GettyImages/Tom Dulat - British Athletics

Thompson mit 39 am Ziel seiner Träume

British Marathon Trials 2021 Thompson mit 39 am Ziel seiner Träume

In einem ereignisreichen Rennen liefen die schnellsten Briten um die Startplätze für den olympischen Marathon.

Während die schnellsten deutschen Marathonläufer noch um die Olympia-Tickets kämpfen, wurde in Großbritannien durch die British Marathon Trials für Klarheit gesorgt. In einem äußerst interessanten Rennen setzten sich in Kew Gardens, einem 121 Hektar großen botanischen Garten im Südwesten Londons, überraschend Chris Thompson und Steph Davis durch. Neben großen Leistungen wurden den Zuschauern, die das Rennen im Livestream verfolgten, auch große Emotionen geboten.

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Die ersten Runden absolvierten die schnellsten Frauen in Kew Gardens noch gemeinsam.

Bereits um 6 Uhr fiel am 26. Februar der erste Startschuss. Statt die besten britischen Läufer gingen jedoch zuerst die besten 20-Kilometer-Geher aus England, Schottland, Wales und Nordirland auf die Strecke. Exakt zwei Stunden später folgte der Startschuss für das hochklassig besetzte Läuferfeld. In der Folge absolvierten die Marathonläufer erst eine kleine Runde von 1,65 Kilometer Länge. Danach folgten zwölf Runden, die jeweils 3,33 Kilometer lang waren. Ergänzt durch die Zielgerade vor dem großen Palmenhaus kam man so auf die Marathondistanz von 42,195 Kilometern.

Pacemaker Callum Hawkins bereits gesetzt

Nachdem der Schotte Callum Hawkins, der bei den vergangenen beiden Leichtathletik-Weltmeisterschaften über im Marathon Vierter wurde, vorausgewählt wurde und somit bei den British Marathon Trials nur gut 30 Kilometer lang als Pacemaker für die schnellsten Männer am Start war, rückten andere Athleten ins Rampenlicht. Besonders auf den Auftritt des Engländers Jonathan Mellor hatten viele interessiert gewartet, schließlich war Mellor 2020 nicht nur 2:10:03 Stunden in Sevilla, sondern auch 2:10:38 Stunden in London gelaufen. Damit kam er beim London Elite Marathon im vergangenen Oktober auf Gesamtplatz 13 und wurde gleichzeitig schnellster Brite. Da Mellor kurzfristig verletzungsbedingt absagen musste, war kein klarer Favorit auszumachen. Manche setzten auf Dewi Griffiths, der mit seiner 2017 in Frankfurt gelaufenen Zeit von 2:09:49 Stunden die schnellste Meldezeit hatte, andere auf Ben Connor, der in London im Oktober 2020 2:11:20 Stunden gelaufen war.

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Callum Hawkins sorgte in London für das richtige Tempo.

Thompson & Co. sorgen für beste Unterhaltung

Auf Tagen und Wochen der Spekulationen folgten am 26. März nun die Stunden der Wahrheit. Lange Zeit lief Ben Connor gemeinsam mit Mo Aadan, der die halbe Marathondistanz auch bereits in 1:02:30 Stunden finishen konnte, und Dewi Griffiths aus Wales an der Spitze des Feldes. Weitere Läufer fielen nach und nach zurück und stiegen sogar teilweise aus. Während sich die Übertragung gerade auf die schnellsten Frauen konzentrierte, passierte Kurioses. Innerhalb von kurzer Zeit gelang es dem 39-jährigen Chris Thompson, der das Tempo der Führungsgruppe einige Kilometer zuvor für sich als zu hoch eingeschätzt hatte und daher abreißen ließ, zur Spitze aufzuschließen. Stattdessen musste nun – nach 1:45 Stunden Laufzeit – Griffiths abreißen lassen. Während für den einzigen Starter, der die 42,195 Kilometer bereits unter 2:10 Stunden laufen konnte, das Olympia-Ticket in weite Ferne rückte, schien sich Thompson nun in einen Rausch zu laufen. Nur zehn Minuten nachdem Thompson die Spitze erreichte hatte, attackierte er. Weder Aadan noch Connor konnten ihm folgen.

Fünf Kilometer später und wenige Sekunden später fand sich Thompson plötzlich jubelnd im Ziel wieder. In 2:10:52 Stunden hatte er wenige Tage vor seinem 40. Geburtstag nicht nur seine Marathonbestzeit um 27 Sekunden unterboten, sondern auch das zweite Olympia-Ticket seiner Karriere gelöst. Nach seinem Start über 10.000 Meter 2012 in London wird Thompson neun Jahre später nun erstmals bei einem olympischen Marathon an den Start gehen. „Das ist nicht passiert!“, immer wieder wiederholte er im Rahmen des Siegerinterviews nach dem Lauf diesen Satz und ließ seinen Emotionen freien Lauf. „Ich habe noch nie so große Emotionen in meinem Leben gespürt. Auf den letzten Kilometern war ich im Traumland. Ich dachte, dass mich nun nichts mehr stoppen kann. Ich bin wie auf Wolke sieben gelaufen. Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr“, so Thompson weiter, der zu Beginn der Marathonwoche Vater wurde.

Auch wenn Mitfavorit Ben Connor seinem Kontrahenten aus den Norden Englands am Ende nicht mehr folgen konnte und auf den letzten fünf Kilometern über 70 Sekunden verlor, gelang es ihm, sich in 2:12:06 Stunden den zweiten Platz zu sichern. Dritter wurde in 2:12:20 Stunden Mo Aadan. Dewi Griffiths kam derweil nach 2:13:42 Stunden als Vierter ins Ziel. Da Ben Connor die geforderte Qualifikationszeit von 2:11:30 Stunden bereits im vergangenen Herbst unterboten hatte, darf auch er sich auf die Olympischen Sommerspiele, die im August stattfinden werden, freuen.

Steph Davis löst das Olympia-Ticket

Ein besonderes Rennen war auch bei den schnellsten britischen Marathonläuferinnen zu sehen. Sie gingen gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen auf die Strecke. Als Favoritinnen zählten hier Natasha Cockram und Naomi Mitchell, die in London 2020 die schnellsten britischen Läuferinnen waren, sowie Steph Davis, die 2019 ihre Bestzeit von 2:27:40 Stunden lief. Nicht dabei waren hingegen Jess Piasecki, die in Florenz 2019 2:25:28 Stunden lief, und verletzungsbedingt kurzfristig auch Charlotte Purdue, die ebenfalls bereits 2:25 Stunden laufen konnte. Beide hofften, da sie die Qualifikationszeit von 2:29:30 Stunden bereits deutlich unterbieten konnten, jedoch darauf, dass maximal eine Frau unter der genannten Zeit bleiben würde. In diesem Fall hätten wohl ebenfalls beide ihr Olympia-Ticket für Tokio sicher.

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Ben Connor, Steph Davis und Chris Thompson sicherten sich bei den British Marathon Trials 2021 das Olympia-Ticket.

Weniger spektakulär als bei den Herren ging es bei den Damen zu. Als es nach zwei Drittel der Wettkampfdistanz langsam in die heiße Phase des Rennens ging, lief Steph Davis bereits einsam an der Spitze des Feldes. Dabei baute sie ihren Vorsprung unterstützt von ihrem Pacemaker immer weiter aus. Nur zweieinhalb Jahre nach ihrem Marathondebüt in Berlin 2018 (2:41:16 Stunden) hielt Davis das Tempo durchgehend hoch, sodass sie am Ende nach 2:27:16 Stunden das Ziel erreichte. Auch die in London lebende Läuferin der Clapham Chasers, die nach wie vor keine klassische Profi-Läuferin ist, zeigte sich nach ihrer erstklassigen Leistung vom Ergebnis begeistert und erfreut darüber, das Ticket für den olympischen Marathon gelöst zu haben. Hinter der 30 Jahre alten Davis kam Natasha Cockram in 2:30:03 Stunden auf Platz zwei. Dritte wurde Rosie Edwards. Damit verpassten beide das angestrebte Ziel von 2:29:30 Stunden.

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