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Laufsport und Corona-Zeit Milde: „Die 10 km in Berlin waren ein Durchbruch“

Der Gründer des Berlin Marathons, Horst Milde, hofft auf kleinere Rennen und Eliteläufe. Ein Interview nach dem 10k Invitational.

Horst Milde war am 7. Juni 2020 unter den wenigen Zuschauern, die im Südosten Berlins beim Comeback des deutschen Straßenlaufes zugegen waren. Der Initiator des Berlin-Marathons sowie vieler weiterer großer Laufveranstaltungen begrüßte diese Initiative für den deutschen Laufsport. Der Vorsitzende der German Road Races (GRR) gab nach dem 10-km-Lauf „Berlin 10k Invitational“ das folgende Interview:

Als Sie am Sonntag in Berlin das 10-km-Rennen beobachtet haben, fühlten Sie sich im ersten Augenblick erinnert an Zeiten wie vor 50 Jahren …

Horst Milde: Ja, aber eigentlich müsste man das sogar noch mit weitaus früheren Zeiten vergleichen, denn so kleine Starterfelder hatten wir selbst vor gut 50 Jahren nicht. Aber die Rahmenbedingungen – das Rennen auf einer Waldstraße, die wenigen Zuschauer und die Pendelstrecke – erinnerten schon an unsere Anfangszeiten in den 60er und 70er Jahren. Es war am Sonntag ein bisschen wie der Ursprung des Laufens. Während einerseits natürlich vieles sehr einfach gehalten wurde, kam andererseits jedoch eine Technik zum Einsatz wie man sie sonst meist nur von ganz großen internationalen Marathonrennen her kennt.

Welche Bedeutung kann dieses kleine Rennen in Rauchfangswerder haben für den deutschen aber auch den internationalen Laufsport?

Horst Milde: Das war ein Durchbruch, es war wie eine Erlösung für alle Beteiligten und ein Aufreißer, der Mut macht. Diese Veranstaltung hat gezeigt, dass sehr wohl etwas möglich ist, wenn man die Courage hat, an die entsprechenden Stellen für eine Genehmigung heranzutreten, das Konzept dann umzusetzen und beispielhaft organisieren kann. Das war ein mustergültiges Rennen für alle. Man muss danke sagen an die Veranstalter. Ich habe von Athleten und Trainern nur Positives gehört. Die Marathon-Bundestrainerin und frühere Weltklasseläuferin Katrin Dörre-Heinig war froh ,dass endlich einer was organisiert hat’. Sie hofft wie alle anderen, dass es weitere Rennen geben wird. Für unsere Topläufer sind diese Rennen sehr wichtig, denn sie müssen sich im Hinblick auf die Olympischen Spiele in eine gute Ausgangsposition bringen. Wir brauchen solche Straßenrennen. Wenn wir nichts machen, besteht die Gefahr, dass uns die gesamte Leichtathletik wegbricht, weil es dann irgendwann niemanden mehr interessiert.

Glauben Sie, dass es in der zweiten Jahreshälfte Laufveranstaltungen geben wird? Und wie könnten die aussehen?

Horst Milde: Ich denke, dass es auf jeden Fall Eliterennen geben wird, national und international. Vielleicht sind ab September auch wieder Läufe möglich, wenn sie nach einem ähnlichen Schema wie das Berliner Rennen organisiert werden können. In der Schweiz, in Südtirol und in Österreich gibt es bereits schon im Sommer einige Veranstaltungen, darunter auch der traditionelle Swiss Alpine Marathon. Ob in Deutschland größere Läufe möglich sind, hängt von den örtlichen Gesundheitsbehörden und den jeweiligen Vorgaben ab. Die bisher geltenden Regeln zur Hygiene sind für große Straßenläufe nicht durchführbar beziehungsweise wären sie viel zu teuer. Ich erwarte eher, dass im Ausland erste größere Rennen wieder stattfinden werden und rechne damit, dass wir darauf in Deutschland noch eine Weile warten müssen.

Wenn man große Demonstrationen sieht und Menschenmassen in Einkaufsstraßen, wirkt es dann nicht unverhältnismäßig, wenn Laufveranstaltungen nicht stattfinden können?

Horst Milde: Ja, irgendwo schon. Es gibt Demonstrationen mit fünfstelligen Teilnehmerzahlen und die meisten haben nicht einmal eine Maske – von Mindestabständen keine Spur. Kleinere und mittelgroße Laufveranstaltungen sowie Eliterennen sollten stattfinden können. Hindernisläuferin Gesa Krause hat es ganz richtig gesagt: 22 Fußballspieler können mit Körperkontakt um den Ball kämpfen, aber zehn Läufer dürfen auf einer Bahn nicht hintereinander rennen, obwohl sie ja auch nur starten, wenn sie gesund sind. Wo ist da die Logik, warum soll es solche Rennen nicht geben?

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat aufgrund der Corona-Krise alle Straßenlauf-Meisterschaften für 2020 abgesagt. Viele Athleten und Trainer sind enttäuscht. Ist es vorstellbar, dass German Road Races eine Initiative ergreift und geeignete Rennen zu nationalen GRR-Meisterschaften macht?

Horst Milde: Ich hoffe, dass hier das letzte Wort doch noch nicht gesprochen ist, denn das kann so nicht sein. Es wäre eine Blamage, wenn wir es in Deutschland nicht schaffen würden, diese Meisterschaften mit einem reinen Elitefeld zu organisieren. Da sind uns die Österreicher und Schweizer weit voraus. Die Meisterschaften, die es noch geben muss, in große Lauf-Events zu integrieren, wird schwieriger als sie separat zu veranstalten. Aber deswegen dürfen sie nicht ausfallen. Wir schaufeln uns sonst unser eigenes Grab. Die German Road Races sind kein Veranstalter. Aber sollte tatsächlich alles ausfallen, könnte ich mir vorstellen, dass wir eine solche Idee im GRR-Vorstand diskutieren und unterstützen würden.

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