Wir Läuferinnen und Läufer wissen es ja schon lange aus eigener Erfahrung: Laufen macht glücklich. Es ist für uns immer eine geliebte Auszeit vom Alltag, die uns blitzschnell entspannt und manchmal sogar in eine Art Ekstase versetzt. Die einen beschreiben diesen Zustand als Flow, die anderen als Euphorie oder Schweben und wieder andere als Wohlbefinden und Zufriedenheit. In diesem schönen Laufrausch haben wir keine Sorgen und Ängste, und wir empfinden Schmerzen weniger stark oder überhaupt nicht. Die genauen Empfindungen sind aber von Läufer zu Läuferin unterschiedlich.
Geschichte der Laufrausch-Untersuchung
Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen der rauschähnlichen Trance Runner’s High. Sie untersucht es seit Jahrzehnten. Es wurde bereits 1970 erforscht, wobei die frühen Studien das Runner’s High auf die Freisetzung von Endorphinen zurückführten. Diese werden im Gehirn produziert und wirken ähnlich wie Morphin – also stimmungsaufhellend sowie schmerzlindernd zugleich. Sie werden oft nur als Hormone beschrieben, sind aber streng genommen Opioidpeptide, die wie Hormone wirken, aber noch mehr können. Denn sie wirken auf zwei Ebenen – als Neurotransmitter (Nervenzellen) und als Hormon (über das Blut im ganzen Körper). Darüber hinaus spielen Dopamin und Serotonin eine Rolle beim Runner’s High, wie die Forscher damals herausfanden – auch diese beiden sind Hormone und Neurotransmitter zugleich.
Vermutlich sind diese drei genannten Hormone und Neurotransmitter in einer gewissen Form fürs Runner’s High mitverantwortlich zu machen. Doch neuere Studien erbrachten auch neue Ergebnisse. Sie lassen darauf schließen, dass es vor allem die Endocannabinoide sind, die uns beim Laufen berauschen können. Das ist auch der Grund, warum aktuelle Untersuchungen sich stets auf die Frage konzentrieren, ob nun die Endocannabinoide oder die Endorphine den Laufrausch auslösen.
Vor allem die Studien von Prof. Dr. Johannes Fuß, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung der Universität Duisburg-Essen und sein Forschungsteam sind hier zu nennen – sie forschten zuerst an Mäusen und später an Menschen.
Die aktuellsten Feldstudien unter der Verantwortung von Dr. Siebers, der ebenfalls zum Forschungsteam von Prof. Fuß gehört, revolutionieren die Perspektive auf das Runner’s High aber noch einmal gehörig. Denn ihm und seinem Forschungsteam gelang es, 2024 zum ersten Mal in der Forschungsgeschichte, dieses Phänomen beim Marathon und auf Ultrastrecken zu untersuchen – sogar im Rahmen einer echten Laufveranstaltung. Alle bisherigen Studien konzentrierten sich auf Zeitperioden von 30 bis maximal 60 Minuten. Dr. Siebers Feldstudien stellen wir gleich genauer vor.
Der Marathon – ein Garant für große Gefühle
Einen Marathon zu laufen, kann zu starken Gefühlen führen – auch zu einem Wechselbad der Gefühle. Manche Marathonläufer beschreiben ihn als „Leben in Kleinformat“, weil auf den 42,195 Kilometern jede Gefühlsregung erlebt werden kann: von Euphorie, Routine, Schmerz und Ängsten, Erschöpfung, Freude, Flow und vielem mehr. Das ganze bunte Spektrum einer intensiven Gefühlswelt. Marathon-Einsteigerinnen und Anfänger auf der Langdistanz-Königsdisziplin berichten nach dem Zieleinlauf manchmal ganz begeistert von dem Runner’s High, aber auch von nicht so schönen Gefühlen oder einem „Wechselbad der Gefühle“. Allerdings kommen nicht alle in den Genuss, den Laufrausch zu erleben. Erfahrene Läuferinnen und Marathonroutiniers haben den Schmerz – wenn er überhaupt noch auftritt – durch professionelles Training bestens im Griff. Einige spüren kein einziges Zipperlein mehr, aber das Runner’s High kann auch nach Jahren noch auftreten. Nicht bei jedem. Aber bei vielen. Eine mögliche Erklärung dafür erbrachte die neue interessante Studie zu Marathon und Ultras von Dr. Siebers und Team – bestehend aus mehreren Feldstudien.
Die beiden neuen Feldstudien zum Marathon- und Ultralauf
Die Marathon-Studie von Dr. Siebers und seinem Team war eine Marathonlauf-und-Wanderstudie am Baldeneysee in Essen mit insgesamt 19 Läuferinnen und Läufern, die innerhalb des Studienzeitraums einmal um den See liefen und ein anderes Mal wanderten. Die Forschenden wollten Vergleichsdaten von den Bewegungsformen Marathon versus Gehen erhalten. Der Ablauf: Die Studien-Teilnehmenden liefen in ihrem Wohlfühltempo drei rund 14 Kilometer lange Runden um den See. Insgesamt fünfmal wurde ihnen Blut entnommen – vor dem Start, nach jeder Runde, nach Zieleinlauf sowie nach einer längeren Erholungspause. Außerdem füllten sie Fragebögen aus. Nach dem Marathonlauf machten alle eine 45 Minuten lange Pause, in der sie sich stärkten und nach der ebenfalls Blut untersucht wurde. Eineinhalb Monate später wiederholte sich das Ganze, nur dass die Teilnehmenden dieses Mal die Marathonroute wanderten statt zu laufen.
Die zweite Studie konzentrierte sich nur auf Ultraläufer der sehr langen Distanzen: 100, 160 und 230 Kilometer. Dabei wurden 36 Ultraläuferinnen und Ultraläufer im Rahmen eines realen Rennens untersucht, der TorTour de Ruhr 2024, deren Streckenverlauf der Ruhr folgt – von der Quelle in Winterberg bis zur Flussmündung der Ruhr in den Rhein bei Duisburg. Diese Studie war eine Zusammenarbeit der Universitäten Essen, Ulm und der Deutschen Sporthochschule Köln. Auf allen drei Ultrastrecken wurden Blutproben jeweils vor und nach dem Rennen entnommen und die Untersuchten füllten Fragebögen aus.
Neue wissenschaftliche Erkenntnis: Endocannabinoide steigen bei Marathon und Ultra
Dr. Siebers und sein Team belegten mit den oben genannten Feldstudien zum ersten Mal in der Forschungsgeschichte des Runner’s High, dass körpereigene cannabisähnliche Botenstoffe, die zu einem Rausch führen können, auch beim Marathon und auf sehr langen Ultradistanzen entstehen.
Fazit der Feldstudien: Nicht nur nach der ersten halben Stunde Laufen steigen Endocannabinoide (=eCB-Werte), sie können sich über den ganzen Zeitraum entwickeln, wie die unterschiedlichen Zeiträume der Blutproben beim Marathon ergaben. Es wurden verschiedene Endocannabinoide untersucht: Das Endocannabinoid „Anandamid“ (= AEA) beispielsweise stieg während des Marathons kontinuierlich an, während ein zweites (2-AG) einen verzögerten Anstieg zeigte. Auch die Ergebnisse der Ultra-Auswertungen zeigten, dass die Endocannabinoide deutlich erhöht waren, wobei nicht nur AEA nach diesen Distanzen erhöht war, sondern 2-AG ebenfalls. Die Ultramarathonläuferinnen und Ultraläufer berichteten genau wie die Marathonläufer nach dem Zieleinlauf von weniger Angst, allerdings spielte die Euphorie auf diesen langen Distanzen im Ziel nicht so eine große Rolle wie beim Marathon. Das Fachmagazin BMC Medicine veröffentlichte Anfang September 2026 eine Zusammenfassung dieser Feldstudien.
Die Marathon-Studie ergab eine verstärkte Euphorie und niedrigere Angstwerte beim Laufen als beim Gehen – vor allem auf längeren Streckenabschnitten. Eine weitere interessante Erkenntnis: Auch nach der 45-minütigen Erholungspause waren die Endocannabinoide noch aktiv, was ein Beweis für das Stimmungshoch trotz Schmerzen nach dem Zieleinlauf sein könnte.
Was bewirken Endocannabinoide?
Sie sind für die Regulierung von Stimmung, Wohlbefinden und Glücksgefühlen verantwortlich. Außerdem beeinflussen sie unser Schmerzempfinden, Appetit, Lust, Belohnung und Gedächtnis. Sie steigen auch beim Essen von Schokolade an und sind außerdem wichtig für das Liebesleben. Sie spielen eine große Rolle in der Sexualforschung, weil sie beim Orgasmus freigesetzt werden.
Endocannabinoide sind nicht zu verwechseln mit Hormonen oder Neurotransmittern. Es sind vielmehr cannabisähnliche Substanzen, die vom Körper selbst produziert werden – sozusagen gesunde Drogen. Sie sind Teil des endogenen Cannabinoid-Systems, wobei „Endo“ aus dem Griechischen stammt und „innen“ bzw. „körpereigen“ bedeutet. Sie erhielten ihren weiteren Namen vom Cannabis, das beim Kiffen rauschartige Zustände auslöst.
Ausblick auf die Zukunft der Runner’s-High-Forschung
Die oben genannten Feldstudien sind mit Sicherheit wegweisend für zukünftige Forschungen, denn sie zeigen, dass die Botenstoffe des Cannabinoid-Systems während des langen Laufs ansteigen und sogar noch lange Zeit nach Zieleinlauf erhöht bleiben. Doch die Endocannabinoide seien nur ein Erklärungsansatz für den Laufrausch, wie auch die Forscher dieser Feldstudien betonten. Vielmehr solle das Phänomen zukünftig noch stärker multidimensional erforscht werden – sozusagen als Kombination vieler Körperreaktionen aufs Laufen, weil es wohl ein Zusammenspiel mehrerer neurochemischer Prozesse sei, die mit Endocannabinoiden, Hormonen, BDNF und weiteren Faktoren zusammenhingen, geben die Forschenden zu bedenken. Dabei sollten in Zukunft unter anderem auch das Kuschelhormon Oxytocin sowie Noradrenalin und Cortisol näher betrachtet und untersucht werden, stellen die Forschenden in Aussicht.












