Top Themen: Laufkalender: Alle Läufe auf einen Blick | Neuen Lauf eintragen | Individuelle Trainingsplanung und -beratung | Laufen

Leserreporter bei der TorTour de Ruhr Die Ruhr entlang zum Rheinorange

25 Meter hoch steht das Rheinorange dort, wo die Ruhr in den Rhein fließt. Es ist das Ziel der TorTour de Ruhr. RUNNER'S-WORLD-Leser René Krebber berichtet vom einzigartigen Lauf.

TorTour de Ruhr 2018 +
Foto: privat

TorTour-de-Ruhr-Läufer Christian wird von einem ganzen Team begleitet.

25 Meter hoch, 83 Tonnen schwer, 400.000 DM Kosten und in RAL-Ton 2400 gehalten.

Das ist das Rheinorange.

Das Rheinorange steht in Duisburg-Kaßlerfeld und ist die Landmarke, in der die Ruhr in den Rhein fließt.

Schon von weitem aus gut erkennbar, strahlt es Touristen und Einheimischen entgegen, aber aus 230, 160 oder 100 Kilometern sieht man keinen orangenen Lichtstrahl am Horizont. Um bei der TorTour de Ruhr das Rheinorange zu erreichen, muss man einiges tun.

Sagenumwobener Ultralauf

Alle zwei Jahre an Pfingsten findet die TorTour statt, jener sagenumwobene und weitbekannte Ultra-Lauf, an dem man nur mit Einladung des Veranstalters teilnehmen kann. Die TorTour besitzt eine wahnsinnige Strahlkraft und viele sind an ihr gescheitert und das aus gutem Grund, da der Lauf unheimlich viel von Läufer*in und Crew abverlangt. Die TorTour ist ein Lauf für Selbstversorger, jeder Teilnehmer muss mindestens 1-2 Personen mit zur Veranstaltung bringen, die rund um die Uhr da sind und mit Essen, Trinken, guten Ratschlägen versorgen und einer gehörigen Portion Teamgeist beseelt sind.

So kam auch ich zu diesem Rennen, von dem ich läuferisch noch sehr weit entfernt bin. Der 100-km-Lauf wird vom Veranstalter nicht umsonst Bambini-Lauf genannt und die eigentliche Distanz der TorTour sind die 230 Kilometer, da man im Verlauf dieser Kilometer von der Ruhrquelle im Sauerland, bis zum Rheinorange mitten im Ruhrpott läuft.

Achtköpfige Crew begleitet Christian auf den 160 Kilometern

Als Teil einer Crew, bestehend aus 8 Personen, einem Wohnmobil, 3 Fahrrädern und Verpflegung für eine ganze Kompanie, begleiteten wir den Trailtiger, aka. Christian W., über die 160 Kilometer.

Es ist kurz vor 18 Uhr in Arnsberg. Wir stehen im Startbereich. Die Läuferinnen und Läufer machen sich bereit, klatschen ihre Crews ab und es herrscht bei allen Beteiligten eine große Anspannung, man spürt das Kribbeln in der Luft. Die Glocken läuten, nicht die vom Kirchturm, sondern die aus der mitgebrachten Stereo-Anlage, es läuft Hells Bells. Unter den Läufern gibt es immer wieder ein erfreutes Hallo, Du auch hier? - man kennt sich. Es ist eine eingeschworene Gruppe, ein elitärer Kreis, an dem wir teilhaben können.

Gemächlicher Start in den Abend

Nachdem von 10 runter gezählt wird, starten alle gemächlich in den Abend, der Lauf wird noch genug Kräfte kosten, so dass sich keiner etwas beweisen muss und hektisch los sprintet. Wir kehren zu unserem Wohnmobil zurück, warten auf die Beendigung der Einführungsrunde um unseren Läufer noch mit den letzten Dingen für unterwegs zu versorgen. Er lässt sich Zeit, lässt es mit einer 7er Pace locker angehen und signalisiert uns, dass wir nur ordentlich Wasser bereithalten sollen, denn noch ist es mit ca. 24 Grad sehr warm. Das soll sich im Laufe der Nacht ändern.
Leserreporter René Krebber bei der TorTour de Ruhr 2018 +
Foto: privat

Solche Mitläufer wünscht man sich: Christian ist dankbar für jedes Bisschen Schatten, auch von einem mitlaufenden Baum.

Wir packen also alles zusammen, konsultieren das Roadbook, dass in DIN A0 ausgedruckt an der Außenwand hängt und fahren zum Parkplatz eines großen Lebensmittel-Discounter. Hier bauen wir unseren mobilen Verpflegungspunkt auf, wie wir es im Laufe der nächsten 24 Stunden noch oft machen werden und tratschen etwas mit den anderen Crews. Schnell werden noch letzte Einkäufe erledigt, Kaffee gekocht und sich bereit gemacht.

Nach 31 Kilometern wird der erste Pacer einspringen. Henning hatte nur zwei Wochen vorher den WHEW-100-km-Lauf gewonnen und ist daher in bester Form und Laune. Unser Läufer trifft am Parkplatz ein, begleitet von seiner Freundin Caro auf dem Rad und es werden erste Wunden versorgt. Ein Ziehen in der Kniekehle, lieber etwas Kinesio-Tape anbringen und wenn es nur für den Kopf ist.

Der Tiger und Henning machen sich auf den Weg, es ist in der Zwischenzeit kurz vor der Dämmerung und die beiden haben ihre Lampen dabei um in der Dunkelheit auch weiter laufen zu können.

Wir packen, wie geübt, unsere Sachen ein und stellen fest, dass die Temperaturen deutlich abgefallen sind. Die Nacht wird kalt, der Himmel ist sternenklar und die Erde noch nicht so voller Hitze, dass wir alle davon zehren können.

An der nächsten vereinbarten Stelle stehen wir an einer Landstraße, von der aus die Ruhr auf uns zuläuft. Die Läufer*innen erkennen wir schon von weitem, da sie wie eine Perlenkette aufgereiht hintereinander laufen und die Lampen sie ankündigen. Es ist kurz vor Mitternacht und Crewmitglied Eric stößt dazu. Er ist direkt von der Arbeit gekommen und hat immerhin bereits 480km mit dem Auto zurückgelegt und ist hochmotiviert. Er löst Caro auf dem Rad ab, da sie nun schon fast 7 Stunden auf dem Rad und deutlich durchgefroren ist.

Zu diesem Zeitpunkt stößt auch Antje zu uns, die uns auch die Nacht auf dem Rad begleiten wird. Wir kochen hier die erste Brühe mit Nudeln, auch diesen Vorgang werden wir die nächsten Stunden noch oft wiederholen.

Nach rund 40 Kilometer verabschiedet sich Pacer Henning nach vollbrachter Leistung und der zweite Christian, aka. Schluppe übernimmt die Lauf-Begleitung, er wird uns noch sehr lange und sehr intensiv erhalten bleiben. Von seiner Ultra-Erfahrung profitieren wir alle, da er immer wieder gute Ratschläge in Ernährungs- und Trinkverhalten sowie Pace gibt.

Harte Nacht für die Begleiter

Die Nacht verschwimmt in einem Kaleidoskop aus Navi bedienen, Parkmöglichkeit suchen, ausräumen, Nahrung vorbereiten, Läufer betreuen und wieder einräumen. Gegen 3 Uhr rafft es mich dahin und ich schlafe in dem Moment, in dem mein Kopf die Matratze berührt, ein. Nur 40 Minuten später weckt mich Wohnmobilfahrer Florian, der das Wohnmobil immerhin schon 500 Kilometer aus Bayern hierher gebracht hat, mit der Info, dass wir weitermüssen. Im fahrenden Zustand darf nicht geschlafen werden, ansonsten droht mindestens ein Punkt in Flensburg!

Da um 4:30 Uhr bereits die Morgendämmerung einsetzt, sind wir nun guter Dinge, da für uns der härteste Teil, die Nacht überstanden ist. In Witten-Herbede frühstücken wir Nutella-Kuchen, erfreuen uns am Frühnebel über der Ruhr und putzen frohen Mutes die Zähne.

Auch Christian gönnt sich eine kleine Erfrischung, wickelt sich in eine Decke ein, denn die Nacht steckt ihm noch sichtlich in den Knochen und betreibt Mundhygiene. Er freut sich sichtlich, die Cola, den Kuchen und alle weiteren Naschereien für einen kurzen Moment los zu werden.

Sonnenaufgang über der stillen klaren Ruhr

Wir packen motiviert ein und fahren Richtung Hattingen. Hier am Campingplatz liegt die Ruhr wie ein Spiegel vor uns: still, klar und kühl. Die aufgehende Sonne signalisiert aber, dass es heute warm bis heiß wird. Beste Voraussetzungen um weitere 10-12 Stunden zu laufen!

Wir nähern uns nun langsam Essen, an einer Brücke in Steele legen wir eine längere Pause ein und gönnen uns am frühen morgen ein isotonisches Sportler-Bier ohne Alkohol. Die Crew trifft ein und wir frühstücken ausgiebig, quatschen und muntern auf. Bei Christian macht sich die Müdigkeit und die Temperaturvorrausagen zu schaffen.

„Nur noch“ ein Marathon

Nach dem Boxenstopp geht es Richtung Baldeneysee. Hier findet jährlich einer der ältesten Marathonveranstaltungen Deutschlands statt und bis zum Rheinorange ist es auch „nur noch“ ein Marathon. Hier springt Thomas von Running-Podcast als Pacer ein, der sichtlich gut gelaunt, motiviert und mit engelsgleicher Ruhe zu uns stößt.
Rheinorange, Ziel der TorTour de Ruhr +
Foto: privat

Das Rheinorange. Jetzt den Triumph auskosten.

Da wir aber das 22-Stunden-Ziel aus den Augen verloren haben und zu diesem Zeitpunkt eher bei 24 Stunden am Rheinorange erwartet werden, muss ich mich von der Crew zwischenzeitlich verabschieden um den Rücktransport vom Ziel gewährleisten zu können. Eigentlich wollte ich nach der Tortour die rund 30 Kilometer mit dem Rad nach Hause fahren, wollte aber nicht erst am frühen Abend losfahren, zudem hatte ich mir etwas mehr Schlaf eingeplant, aber Pläne sind ja bekanntermaßen dazu da über Bord geworfen zu werden.

Ich lasse mich also von meiner Frau und Tochter abholen und genieße zuhause eine Dusche und eineinhalb Stunden wohltuenden Schlaf. Nach der Pause ziehe ich aber meine Laufsachen an und fahre Richtung Ziel. Als ich ankomme, checke ich den GPS-Track und sehe, dass die Crew nur noch fünf bis sechs Kilometer vom Ziel entfernt ist. Ich laufe also auf sie zu und mir kommen nach und nach Läufer entgegen, die sichtlich gezeichnet, auf dem Weg zum Ziel sind.

Nach etwa drei Kilometern entdecke ich endlich meine Crew. Wie lange wohl für uns beide die drei Stunden Trennung gewesen sein muss? Mir kamen sie gefühlt wie eine Ewigkeit vor und für die anderen wird es auch kein Augenblick gewesen sein.

h2:Die letzten 1.800 Meter mit Tempo!Als wir auf dem Boden die Marke sehen noch 1.800 Meter, schaut Christian mich an und sagt Tempo. Wir laufen die letzten 1.800 Meter in einer Pace unter 5:00 min/km. Zum jetzigen Zeitpunkt mit 160 Kilometern in den Beinen ist das absoluter Wahnsinn.

Die anderen Läufer und Läuferinnen stehen Spalier und klatschen. Ein Radfahrer kommt uns entgegen, dreht und fährt vor uns. Er ruft laut aus, dass ein Läufer kommt und alle machen Platz.

Wir sehen das Orange. Ich bekomme eine Gänsehaut über den kompletten Körper. Wir sehen den Rest der Crew und wir alle laufen nun ein paar Meter gemeinsam, bis wir Christian auf die Reise zu seinen letzten 50 Metern schicken.

Er soll sie alleine beschreiten, genießen, ankommen, den Triumph auskosten.

In dem Moment, in dem er das Rheinorange abklatscht bricht bei uns allen Jubel aus. Wir klatschen uns gegenseitig und das Orange ab und fallen uns in die Arme.

Als wir alle zufrieden und fertig in den Wiesen am Rhein liegen, wissen wir noch nicht was wir da gemeinsam durchlebt haben, dennoch spüren wir, dass das etwas ganz Besonderes und Einmaliges gewesen ist.
Jetzt noch besser laufen: aktuelle Lauftipps, News und Tests >>

Autor: René Krebber 20.06.2018
Lesen Sie auch: Vier erfolgreiche Guinness World Records
Kostenloser Newsletter
RUNNER'S WORLD ERLEBEN
Mehr zu Laufevents
Erfolgs-Coach Dieter Hogen gibt ein Trainer-Comeback
Der frühere Erfolgs-Coach Dieter Hogen gibt ein Trainer-Comeback in Berlin.

Foto: photorun.net

SCC Events hat ein Lauf-Team für Eliteathleten mit Lisa Hahner und Philipp Baar gegründet.... ...mehr

Bayrisches Duo in den Dolomiten siegreich
Südtirol Drei Zinnen Alpin Lauf Sexten 2018

Foto: Harald Wisthaler/Benedikt Trojer

Michelle Maier verbesserte den Streckenrekord und gewann als erste Deutsche der Geschichte... ...mehr

Sifan Hassan läuft Halbmarathon-Europarekord
Sifan Hassan läuft in Kopenhagen Halbmarathon-Europarekord

Foto: Copenhagen Half Marathon

Daniel Kipchumba war in Kopenhagen in 59:06 Minuten der schnellste Halbmarathon-Läufer. Di... ...mehr

Sie sind hier: >> >> >>Die Ruhr entlang zum Rheinorange
(©) Motor Presse Hearst GmbH & Co KG Verlagsgesellschaft