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Wladiwostok-Marathon 2018 Mehr als eine Träne wert

RUNNER'S-WORLD-Leser Günter Schmidt nahm am Wladiwostok-Marathon teil - der Erfahrungsbericht zu seinem 141. Marathon.

Leserreporter Wladiwostok-Marathon 2018 Günter Schmidt +
Foto: Günter Schmidt

Vor dem Startschuss war bei den Läufern die Stimmung trotz des Wetters bestens.

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Marathon

In Berlin oder New York kann jeder laufen, wie wäre es denn mal mit Wladiwostok? Die Anreise ist einfach: Ihr fliegt nach Moskau, dort steigt ihr in die Transsibirische Eisenbahn und schon sieben Tage später seid ihr in Wladiwostok. Wir haben drei Wochen gebraucht, nicht weil der Zug Verspätung hatte, sondern weil wir Zwischenstopps in Krasnojarsk, Irkutsk am Baikalsee und Ulan-Ude eingelegt haben. Und können nun von uns behaupten: Wir waren in Sibirien - und haben Sibirien sogar überlebt! Aber um ehrlich zu sein, besonders schwer war das nicht…

RUNNER'S-WORLD-Leser Günter Schmidt ging beim Wladiwostok-Marathon 2018 an den Start. Seine besten Fotos finden Sie in der Bildergalerie über und unter diesem Artikel.

Mit mir ist Gundolf Schmidt unterwegs, nicht mein Bruder, nein, viel schlimmer noch – nicht mal ein Läufer. Aber er hat sich gesagt, wenn ich nun einmal in Wladiwostok bin, will ich wenigstens einen Halbmarathon laufen. Ich habe ihn dafür trainiert, fast ein halbes Jahr lang, einmal die Woche eine Stunde – mehr hielt er für Körperverletzung…

Außer hier in Russland. Das waren aber auch Laufstrecken, entlang der Angara, am Ufer des Baikalsees, am Jenissei. In Krasnojarsk gibt es sogar eine Uferpromenade, die auf etwa einen Kilometer über eine Tartanbahn verfügt. Und das mitten in Sibirien! Also wenn in Deutschland beim Marathon der Zustand der Wege mal wieder zu wünschen übriglässt: Hier ist es ja wie in Russland – das ist der falsche Vergleich…

Etwa eine Woche vor der Veranstaltung haben alle angemeldeten Läufer eine E-Mail mit den wichtigsten Informationen zum Lauf bekommen. Aber viel muss man ohnehin nicht wissen. Und spätestens nach dem Lauf dürfte jedem klar sein, dass der letzte Satz der E-Mail ein Übersetzungsfehler ist: Wenn Sie sich verlaufen haben, rufen Sie uns an… Wer sich auf dieser Strecke verläuft, sollte die Sportart wechseln!

Anmeldung, Reisepass und Gesundheitszeugnis für die Startnummer

Die Ausgabe der Startunterlagen erfolgt im dritten Stock des Kaufhauses GUM – bereits ab Mittwoch und bis Freitag in der Zeit von 10 bis 19 Uhr. Vorzulegen sind die Anmeldung, der Reisepass und ein Gesundheitszeugnis. Der Ablauf an den U-förmig aufgestellten und von 1 bis 3 gekennzeichneten Tischen erklärt sich eigentlich von selbst. Ich glaube, der einzige Fehler, den man machen kann, ist an Tisch 3 zu beginnen. Aber so blöd bin ja nicht mal ich. Und außerdem wird man als Ausländer sofort von einem englischsprachigen Helfer angesprochen und in persönliche Pflege genommen.

Ach so, eine Erklärung mussten wir noch ausfüllen. Die gab es wahlweise in Russisch und Englisch. Ich bin auf beiden Sprachgebieten eine Niete, unterschrieben habe ich trotzdem. Haben alle gemacht – und bisher sind mir keine Unregelmäßigkeiten bei meinem Kontostand aufgefallen. Wird ja wohl nur die übliche Ausschlusserklärung gewesen sein.

Als ich Tisch Nummer 3 passiert habe, bin ich im Besitz der Startnummer, eines schönen Beutels und eines noch schöneren T-Shirts. Wenn ihr künftig bei einem Marathon einen Angeber in einem T-Shirt vom Wladiwostok-Marathon seht – das bin ich! Dass andere Läufer in Deutschland so ein Shirt tragen, die Wahrscheinlichkeit dürfte gering sein.

Im Beutel befindet sich übrigens neben dem üblichen Werbematerial eine kleine Broschüre mit allen wichtigen Informationen in Russisch und Englisch. Also ich weiß nicht, was euch noch daran hindern sollte, in Wladiwostok zu starten…

Mit dem Bus drei Stunden vor dem Start Richtung Russki

Start ist um 8:30 Uhr auf der Insel Russki. Die ist fast 20 Kilometer vom Stadtzentrum und damit auch vom Ziel entfernt. Aber da fahren Busse hin, zwischen 5:30 Uhr und 7 Uhr. Weil ich Deutscher bin, will ich natürlich den ersten Bus nehmen. Man weiß ja nie, ob das bei den Russen klappt…

Abfahrt zum Startort von Halbmarathon und Marathon ist auf dem zentralen Platz und als ich da auflaufe, muss ich wieder ein Vorurteil in die Tonne treten. Die Russen haben Busse, da stehen mehr als zehn moderne Reisebusse, einige Helfer – und ich. Ein Chinese kommt dann auch noch, es dauert aber bis 6:15 Uhr, bis alle Plätze im ersten Bus besetzt sind. Die Russen sind nicht so dämlich wie ich, die liegen noch im Bett.
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Foto: Günter Schmidt

Geduscht wurde schon während des Marathons ordentlich.

Der Bus fährt etwa zwei Kilometer und dann wieder zurück zum zentralen Platz. Dort öffnet der Fahrer die Tür und ich sitze fast allein im Bus. Alle Chinesen steigen aus, warum auch immer – vielleicht wollten sie nach China. Mann, sind die doof!

Nun werde ich wirklich zum Start gefahren, Das ist eine Besichtigung unserer letzten 20 Streckenkilometer, oder eben fast der gesamten Halbmarathonstrecke. Kurz nach der Brücke zur Insel Russki steigen die ersten aus. Der Start zum Halbmarathon, denke ich mir so. Vorsichthalber frage ich bei meiner Platznachbarin nochmal nach und erfahre, dass hier der Start zum Marathon ist. Der Bus ist schon im Anrollen, als ich zur Tür stürze. Mann, bin ich doof.

Ungebetener Besuch eines Wirbelsturm-Ausläufers

Habe ich mich eigentlich schon zum Wetter geäußert? Gestern hatten wir herrlichstes Sommerwetter. Laut Wetterbericht soll es morgen auch so sein. Nur heute ist etwas der Wurm drin. Vorsichtig ausgedrückt – man kann es auch Sauwetter nennen. So etwas habe ich bei einem Marathon noch nie erlebt. Ich habe nichts gegen Besuch, aber dass uns gerade heute ein Ausläufer eines Wirbelsturms besuchen muss, der in China ganze Landstriche platt gemacht hat, das finde ich gemein. Als ich aus dem Bus steige, flattert meine Jacke im Wind, als stände ich auf der offenen Ladefläche eines LKWs - der mindestens 100 km/h draufhat.

Der Startplatz ist für verwöhnte deutsche Läufer etwas gewöhnungsbedürftig. Im Nichts stehen auf einer Zufahrt zur Autobahn zwei kleinere Zelte, mehrere Dixis und ein LKW für den Gepäcktransport. Es ist eigentlich nur im Zelt auszuhalten. Da die Stühle schon alle vergeben sind, finde ich zumindest noch einen Platz auf einer Palette. Alle, die nach mir kommen, haben Stehplätze.

Habt ihr schon mal über eine Stunde auf einer Palette gesessen? Durch die fehlende Lehne meldet sich der Rücken. Später schmerzt das Gesäß, dann die Beine. Aber der alternative Stehplatz ist auch nicht der Renner. Bleibt nur, nach draußen zu gehen…

Als mir dieser Gedanke in den Kopf kommt, merke ich, dass es regnet. Dadurch füllt sich das Zelt so, dass ich keine Chance habe, es zu verlassen. Und so mache ich mir meine Gedanken. Über die Russen, von denen keiner jammert, die ihren Spaß haben. Und über mich, das deutsche Weichei!

Einheizen vor dem Startschuss bei Sauwetter

Vor dem Start werden die etwa 300 Läufer von einem Sprecher so richtig in Stimmung gebracht. Eh Jungs, das ist Sauwetter – aber das stört jetzt nicht einmal mich. Gute Laune ist ansteckend.

Wer von euch ist denn schon mal einen Marathon auf einer Autobahn gelaufen? Sicher keiner! In Wladiwostok führt fast die gesamte Strecke über eine zweispurige Autobahn. Ich weiß, die meisten hören jetzt auf zu lesen – dabei kommt das schönste immer erst zum Schluss.

Wir laufen also zuerst von der Stadt weg Richtung Inselspitze. Knappe zehn Kilometer sind es bis zum Wendepunkt und ich erlebe das, was ich seit drei Wochen in Russland schon erlebe: Ich komme aus dem Staunen nicht raus! Auf beiden Seiten bieten sich von den Hügeln immer wieder traumhafte Ausblicke auf Meeresbuchten, auf das Meer, auf Laubwälder. Logisch ist aber auch, wer vom Hügel gucken will, muss erst rauflaufen. Und das mehr als einmal, die Strecke hat es höhenmäßig in sich.

Wir laufen auch an der neu erbauten Universität vorbei. Ich denke mal, es sind bestimmt zwei Kilometer, die sie sich oberhalb der Pazifikküste an der Straße hinzieht. So eine Uni hat keine deutsche Stadt zu bieten!

„Also noch so ein doofer Deutscher“

Wir haben erst etwa fünf Kilometer zurückgelegt, da passieren wir den Halbmarathonstart. Ich dachte eigentlich, mein Freund Gundolf macht hier ein Foto von mir. Nichts, während ich den Hügel hochsprinte, hockt er im Zelt. Übrigens drei Stunden lang. Also noch so ein doofer Deutscher.

Verpflegungsstellen warten etwa alle fünf Kilometer auf das Läuferfeld. Wasser, Iso, Bananen, Rosinen und getrocknete Feigen sind im Angebot. Für mich persönlich ist das die ideale Läufernahrung.

Gern hätte ich für euch den Wendepunkt bei Kilometer 14 fotografiert. Keine Chance, das ist kein Regen mehr, das ist ein Wolkenbruch. Ich ärgere mich, dass ich an der dortigen Verpflegungsstelle keinen vollen Wasserbecher genommen habe. Aber das Problem löst sich von selbst. Als ich meine Rosinen gegessen habe, ist er voll.
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Foto: Günter Schmidt

Nach 5:15 Stunden hatte es unser Leser Günter Schmidt ins Ziel seines 141. Marathons geschafft.

Einsamer Autobahn-Marathon unter Wolkenbruch

Um mich ist es etwas einsam geworden. Lange war ich mit einer Russin gelaufen, um nicht zu schnell zu werden, aber noch vor dem Wendepunkt begann sie zu schwächeln. Nach dem Wendepunkt kamen mir noch vier Läufer entgegen. Die Intelligenten unter euch erkennen an dieser Aussage: Ich lag nicht in Führung…

Vor mir, nach mir alles Chinesen und Koreaner. Die Russen sind alle weg. Wladiwostok gehört nicht zu den Marathons, wo mal einem nach den fünften hundert Gramm Wodka einfällt, ich könnte ja auch mal einen Marathon laufen. Alles trainierte Leute und nicht solche Loser, die nach dem Mauerweglauf nicht viel mehr gemacht haben als etwas durch Sibirien zu schlendern…

Ich denke mir noch nichts Böses, als ich bei Kilometer 18 einige hundert Meter hinter mir ein Auto mit gelber Rundumleuchte sehe, dahinter ein Bus. Als ich den Halbmarathon passiere, wird mir erst klar: Die wollen mir Böses tun, die sammeln Läufer ein – das ist der Besenbus.

Den Besenwagen im Nacken

Dabei dachte ich, so schlecht bin ich gar nicht. Bei knapp 2:30 Stunden war ich am Halbmarathon, da dürfte ja das Zeitlimit von 5:30 Stunden zu schaffen sein. Aber der Besenwagen drängelt. Logisch, hinter dem Bus rollt eine endlose Autokarawane, weil wir die Autobahn blockieren. Diese Straße ist nun mal die einzige Möglichkeit, von der Insel zu kommen. Hunderte Autoinsassen werden uns verfluchen…

Gemeinsam mit einer Chinesin nehme ich den Kampf auf. Wie oft habe ich gegen den inneren Schweinehund gekämpft, das ist aber nichts gegen den Kampf mit dem Besenwagen. Aber noch sind Läufer hinter uns, es werden aber weniger…

Kurz nachdem wir wieder den Startort passiert haben, erreichen wir die Russkibrücke. Über die mehr als drei Kilometer lange und 70 Meter hohe Brücke laufen zu dürfen, kann man einer hohen Auszeichnung gleichsetzen. Nur einmal im Jahr dürfen da Fußgänger drauf – zum Marathon. Das wollte ich eigentlich genießen, aber mit einem Besen im Rücken hält sich der Genussfaktor in Grenzen. An Fotografieren getraue ich mir gar nicht zu denken.

Die hochmoderne und wunderschöne Brücke ist ein absoluter Hingucker – von unten. Und von oben? Ich wünschte mir, mindestens eine Stunde diesen Ausblick genießen zu können. Über den Pazifik, die Meeresbucht, die hüglige Landschaft, über Teile der Stadt. Hätte ich bei den Veranstaltern einen Wunsch frei: Zeitlimit verlängern – ich denke so auf 10 Stunden. Aber nein, ich ziehe den Wunsch zurück, die Autofahrer würden mich steinigen.

In Wladiwostok ist nach der Brücke vor der Brücke. Dazwischen etwa fünf Kilometer Stadt und einige Hügel, die für mich inzwischen Berge sind. Ich laufe ein Stück, gehe ein Stück – das bewährte Rezept hilft vielleicht auch im Kampf gegen den Besen. Im Nacken sitzt er mir noch nicht, aber weit entfernt wird er nicht sein. Ich drehe mich nicht um, ich will es gar nicht wissen.

Kein Auge mehr für Brücke Nummer zwei

Dann kommt sie, Brücke Nummer zwei, die Brücke über das goldene Horn. Während die in den Himmel ragenden Pfeiler der Russki-Brücke nach innen gehen, ragen die der Goldenen-Horn-Brücke auseinander. Na, wie Hörner so sind. Darüber mache ich mir beim Passieren die wenigsten Gedanken, ich will nur noch ins Ziel.

Mir ist klar, am Ende der Brücke geht es nach links – und schon bist du da. Aber es geht nach rechts, wir müssen noch einen großen Bogen laufen. Dabei will ich gar nicht mehr. Nein, ich will doch! Als wären es die ersten Kilometer jage ich die abfallende Straße zum Ziel hinunter, bis es geschafft ist. Und es ist mir fast peinlich, als mir das junge Mädchen die Medaille umhängt, da kullern Tränen. Beim 141. Marathon dürfte das eigentlich nicht passieren.

„In New York oder Berlin kann jeder laufen“

Ich bin so etwas von glücklich, denn es war schon so lange mein Wunsch, in dieser Stadt zu laufen. Aber ich habe doch nicht gewusst, dass es noch weit hinter Sibirien, im Fernen Osten so eine traumhaft schöne Stadt gibt, mit so einem wunderbaren Marathon. Und außerdem: In New York oder Berlin kann jeder laufen – aber ich bin in Wladiwostok gelaufen!

Übrigens: Gundolf hat seinen Halbmarathon in knapp drei Stunden gefinisht. Das ist nicht nur persönliche Bestzeit, damit war er auch bester Deutscher. Ich habe für den Marathon 5:15 Stunden gebraucht. Und Gnade Gott, einer von euch denkt: So ein Loser…Ich bin auch bester Deutscher…!

Und da man meine Bilder vom Marathon unter normalen Umständen alle löschen müsste, habe ich einige von unseren Ausflügen hinzugefügt. Es sind die, die bei Sonnenschein entstanden. Die schien ja immer – außer zum Marathon…
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Autor: Günter Schmidt 03.10.2018
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