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Meine Reise zum 1. Marathon

Ein Erfahrungsbericht zum Münster-Marathon von Charlotte Bay

Alle Infos zum Münster-Marathon

Der Weg zum ersten Marathon war ein langer und harter, aber auch ein wunderschöner Weg.

Sonntag, 08. April 2018, S-Bahn in Hannover, ich hatte grade meinen dritten Halbmarathon bestritten. Es war der erste heiße Tag des Jahres, wir hatten vorher nicht die Möglichkeit gehabt, uns an die hohen Temperaturen zu akklimatisieren, es waren die härtesten 21,1 km die ich bis dahin absolviert hatte. Ich sprach mit meiner Lauftrainerin, Sabine, über den Lauf und über weitere Projekte, als sie vom Münster-Marathon im September zu sprechen begann. Im ersten Moment musste ich laut loslachen, noch völlig geschafft vom grade erst absolvierten Halbmarathon. Doch nach kurzer Denkpause nahm ich mein Smartphone in die Hand und googelte.

Erstes Suchergebnis: Volksbank-Münster-Marathon 09.09.2018., er fiel auf meinen Geburtstag! Keine 20 Minuten, nachdem Sabine mir von dem Marathon erzählt hatte, wusste ich: das wird MEIN Tag! Und so begann die wohl spannendste Zeit meines Lebens.

Das regelmäßige Lauftraining montags abends um 18 Uhr mit meinem Lauf Club, den Laufsportfreunden Münster, verlief wie immer sehr gut. Wir trainierten fleißig und während dem Rest der Woche absolvierte ich mal längere, mal kürzere Läufe. Ich fühlte mich gut in meiner Haut, dachte bereits zu diesem Zeitpunkt schon jeden Tag an das Gefühl, wie es wohl sein würde, nach 42,195 km ins Ziel einzulaufen, bis zum 9. Mai 2018. An diesem Tag verabredete ich mich morgens um 7 Uhr 30 mit einem Mitstudenten an den Aaseekugeln am Aasee, wir wollten einen ruhigen 25 km-Lauf absolvieren. Dieser verlief auch sehr gut, nur hatte ich an dem Tag meine Kompressionsstrümpfe nicht an, und während dem Lauf bei km 18 fühlte ich ein leichtes Ziehen in der linken Wade auf Höhe des Tibiaköfpchens, doch das machte mir weiter keine Sorgen. Nach dem Lauf verlief der Tag wie gewohnt.

Am nächsten Tag wollte ich früh morgens für die Uni aufstehen, als ich beim Auftreten kaum den linken Fuß belasten konnte. Dies war das erste Mal, dass mir mein Körper sagte: Bis hier hin und nicht weiter! Ich wusste nicht genau wie ich damit umgehen sollte, ich hatte nie gelernt auf meinen Körper zu hören, wenn es um Sport ging. Da ich aber im Hinterkopf hatte, dass mein Marathon-Trainingsplan 12 Wochen dauern würde, demnach am 18. Juni starten würde, bekam ich es mit der Angst zu tun.

Ich wusste, dass ich mir ab jetzt eigentlich keine größeren Ausfälle erlauben konnte. Also beschloss ich, in Belgien, meinem Heimatland, zur Notaufnahme zu gehen, um dort Schlimmeres auszuschließen. Doch der Notaufnahme-Aufenthalt lief anders als erwartet. Der erste Verdacht des Notarztes lautete: Ermüdungsbruch!

Ich saß mit Tränen in den Augen auf der Liege, konnte nicht glauben, dass das vielleicht schon das Ende der Marathon-Reise war. Nachdem der Arzt aufgrund der Röntgenaufnahmen eine Fraktion ausschließen konnte, musste weitergesucht werden. Nach Palpation des linken Fußes diagnostizierte er: Plantarsehnenentzündung. Vorerst nahm ich das so hin, doch schon am selben Abend signalisierte mir mein Bauchgefühl, dass ich diese Diagnose nicht einfach so hinnehmen sollte. Also ließ ich mir einen Termin bei einem Orthopäden machen, der bei der Echographie eine völlig gesunde Plantarsehne vorfand, jedoch eine stark lädierte Peronealsehne entdeckte. Die Peronealsehne ist eine äußerst wichtige Sehne für den langen und den kurzen Wadenbeinmuskel. Diese hatte sich aufgrund des langen Laufs auf hartem Boden entzündet.

Es ist schwer, sich selber einzugestehen, dass es ab jetzt erstmal nicht mehr so weiterlaufen kann wie bisher. Für einen ambitionierten Läufer wie mich ist es wohl mitunter einer der härtesten Dinge, zu akzeptieren, dass eine Laufpause für den Moment das Beste ist. Die Behandlung lautete: 4 Wochen Laufverbot, unzählige Stunden bei der Physiotherapie, Entzündungshemmer, Schmerzmittel und vorerst Krücken zur Entlastung. Zum Ausgleich sollte ich Radfahren und Schwimmen. Für meine körperliche Fitness half mir der Ausgleichsport. Mental reichte es jedoch nicht aus, ich litt unter ständig schlechter Laune und negativen Gedanken, mein soziales Umfeld "kriegte alles ab".

Als 4 Wochen rum waren, es war Montag der 11. Juni, entschied ich mich, auf eigene Gefahr, mit neuen Einlagen und neuen Laufschuhen die ersten Schritte auf der Aschebahn zu wagen. Ich begann mit 500 Metern, dann steigerte ich die Meteranzahl. Ende der zweiten Woche lief ich bereits meine ersten 10 km, jedoch sehr langsam und bedacht.

Ein meiner Meinung nach wirklich sehr beeindruckender Effekt war, dass ich mir nie sicher sein konnte, ob ich die Verletzung wirklich noch spürte, oder ob es eine Einbildung war, die etwas mit der Angst zu tun hatte, dass es noch nicht ganz verheilt war. Ich kann bis heute nicht sagen, ob die Empfindungen, die ich bei den Läufen nach der Verletzung im Fuß verspürte, reell oder bloß eingebildet waren. Dieses unwohle Gefühl begleitete mich bis Mitte August während jedem Training.

Der Marathon-Trainingsplan war angepasst an meine verletzungsbedingte Pause, die ersten zwei Wochen waren belastungstechnisch nicht sehr anspruchsvoll, die Wochenkilometer beliefen sich auf knapp 35 km. Aber meine Trainerinnen, Sabine und Britta, erklärten mir, es sei besser, schonend einzusteigen.

12 Wochen sind eine lange Zeit. Und dennoch habe ich jetzt im Nachhinein das Gefühl, sie seien verflogen. Ich habe 12 Wochen lang nach Plan gelebt, gegessen, geschlafen, trainiert. Ich gebe auch zu, dass es ab und an kleine Ausnahmen gab, sei es ein bisschen zu viel Alkohol oder eine Nacht, die zum Tag gemacht wurde. Dennoch habe ich täglich an den 9.09. gedacht. Ich bin mit dem Gedanken an den Marathon morgens wach geworden und abends schlafen gegangen, und es war schön! Es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass die Disziplin und das harte Training sich auszahlen würden. Und der Tag rückte immer und immer näher.

Ich habe in der Vorbereitung die Erfahrung gemacht, dass man als ambitionierter Sportler mit einem Ziel vor Augen auch hier und da auf Unverständnis stößt. Ich habe Rückmeldungen aus meinem sozialen Umfeld erhalten, welche mir bewusst gemacht haben, dass nicht jeder nachvollziehen kann, wie wichtig mir die Einhaltung meines Trainingsplans war. Dass ich dafür die ein oder andere Feier hab ausfallen lassen, sorgte bei manchen Menschen für Empörung. Auf der anderen Seite habe ich von Familie und Freunden auch wunderbaren Support und viel Anerkennung erhalten, was mir sehr viel geholfen hat, mein Ziel im Auge zu behalten.

Nun waren 11 Wochen um und ich stand so kurz vor meinem ersten Marathon, da meldete sich eine Erkältung an. Wieder ein Rückschlag. Auch hier fiel ich in ein emotionales Tief. Doch ich ließ den Kopf nicht hängen. Stattdessen gab es Ibuprofen, Ingwer-Zitronen-Tee und frisch gepressten Orangensaft. Samstagabend ging es für mich und zwei Freunde zum Italiener, wofür? Natürlich zum Pasta essen! Jedoch brauchten wir einige Zeit, um ein Restaurant zu finden, denn alle Italiener waren bis auf den letzten Tisch ausgebucht. Ganz Münster schien sich seine Kohlenhydratspeicher aufzufüllen.

Nun war es endlich soweit, es war der 09. September 2018, um 5 Uhr 55 klingelte der Wecker. Es war der Tag meines 26. Geburtstag, und ich hatte mir meinen Traum selbst zum Geburtstag geschenkt! Zum Frühstück gab es bei mir: Ingwer-Zitronen-Tee, frisch gepressten Orangensaft und Müsli mit Joghurt und Nüssen. Ich sprang in meine Wettkampfkleidung und verbrachte die verbleibende Zeit mit Netflix, wie Studenten das ebenso machen. Um 8.15 Uhr joggte ich ungefähr 2 km bis zum Schloss, wo die Laufsportfreunde Münster sich bereits gesammelt hatten. Wir gaben uns gegenseitig das traditionelle High-Five und dann ging es auch schon in die Startwellen. Ich stelle mich in die 4:00 Stunden-Welle. Und dann ging alles ganz schnell: der letzte Blick aufs Handy, die letzten Mut-machenden Worte, und dann wurde auch schon von 10 runtergezählt: der Volksbank-Münster-Marathon 2018 war eröffnet. Loslaufen - die Uhr starten - genießen.

Ich lief mit einem riesigen Grinsen los, welches bis Kilometer 30 nicht aus meinem Gesicht wich. Die Menschen am Straßenrand brachten mein Herz zum Rasen, ich hatte mehrmals Tränen in den Augen, weil ich mir immer wieder sagte: Charlotte, du hast es wirklich geschafft, das ist dein Marathon, das ist dein Tag, du bist Teil dieses Laufes, jetzt ist das Ziel nur noch 42,195 km entfernt! Meine Freundinnen supporteten mich an drei verschiedenen Stellen wie sie nur konnten, jedes Mal gaben mir ihre Stimmen einen neuen Kick und neue Energie. Es ist doch unglaublich, was die Unterstützung anderer Menschen in einem selbst auslösen kann.

Bevor ich es realisieren konnte, war die Halbmarathonstrecke von 21,1 km bereits in greifbarer Nähe. Bei Kilometer 30 hatte ich einen kleinen ersten Schwächeanfall, die Beine fingen an, etwas schwerer zu werden, die Straßen waren teilweise leerer, der Support wurde streckenweise geringer. Und dennoch konnte ich die ganze Zeit den Pacern mit den 4:00 Ballons folgen.

Ab Kilometer 37 fing dann mein persönlicher Kampf an, der Kampf, von dem jeder Marathoni erzählt. Es ist eine Mischung aus: "Meine Beine können nicht mehr" und "Mein Kopf will nicht mehr". Du weißt, du kannst, doch die Kraft lässt nach, du kämpfst dich über jeden Meter, ein Fuß vor den anderen zu setzen wird plötzlich zur größten Challenge deines Lebens. Ich behielt ab jetzt die Trinkbecher der Versorgungsstationen in meinen Händen und zerdrückte sie feste, das gab mir Kraft, durchzuhalten.

Dann, bei Kilometer 38, hörte ich eine bekannte Stimme neben mir, es war Sabine, meine Trainerin. Sie sprach mir Mut zu, sagte, sie sei stolz auf mich, ich würde das Ding jetzt nach Hause laufen, ich wäre so kurz vorm Ziel. Ich sagte ihr, ich könne nicht mehr, doch sie versprach mir: "Halte bis Kilometer 40 durch, dann wird dich die Masse tragen!" Und genauso war es auch: die letzten 2 km vor dem Ziel waren unbeschreiblich. Die Menschenmasse bejubelte uns, wir hatten gekämpft und gelitten, und nun erhielten wir unsere Belohnung. Münster hat uns getragen!

Plötzlich sah ich den roten Teppich und wusste: es sind nur noch ein paar hundert Meter! Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief ein, und war bereit, alles auf mich einwirken zu lassen, was nun in den letzten hundert Metern noch auf mich warten würde. Jubelnde Gesichter überall wo ich hinschaute, und plötzlich: meine Eltern! Ich fühlte, wie ein Energieschub durch meinen ganzen Körper schoss, meine Beine hatten plötzlich wieder eine immense Kraft.

Doch das war nicht alles, als ich grad an meinen Eltern vorbei gelaufen war, sagte mir meine Wahrnehmung, dass dort noch ein anderes bekanntes Gesicht beigestanden hatte, es war eine sehr gute Freundin aus Belgien. Somit war die Zielgerade für mich ein emotionales Feuerwerk, ich habe geweint wie ein Schlosshund, vor Freude, vor Glück, vor Stolz.

Das war die Reise zu meinem 1. Marathon, den ich in einer Zeit von 3:59:37 absolviert habe.

Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Ich habe meinen Körper sowieso auf eine ganz neue Art und Weise kennengelernt. Und noch eins habe ich gelernt: Sei dankbar für das, was du machen kannst, was du hast und wer du bist!

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