Viele Läufer essen zu wenig: Die unterschätzten Folgen von Energiemangel

Warnsignale für Unterversorgung
Viele Läufer essen zu wenig: Du auch?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 27.08.2026
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Viele Läufer essen zu wenig
Foto: Getty Images

Ausdauersport wie Laufen verbrennt eine Menge Kalorien. Das ist für nicht wenige ein Grund, warum sie regelmäßig die Laufschuhe schnüren – sie möchten durch Joggen abnehmen. Manchmal passiert der Gewichtsverlust aber auch ungewollt durch ein dauerhaftes Kaloriendefizit. Wenn du deinen Energiebedarf nicht deckst, sinkt aber nicht nur das Körpergewicht, sondern auch die Leistung. Ein langfristiger Energiemangel beeinträchtigt sogar deine Gesundheit. Erfahre im Folgenden, wie ein solch kritisches Defizit entsteht, welche Anzeichen darauf hindeuten und wie du es vermeidest.

Warum essen viele Läufer unbewusst zu wenig?

Das kennst du bestimmt auch: Nach einem intensiven Tempotraining oder einem langen Lauf müsstest du eigentlich einen Bärenhunger haben, hast aber erst einmal gar keine Lust auf Essen – vor allem an warmen Tagen. Das kurzfristig ausbleibende Hungergefühl ist eine normale Reaktion des Körpers auf intensive Belastung. Das Problem: Nimmst du jetzt nur eine Kleinigkeit zu dir und verschiebst die große Mahlzeit auf später, fällt sie womöglich aus den verschiedensten Gründen ganz oder zu gering aus – etwa, wenn es schon spät ist und du zu müde zum Kochen bist. Oder es kommen Job oder Alltag dazwischen. Das Ergebnis ist das gleiche: Du nimmst zu wenig Kalorien auf und gerätst in ein Defizit. Passiert das ausnahmsweise, ist das kein Problem – der Körper kompensiert mit seinen Reserven. Auf Dauer aber kommt es zu einer schleichenden Unterversorgung.

Ein weiterer Grund dafür, dass viele Läuferinnen und Läufer unbewusst zu wenig essen, ist paradoxerweise ihr Gesundheitsbewusstsein. Sie greifen bevorzugt zu vitaminreichen, voluminösen Lebensmitteln wie Salat, Gemüse, Obst und ballaststoffreichen Lebensmitteln. Das füllt den Magen und sättigt, ist aber energiearm.

Was ist Low Energy Availability (LEA)?

Low Energy Availability, kurz LEA, ist der wissenschaftliche Begriff für den Zustand einer zu geringen Energieverfügbarkeit. Letztere ist definiert als die Menge an Energie, die deinem Körper für seine grundlegenden biologischen Prozesse zur Verfügung steht, nachdem die beim Sport verbrannten Kalorien von der Nahrungsaufnahme abgezogen wurden. Die Sport- und Ernährungswissenschaft arbeitet für die Berechnung mit dieser Formel:

Energieverfügbarkeit = (Tägliche Kalorienzufuhr (kcal) − Energieverbrauch durch Training (kcal)) ÷ Fettfreie Masse

Liegt dieser Wert dauerhaft unter 45 kcal pro kg fettfreier Masse und Tag, bist du unterversorgt, bei 30 oder weniger kcal drohen gesundheitliche Probleme. Dein Körper fährt dann nicht unmittelbar überlebensnotwendige Prozesse herunter, etwa die Produktion bestimmter Hormone wie Östrogen und Testosteron, den Stoffwechsel und die Immunabwehr.

LEA ist kein reines Leistungssportproblem und betrifft nicht nur Menschen mit geringem Körpergewicht, wie oft angenommen wird. Normal- oder leicht übergewichtige Freizeitsportler können genauso an einem Energiedefizit leiden. So zeigen Untersuchungen wie die Boston-Marathon-Studie oder eine Erhebung unter Trailrunnern, dass grob zwischen 43 und 50 % der Frauen und 18 und 22 % der Männer ein Risiko für LEA haben.

Was ist RED-S?

Hält LEA über einen längeren Zeitraum an, werden die leistungsbezogenen und gesundheitlichen Auswirkungen als RED-S-Syndrom bezeichnet. RED-S steht dabei für „Relative Energy Deficiency in Sport“, also relativer Energiemangel im Sport. Das Syndrom umfasst das ganze Spektrum der Folgen: von Leistungsabfall und Muskelabbau über Zyklusstörungen und Immunschwäche bis zum erhöhten Risiko für Verletzungen wie Stressfrakturen. Bei RED-S bleibt nicht nur die Menstruation aus, es kann fast jedes Organsystem beeinträchtigen – bei Frauen wie Männern. Es entwickelt sich oft schleichend und bleibt lange unerkannt, was es so gefährlich macht.

Welche Symptome treten auf?

Ein anhaltendes Energiedefizit durch zu wenig Essen äußert sich erst einmal sehr unspezifisch, weshalb viele es mit stressbedingter Müdigkeit verwechseln. Und oft liegen die Ursachen folgender Symptome auch tatsächlich woanders und sind relativ harmlos. Kritisch ist es, wenn mehrere der folgenden Anzeichen auftreten und das auch schon seit Wochen oder Monaten:

  • Leistungsabfall trotz konsequentem Training
  • anhaltende Müdigkeit und Schlappheit, trotz ausreichend Schlaf
  • verzögerte oder unvollständige Regeneration
  • langanhaltender Muskelkater nach moderaten Trainingseinheiten
  • Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme und Motivationslosigkeit
  • innere Unruhe und Nervosität
  • ungewöhnliche Kälteempfindlichkeit an Händen und Füßen
  • stark vermindertes Hungergefühl trotz hohem Energieverbrauch
  • unregelmäßige oder ausbleibende Menstruation bei Läuferinnen
  • sinkendes Testosteron und nachlassende Libido bei Läufern
  • sexuelle Unlust bei beiden Geschlechtern
  • Verdauungsprobleme wie Blähungen, Völlegefühl oder Verstopfung
  • vermehrter Haarausfall und brüchige Nägel

Welche gesundheitlichen Folgen drohen?

Ignorierst du die oben genannten Symptome über längere Zeit, kann das ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Manche davon, wie ein Verlust der Knochenmasse, lassen sich nicht mehr vollständig rückgängig machen. Andere brauchen lange Zeit, um auszuheilen. Als Auswirkungen einer starken Unterversorgung sind vor allem folgende zu nennen:

  • Abnahme der Knochendichte bis hin zu Osteoporose
  • erhöhtes Verletzungsrisiko, insbesondere für Stressfrakturen an Schienbein und Mittelfußknochen, und für Muskel-, Sehnen- und Bänderprobleme
  • verzögerte Wundheilung
  • erhöhtes Risiko für Übertraining
  • eingeschränkte Fruchtbarkeit als Folge der hormonellen Dysbalance
  • Muskelabbau und Kraftverlust
  • geschwächtes Immunsystem, das dich häufig krank werden lässt
  • Herz-Kreislauf-Veränderungen wie ein auffällig niedriger Ruhepuls oder ein niedriger Blutdruck
  • erhöhtes Risiko für Essstörungen und Depressionen

Wie viel Energie brauchen Läufer wirklich?

Dein tatsächlicher Energiebedarf ist individuell und setzt sich aus deinem Grundumsatz und deinem Leistungsumsatz zusammen. Eine exakte Bestimmung ist nur mit aufwändigen Messungen wie der indirekten Kalorimetrie möglich, es gibt aber recht valide Formeln. Für den Grundumsatz etwa die Mifflin-St.-Jeor-Formel:

  • Für Frauen: Grundumsatz = (10 × Gewicht in kg) + (6,25 × Größe in cm) – (5 × Alter) – 161
  • Für Männer: Grundumsatz = (10 × Gewicht in kg) + (6,25 × Größe in cm) – (5 × Alter) + 5

Den Leistungsumsatz ermittelst du, indem du deinen berechneten Grundumsatz mit dem PAL-Wert multiplizierst. Das ist ein Faktor für dein Physical Activity Level, bezogen auf den gesamten Alltag, nicht nur auf Sport. Eine überwiegend sitzende Tätigkeit hat einen PAL von 1,2, harte körperliche Arbeit oder Leistungssport 1,9. Dieser Online-Rechner für den täglichen Kalorienbedarf berücksichtigt dein Aktivitätsniveau entsprechend. Und hier findest du Formeln für die Berechnung des Energieverbrauchs beim Laufen.

Übrigens: Auf die Bedarfsschätzungen von Fitness-Trackern und Laufuhren solltest du dich besser nicht verlassen, sie sind häufig sehr ungenau.

Um deinen Bedarf optimal zu decken, musst du außerdem die richtigen Makronährstoffe aufnehmen. Kohlenhydrate sind für Läufer die wichtigste Energiequelle, Proteine unterstützen die Regeneration. Auch gesunde Fette solltest du konsumieren: Sie unterstützen unter anderem die Hormonproduktion.

So erkennst du, ob du zu wenig isst

Unser Selbsttest kann erste Hinweise geben, ob du ein Energiedefizit hast. Bei mehr als zwei Ja-Antworten solltest du deine tägliche Kalorienaufnahme erhöhen oder dein Trainingspensum reduzieren. Setzt du das Kreuz sehr häufig bei „Ja“, ist eine ärztliche Abklärung anzuraten.

So vermeidest du Energiemangel

Einem Energiemangel lässt sich gut vorbeugen, wenn du erst einmal ein Bewusstsein für deine Ernährungsgewohnheiten entwickelt hast. Mit diesen Strategien sorgst du dafür, dass du rund ums Laufen genügend isst:

1

Tracke Kalorienaufnahme, Training und Befinden

2

Iss regelmäßig über den Tag verteilt

3

Nimm direkt nach dem Training etwas zu dir

4

Richte deine Kalorienzufuhr an deinem Trainingspensum aus

5

Vermeide Diäten in harten Trainingsphase

6

Hole dir professionelle Hilfe

FAQ zu Energiedefizit bei Läuferinnen und Läufern

Fazit