„Als würde ich meine alte Identität hinter mir lassen“

Karl Bebendorf wagt Neustart
„Als würde ich meine alte Identität hinter mir lassen“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 18.02.2026
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 Karl Bebendorf beim Indoor Meeting Karlsruhe 2026
Foto: DPA Picture Alliance

Für Außenstehende war es ein Rennen von vielen. Für Fans war es ein Rennen mit neuem Trikot. Für Karl Bebendorf selbst war es der Beginn eines neuen Kapitels. Als der Dresdner beim Inuit Indoormeeting in Karlsruhe über 1.500 Meter seine Saison eröffnete, war es für ihn ein kleiner Befreiungsschlag. Zwar lief er als Hindernisspezialist in der Europahalle am Ende des Feldes, konnte mit einer neuen Bestzeit von 3:38,15 Minuten aber dennoch mit einem Lächeln zufrieden nach Hause gehen.

Nicht nur hatte er eindrucksvoll die Gerüchte über ein mögliches Karriereende entkräftet, auch war es für ihn selbst eine Bestätigung, mit dem vor gut einem Jahr eingeschlagenen Weg die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Die Extrameile hat sich gelohnt“, fühlt er sich bestärkt. Gemeint ist das Jahr 2025, in dem er nicht nur sportliche vor Herausforderungen gestellt wurde und energetisch wie finanziell viel investiert hat, sondern vor allem privat einen schmerzlichen Einschnitt erfahren musste.

„Bis zu dem Tod meiner Mutti im August hat es mir eher Energie gegeben, für sie zu kämpfen und ihr noch einmal eine Freude mit meinem Sport machen zu können“, sagt er. „Dass ich meinen Sport trotz ihrer Krankheit weiter durchziehe und meine Ziele verfolge, das war eine klare Abmachung zwischen uns. Sie war es, die mich von klein auf bis dahin gebracht hat, wo ich heute stehe und mich immer supportet hat. All das, wofür ich lebe, sollte ich nicht auch noch verlieren. Viele haben das nicht verstanden. Aber in dem Moment ging es nur um uns“, erzählt er rückblickend.

Die schlimmste Zeit in meinem Leben

Innerhalb weniger Wochen feierte er im heimischen Stadion seinen deutschen Meistertitel über 3.000 Meter Hindernis, verlor seine geliebte Mutter und stellte sich bei der WM im japanischen Tokio an den Start. Nachdem er den Einzug ins Finale verpasst hatte, sagte er anschließend im TV-Interview: „Ich kenne meine Stärken, aber die haben mich heute verlassen. Es hat leider wieder nicht gereicht, ich habe leider versagt“. Was danach folgt, beschreibt er heute als die „schlimmste Zeit in meinem Leben“. Aufgrund der Saisonpause fehlte ihm der Sport als Ventil, um Emotionen und Gedanken zu verarbeiten. „Mir ging es nicht nur körperlich sehr schlecht, auch mental war der Bogen irgendwann überspannt. Das bekam ich dann bitter und böse zu spüren“.

Besserung stellte sich erst wieder mit Trainingsbeginn ein sowie dem bewussten Besinnen auf das, was er hat und was ihn erwartet: „Vor allem die Weihnachtszeit habe ich noch einmal intensiver wahrgenommen und denke seither auch noch einmal ein Stück weit anders. Ich ziehe den Sport jetzt noch konsequenter durch“. Das bedeutet für ihn auch, nach 20 Jahren Leichtathletik einen neuen Schritt zu gehen. Nachdem er sich über all die Jahre als Spitzensportler in Dresden ein für ihn perfekt funktionierendes Selbstversorgungssystem aufgebaut hat und die Fäden in jeglichen Bereichen selbst in der Hand hatte, hat er sich nun einem bereits fertig aufgestellten System angeschlossen, in dem er nicht nur Verantwortung abgeben kann, sondern sich auch in einem Umfeld wiederfindet, in dem sich das Laufen für ihn anfühlt wie ein neuer Sport.

Ich ziehe den Sport jetzt noch konsequenter durch

Während er in Dresden unter seinem langjährigen Trainer Dietmar Jarosch, der sich nach den Olympischen Spielen 2024 in den Ruhestand verabschiedet hat, stets allein trainiert hat, ist er nun in einer Gruppe aus 15 internationalen Top-Athleten und Teil des On Athletic Clubs (OAC) Europe. „Da ich nie Trainingspartner hatte, war das Trainieren mit Gleichgesinnten etwas komplett Neues für mich. Jetzt täglich mit Läufern auf Augenhöhe trainieren zu können, als Team gemeinsam unterwegs zu sein und aus der Komfortzone zu treten, das ist das, was für mich rein sportlich am besten ist“, sagt Bebendorf. Überhaupt ein solches Team zu finden, das war „schwieriger als gedacht“, gibt er zu und sagt: „Als ich nach den Olympischen Spielen ohne Trainer dastand und mich kümmern musste, habe ich das ein bisschen auf die leichte Schulter genommen. Weil ich dachte, dass das nach meiner Bronzemedaille kein Problem sein sollte, in ein gutes Team zu kommen.“

Überzeugt hat ihn letztlich der Spirit des OAC. Zwar bedeutet der Wechsel auch, dass er sich in Bezug auf sein privates Umfeld und Zuhause in Dresden stark einschränken und dieses vorerst zurücklassen muss. Zugleich hat er in seinen Trainingskollegen aber nicht nur Freunde, sondern auch eine neue Familie gefunden, wie er sagt. Vor allem nach dem Verlust der Mutter habe ihm dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Interesse an seiner Person wieder viel Mut und Kraft gegeben, kompromisslos für seine Träume kämpfen zu wollen.

Für mich fühlt es sich an, als würde ich ein Stück weit meine alte Identität hinter mir lassen

„Für mich fühlt es sich an, als würde ich ein Stück weit meine alte Identität hinter mir lassen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen“, beginnt er zu erzählen. „Vergleichbar ist das am ehesten mit einem Wechsel des Arbeitgebers, was für die meisten auch ein neues Kapitel markiert“, fährt er fort. „Das klingt vielleicht alles etwas theatralisch, aber ich bin wirklich bereit, mein Leben ganz dem Sport zu opfern. Für mich sind das nicht einfach neue Klamotten, die ich jetzt trage, sondern es hängt noch viel mehr daran – ich habe mein komplettes Umfeld gewechselt, mit Thomas Dreißigacker einen neuen Coach und als Teil des Teams ganz neue Möglichkeiten, der Mensch zu werden, von dem ich immer geträumt habe, dieser zu sein.“

Um diesen für Bebendorf bedeutsamen Cut auch entsprechend nach außen zu tragen, hatte er Anfang des Jahres sämtliche Bildbeiträge auf seinem bis dato gut gefüllten Instagram-Profil gelöscht. „In keinem Moment habe ich daran gedacht, dass dies als mein Karriereende wahrgenommen werden könnte. Das macht für mich keinen Sinn“, muss er über aufkommende Gerüchte in den Kommentarspalten unter einem parallel geposteten Reel lachen. „Damit wollte ich einfach nur Aufmerksamkeit auf mein Profil lenken – was mir auch gelungen ist.“

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Pünktlich zum Saisoneinstieg in Karlsruhe folgten auch die ersten Inhalte, die zugleich den Beginn von etwas Neuem markieren sollen. Einer Reise, die für ihn im besten Fall erst bei den Olympischen Spielen 2032 in Melbourne enden soll. „In L.A. soll definitiv noch nicht Schluss sein“, kündigt er an. „Als Spätentwickler bin ich erst recht spät in den Profisport eingestiegen. Wieso soll ich mir nicht das Ziel setzen, in meiner Karriere vier Olympische Spiele zu erleben? Ich werde dann 36 und denke, dass die Spiele 2032 dann für mich ein guter Abschied sein können. Bis dahin will ich jetzt Vollgas geben.“

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Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn während er in jungen Jahren oft geschont und von Dietmar Jarosch behutsam aufgebaut wurde, wofür er ihm bis heute dankbar ist, gestaltet sich das Trainingssystem von Thomas Dreißigacker deutlich strikter. „Das heißt aber nicht, dass wir blind drauf los trainieren, sondern mit Struktur. Ich bin ehrlicherweise auch selbst etwas überrascht, wie gut das bisher funktioniert und dass mein Körper das kann.“ Zugute kommt ihm dabei nicht nur, dass er sich körperlich wie mental weiterentwickelt hat, sondern auch, dass er seinen Trainer bereits aus der Jugend noch aus Leipzig kennt – „das gibt dem Ganzen noch mal einen regionalen Bezug“.

Seit dem Tod meiner Mutti hält mich aber gar nichts mehr und die Entscheidung für OAC war genau richtig

Zudem hat er mit 30 Jahren jetzt die nötige Reife, sich aus dem vertrauten Umfeld zu lösen und ein Leben „im Koffer“ zu führen. „Vor fünf Jahren war ich von meiner Lebenssituation her überhaupt noch nicht an dem Punkt und bereit dafür, so oft unterwegs zu sein und keine feste Base zu haben“, sagt er rückblickend. „Seit dem Tod meiner Mutti hält mich aber gar nichts mehr und die Entscheidung für OAC war genau richtig. Wenn ich mal in Dresden bin, dann habe ich immer noch meinen Papa, mit dem ich zusammen im Haus wohne. Einen festen Lebensmittelpunkt habe ich aber nicht mehr. Zwar sind wir im Winter viel in Südafrika und im Sommer verbringen wir einen Großteil der Zeit in Sankt Moritz, über das Jahr gesehen sind wir aber sehr viel unterwegs – ob zu Wettkämpfen oder in Trainingslagern.“

Das nächste steht für den Hindernisspezialisten bereits eine Woche nach den Deutschen Hallenmeisterschaften auf dem spanischen Festland in der Nähe von Valenzia an. Zuvor geht er in Dortmund über 1.500 Meter sowie über 3.000 Meter an den Start. Zudem hatte er bereits beim Erfurt Indoor einen Ausflug auf die 800 Meter absolviert. „Da ich keiner dieser reinen Ausdauerläufer bin, sondern mehr über die Unterdistanz und Schnelligkeit komme, wollten wir die 800 Meter in der Halle wenigstens einmal mitnehmen“, sagt er. Mit einer Hallen-WM plant er indes nicht und richtet seinen Fokus primär auf den Sommer. „Bis zu meinem Saisoneinstieg werde ich nur drei Wochen zu Hause in Dresden sein“, lacht er noch ein wenig ungläubig über den eingeschlagenen Weg.

Ich trainiere zwölfmal die Woche und habe noch viele Reserven

Und ist sich zugleich sicher, dass etwa die Hallenbestzeit über 1.500 Meter erst der Anfang waren. „Ich trainiere zwölfmal die Woche und habe noch viele Reserven“, sagt er selbstbewusst. Unter Beweis stellen will er sein Können im Sommer dann auch wieder bei seinem Heimmeeting in Dresden, dem Goldenen Oval. Aufgrund der vielen internationalen Rennen – etwa in der Diamond League – wird dieses für Bebendorf wieder etwas ganz Besonderes sein. „Nachdem ich den Sprung in die internationale Spitze geschafft habe, ist es für mich umso mehr wert, vor heimischem Publikum mit Fans, Freunden und Unterstützern zu laufen. Als ich angefangen habe, habe ich das alles nur für mich gemacht – jetzt kommen Leute sogar ins Stadion, nur um mich Laufen zu sehen. Das ist eine extreme Wertschätzung, die ich sehr genieße“, sagt er.