„Meisje (15) overlijdt tijdens halve marathon Leiden“ – ist auf der Website des Leiden-Marathons zu lesen, der am 10. Mai 2026 stattfand. Übersetzt: 15-jähriges Mädchen stirbt beim Halbmarathon in Leiden. Und während die schlimme Nachricht über den Tod eines so jungen Menschen besonders traurig stimmt, stellen sich gleich wichtige Fragen. Nicht nur, wie es zu diesem Todesfall kommen konnte, sondern auch grundsätzlich: Darf oder sollte man als Teenager mit 15, 16 oder 17 Jahren schon einen Halbmarathon laufen?
Ab welchem Alter darf man einen Halbmarathon laufen?
Wenn es konkret ums „Dürfen“ geht, legt die Leichtathletik-Ordnung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) je nach Altersklasse die Distanzen für Wettbewerbe fest. Beim Halbmarathon darfst du nach DLV-Regeln starten, wenn du in der U18 bist. Die Altersklassen sind dabei nach dem Kalenderjahr, nicht nach dem Geburtstag, definiert. In der folgenden Auflistung siehst du die maximale Länge von Straßen- und Landschaftsläufen, die für die jeweilige Altersklasse zugelassen ist.
- W12 / M12 (du bist 12 oder wirst es in diesem Jahr noch): maximal 7,5 Kilometer
- W13 / M13: maximal 10 Kilometer
- W14 / M14: maximal 10 Kilometer
- W15 / M15: maximal 15 Kilometer
- U18 (alle, die im entsprechenden Jahr 16 oder 17 werden): maximal 25 Kilometer, also auch Halbmarathon.
- U20: maximal Marathon
W = weibliche, M = männlich. Die Altersklassen W12 und W13 bzw. M12 und M13 bilden dabei die U14, die Altersklassen W14 und W15 bzw. M14 und M15 die U16.
Das Mindestalter für die Anmeldung bei einem Halbmarathon liegt in der Regel bei 16 Jahren, das für den Marathon bei 18 Jahren.
Veranstalter geben allerdings ihre jeweils eigenen Teilnahmebedingungen vor – und die sind bundesweit nicht einheitlich. Beim Leiden-Marathon in den Niederlanden liegt das Mindestalter für den Halbmarathon bei 16 Jahren am Stichtag, aber – wie so oft – beruht die Registrierung auf Selbstauskunft. Bei der Online-Anmeldung gibt es keine automatisierte Überprüfung des Personalausweises oder des Geburtsdatums – jüngere Läufer und Läuferinnen können die Altersgrenze einfach umgehen. Und klar, eine junge Läuferin oder ein junger Läufer, der sich gesund und gut vorbereitet fühlt oder einfach Lust auf einen Halbmarathon hat, kann sich so nach eigenem Ermessen selbstständig anmelden, wenn er eine Bezahlmöglichkeit hat.
Ist ein Halbmarathon für Jugendliche gefährlich?
Über diese und weitere Fragen haben wir mit Professor Michael Behringer gesprochen. Er ist Arzt und Professor für Sportmedizin und Leistungsphysiologie an der Uni Frankfurt und forscht zu Trainingsanpassungen, Muskelphysiologie und Belastungssteuerung; unter anderem hat er auch zur Trainierbarkeit im Kindes- und Jugendalter publiziert.
Auf die Frage, ob ein Halbmarathon für den Laufnachwuchs ungesund oder gefährlich ist, erklärt Michael Behringer: „Für einen gesunden und gut vorbereiteten älteren Teenager ist ein Halbmarathon nach bisheriger Datenlage nicht grundsätzlich gefährlich. Das häufigste Problem sind Überlastungsbeschwerden. Schwere medizinische Ereignisse sind selten, können aber insbesondere bei unentdeckten Erkrankungen, akuten Infekten, Hitze oder unangepasstem Training auftreten.“
Studien zeigen, dass sportliche Aktivität in solchen Fällen meist nur als Trigger wirkt, wenn zugrunde liegende Risikofaktoren unentdeckt bleiben (Corrado et al. 2003). Selbst ein umfassendes sportmedizinisches Screening kann das Risiko nicht vollständig eliminieren (Maron et al. 2007).
Welche Voraussetzungen sollten Teenager mitbringen?
Wichtig ist nicht nur eine stabile Gesamtfitness, sondern auch schon längere Erfahrung mit dem Laufen und Spaß an längeren Belastungen:
- mindestens 1 bis 2 Jahre regelmäßiges beschwerdefreies Lauftraining, am besten in einer trainerbetreuten Gruppe
- gute Technik, kein „Schlurfen“ unter Ermüdung
- Spaß an Ausdauerleistungen
- gute Selbstwahrnehmung bei Belastungen, zum Beispiel Schmerz vs. Müdigkeit unterscheiden können
- möglichst verletzungsfreie Trainingsgeschichte
Professor Behringer zufolge kommt ein Halbmarathon vor allem für gesunde, selbst motivierte Jugendliche infrage, die bereits seit längerer Zeit regelmäßig und beschwerdefrei laufen und deren schulische, soziale und körperliche Entwicklung durch das Training nicht beeinträchtigt wird. Dabei betont er: „Bei einer Ohnmacht, einer „Synkope“ während körperlicher Belastung, belastungsabhängigen Brustschmerzen, ungewöhnlicher Atemnot, bekannten Erkrankungen oder plötzlichen Herztodesfällen in der Familie sollte vor einem Halbmarathon eine ärztliche Abklärung erfolgen.“
Wie sollte ein Halbmarathon-Training für Jugendliche aussehen?
Im Jugendbereich gilt: weniger Marathon-, mehr Leichtathletik-Training. Auch die 10-Prozent-Regel, die als Faustregel zur Belastungssteuerung gilt, sollte mit Bedacht eingesetzt werden. Es geht nicht ums Absolvieren von Erwachsenen-Trainingsplänen oder hohen Wochenumfängen, sondern um ein vielseitiges Basis-Training, das keinen starren Regeln folgt. Ein typischer Rahmen könnte so aussehen:
- 3 bis 5 Laufeinheiten pro Woche
- überwiegend lockeres Grundlagentempo
- lange Läufe langsam gesteigert (maximal 12 bis 18 km je nach Alter und Trainingsstand – der längste Lauf muss also nicht die volle Halbmarathon-Distanz erreichen)
- 1 Qualitätseinheit (beispielsweise als Fahrtspiel oder kurze Intervalle)
- Technik-, Kraft-, Koordinationstraining und Lauf-ABC
- 1 bis 2 Ruhetage pro Woche
Dazu erläutert Behringer: „Das Training sollte über mehrere Monate schrittweise aufgebaut werden und überwiegend aus ruhigen Läufen bestehen, ergänzt durch Erholungstage, Kraft- und Koordinationstraining sowie andere Sportarten.
Wie viele Kilometer sollten Jugendliche pro Woche laufen?
„Für Jugendliche gibt es keine durch Studien belegte Wochenkilometerzahl, die für eine Halbmarathon-Vorbereitung pauschal empfohlen werden kann“, betont Behringer und weist auf das Youth-Running-Konsensuspapier hin. „Dies hält ausdrücklich fest, dass spezifische Empfehlungen zu geeigneten Laufdistanzen im Jugendalter bislang im Wesentlichen meinungsbasiert sind, beziehungsweise, dass belastbare Daten fehlen.“
Für ältere, laufgewöhnte Teenager sieht er in der Halbmarathon-Vorbereitung etwa 20 bis 40 Kilometer pro Woche über drei bis fünf Einheiten als eine vorsichtige Praxisorientierung.
Das Augenmerk sollte jedoch nicht nur auf dem wöchentlichen Laufumfang mit der 10-Prozent-Regel liegen. Nach dieser Regel wird der Umfang um maximal 10 Prozent gegenüber der Vorwoche gesteigert; jede vierte Woche sollte jedoch eine Regenerationswoche mit reduziertem Umfang sein. „Wichtiger als eine starre 10-Prozent-Regel ist es, abrupte Steigerungen von Umfang, Intensität oder Länge einzelner Läufe zu vermeiden“ (Behringer, 2026).
Welche Fehler Jugendliche häufig machen
Insbesondere, wenn Jugendliche selbstständig, ohne professionelle Begleitung, trainieren, machen sie diese typischen Fehler:
❌ nach Social-Media-Plänen ohne Anpassung trainieren
❌ den Umfang zu schnell steigern
❌ ein zu hohes Tempo bei Dauerläufen anschlagen
❌ zu viele intensive Einheiten absolvieren
❌ trotz Schmerzen trainieren
❌ nicht auf Regeneration achten (zu wenig Schlaf, unzureichende Ernährung)
❌ sich zu früh auf lange Distanzen spezialisieren
„Am nachhaltigsten bleibt das Laufen“, so Sportmediziner Behringer, „wenn Jugendliche freiwillig teilnehmen, gemeinsam mit Freunden trainieren, Abwechslung erleben und nicht nur Kilometerzahlen oder Wettkampfzeiten erfüllen müssen.“
Wann ist ein Halbmarathon keine gute Idee?
Ein Halbmarathon ist generell keine gute Idee bei:
⚠️ wiederkehrenden Verletzungen
⚠️ ohne stabile Trainingsbasis
⚠️ sehr geringer Lauferfahrung (weniger 6 Monate)
⚠️ starkem Leistungsdruck (Schule, Eltern, Selbstbild)
⚠️ fehlender Eigenmotivation für regelmäßiges Training
⚠️ Wachstumsschüben mit häufigen Beschwerden
Und Behringer ergänzt: „Von einem Halbmarathon ist abzuraten bei anhaltenden belastungsabhängigen Schmerzen, Knochenstressverletzungen, ausgeprägter Müdigkeit, wiederholten Infekten, Gewichtsverlust, Essstörungen oder unzureichender Energieaufnahme. Warnzeichen sind zudem ausbleibende oder deutlich unregelmäßige Menstruationen, Brustschmerzen, Belastungs-Ohnmacht sowie eine familiäre Vorgeschichte plötzlicher Herztodesfälle.“
Häufige Fragen zum Halbmarathontraining für Jugendliche
Ja, Mädchen und Jungen können einen Halbmarathon absolvieren. Wobei physiologisch gilt: Im Jugendalter gibt es keine grundsätzlich unterschiedlichen Leistungsgrenzen.
Wichtiger als das Geschlecht sind:
- Trainingszustand
- Gesundheit
- Reifegrad
Bei Mädchen sollte besonders darauf geachtet werden, dass die Energiezufuhr mit dem Training Schritt hält: „Ein länger anhaltendes Energiedefizit kann zu Menstruationsstörungen, einem beeinträchtigten Knochenaufbau und einem erhöhten Risiko für Stressfrakturen führen,“ laut Behringer.
Ähnliche hormonelle und knöcherne Folgen sind auch bei Jungen möglich, dort aber oft weniger leicht zu erkennen. Sprich: Auch Jungen können eine niedrige Energieverfügbarkeit entwickeln. Bei ihnen zeigt sich diese beispielsweise durch eine Unterdrückung der hormonellen Entwicklung, niedrigere Testosteronspiegel, beeinträchtigten Knochenaufbau, Müdigkeit, häufigere Verletzungen oder Leistungsabfall. Das Problem ist daher bei Jungen häufig weniger offensichtlich und wird möglicherweise später erkannt. (Behringer 2026)
Eine sehr große. „Während des pubertären Wachstumsschubs verändern sich Knochenlänge, Muskel-Sehnen-System, Körperproportionen und Koordination nicht immer gleichzeitig“, so Behringer. In Phasen schnellen Wachstums sollte deshalb konservativer gesteigert und besonders auf neu auftretende Schmerzen an Knie, Schienbein, Ferse oder Hüfte reagiert werden.
Während der Pubertät:
- veränderte Biomechanik durch Wachstumsschübe
- temporär schlechtere Koordination
- möglicherweise erhöhte Anfälligkeit für Überlastungsbeschwerden, besonders bei raschen Belastungssteigerungen
- hormonelle Umstellungen beeinflussen die Regeneration
Konsequenz im Training:
- mehr Fokus auf Technik und Stabilität
- flexible Trainingsplanung
- keine starren Leistungsziele
- geduldiger Aufbau
Soweit wir wissen, nicht. „Nach derzeitiger Datenlage gibt es keine Hinweise darauf, dass ein sachgerecht vorbereiteter einzelner Halbmarathon das Wachstum stoppt“, führt Sportmediziner Behringer aus. Die Gefahren für das Wachstum liegen eher im Trainingsbereich: „Problematisch kann jedoch eine Kombination aus dauerhaft hoher Trainingsbelastung, zu geringer Energiezufuhr und hormonellen Störungen sein, weil dadurch Pubertätsentwicklung und Knochenaufbau beeinträchtigt werden können.“
Zum tragischen Fall der 15-jährigen Läuferin Rosalie …
Die niederländische Nachrichtenplattform NL Times befasste sich mit dem Todesfall beim Halbmarathon Leiden am 10. Mai 2026. In einem Artikel heißt es, dass das Mädchen vier Kilometer vor dem Ziel zusammenbrach und trotz schnellem Einsatz der Rettungskräfte nicht wiederbelebt werden konnte. „Rosalie war ein süßer, sportlicher und ehrgeiziger Teenager,“ wird die Familie zitiert – die Veranstalter treffe keine Schuld. „Sie war gut auf den Halbmarathon vorbereitet.“
Es ist möglich, dass die Wetterlage beim Leiden-Marathon im Mai besonders anstrengend war: Eigentlich milde Temperaturen bis etwa 16 Grad Celsius, bei klarem Himmel, einer durchschnittlichen Luftfeuchtigkeit von rund 68 Prozent, aber einigem Gegenwind (Racecast 2026). Es gab auf der Strecke noch weitere, aber leichtere medizinische Notfälle ohne Todesfolge – der für 13 Uhr angesetzte 10-Kilometer-Lauf und ein Kids-Run wurden abgesagt.
Ob Rosalie im Verein, in einer Laufgruppe oder allein trainierte, ist bisher nicht öffentlich bekannt. Auch nicht, ob sie Vorerkrankungen hatte oder was ihre genaue Todesursache war.
… und was wir daraus lernen
Die Trainingsvorbereitung auf einen Halbmarathon mag optimal laufen, und doch kann auch bei scheinbar gesunden Athletinnen und Athleten ein Kollaps oder ein plötzlicher Herzstillstand auftreten – obwohl die Standard-Diagnostik (EKG oder MRT) unauffällig war. Studien belegen, dass die Ursache häufig ein Zusammenspiel ist aus:
- unerkannter Grunderkrankung
- akuter Belastung und
- situativen Triggern (Intensität, Temperatur, Dehydratation)
Checkliste, wenn du als Teenager einen Halbmarathon laufen willst
Prüfe deine Motivation
Running macht dir wirklich Spaß – es geht dir nicht darum, jemanden zu beeindrucken oder jemandem etwas mit einem absolvierten Halbmarathon zu beweisen.
Sammle genug Lauferfahrung
Trainiere mindestens ein Jahr lang regelmäßig, bevor du einen Halbmarathon ins Auge fasst. Eine solide Grundlage ist wichtiger als ein früher Wettkampf.
Mache einen Gesundheits-Check
Lasse bei Vorerkrankungen oder familiären Belastungen den Halbmarathonstart von ärztlicher Seite checken.
Plane mit Trainerin oder Trainer
Ein individueller Trainingsplan berücksichtigt dein Alter, deinen Trainingsstand und mögliche Wachstumsschübe – das hilft, Überlastungen zu vermeiden.
Abwechslung statt nur Kilometer
Ein gutes Training besteht nicht nur aus langen Läufen und schon gar nicht nur aus schnellen Läufen. Auch lockere Dauerläufe, Lauf-ABC, Krafttraining und Beweglichkeit gehören dazu.
Steigere dich langsam
Erhöhe Laufumfang, Tempo oder die Länge deiner längsten Läufe nur schrittweise. Plötzliche Belastungssprünge erhöhen das Verletzungsrisiko.
Höre auf deinen Körper, beachte Warnzeichen
Müdigkeit nach dem Training ist normal, Schmerzen nicht. Halten Beschwerden an, lass sie möglichst ärztlich abklären und gönne dir eine Pause.
Genug essen, trinken und schlafen
In der Pubertät braucht dein Körper Energie zum Wachsen und fürs Training. Ausreichender Schlaf und eine ausgewogene Ernährung sind Teil des Trainings.
Vergleich dich nicht mit Erwachsenen
Dein Körper entwickelt sich noch. Was für erfahrene Erwachsene funktioniert, ist nicht automatisch für Jugendliche geeignet.
Am Renntag ruhig starten
Lass dich nicht vom Tempo anderer mitreißen. Laufe die ersten Kilometer bewusst locker, trinke an den Verpflegungsstellen regelmäßig und genieße das Erlebnis – ein gleichmäßiges Tempo bringt dich meist schneller und entspannter ins Ziel.





