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Laufen bei Kälte und Dunkelheit am 69. Breitengrad

Ein Erfahrungsbericht zum Polar Night Halbmarathon Tromsö von Tom Klossek

Alle Infos zum Polar Night Halbmarathon Tromsö
Polar Night Halfmarathon Tromsø 2018

Der Polar Night Halfmarathon Tromsø in Norwegen am 6. Januar 2018. Laufen kann man, muss man aber nicht. Man kann es sich daheim, auf der heimeligen Couch, mindestens genauso gut gemütlich machen. Auch Laufen am 69. Breitengrad kann man, muss man aber ebenso wenig nicht. Und vor allem, warum 3.000 km in den Norden fliegen, um bei Kälte und Dunkelheit zu laufen und sich freiwillig den Arsch abfrieren?

Für den Durchschnittseuropäer ist alles, was oberhalb dem 60. Breitengrad liegt, eine kalte und düstere Ödnis, irgendwo im nirgendwo, nördlich von Nordeuropa, wo abgesehen von Eiszapfen im Prinzip nichts wächst. Wo es mehr Black-Metal-Bands als Einwohner gibt. Wo die Samen (ehemals Lappen, umgangssprachlich auch Führerschein genannt) in liebevoller Aufopferung die jährlich vom Weihnachtsmann geforderten Rentiere züchten und großziehen.

Wo man noch nicht mal genau weiß wie es dort aussieht, weil es immer und ständig dunkel ist. Wo es im Süden kuschelig frostig ist, im Norden hingegen derart schweine-arsch-kalt, dass ein normales Schimpfwörtervokabular gar nicht ausreicht, um die Temperaturen angemessen zu beschreiben Richtig, die Rede ist von Norwegen, was im beschneiten Skandinavien, gleich neben den fetten Saunafetischisten, den größenwahnsinnigen Legobauern und den fröhlichen IKEA-MöbelBedienungsanleitungsschreibern liegt.

Aber ganz so ist es nun doch nicht. Norwegen ist für meine Begriffe eines der schönsten Länder der Welt und immer eine Reise wert, egal welche Region man auswählt. Und Träume hat man immer und mit einem Trip dorthin erfüllte ich mir direkt mehrere davon. Und da das Jahr noch nicht mal richtig angefangen hat, war es also an der Zeit direkt mit dem Erfüllen einiger Träume zu beginnen.

Exakt vor einem Jahr habe ich mir die Idee in den Kopf gesetzt und noch nicht mal 24 Stunden gebraucht, meine Frau zu dieser Reise zu überzeugen, was ich noch heute für eines der Weltwunder halte. Also nicht meine Frau, sondern meine Überzeugungskunst. Zudem, ganz billig ist es da oben nun wirklich nicht.

5 Dinge habe ich mir für den Trip vorgenommen:
1.) Rentiere essen
2.) Nordlichter jagen
3.) Killerwale sehen
4.) Halbmarathon laufen
5.) und diesen möglichst unter 2 Stunden
(was mir angesichts der lapprigen Trainingseinheiten der Wochen vorher ziemlich illusorisch erschien)

In Tromsø, eine der nördlichsten Städte der Welt – die größte nördlich des Polarkreises – sollte dies alles möglich sein. Tromsø liegt 344 km Luftlinie nördlich des Polarkreises an eben jenem 69. Breitengrad, auf der Höhe der Nordküste Alaskas und Sibiriens, abgesehen von der bröseligen Atlantikküste traumhaft gelegen auf mehreren Inseln, umgeben von schneebedeckten Berggipfeln, Fjorden und Schären, 3.000 km von der Heimat entfernt.
Tromsø ist die Pforte zum Eismeer, das Tor zur Arktis.

Knapp eine Woche haben wir uns Zeit genommen die Stadt, die Region, über der jetzt im Winter die Polarnacht herrscht, zu bewundern, zu bestaunen, Nordlichter zu sehen, Rentiere zu essen, Wale zu sehen und mit Huskys zu kuscheln. Was noch fehlte: der „Polar Night Halfmarathon“. Am Samstag, 06. Januar 2018, pünktlich um 15:00 Uhr, also mitten in der Nacht, sollte der Startschuss fallen. Man konnte also noch in aller Ruhe das Frühstücksbuffet plündern. Die Tage vorher hatte es derart viel geschneit, so viel Schnee habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Was aber nicht allzu ungewöhnlich für diese Region ist.

Glücklicherweise entschied ich mich doch noch zum Kauf von Spikes, weil es schneefrei eigentlich nur noch unter dem Hotelbett war. Auch die „Klamottenfrage“ war nicht ganz so einfach, da die Temperaturen sich rasch änderten und weil es von jetzt auf gleich enorme Schneemassen von oben, von unten und von der Seite, sowie enormen Wind geben kann. Meine Gattin begleitete mich zum Start, machte noch ein paar Bilder und verkroch sich dann in ein kuschelig, warmes Café‘ – mit kostenloser WLAN- Verbindung versteht sich. Und an dieser Stelle sei angemerkt, dass wir bisher noch in keinem anderen Land besseren Kaffee getrunken haben, als in Norwegen. Selbst die Plörre aus irgendwelchen Automaten schmeckte absolut klasse.

Die Startnummer holte ich bereits am Vormittag – es war die 871 – und somit hatte ich kaum Stress vor dem Startschuss, außer dem üblichen Gang zur Pipibox. Blockstarts oder Startblöcke gab es nicht. Kein Gedränge, keine laute Musik, keine nervigen Luftballons. Alles war noch hell erleuchtet von der Weihnachtsdeko der Fußgängerzone, in der der Start um 15:00 Uhr erfolgte. Etwa 930 Starter beim Halbmarathon gingen ins Rennen und etwa 850 für die 10 und 5 km Distanz. Hier erfolgte der Start einige Minuten später.

Nervös war ich eigentlich gar nicht. Ich wollte den Lauf genießen, sofern man einen Lauf überhaupt genießen kann. Es sollte, wie gesagt, nur unter 2 Stunden bleiben. Aber es war die reinste Faszination, bei 5 Grad minus, im Fackellicht durch die Polarnacht zu laufen und dermaßen abenteuerlich das neue Jahr zu beginnen.

Durch die Spikes unter meinen Schuhen hatte ich mich relativ sicher gefühlt, wenn es auch ungewohnt war. Aber sie taten gute Zwecke. Zunächst ging es durch ein Wohngebiet, welches hügeliger war, als ich gedacht hatte, dann hinaus Richtung Wasser an den Tromsøysund, wo man dann schon den Wind spürte, noch im Rücken. Aber ab dem Wendepunkt am Airport sollte der Wind einem entgegenkommen. Was er auch gehörig tat. Die Pace zu halten war nicht möglich, dafür war es doch deutlich zu hügelig. Die schneebedeckte und gefrorene Strecke uneben, ich musste mich enorm konzentrieren. Und immer wieder diese Windböen. Hin und wieder dachte ich zufällig auf verlorengegangene Black-Metal-Bands zu stoßen, die beim Shooting ihres Albumcovers erfroren sind.

Obwohl die Strecke teilweise mit Fackeln oder auch durch die rötlich schimmernden Laternen romantisch beleuchtet war, hinterfragte ich mir schon einige Male, was machst du überhaupt hier. Teilweise waren die Bedingungen unter aller Sau, aber aufgeben oder „gehen“ war keine Option. Dafür war ich überraschenderweise doch relativ fit. Alle 5 km waren Verpflegungsstationen, aber ab km 15 waren die Wasserbecher und vor allem das Wasser darin gefroren. Zwischenzeitlich erreichte ich wieder die Stadt. Auf den Schildern stand die noch verbleibende Entfernung zum Ziel: 5 km to go, 4 km to go, 3 km to go.

Nun war es nicht mehr weit zum Stortorget, wo meine Tina im Ziel auf mich wartete. Und nicht mehr weit zur Finisher-Medaille, zum heißem Kaffee und zur heißen Dusche. Dann war sie endlich da, die letzte Kurve und das letzte lange Stück zum Ziel, die schnurgerade „Storgata“. 2 km to go, 1 km to go. Jetzt galt es die letzten Reserven zu mobilisieren, ein Grinsen für die Fotografen - und für meine Frau natürlich - aufzusetzen und den Zieleinlauf zu genießen. Auf die Uhr habe ich den ganzen Rennverlauf nicht geschaut, um mich nicht unnötig unter Druck zu setzen.

Als der Zielbogen aber dann in Reichweite war, konnte ich trotz der halb zugefrorenen Augenlider gerade noch die 1:58 erkennen und mir wurde klar, die 2 Stunden-Marke wird wohl fallen. Vor den letzten 100 Metern konnte ich meine Gattin entdecken, was den Zieleinlauf dann noch schöner werden ließ. Die Zuschauer jubelten einem zu und riefen Wörter, die ich nicht verstanden habe. Dann noch 50 Meter, noch 25 Meter, noch 5 Meter, endlich geschafft.

Wahnsinn, was war das für ein Gefühl die Ziellinie zu überqueren und von den Helferinnen die Medaille und die wärmende Folie umgehängt zu bekommen. Ich kam mir vor wie ein Gewinner. 1:59:02 stand auf der Uhr und der Stolz mir vom Wind ins frisch facegeliftete Gesicht geschrieben.

Am Ende dieser unvergesslichen Reise konnte ich zusammenfassen: Ich habe ein Rentier gegessen, kein ganzes, aber Teile davon, ich habe das beeindruckende Nordlicht, die schöne Lady Aurora sehen dürfen und einige Bilder im Gepäck. Ich habe Wale gesehen und dabei meine Seeuntauglichkeit erneut auf den Prüfstand stellen können und zu guter Letzt den „Polar Night-Halfmarathon“ unter 2 Stunden gefinished.

Das war ein Trip, alter Schwede. (oder sagt man heute nicht eher „in die Jahre gekommener Mittelskandinavier“?)

11.01.2018, Tom Klossek

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