Top Themen: Laufschuhe | Laufuhren | Abnehmen | Trainingspläne | Individuelles Coaching | Laufen im Herbst | Erkältet? | Laufhelden | A - Z

Carrera de Montañas In 97 Minuten auf 5.400 Metern Höhe

RUNNER'S-WORLD-Leser Jens Georgi ging in den Bergen Boliviens im Rahmen der Serie Carrera de Montañas an den Start. Hier berichtet er über seine Erfahrungen und Erlebnisse.

Carrera de Montañas Bolivien 2018 (1) +
Foto: Jens Georgi

Die Läufer konnten trotz aller Anstrengung das beeindruckende Bergpanorama genießen.

THEMEN

Berglauf

In den letzten Jahren reizen mich immer mehr die längeren Kanten, Trails und Läufe in der Höhe. Nur zwei Wochen nach dem 6. Stadtmarathon von La Paz hatte ich mich am vorletzten Tag doch spontan entschlossen und am 24. März an einem der schönsten Trails teilgenommen (konnte mir dieses Event auf keinen Fall entgehen lassen). 20 Kilometer mit 5.360 Höhenmetern auf den Chacaltaya und weiter über den Milluni, danach der Abstieg Richtung Huayna Potosí. An zwei Stellen hatte es knapp 30 Zentimeter tiefen Schnee, doch durch die globale Erwärmung waren es vielfach nur noch Restflächen. Der Sauerstoff-Mangel ließ mich auf den ersten hundert Metern taumeln, die Beine fühlten sich an, als seien sie aus Gummi und wie einige Teilnehmer bewegte ich mich erstmal gehend vorwärts. Bald hatte ich mich akklimatisiert. Dann begannen die Aufstiege. Auf einem der höchsten Punkte erwartete uns das Sauerstoff-Gerät, das wir jedoch nicht benötigten. Der älteste Teilnehmer war hier längst nicht der Letzte. Ich hatte mir hingegen Zeit genommen, ganze 169 Fotos gemacht – wobei ich nur durch meinen vollen Handy-Speicher zu stoppen war – und hatte die Strecke am Ende in knapp unter vier Stunden unweit eines historischen Friedhofs gefinisht. Somit war ich voll auf den Genuss gekommen.

RUNNER'S-WORLD-Leser Jens Georgi stellte sich in den Bergen Boliviens einer besonderen sportlichen Herausforderung. Seine besten Fotos finden Sie in einer Bildergalerie über und unter diesem Artikel.

Das große Event stand mir jedoch noch bevor. Am 30.06.18 war der große Tag endlich gekommden. Die „Federación Boliviana de Ski & Andinismo“ hatte die womöglich härteste Meisterschaft Südamerikas mit Startern aus Frankreich, der Schweiz, Kanada, den USA und verschiedenen Nachbarländern Boliviens organisiert. Der Lauf sollte die Sportler über den Tuni-Condoriri bis zum Pico Austria auf 5.400 Höhenmeter führen. Und das mit einem reinen Anstieg von 957 Metern. Wer schon den 20 km Chacaltaya-Milluni hinter sich gebracht hatte, dem wurde seine Startnummer für die gesamte Laufserie „Carrera de Montañas” reserviert. Ich ging also erneut mit der Startnummer 404 ins Rennen. Zudem wurden wir einzeln begrüßt und sind gleichzeitig in der Qualifikation für die internationalen Ausscheide bis zum Finale in Japan 2022 gelistet.
Carrera de Montañas Bolivien 2018 (2) +
Foto: Jens Georgi

Nicht nur Jens Georgi hatte mit der Höhenluft zu kämpfen.

Start auf 4.500 Metern Höhe

Am Morgen brachten uns Busse die 40 Kilometer bis zum „Punto de Concentración“. Um 10:30 Uhr wurde in gut 4.500 Metern Höhe mit schon sehr starker Sonne gestartet. Man hatte die Strecke geringfügig geändert, sodass es bereits nach 300 Metern aufwärts ging. Zu diesem Zeitpunkt waren wir jedoch noch dabei uns an die Sauerstoff-Armut zu gewöhnen, weshalb wir gingen statt zu laufen. Zudem merkten wir, dass wir zu warm angezogen waren, da der vorausgesagte starke Gebirgswind ausblieb. Doch die silikongepolsterten Handschuhe kamen auf Geröll und Schnee voll zum Einsatz. Nach abwechslungsreichem Gelände ging es dann wirklich senkrecht aufwärts (43 bis 47 Prozent). Zunächst konnte man sich noch an den Büscheln des Paja-Brava-Grases hochziehen, später ging das aufgrund des rund 30 Zentimeter tiefen Schnees hingegen nicht mehr. Auch das lose Geröll, auf dem man immer wieder zurückrutschte, machte es nicht einfacher. Eine Eidechse machte es uns vor. Um Gewicht zu sparen, hatte ich recht wenig Flüssigkeit dabei, sodass ich auf Schnee ausweichen musste. Laufen, kraxeln, japsen, kleine Fotopausen wechselten sich ab. Auch mit leichten Schwindelanfällen hatte ich zu kämpfen.

Mit der letzten Kraft ins Ziel und zum Gipfel

Auf dem finalen Streckenabschnitt ging es einfach nicht vorwärts. Die Kraft war weg, zudem das ständige Einsinken und Zurückrutschen. Ich dachte fieberhaft an das vorgegebene Zeitlimit von zwei Stunden, auch wenn mir mein Computer eine Zielzeit von 1:29 Stunden erreicht hatte. Aufgemuntert von den Anfeuerungsrufen schaffte ich es dann doch. Nach 1:37:18 Stunden überquerte ich stolz die Ziellinie: glücklich und mit etwas Kopfschütteln, dass wir tatsächlich gerade 1.000 Höhenmeter innerhalb dieser kurzen Zeit überwunden hatten. Unter der Mittagssonne bot sich uns eine beeindruckende Sicht vom Gipfel auf der anderen Seite bis zum Titicaca-See und auf unserer Seite auf drei tiefblaue Bergseen, die wir passiert hatten. Umarmungen und die Finisher-Medaille gehörten hier natürlich dazu. Der besondere Lohn war jedoch dieses einmalige Panorama. Kein Wunder also, dass einige tolle Fotos auf dem recht engen Gipfel entstanden, während noch immer einige Teilnehmer das Ziel erreichten. Allerdings schaffte es rund ein Drittel des Starterfeldes nicht innerhalb der vorgegebenen Zeitlimits zu finishen, darunter auch zwei meiner besten, deutlich jüngeren Laufkameraden (ich war der drittälteste Teilnehmer). Die Disqualifikation all dieser Starter war die traurige, aber logische Folge.
Carrera de Montañas Bolivien 2018 (3) +
Foto: Jens Georgi

Besonders vom Gipfel aus hatten die Finisher eine gute Sicht auf das Panorama.

Eine Bergforelle als Stärkung nach dem Lauf

Nun folgt der Rückweg. Mindestens 15-mal rutschte ich ab und stürzte, glücklicherweise jedoch ohne Folgen. Weiter unten konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen und nahm im Gletscherwasser eines Sees ein erfrischendes Bad. Der restliche, rund drei Kilometer lange Weg war dann nur noch Erholung. Bei der Verpflegung und im Massagezelt tankte ich neue Kraft. Zwei Bergkinder tauchten auf, Anaí (sieben Jahre) und Raúl (fünf Jahre), die noch drei Geschwister haben. Sie baten um Geld oder Essen. Ich kaufte eine Nudelsuppe, die ich mit Anaí gemeinsam aß und gab ihr Geld, womit sie für Raúl eine weitere Suppe kaufte. Sie erzählte mir, dass sie sehr früh aufstehen müsse, da der Minibus, der sie morgens abholt, 1:40 Stunden bis zur Schule in El Alto brauche. Auch ihre Eltern waren in der Zwischenzeit gekommen. Sie hatten einen Eimer Bergforellen dabei, die sie verkauften. Wie auch andere Sportler kaufte ich Ihnen einen Fisch ab. Während noch auf zwei Verletzte gewartet werden musste, die von den Helfern der Bergwacht gebracht wurden, verließ ich mit dem ersten Bus den Ort des Geschehens.
Jetzt noch besser laufen: aktuelle Lauftipps, News und Tests >>

Autor: Jens Georgi 20.07.2018
Lesen Sie auch: Yasemin Can und Filip Ingebrigtsen Crosslauf-Europameister
Kostenloser Newsletter
RUNNER'S WORLD ERLEBEN
NEWS
Yasemin Can und Filip Ingebrigtsen Crosslauf-Europameister
Yasemin Can wurde zum dritten Mal in Folge Crosslauf-Europameisterin.

Foto: photorun.net

Als erste Frau gelang Yasemin Can ein Hattrick bei den Crosslauf-Europameisterschaften. Im... ...mehr

Superzeit bei der Marathon-Premiere
Abu Dhabi Marathon

Foto: ADNOC Abu Dhabi Marathon

Der 30-jährige Marius Kipserem siegte in Abu Dhabi und lief dabei in 2:04:04 Stunden die v... ...mehr

Vorweihnachtlicher Santa-Zauber in Dillingen
Weihnachtlicher Laufspaß in Dillingen.

Foto: Thomas Bücher

Beim Santa Lauf 2018 jagten zum elften Mal Hunderte verkleidete Weihnachtsfiguren über den... ...mehr

Sie sind hier: >> >>In 97 Minuten auf 5.400 Metern Höhe
(©) Motor Presse Hearst GmbH & Co KG Verlagsgesellschaft