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Ragnar Relay White Cliffs 2017 White Cliffs bei Nacht

10 Läufer, 30 Etappen, 177 Meilen. Das Ragnar Relay White Cliffs war das erste seiner Art in Europa. Eine Reportage über eine große Herausforderung und einen Riesenspaß.

Ragnar Relay White Cliffs 2017 +
Foto: Ragnar

Auch wenn das Ragnar Relay eine Team-Herausforderung ist, läuft man auf der Strecke oft allein. Bei dieser Landschaft lässt sich das aushalten.

Die Sonne verwöhnt uns an diesem Herbstnachmittag an der Küste von Kent im Süden Englands. Am Kiesstrand vor dem Deich liegen kleine Segelboote, ein paar Jungs baden im Meer. Unbeschwert genießen können wir diese Szenerie aber nicht. Denn Lucy hätte schon längst hier sein müssen. 6,7 Meilen war ihre Etappe lang, keine 11 Kilometer, mit einem in leichten Wellen abfallenden Höhenprofil. Für eine erfahrene Marathon- und Ultraläuferin wie sie ist das eigentlich ein entspanntes Warmlaufen. Zehn Minuten ist sie schon über der avisierten Zeit. Läufer für Läufer taucht am Deich auf, bei jedem denken wir, das muss sie sein, aber beim Näherkommen werden wir jedes Mal enttäuscht.

20 Minuten über der Zeit. Wir rufen an, sie geht nicht ran. Sie muss sich wohl verlaufen haben. Tanner Bell, einer der beiden Gründer der Ragnar Relays, hatte am Vorabend noch berichtet, dass das Verlaufen bei diesen Staffelläufen einfach dazugehört. Richtig ernst haben wir das nicht genommen. Jetzt passiert es schon auf der vierten Etappe, am helllichten Tag. Wir beratschlagen, ob wir Lucy suchen sollen. Im Video, das sich alle Teams vor dem Start anschauen müssen, wird erklärt, wie in einem solchen Fall zu verfahren ist. Der nächste Läufer und ein Begleiter warten am Wechselpunkt, die anderen suchen den verschollenen Läufer mit dem Team-Van. Ein paar Minuten geben wir ihr noch.

Dann, endlich: Lucy taucht am Deich auf. Noch eine letzte Treppe hinunter zum Wechselpunkt, dann übergibt sie das Staffel-Armband an mich. Zwei sehr kurze, aber wunderschöne Etappen liegen vor mir. Zusammen sind sie nur etwa zehn ­Kilometer lang, direkt an der Nordküste Kents, dazu Sonne und eine angenehme Brise. Ich renne meist allein am Deich entlang, überhole nur einmal eine andere Läuferin. Das Meer zieht meinen Blick an, sodass ich aufpassen muss, auf den schmalen Weg auf dem Deich zu schauen. Dann führt der Kurs durch ein Dorf, die Küstenlinie kann ich nicht mehr erahnen. Wo bleibt das nächste Schild? Minutenlang folge ich der Straße.

Ragnar Relay White Cliffs

Das Staffelrennen im ­Süden Englands, das erste Ragnar Relay auf europäischem Boden, hat laut Veranstalter eine der attraktivs­ten Strecken. Vom Start in Maidstone geht es zur Küste und mehr oder weniger an ihr entlang bis Brighton. Der Ablauf: Teams von zehn Läufern teilen sich die 30 Etappen, sodass jeder von ­ihnen innerhalb von etwa 24 Stunden dreimal läuft, am Tag und während der Nacht. 2018 findet das Ragnar Relay White Cliffs am 22. und 23. September statt.

Ragnar Relay Wattenmeer

Am 25./26. August 2018 wird das erste Ragnar Relay in Deutschland veranstaltet, von Hamburg geht’s entlang von Elbe und Wattenmeer nach Sankt Peter-Ording: runragnar.com/de
Habe auch ich mich verlaufen? Doch nicht auf einer Strecke von fünf Kilometern, die quasi nur geradeaus führt. Aber das letzte Schild liegt sicher schon einen, eineinhalb Kilometer zurück. Erst mal weiter. Irgendwann kommt der lang ersehnte Hinweis dann doch.Links abbiegen, wieder zum Meer. Vorbei an kleinen Fischerhütten mit abgeblätterter Farbe komme ich zum Wechselpunkt und hänge die zweite kurze Strecke an.

Unser Team besteht nur aus neun Läufern, eigentlich sind es beim Ragnar Relay zehn. Jeder läuft drei der insgesamt 30 Etappen, wir haben die drei offenen unter uns ­aufgeteilt. Über 177 Meilen führt uns das erste Ragnar Relay in Europa von Maidstone in Kent über Dover mit seinen berühmten Klippen bis ins Seebad Brighton. Die Event-Serie stammt aus den USA. Angefangen hat es 2004 mit einem Staffellauf, heute gibt es 19 Straßenrennen und 16 Trail-Staffelläufe im ganzen Land.

Ich übergebe das Staffelband an Clemens. Unser Van hat nun Pause. Typischerweise teilt sich jedes Ragnar-Team in zwei Van-Besatzungen zu je fünf Läufern auf. Van eins absolviert die ersten fünf Etappen, Van zwei die nächsten fünf und so weiter. Der Van-Wechsel findet an größeren Sta­tionen statt, die zum Teil Duschen und Essstände haben. Gestärkt mit Burgern, Obst und Riegeln ruhen wir uns ein wenig aus – vor allem die ersten beiden Etappen hatten es durch das Höhenprofil in sich, auch wenn es nur an Straßen entlangging.
Gegen acht Uhr abends sind wir wieder dran. Jeder trägt inzwischen die vor­geschriebene Leuchtweste, der Läufer zusätzlich Rücklicht und Stirnlampe. Im Dunkeln geht es für den ersten der beiden Christiane über wellige 8,9 Meilen in Richtung der White Cliffs – eine Härteprüfung für sein angeschlagenes Knie. Er beißt sich durch, dann rennt Christian Nummer zwei weiter bis St. Margaret’s at ­Cliffe.

Am Tag hätte er sicher eine Hammer-Aussicht gehabt, doch auch nach dem nächtlichen Lauf schwärmt er: „Man sieht die Landschaft vor seinem inneren Auge und fühlt und riecht die Klippen, während man läuft.“ Doch das Rennen bleibt anspruchsvoll, die Orientierung schwierig. Mehrmals trifft Christian Läufer, die nicht ­wissen, wo’s langgeht. Mithilfe der umfangreichen Ragnar-App, in der alle Strecken mit Karte abrufbar sind, gelingt es ihnen aber, den richtigen Weg zu finden. Dieser ist oft nur ein schmaler Pfad, umgeben von Sträuchern und Hecken, berichtet Lothar, unser nächster Läufer: „gerade so breit, dass man hindurchpasst“. Auch ihm macht die spärliche Beschilderung zu schaffen, gleich zu Beginn seiner Etappe läuft er in die falsche Richtung und muss umkehren. Organisator Tanner Bell, der für die Expansion nach Europa mit seiner ganzen Familie aus den USA hergezogen ist, beklagt später, dass Unbekannte teilweise Schilder entfernt oder umgestellt hätten. Im Van klappt die Orientierung dank des Navis und der in der App angegebenen Zielpunkte ausgezeichnet. Hier bilden Linksverkehr und die verflucht engen Sträßchen die Herausforderung.

Nach Lucys Etappe von Dover entlang der Küste bin ich wieder dran. Ein Stückchen vor mir sehe ich das Rücklicht des voranlaufenden Läufers. Auf jeden Fall dranbleiben, sage ich mir, denn etwas mulmig ist mir bei dem nächtlichen Lauf auf einsamer Strecke doch. Ich muss mich anstrengen, das Tempo mitzugehen, elf Uhr nachts ist nicht gerade meine Lieblingszeit zum Laufen. Von der Straße biegen wir in einen unebenen Hohlweg ab, es geht über alte Stufen und Steine auf und ab. Ich ­nehme die Stirnlampe in eine Hand, um den Weg genauer ausleuchten zu können, in der anderen halte ich die Mütze, die ich blöderweise aufgesetzt hatte. Auch spät am Abend ist es noch sehr mild, was man an den Wechselpunkten durch die Müdigkeit nicht richtig mitbekommen hat.

Ich folge dem Läufer vor mir etwas schneller, als ich auf diesem Untergrund eigentlich laufen würde, und das macht mir richtig Spaß. Nach dem Trailabschnitt zieht sich die Strecke an einer großen ­Straße entlang, um sich dann im Zickzack durch ein Hafendörfchen zu schlängeln. Wechsel und Pause, Van zwei übernimmt. Wir steuern den nächsten großen Wechselpunkt an, wo es reichlich Imbissbuden, aber nur eine spärliche Anzahl Dixi-Klos gibt. Nacheinander reihen wir uns in die langen Schlangen ein, Spitzenreiter wurde einer der Christians mit 40 Minuten Wartezeit. Trotzdem ist die Stimmung entspannt. Was soll man auch machen? Wildpinkeln ist streng verboten, das wurde den Teilnehmern eingeschärft und wird mit Disqualifikation bestraft. Denn ein gutes Miteinander zwischen Anwohnern und Ragnarians ist den Veranstaltern äußerst wichtig. „Love the locals“ lautet der Merkspruch dazu, der zu gutem Benehmen und zum Einhalten der Nachtruhe auffordert.
Wer nicht gerade Schlange steht, versucht im Van ein wenig zu schlafen. Um 2:50 Uhr startet die nächste Etappe von Christian Nummer eins, die längste des ganzen Rennens. Trotz Knieschmerzen traut er sie sich zu, schlüpft im inzwischen nicht mehr ganz so aufgeräumten Van in seine Laufschuhe. Lampe auf und ab zum Wechselpunkt. Wir Übrigen steuern mit dem Van einen Punkt auf seiner Strecke an, um ihm Wasser zu reichen. Der Wind pustet kräftig hier am Deich, während wir warten, kauern wir uns hinter eine Mauer. Ab und zu sehen wir das Auf und Ab einer Stirnlampe auf uns zukommen.

Wir feuern einen Läufer nach dem ande­ren an, aber Christian ist nicht dabei. Auch er hat sich auf seiner Etappe verlaufen, berichtet er, als er endlich kommt. An einer Kreuzung zweier Wege ohne Markierung hatte er dann einen anderen Läufer getroffen, ein dritter kam gerade aus einem der Wege zurück. Zu dritt navigierten sie sich querfeldein wieder auf die Strecke, über einen Golfplatz, Weiden, Wald und einen Graben. „Gut, dass wir uns getroffen haben“, berichtet er danach erleichtert. „Mitten in der Nacht, irgendwo im Gelände gibt es keine Konkurrenz mehr – man ist einfach froh, nicht allein zu sein.“ Der Rest der Etappe ist im Vergleich ein Kinderspiel, und dass der Ab­löseläufer nicht rechtzeitig am Wechselpunkt war, hat Christian uns auch noch verziehen. Dafür geht es seinem Knie wieder besser. Lothar ist überzeugt, dass es an seinen Einlagen liegt, weil Christian in der Nacht seine Schuhe erwischt hat. Vielleicht hatte er unterwegs aber auch andere Sorgen als ein schmerzendes Knie.

Unser zweiter Christian kämpft sich seine letzte Etappe durch die Nacht, bei Lothar verbreitet die Morgendämmerung wieder Aufbruchsstimmung. Lucy und ich dürfen im Sonnenaufgang laufen, das Ziel rückt langsam in greifbare Nähe. Meine letzte Strecke ist unspektakulär, es geht meist auf Radwegen oder Bürgersteigen an größeren Straßen entlang – sofern man hier überhaupt von größeren Straßen sprechen kann. Und da ist er endlich, der letzte Wechselpunkt. Ich werde auf eine Laufbahn geschickt, fürchte, noch eine Runde dranhängen zu müssen, doch der Wechselpunkt liegt vor der Runde. Simona aus Van zwei übernimmt die letzte Etappe unseres fehlenden Läufers. „Moderate“, also mittelschwer hieß sie in der App, doch dabei scheinen die Höhenmeter nicht berücksichtigt worden zu sein. Simona kämpft sich durch, kann fast die traumhafte Kulisse vor dem Wechselpunkt nicht mehr würdigen, als sie an Clemens übergibt. Er hat die Ehre, die Königsetappe zu laufen, das „Reebok Ragnar Leg“. Hoch über der Küste geht es für ihn über saftig grüne Wiesen und Weiden, zu den Kühen hält er sicheren Abstand. Ein Traum. Dazu präsentiert sich das Wetter ganz anders, als ich es Ende September in England erwartet hatte. Nicht umsonst befinden sich an diesem Teil der Südküste viele Seebäder.

Die letzten drei Etappen führen mitten durch das rege Strandleben. Zum Endspurt haben wir uns alle auf der Zielge­raden versammelt, um gemeinsam mit unserer Schlussläuferin Nina einzulaufen. So kommen wir an, als echtes Team, denn das Ragnar Relay, dieses gut 24 Stunden dauernde Gemeinschaftserlebnis, hat uns wirklich zusammengeschweißt. Dazu passen auch die Medaillen, die jeder am Ende kriegt: Auf jeder einzelnen steht ein Buch­stabe, und nur zusammengelegt ergeben sie einen Sinn. Ohne die anderen geht’s einfach nicht bei diesem Rennen.
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Autor: Britta Ost 26.11.2017
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