Laufen in Corona-Zeiten
Themenspecial zum Coronavirus
Jürgen Lock, Geschäftsführer SCC Events Norbert Wilhelmi

Interview zur Marathon-Absage in Berlin

Absage Berlin-Marathon „Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr gar nichts mehr stattfindet!“

Wir sprachen mit SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock zur Absage des Berlin-Marathons, zur Situation der Laufveranstaltungen und der Lage der Laufszene. SCC-Events veranstaltet neben dem Berlin-Marathon zahlreiche weitere Laufevents in Berlin.
SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock
SCC EVENTS
SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock.

RUNNER’S WORLD: 40.000 Läufer haben bis gestern noch gehofft, diesen September in Berlin Marathon laufen zu können. Dann kam gestern der Senatsbeschluss – wie habt ihr das erfahren und wie war die erste Reaktion im Team?

Jürgen Lock: Das ist natürlich für einen Eventveranstalter eine Situation, die möchte man nicht jeden Tag haben. Die Aussage war sehr überraschend. Der Rundfunksender RBB hatte bei mir angerufen und ich wurde aus einer Sitzung rausgeholt, weil die einen Kommentar haben wollten zu der Meldung, der Marathon sei abgesagt. Ich habe dann gesagt, lass uns mal 15 Minuten warten, damit ich mich informieren kann. Das war so kurz vor 15 Uhr. Ich habe dann versucht die Politik zu erreichen, um zu erfahren, ob die dpa-Meldung stimmt.

Was waren die ersten Reaktionen im SCC-Events-Team?

Jürgen Lock: Nach einem Tag, an dem so etwas eingetreten ist, muss man zunächst erstmal Gespräche führen, sich konsolidieren und sondieren und in den nächsten Tagen versuchen, das aufzuarbeiten. Wir hatten ja ursprünglich von Angela Merkel den 31. August als Termin genannt bekommen, und wir warteten jetzt auf die länderspezifischen Angaben. Insofern kam die Entscheidung gestern einerseits überraschend. Andererseits haben wir natürlich Verständnis für die Entscheidung.

Der Berliner Senat wird ja auch vom Robert Koch Institut beraten. Und ich glaube nicht, dass die davon ausgehen, dass die Pandemie und die damit verbundenen Probleme im August gelöst sein werden. Das muss man nachvollziehen. Da sind alle an der Gesunderhaltung der Menschen interessiert. Wir auch. Dass der 24. Oktober rausgekommen ist, davon war ich gestern überrascht. Das war ein Tag mit tiefgreifenden Folgen für alle Veranstaltungen. Um neun Uhr gestern Morgen wurde das Oktoberfest abgesagt, am Nachmittag dann der Berlin-Marathon – aber das hat natürlich viel weitreichendere Folgen für die komplette Laufbranche. Das ist schon eine sehr tief gehende Geschichte.

SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock im Gespräch mit Urs Weber
SCC EVENTS/Petko Beier
SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock im Gespräch mit Urs Weber (Archivbild).

Ist denn eine Durchführung des Marathons überhaupt noch denkbar?

Jürgen Lock: Etwa ein reines Eliterennen, so wie es Tokio gemacht hat? Oder eine Verlegung in den späten Oktober/November? Ich halte das für eher unrealistisch! Beim Termin ist es so – das haben wir so ähnlich auch beim Halbmarathon im März gehabt –, dass wir für jedes Event eine Machbarkeitsstudie machen. Ob wir in diesem Jahr so etwas noch auf die Beine stellen können, hängt von zahlreichen Faktoren ab, wobei man sich ausmalen muss, was das bedeutet. Der Berlin-Marathon ist eine internationale Veranstaltung.

Zunächst wissen wir heute nicht, was am 25. Oktober oder am 1. November ist: Wie entwickelt sich die Pandemie? Wir müssen zahlreiche Dinge berücksichtigen, etwa die Witterungsverhältnisse, was, wenn es früher dunkel ist? Dann die medizinische Versorgung – das Set-Up planen wir normalerweise über ein Jahr im Voraus. Da benötigen wir eine große Planungssicherheit – wir müssen ja Tausende Produkte im Vorfeld bestellen können.

Dazu kommt: Wie sieht der Veranstaltungskalender des Landes Berlin aus? Es gilt zum Beispiel bei der Streckenplanung auch die Großbaustellen zur berücksichtigen. Bei unserer Machbarkeits-Matrix kommt immer ein Ergebnis heraus, ob eine Absage nötig oder Verschieben möglich ist. Aber in der Matrix sind etwa 400 bis 500 Assets, die wir berücksichtigen müssen. Ja, es stimmt, ein anderer Vorschlag war ein reines Eliterennen, den Gedanken hat ja auch Horst Milde schon ins Spiel gebracht. Ich meine, das würde nicht den Charakter des Berlin-Marathons ausmachen, da bin ich strikt dagegen. Das war immer eine Breiten- und Spitzensport-Veranstaltung zusammen. Das Konzept haben wir in 46 Jahren nicht aufgeweicht.

Dazu kommt, dass der Internationale Leichtathletikverband die Qualifikationen für WM und Olympische Spiele bis in den November ausgesetzt hat, es wird also kein Qualifier-Rennen geben. In Berlin könnten wir jetzt 200 Eliteläufer hinstellen, das hätte unser Race-Director Mark Milde im Griff, das wäre sicher ein gutes Spitzenfeld. Aber das Land Berlin gibt uns ja die Straßen nicht für ein Eliterennen mit 200 Topläufern. Das wäre unverhältnismäßig. Das ist in Tokio übrigens ganz anders: Da ist der Marathon historisch aus einem klassischen Eliterennen heraus entstanden, da ist es eine andere Sache. Und außerdem war es in diesem Jahr ein Qualifier-Rennen für die eigenen Olympischen Spiele in Japan. Das kommt in Berlin überhaupt nicht in Frage.

Und ein Rennen für weniger als 5.000 Teilnehmer? Würde das den Charakter des Berlin-Marathons wiedergeben? Wenn wir 4.500 Läufer auslosen würden, wäre das unsozial und diskriminierend. – Das sind so viele Dinge, die wir sondieren und bewerten müssen! Und wir haben leider die Situation, dass wir vier oder fünf andere Rennen haben, für die wir parallel auch Lösungen finden müssen.