Über die norwegische Trainingsmethode wurde schon in den vergangenen Jahren viel diskutiert. Das Konzept verhalf Weltklassesportlern wie dem Olympiasieger Jakob Ingebrigtsen und dem Ironman-Weltmeister Kristian Blummenfelt zu ihren Erfolgen. Warum es aus dem modernen Ausdauersport nicht mehr wegzudenken ist und wie genau das Training funktioniert, erfährst du hier.
Was ist die norwegische Trainingsmethode?
Im Kern geht es darum, die Intensität beim Ausdauertraining extrem präzise zu steuern. Während viele Sportler glauben, dass ein Intervalltraining nur dann effektiv ist, wenn man danach völlig erschöpft ist, setzen die Norweger auf kontrollierte Belastung. Anstatt sich also bei jedem Intervalllauf völlig zu verausgaben, bleiben die Athleten in einem Bereich, den man als kontrollierte Schwelle bezeichnet. Das Besondere: Man trainiert oft zweimal am Tag an einem bestimmten Schwellenbereich, achtet dabei aber ganz genau darauf, nicht zu übersäuern. Um das sicherzustellen, prüfen die Norweger noch während der Einheit den Laktatwert im Blut.
Das Herzstück: Doppel-Schwellen-Training (Double Threshold)
Das Herzstück des norwegischen Modells ist das sogenannte Double Threshold Training – bekannt gemacht durch den Mittel- und Langstreckler Jakob Ingebrigtsen. Im Grunde bedeutet das: Anstatt sich in einer einzigen, extrem harten Einheit komplett zu verausgaben, verteilen die Sportler dieses intensive Schwellentraining auf zwei separate Einheiten am selben Tag. Am Vormittag zum Beispiel liegt der Fokus auf der unteren Grenze der anaeroben Schwelle. Du läufst in einem Tempo, das etwa deiner Halbmarathon-Pace entspricht. Das Ziel ist es, den Stoffwechsel zu fordern, ohne die muskuläre Ermüdung zu hochzutreiben. Am Nachmittag wechselst du zur oberen Grenze der anaeroben Schwelle. Hier wird das Tempo etwas verschärft und orientiert sich eher an deiner 10-Kilometer-Pace. Du bleibst dabei immer noch knapp unter dem Punkt, an dem dein Körper übersäuert. Damit dieses schmale Fenster exakt getroffen wird, nutzen die Athleten dann die regelmäßige Laktatmessung direkt an der Strecke.
Der große Pluspunkt: Du sammelst durch dieses Doppel-Schwellen-Training deutlich mehr Kilometer an der Schwelle, schießt aber nicht so schnell über das Ziel hinaus, was die Laktatwerte angeht. Da zwischen den Einheiten ein paar Stunden liegen, kann der Körper regenerieren und die Energiespeicher für die zweite Runde des Tages wieder auftanken.
Wie trainieren Norwegens Stars wirklich?
Ein typischer Tag eines norwegischen Profis könnte zum Beispiel so aussehen: Morgens Intervalle an der Schwelle, abends Intervalle an der Schwelle. Dazwischen: Schlafen, Essen, Massage. Der Fokus liegt nicht auf der maximalen Geschwindigkeit pro Kilometer, sondern auf der maximalen Zeit, die der Körper pro Woche genau an der Schwelle verbringen kann. Während andere Profis einmal pro Woche eine Einheit machen, die den Körper an die Grenze bringt, machen die Norweger zwei bis drei Tage pro Woche Einheiten, die sie fordern, aber den Körper nicht komplett zerstören.
Unterschied zum polarisierten Training (80/20-Modell)
Vielleicht fragst du dich jetzt, wo genau der Unterschied zwischen dem klassischen polarisierten Ansatz und dem norwegischen Modell liegt. Die 80-20-Methode beschreibt eine bestimmte Trainingsverteilung, bei der 80 % des Lauftrainings mit niedriger Intensität und nur 20 % mit hoher Intensität absolviert werden. Dabei liegt der Fokus auf einer gezielten, langfristig orientierten Leistungsentwicklung ohne Überlastung. Entscheidender Bestandteil dabei: das richtige Verständnis von Herzfrequenzzonen und Trainingssteuerung. Was die Methode jedoch vergisst? Alles zwischen locker laufen und richtig hart. Die norwegische Methode bricht diese Regel. Zwar finden auch hier rund 80 Prozent des Trainings in einem sehr entspannten Bereich unterhalb der ersten Laktatschwelle statt, doch der entscheidende Unterschied liegt im Rest.
Während das polarisierte Training die moderate Intensität oft meidet, machen sich die Norweger genau diesen Bereich zu ihrem Erfolgsgeheimnis. Ihre Double Threshold Days machen etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtplans aus und spielen sich eben ganz knapp unter der zweiten Laktatschwelle ab. Anstatt sich bei extrem harten Intervallen völlig zu verausgaben, bleiben sie diszipliniert in dieser kontrollierten Zone. Wie bereits gesagt, ist das Ziel nicht die totale Erschöpfung, sondern viele Kilometer, die den Körper effizienter machen, ohne ihn zu überfordern.
Warum funktioniert das? Die physiologischen Hintergründe
Durch das viele Training knapp unter der anaeroben Schwelle wird der Körper darauf trainiert, Laktat nicht nur zu produzieren, sondern es bei hoher Intensität sofort wieder als Brennstoff zu verwerten.
Durch die Verteilung auf zwei gezielte Reize bleibt auch der Impuls für die Neubildung von Mitochondrien über einen deutlich längeren Zeitraum aktiv. Die Kraftwerke der Zellen arbeiten effizienter und können mehr Energie mit Sauerstoff bereitstellen, wodurch deine Ausdauerleistung steigt und die Ermüdung später eintritt.
Ein weiterer Vorteil ist die körperliche Schonung: Da du im Schwellentempo läufst und nicht in maximalen Sprints, ist die Wucht bei jedem Schritt geringer. Das schont Sehnen und Gelenke. Trotzdem verbessert das Training deine maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) extrem.
Zwei harte, aber kontrollierte Lauftrainings an einem Tag schulen natürlich auch deine Belastungstoleranz, Wettkampfhärte und die Konzentration. Du lernst, trotz der hohen Belastung zuvor eine weitere Einheit wegzustecken und fokussiert bei der Sache zu bleiben.
Norwegisches Training: Vorteile und mögliche Risiken
Ein Training wie von Jakob Ingebrigtsen ist natürlich nicht für jeden Läufer ideal. Hier findest du die Vorteile und Risiken.
Die Vorteile der norwegischen Trainingmesthode
- Du trainierst genau an der Schwelle, die deine Ausdauerleistung am stärksten verbessert.
- Durch die ständige Kontrolle (Laktat oder Puls) lernst du extrem präzise, welches Tempo du über lange Zeit halten kannst.
- Da man die anaerobe Zone (den roten Bereich) meist meidet, ist die muskuläre Erschöpfung oft geringer als nach einem klassischen Intervalltraining, bei dem man sich völlig verausgabt.
- Weil die einzelnen Einheiten kontrolliert bleiben, kann man insgesamt mehr Kilometer in hoher Qualität sammeln, ohne ins Übertraining zu rutschen.
Die möglichen Risiken der norwegischen Trainingsmethode
- Die norwegische Methode ist sehr einseitig. Wer ständig im gleichen Schwellentempo läuft, belastet Sehnen und Gelenke immer auf die gleiche Weise. Ohne begleitendes Stabitraining steigen die Verletzungsrisiken.
- Ein „Double Threshold“-Tag braucht Zeit. Zweimal Laufen, dazwischen Duschen, Essen und Ruhen – das lässt sich mit einem normalen 40-Stunden-Job kaum vereinbaren, ohne die Regeneration zu vernachlässigen.
- Ohne exakte Messung (Laktat) ist die Gefahr groß, dass man doch einen Tick zu schnell läuft. Zweimal am Tag „ein bisschen zu schnell“ führt im Amateurbereich sehr schnell zum Burn-out oder zu chronischer Erschöpfung.
Für wen lohnt sich die norwegische Trainingsmethode?
Wer gerade erst mit dem Laufen anfängt oder zweimal die Woche gemütlich durch den Park joggt, braucht kein Laktatmessgerät. Die norwegische Methode ist eher für Fortgeschrittene und Ambitionierte, die ihre Leistung auf das nächste Level bringen wollen.
Vor allem für erfahrene Läuferinnen und Läufer, die bereits eine gute Basis haben, bietet der Ansatz viele Vorteile. Wer zum Beispiel für einen schnellen Halbmarathon trainiert oder mitten im Marathontraining steckt, profitiert enorm von der Zeit, die man im Schwellentempo verbringt. Der entscheidende Faktor ist hier die extrem präzise Intensitätssteuerung: Sie schult deinen Körper darauf, ein hohes Tempo ökonomisch über lange Zeit zu halten, ohne vorzeitig zu ermüden.
Für Hobbyläufer ist die Umsetzung im Alltag natürlich schwierig. Wenn du Vollzeit arbeitest, hast du normalerweise keine Zeit für zwei Einheiten am Tag inklusive der Erholung zwischen dem Lauftraining. Trotzdem kannst du dich an dem Prinzip der norwegischen Methode orientieren. Also dich bei Intervalltraining nicht jedes Mal zu verausgaben, sondern an der Schwelle zu bleiben.
Beispiel-Trainingswoche nach norwegischem Modell
So könnte eine ambitionierte Woche für einen Läufer aussehen, der etwa 80 bis 100 Kilometer pro Woche verträgt:
- Montag: 60 min lockerer Dauerlauf + Steigerungen
- Dienstag (Double Threshold): Vormittag: 5 × 2000 m mit HM-Pace, Nachmittag: 10 × 1000 m mit 10-km-Pace
- Mittwoch: 90 min sehr lockerer Dauerlauf
- Donnerstag (Double Threshold): Vormittag: 6 × 1600 m mit HM-Pace, Nachmittag: 20 × 400 m mit 5-km-Pace (kurze Pausen)
- Freitag: 60 min lockerer Dauerlauf + Krafttraining
- Samstag: Spezifisches Hügeltraining (z. B. 2 × 10 × 200 m bergan) oder ein langer, progressiver Lauf
- Sonntag: 120 min langer, entspannter Lauf (Fettstoffwechsel)
Wichtig: Der Plan orientiert sich am Pensum von Profis. Für die meisten ambitionierten Hobbyläuferinnen und -läufer ist es absolut sinnvoll, einen der lockeren Tage (zum Beispiel den Montag oder Freitag) durch einen kompletten Ruhetag zu ersetzen. Viele fahren auch besser damit, die norwegischen Prinzipien zunächst in ein gewöhnliches Intervall- oder Tempotraining zu übernehmen.





