau das Gegenteil. Nach der Therapie kamen bei mir 105 Kilo auf 1,72 Meter Körpergröße zusammen.

Und du warst gerade mal 18, als du die Diagnose bekommen hast?
Nicht mal ganz 18. Die Diagnose Lymphdrüsenkrebs kam völlig unerwartet. Ich meine, klar, es war mir grundsätzlich klar, dass Menschen jeden Alters an Krebs erkranken können. Mir kam nicht eine Sekunde der Gedanke daran, dass ich Krebs haben könnte, trotz schrecklicher Rückenschmerzen, ständiger Müdigkeit und Krankheit. Ich hatte eine komplizierte Tumor-OP an der Wirbelsäule, danach bekam ich die Diagnose. Das konnte ich zuerst gar nicht akzeptieren.


Die Therapie hat bei dir aber sehr gut gewirkt.
Die Monate der Chemotherapie waren definitiv die längsten 6 Monate meines Lebens, alles nur auf Medikamenten- und Therapiepläne ausgerichtet. 6 Monate hören sich nicht nach viel an, aber ich war in der Zeit trotzdem schwach und ziemlich hilflos. Die Gewichtszunahme war für meine Moral auch nicht unbedingt das Beste.

Wie hast du in der Zeit Kraft geschöpft?
Viele Freunde und Verwandte haben mich in der Zeit besucht – wir haben sogar meinen 18. Geburtstag im Krankenhaus gefeiert. Ich habe ein riesiges Glück, dass ich ein paar großartige Freunde an meiner Seite habe, für die es selbstverständlich war, das mit mir gemeinsam durchzustehen und mir nicht von der Seite zu weichen. Auch, wenn es nicht immer einfach war.

Du hast in der Zeit noch eine Freundschaft geschlossen?
Richtig. Mein Onkologe und ich lagen vom ersten Termin an auf der selben Wellenlänge. Er half mir, während der ganzen Zeit meinen Humor nicht zu verlieren, war aber auch für ernste Gespräche immer zur Stelle. Er läuft selbst auch und wir sprechen viel über den Sport. Er hat mich erst kürzlich untersucht und mir attestiert, dass mein Herz fit genug für 100 Meilen ist!

Das ist eine großartige Entwicklung. Wie lange hat es denn gedauert, bis du wieder fit warst?
Das war natürlich ein ziemlich langer Prozess. Nach der Chemo geht es nicht direkt von 0 auf 100. Erst war ich in einer Reha-Klinik, damit der Körper sich erholt. Gerechnet vom Zeitpunkt aus, an dem ich wirklich wieder Sport treiben konnte, dauerte es sicherlich noch 2 bis 3 Jahre, bis ich wieder zufriedener und fitter war. Fit sein und sich wohlfühlen sind aber auch Langzeitaufgaben, die ihre Zeit benötigen. und mein Kumpel hatte viel Geduld mit mir und hat mir die Zeit gelassen, aus eigener Motivation heraus zu entscheiden, wann ich bereit für sein Lauf-Angebot war.



Und wann ist der Funke zwischen dir und dem Laufsport übergesprungen?
Ich erinnere mich noch an meine ersten 2 Kilometer, in dicker grauer Jogginghose und Pulli, meine Lunge hat gebrannt und ich wollte einfach nach Hause. Aber das Schöne am Laufen ist, dass man vor allem am Anfang schnell Fortschritte macht. Das war auch der Punkt: Ich habe erkannt, dass ich selbst etwas an meinem Körper und meinem Kopf verändern und verbessern kann, wenn ich konstant daran arbeite. Als ich durch meine Lauf-App quasi schwarz auf weiß gesehen habe, dass ich wirklich immer mehr schaffe, gleichzeitig mein Gewicht in den Griff bekomme und mich viel besser und gesünder fühle, habe ich mich definitiv verliebt.

Und diese Liebe hält bis heute an.
Oh ja! Durch das Laufen habe ich einen ganz besonderen Zugang zu mir selbst gefunden, wodurch ich ein viel zufriedener und selbstbewussterer Mensch geworden bin. Ob bei langsamen Läufen durch den verschneiten Harz mit einem eher meditativem Charakter oder bei harten Tempoeinheiten, bei denen ich mal richtig Druck ablassen kann – Laufen ist unglaublich vielfältig. Und das Entscheidende ist das erfüllte Gefühl, wenn ich hinterher zufrieden unter der Dusche stehe oder auf dem Sofa liege.

Apropos Liebe: Wie stehen deine Familie und Freunde zu deiner Leidenschaft?
Meine Freundin läuft selbst auch und unterstützt mich, wo sie kann. Ob ich morgens um 5 Uhr im tiefsten Winter im verschneiten Harz zum Ultralauf starte und hingefahren werden muss oder am Abend vor einem 100-Kilometer-Lauf nervös bin – sie ist da und dafür bin ich sehr dankbar, denn ohne diesen Support ginge vieles gar nicht. Einige meiner besten Freunde sind Läufer oder Triathleten, von daher teilen wir die Leidenschaft und trainieren zusammen. Nur meine Eltern und Großeltern sind hin und wieder besorgt, wenn ich von den langen Ultraläufen berichte, aber sie unterstützen mich auch, wo es geht, und sind sehr stolz.

Mittlerweile sind Ultraläufe dein Steckenpferd. Wie kam das?
Ich habe irgendwann gemerkt, dass bei mir die Liebe an der Sache an sich im Vordergrund steht, weniger persönliche Bestzeiten. Mir bleiben auch vor allem die Läufe in Erinnerung, bei denen ich viel über mich selbst lernen konnte. Das ist auch der Grund, warum ich mittlerweile viel lieber an Ultraläufen teilnehme, als schnellen Marathonzeiten hinterherzujagen. Bei Ultraläufen geht es in der Regel gelassener zu, die zeitlichen Dimensionen sind ganz andere. Mir geht es eben vielmehr darum, zu verstehen, dass es nicht immer nur schlechter, sondern auch wieder besser wird – auch wenn es sich nicht so anfühlt. Zum Beispiel war ich bei meinem ersten 100-Kilometer-Lauf in Wuppertal so bei Kilometer 70 ziemlich am Ende. Aber 10 Kilometer später war alles ganz anders und ich fühlte mich wieder gut. Ich finde, das ist gleichzeitig eine ziemlich passende Metapher für viele Lebenssituationen.



Diese positive Sicht der Dinge versuchst du auch an andere weiterzugeben?
ja, besonders an meine Schüler. Obwohl ich Englisch- und Geschichtslehrer bin, versuche ich schon, meinen Schülern über Bewegung ein positiveres Selbstbild zu vermitteln. Wir sprechen viel über sportliche Themen und ich versuche mit freiwilligen Angeboten, die Kids zur Bewegung zu motivieren. Außerdem fällt es Kindern und Jugendlichen viel leichter, sich zu konzentrieren, wenn sie sich parallel ausreichend bewegen.

Welche sportlichen Ziele hast du im Visier?
Wie schon gesagt, hat mir mein Onkologe ja bescheinigt, dass mein Herz fit für 100 Meilen ist. Das werde ich bei meinem nächsten großen Ziel auf die Probe stellen: Beim Mauerweglauf in Berlin am 11. August laufe ich zum ersten Mal eine Distanz von 100 Meilen, sprich rund 160 Kilometer, solo. Darauf freue ich mich jetzt schon wahnsinnig und bin stolz, dabei sein zu dürfen. Mittel- und langfristig möchte ich vor allem weiterhin so viel Spaß am Laufen haben und dabei ganz gesund bleiben. Damit ich diesen Sport bis ins hohe Alter nutzen kann um fit zu bleiben und so glücklich zu sein, wie ich es jetzt bin.

Auch unsere Partnerseiten Men’s Health und Women’s Health stellen im Rahmen unserer Aktion "Sportsfreunde 2018" Menschen und ihre bewegenden Geschichten vor. Lass dich auch von ihnen motivieren und inspirieren!
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Autor: Michel Gandon 11.07.2018
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