Themenspecial zum Coronavirus
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Wettkämpfe und Pandemie Laufen zu Zeiten der Spanischen Grippe

Binnen weniger Wochen stoppte die Corona-Pandemie das Sportgeschehen weltweit. Wie sah es mit Sportveranstaltungen vor 100 Jahren aus, als die Spanische Grippe wütete?

Binnen weniger Wochen hat die Coronavirus-Pandemie alle bedeutenden Leichtathletik- und Laufsportveranstaltungen weltweit gestoppt. Wann und in welcher Form wieder größere Rennen gestartet werden können, ist noch nicht absehbar. Die Olympischen Spiele finden in diesem Sommer nicht statt. Sie sollen im kommenden Jahr im gleichen Zeitraum in Tokio nachgeholt werden. Auch vor 100 Jahren gab es eine Pandemie: damals wütete die Spanische Grippe, der zwischen 1918 und 1920 rund 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen – manche Schätzungen gehen auch entweder von der Hälfte oder der doppelten Zahl aus. Doch wie war es vor 100 Jahren, zu einer Zeit, als die wichtigste Informationsquelle die Zeitung war, mit dem Sport und speziell mit der Leichtathletik und den Laufsportveranstaltungen?

Olympia fand trotzdem statt

Eine Absage oder Verschiebung der Olympischen Spiele 1920 aufgrund der Pandemie war vor gut 100 Jahren kein Thema – zumindest finden sich in entsprechender Literatur keinerlei Hinweise auf derartige Pläne im Zusammenhang mit der Spanischen Grippe. In Europa gab es Überlegungen, die Spiele aufgrund der Situation nach Ende des 1. Weltkrieges 1918 nicht stattfinden zu lassen. Doch nachdem vor allem auf Initiative der Amerikaner im Juli 1919 nahe Paris „Interalliierte Spiele“ veranstaltet wurden, sollte auch Olympia stattfinden. Die Spiele waren nach Antwerpen vergeben worden und für den Zeitraum vom 20. April bis zum 12. September terminiert. Es war bei den ersten Auflagen der Olympischen Spiele öfters der Fall, dass die Wettkämpfe sich über einen langen Zeitraum erstreckten. Die Amerikaner bekräftigten ihre Teilnahme, und so fanden in Belgien die bis dahin größten Olympischen Spiele statt: 2.668 Athleten waren am Start.

Skandinavische Läufer triumphieren

Es war damals die Zeit der großen skandinavischen Läufer. Bei seinem Olympia-Debüt wurde der legendäre Finne Paavo Nurmi über 5.000 m zunächst überraschend vom Franzosen Joseph Guillemot geschlagen. Über 10.000 m wurde Nurmi dann jedoch ebenso Olympiasieger wie im 8-km-Crossrennen, das damals zum olympischen Programm gehörte. Für einen der Höhepunkte der Spiele, zu denen Deutschland nach dem Krieg nicht zugelassen war, sorgte am 22. August 1920 ein anderer großer finnischer Läufer: Hannes Kolehmainen gewann den Marathon mit einer Weltbestzeit von 2:32:35,8 Stunden. Er unterbot die vorherige Bestzeit gleich um gut dreieinhalb Minuten, obwohl die Strecke in Antwerpen sogar 42,75 km lang war. Die Spanische Grippe war zu dieser Zeit bereits so gut wie vorbei.

1. Weltkrieg verhindert Sportveranstaltungen

Unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurden in Europa viele Sportveranstaltungen und Meisterschaften zunächst noch nicht wieder aufgenommen und fielen aus. Selten war es die Spanische Grippe, die für Absagen oder Kürzungen als Grund aufgeführt wurde. So wurde 1919 die Tour de France wieder gestartet, und in Deutschland begann die erste Fußball-Saison nach der kriegsbedingten Pause 1919. In der Spielzeit 1919-1920 wurde der 1. FC Nürnberg erstmals Deutscher Meister. Die Zuschauer standen dicht gedrängt bei den Spielen.

Deutsche Meisterschaften mit vielen Zuschauern

Nationale und internationale Leichtathletik-Wettkämpfe, die damals oftmals große Zuschauerzahlen registrierten, fanden in den Jahren der Spanischen Grippe vielerorts statt. Darunter waren auch die Deutschen Meisterschaften, die von 1915 bis 1920 trotz des Krieges und der Pandemie veranstaltet wurden (nur 1914 fielen sie aus). Am 25. August 1918 stand in Berlin dabei unter anderem ein Finale über eine deutsche Meile (7.500 m) auf dem Programm, ein Jahr später wurden in Nürnberg erstmals Rennen über 5.000 und 10.000 m in die Titelkämpfe integriert. In Berlin wurde am 25. Juli 1920 die Deutsche Marathon-Meisterschaft gestartet. Den Titel gewann Max Wils (ASC Marathon Berlin) in 3:11:21,8 Stunden.

Weltrekorde in Schweden

Eine Reihe von Weltbestzeiten beziehungsweise Weltrekorden wurden im Sommer 1918 bei Sportfesten in Schweden gelaufen. Am 16. Juni lief John Zander in Stockholm über 2.000 m 5:30,4 Minuten. Der Schwede stellte dann noch zwei 3.000-m-Rekorde auf: Am 15. Juli lief er in Malmö 8:34,8 Minuten und am 7. August in Stockholm 8:33,2. Sein Landsmann Anatole Bolin erreichte über 1.000 m am 22. September in Stockholm 2:29,1 Minuten.

Marathon-Klassiker erst wieder 1919

Der legendäre Boston-Marathon war 1918 aufgrund des 1. Weltkrieges abgesagt worden, wurde dann jedoch noch in ein Staffelrennen umgewandelt. Ein Jahr später, am 19. April 1919, fand der Marathon wieder wie gewohnt statt. Damals starteten nur wenige Läufer bei dem Elite-Rennen, Zuschauer allerdings versammelten sich viele an der Strecke. Der US-Amerikaner Carl Linder gewann in 2:29:13 Stunden. Ein anderer Marathon-Klassiker fand ebenfalls 1919 nach einer kriegsbedingten Unterbrechung wieder statt: Der Londoner Polytechnic-Marathon, dessen Strecke von Windsor nach London führte, zog damals etliche Zuschauer an. Der Brite Edward Woolston gewann am 21. Juni in 2:52:30,2 Stunden. Bis in die 90er Jahre hinein existierte dieser Traditionslauf, danach verschwand das Rennen.

Berliner SC dominiert Staffellauf

Auch in Berlin gab es damals ein bedeutendes Laufsport-Ereignis, das in der Zeit des 1. Weltkrieges und der Spanischen Grippe weiterhin stattfand: der Staffellauf Potsdam-Berlin. Über dieses Ereignis schrieb der Berliner Sportredakteur Ekkehard zur Megede im Jubiläumsbuch „BSC 100 Jahre“. Die Strecke führte über 25 km, und jede Vereinsstaffel bestand aus 50 Läufern. Die Wechselpunkte konnten dabei frei gewählt werden. Nachdem der SCC Berlin die Premiere 1908 gewonnen hatte, triumphierte der Berliner SC danach zwölfmal in Folge, von 1909 bis 1920. Auf Fotos sind viele Zuschauer entlang der Strecke zu sehen.

Premiere trotz Spanischer Grippe

Genau zu Zeiten der Spanischen Grippe entstand in Wien ein großer Staffellauf. 1919 hatte „Quer durch Wien“ mit einer Streckenlänge von 7,5 km seine Premiere. In Berlin plante man etwas später den 25-km-Lauf „Quer durch Berlin“, der 1921 erstmals gestartet wurde und internationale Bedeutung erlangte.

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