RUNNER’S WORLD: Herzlichen Glückwunsch erstmal nachträglich zum Geburtstag – du bist am 14. August 26 Jahre alt geworden – und hast Dir das schönste Geschenk vorab selbst gemacht: Den Vize-Europameistertitel! Herzlichen Glückwunsch zur Silbermedaille! Direkt nach dem Zieleinlauf hast Du Dich gefreut, aber man konnte sehen, dass Du erstmal sprachlos warst – hast Du den Erfolg mittlerweile realisiert?
Forian Bremm: Vielen Dank! So richtig habe ich es immer noch nicht realisiert! Am ehesten merke ich es an der Aufmerksamkeit, die von allen Seiten kommt. Es gibt so viele Anfragen, so viele Briefe, Reaktionen bei Insta – da freue ich mich natürlich riesig. Aber so richtig angekommen ist der Erfolg mit der Silbermedaille immer noch nicht bei mir.
RUNNER’S WORLD: In einem namhaften Starterfeld mit zahlreichen Favoriten hast Du alle geschlagen – bis auf Jakob Ingebrigtsen. Hast Du selbst davon geträumt?
Forian Bremm: Nein, auf keinen Fall, ich hatte im Vorfeld nicht mit einem Podiumsplatz gerechnet, sondern im best case vielleicht Platz vier oder fünf. Obwohl ich plötzlich Platz zwei auf der Meldeliste war. Aber das zählt ja nur theoretisch. Als im Rennen dann auf den letzten 50 Metern der Jakob Ingebrigtsen da an mir vorbeigestiefelt ist – das hat sich so surreal angefühlt! – Es gibt ein Bild eines Fotografen, wo ich auf die letzten 200 Metern gehe: Jimmy Gressier, Jakob Ingebrigtsenund ich auf dem Bild. Das ist so surreal, uns drei da zusammen zu sehen! Deshalb habe ich mich auf den letzten 10 Metern auch noch mal umgeschaut, ich habe es einfach nicht glauben können, dass ich so weit vorne bin.
RUNNER’S WORLD: Du hast Dich taktisch sehr clever verhalten in dem Rennen – und wer es verfolgt hat, wird sicherlich die phänomenale letzte Runde erinnern. Welche Erinnerungen hast Du an den Rennverlauf?
Forian Bremm: Ich sehe das im Gesamtbild. Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich bei der WM letztes Jahr und auch bei der EM vor zwei Jahren nicht abgeliefert habe – weil ich nicht in Topform war und weil ich taktische Fehler gemacht. Das wollte ich in diesem Jahr bei der Europameisterschaft besser machen. Ich wollte eine einfache Taktik verfolgen. Das wurde mir erleichtert durch den Rennverlauf. Ich habe vorher damit gerechnet, dass das Rennen lange relativ ruhig sein würde. Aber wenn es lange ruhig ist, ist es umso wichtiger, im richtigen Moment da zu sein. Ich habe am Anfang des Rennens darauf geachtet, einen Platz innen zu finden, auf der Innenbahn, damit ich Energie sparen kann, wollte aber auch das Sturz-Risiko geringhalten. Und dann wollte ich auch den Moment nicht verpassen, wo man da sein muss, damit sich nicht nach 3000 Metern eine Lücke auftut, die ich dann zulaufen müsste, das wollte ich vermeiden – das hat super geklappt! Deshalb habe ich bei 600 Metern to go den ersten Move gemacht, bei 400 to go den zweiten Move – und bin dann an Jimmy Gressiers Schulter gelaufen.
RUNNER’S WORLD: Wie ist das Gefühl, gegen Jakob Ingebrigtsen zu laufen? Und mit ihm, dem GOAT, mitzuhalten? Er hatte ja erst eine Achillessehnen-OP Anfang der Saison, deshalb wurde viel spekuliert, in welcher Form er sei?
Forian Bremm: Wenige hatten ihn so auf dem Schirm wie ich. Ich hatte nie das Gefühl, dass er schlecht abschneiden würde. Jakob hat letztes Jahr bei der WM bereits gezeigt, dass er auch mit wenig Training ganz vorne dabei sein kann. Und das war bei der EM dieses Mal genauso. Seine letzten 50 Meter im Spurt waren so viel besser als meine – das hatte niemand auf dem Schirm, auch sein Team nicht. Und er selbst übrigens auch nicht! Selbst ein Jakob Ingebrigtsen weiß nicht hundertprozentig, was in seinem Körper steckt. Seine Überlegenheit war so nicht erwartbar.
RUNNER’S WORLD: Anfang des Jahres war es noch eine Hürde, eine große Hürde sogar, dass Du erstmal die Qualifikation für die EM schaffen musstest (13:08 min) – bist dann in Turku aber sensationell die 5000 Meter in 12:56 min gelaufen! Ein Riesenerfolg – der die Laufwelt staunen ließ. Du warst da erst der dritte Deutsche, der die 13-Minuten-Marke unterboten hat – wie war es für Dich? Hattest Du gezielt darauf hintrainiert?
Forian Bremm: Die Zeit vor Turku – also von Januar bis März – lief sehr, sehr gut, ich habe sehr gut trainieren können im Trainingslager in St. Moritz. Aber: Dass ich so gut drauf bin, wusste ich nicht. Ich hatte eine 13:05 als Ziel, und wenn es der Rennverlauf hergibt, wäre die 13-Minuten-Marke im Blick. Also: Das war sehr beeindruckend für mich in Turku und zugleich auch eine sehr große Erleichterung für mich. Dass ich die letzten zwei Höhepunkte, also die vorige EM und die letztjährige WM, versemmelt habe, lag an Fehlern, aber auch daran, dass ich bis kurz vor den Meisterschaften noch die Quali-Norm nicht hatte. Und dann war ich am Start in Rom (EM 2024) komplett platt. Und bei der WM letztes Jahr war es genauso. Aber in diesem Jahr war es anders: Ich bin durch die frühe Quali total entspannt in die Saison gegangen und konnte sogar noch bei der Diamond League starten, was ich unbedingt wollte.

Jakob Ingebrigtsen knapp vor Florian Bremm im Ziel des 5000-Meter-Laufs in Birmingham. (Photo by Alex Livesey - British Athletics/British Athletics via Getty Images)
RUNNER’S WORLD: Wie hast Du die enorme Leistungssteigerung in diesem Jahr geschafft?
Florian Bremm: Allgemein gesprochen habe ich die Trainingsplanung besser hinbekommen. Dieses Yin und Yang zwischen Erholung und Belastung habe ich besser ausgesteuert. Auch das Training selbst haben wir ein bisschen umgestellt. Ich profitiere von höheren Umfängen, deshalb haben wir die priorisiert. Ich profitiere davon, wenn ich Stück für Stück meine Wochenumfänge steigere, bis zur Vorwoche vom Wettkampf, in der ich die höchsten Umfänge hatte, vor Turku waren das 180 Kilometer. Auch wenn das ein bisschen unüblich ist, es hat gut funktioniert. Auch die grobe Wochenstruktur haben wir geändert: Wir haben drei Belastungstage eingeführt – und die auch mal gewechselt, also mit Doppel-Schwellen-, einfach-Schwellentraining und VO2-Max-Training. Gleichzeitig habe ich Schnelligkeit- und Krafttraining reduziert, was ich früher viel umfangreicher gemacht habe, wo ich heute aber auf einem guten Niveau bin und deshalb reduzieren kann. Man hat nicht unendlich Ressourcen, man muss haushalten mit dem, was man hat – sonst ist man irgendwann platt!

Flo Bremm konnte im Ziel seinen Erfolg immer noch nicht so richtig fassen! Ausgestattet war er mit dem Cloudspike Citius 2 Lightspray, den On eigens für die Athleten angefertigt hat.
RUNNER’S WORLD: Wer sind die Personen, die wichtig sind in deinem läuferischen und leichtathletischen Umfeld?
Forian Bremm: Seit etwa 2022 strukturieren mein Trainingspartner Niklas und ich ja unser Training alleine. Wir planen, tauschen uns aus und sind unsere wichtigsten Trainingspartner – und Freunde. Wir tauschen uns auch mit dem IAT in Leipzig aus. Die geben uns regelmäßig Feedback, Hilfestellungen und warnen auch mal.
RUNNER’S WORLD: Was machst Du aktuell, wie regenerierst Du?
Florian Bremm: Aktuell ist erstmal Urlaub angesagt! erst mal runterkommen, wobei ich seit der EM extrem viel Medienarbeit hatte. Meine Freundin hat gesagt, sie wolle mich eigentlich nicht teilen - muss sie aber gerade, leider. Viele Leute wollen gerade etwas von mir. Aber trotzdem komme ich gerade ein bisschen runter. Es steht für mich auch noch ein Monat Polizeiarbeit bei der Bayerischen Polizei an, wo ich ja nach wie vor arbeite. Und da habe ich für einen Monat eine Abordnung für die Dienststelle in Erlangen. Danach steige ich dann wieder ins Training ein zur Vorbereitung für die WM im nächsten Jahr.





