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Jan Frodeno Die Kunst ist, an die Grenze zu kommen

Jan Frodeno, der Triathlon-Olympiasieger von Peking, geht im Training täglich an seine Grenzen. Das große Interview.

Jan Frodeno +

Jan Frodeno geht bei seinem Training regelmäßig an seine Grenzen.

RUNNER'S WORLD: Es gab ja in der Olympischen Geschichte erst drei Olympiasieger. Du bist einer davon. Was war das entscheidende – Glück, Schnelligkeit oder der unbedingte Wille zum Sieg?
Jan Frodeno: Von den drei Faktoren war sicher der unbedingte Wille zum Sieg die treibende Kraft. Das ist sicherlich das, was alles andere antreibt und was das Glück herausfordert. Und bedingt, dass man so viel Schnelligkeitstraining macht. Aber am Ende war es dann, wie immer ein Mosaik: Ganz viele Sachen, die zusammen spielen müssen. Es hätte zum Beispiel niemals ohne mein Team funktioniert, die immer für mich da waren, sich immer um mich gekümmert haben. Andererseits wäre natürlich nichts gegangen, wenn ich irgendwo verletzt gewesen wäre.

Du hattest eine sehr lange Vorbereitungsphase direkt vor den Olympischen Spielen. In der Rückschau muss da ja alles perfekt gepasst haben. Dein Trainer muss Dich gut kennen, Du kennst Deinen Körper sehr gut – wie individuell war Dein Trainingsplan, wie individuell war das Training auf Dich zugeschnitten?
Die Ironie daran ist ja, dass mein Trainer und ich erst Ende 2007 zueinander gefunden haben. Das heißt, ich habe mir die Olympia-Qualifikation ohne Trainer geholt. Ich habe selbst trainiert, mir meinen eigenen Trainingsplan gemacht. Dabei habe ich mich natürlich sehr gut selbst kennen gelernt. Und das hilft jetzt ungemein. Die Kommunikation mit meinem Trainer funktioniert sehr gut, wir sind da komplett auf einer Wellenlänge. Dabei hat sich das eigentlich mehr zufällig ergeben, dass wir uns zusammengesetzt haben und ein Trainingsprogramm erarbeitet haben, mit dem man die Nacht vor dem Wettkampf beruhigt schlafen kann. Weil man sagen kann: Mehr geht nicht.

Dein Trainer ist Roland Knoll, selbst ein erfahrener Triathlet. Musstest Du viel an Deinem Training ändern, nachdem Du ihn als Trainer bekamst?
Unendlich viel. Allein die Vorstellung der Umfänge und der Intensität, die wir dann realisiert haben, das war vorher undenkbar. Er hat mir eigentlich erst den professionellen Weg vermittelt. So dass ich jede freie Minute zur Regeneration genutzt habe, noch mehr auf die Ernährung geachtet habe. Das hatte ich zwar auch schon immer gemacht, aber es gab immer noch Raum zur Optimierung. Der Roland hat mir einfach mal ein Trainingsprogramm geschrieben, wo ich am Anfang dachte: Wie soll das funktionieren? Aber ich habe mich da rangetastet – und gemerkt: Es geht eigentlich. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen der Grenze, bei der man denkt, dass man einfach nur müde ist, und bei der man sich wirklich im Übertraining befindet. Die Kunst besteht natürlich auch darin, diese Grenze auszuloten.

Das heißt, Du hast festgestellt, dass Du Dein Trainingspensum weiter hochschrauben konntest als zuvor für möglich gehalten?
Deutlich weiter hochschrauben! Ich habe sowohl im Umfang, aber insbesondere auch in der Intensität deutlich zulegen können. Vorher habe ich viel Wischi-Waschi-trainiert. Mal im GA1-Übergang, sehr viel im hohen GA1-Bereich. Dagegen mache ich jetzt meine langen, lockeren Einheiten wirklich locker. Aber dann habe ich im Prinzip auch jeden Tag eine Einheit, wo ich an meine Grenzen komme. Das war für mich die Revolution.

Gab es komplett neue Trainingselemente, die dazu kamen – außerhalb der drei klassischen Triathlon-Disziplinen?
Naja, es wurde deutlich mehr Wert auf Technik gelegt wie etwa auf das Lauf-ABC und solche Geschichten. Es kam Krafttraining dazu; wobei ich das vorher schon viel gemacht habe – gerade durch meine Körpergröße habe ich da viel erlernen müssen, damit die Stabilität stimmt und ich die PS richtig auf die Straße bringe. Aber der wirklich große Unterschied war: Lauf-ABC, Sprünge, viel Technik – neben dem klassischen Tempotraining.

Du hast es angesprochen: Als es um den Endspurt in Peking ging, da war das neben den schnellen Beinen auch eine Kopfsache
Mit Sicherheit. Wenn Du zu viert auf die Zielgerade gehst, ist jeder heiß auf den Sieg. Bei 38 Grad in der Sonne, 400 Meter vorm Ziel ist jeder körperlich an der Grenze. Da ist es einfach die reine Willens- und Konzentrationskraft, sich nochmal zusammenzureißen.

Machst Du auch Mentaltraining?
Ja, Mentaltraining habe ich auch sehr viel gemacht. Oder Meditation, wie auch immer man das nennen will: Dahinter stand einfach die Auffassung, dass mein Körper vom Kopf gesteuert wird, man dementsprechend den Kopf konditionieren muss.

Nach dem Olympiasieg hast Du auch erst mal intensiv gefeiert – war der Anschluss dann in der nächsten Saison schwierig?
Ja klar, da haben wir erst mal gefeiert. Aber danach habe ich mir über die Weihnachtszeit eine sehr schwere Grippe eingefangen, bin dann eigentlich wieder gut in Schuss gekommen, habe mir danach aber komplett alle Bänder im rechten Fuß abgerissen. Das hat natürlich schon eine Weile gedauert, bis alles wieder richtig zusammenkam. Aber ich muss auch zugeben, dass ich Fehler gemacht und mich selbst überschätzt habe. Ich dachte schon: „So, jetzt müsst ihr erst mal kommen, Jungs!“ Aber es ist in der Weltelite dann – Gott sei Dank – so, dass man ganz schnell einen auf den Deckel bekommt!

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Autor: Urs Weber 22.10.2010
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