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Leistungsdiagnostik Interview: Leistungsdiagnostik für Läufer

Ernst Jakob, Chefarzt an der Sportklinik Hellersen, über die Anwendungen einer Diagnostik für Läufer.

Was ist die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle Leistungsdiagnostik?
Bevor ein Sportler seine Ausdauerleistungsfähigkeit untersuchen lassen kann, gilt es für uns fest­zustellen, ob er überhaupt sportgesund ist. Dazu machen wir eine Reihe von Basisuntersuchungen wie Blutbild und Urinwerte, EKG und Echokardiogramm.

Warum ist die maximale Sauerstoffaufnahme so bedeutsam?
Von den Daten, die wir im Rahmen der Ausdauerbelastung auf dem Laufband erheben, sind zunächst einmal die Maximalwerte interessant. Anhand der VO2max können wir zum Beispiel erkennen, wie der Sportler im Vergleich zu ande­ren aus seiner Altersklasse ein­zustufen ist und ob er das, was er an sportlichen Zielen anvisiert, erreichen kann. Auch aus submaximalen Werten können wir einige Erkenntnisse gewinnen und dem Athleten zum Beispiel in etwa prognostizieren, in welcher Zeit er aktuell einen Marathon laufen kann. Je näher die Zeit an drei Stunden oder darunter heran­reicht, umso genauer ist in der Regel die Prognose. Die Toleranz liegt im Bereich von plus/minus fünf Minuten. Wenn aber zu erkennen ist, dass ein Läufer fünf Stunden oder mehr für den Marathon benötigen würde, rate ich ihm von seinem Vorhaben ab und empfehle erst mal die Vorbereitung auf einen Halbmarathon.

Wie streng sind die Puls­vorgaben an der anaeroben Schwelle einzuhalten?
Es gibt immer Grenzfälle, in denen auch andere Aspekte zu berücksichtigen sind. Zum Beispiel kann es in bergigem Gelände an Anstie­gen durchaus sinnvoll sein, den einen oder anderen Pulsschlag über dem vorgegeben Wert zu liegen, wenn ein etwas schnellerer Schritt dem eigenen Laufrhythmus zugutekommt. Unsere Ergebnisse stammen ja aus Laboruntersuchungen, deshalb lassen sich unsere Empfehlungen nicht auf jede Situation im Feld exakt übertragen. Für die Ebene mit geringen Windein­flüssen lassen sich dagegen relativ leicht Empfehlungen und Prognosen abgeben. Dennoch ist Leistungsdiagnostik ­immer ­eine Momentaufnahme. Die stabilsten Prognosen kann man denen geben, die die Dia­­gnos­tik öfter machen. Im Rahmen ­einer Marathonvorbereitung etwa wäre es sinnvoll, eine Untersuchung zu Beginn der Vorbereitung und eine zweite wenige Wochen vor dem Rennen zu machen.
Gelten die verschiedenen Belastungsbereiche für alle Leistungsgruppen?
Es ist ja kaum möglich, langsamer als sieben oder acht Kilometer pro Stunde zu joggen. Wenn nun jemand schon bei 9 km/h seine anaerobe Schwelle erreicht, hat er kaum Spielräume für Varianten. Wer erst bei einem Tempo von 11 km/h oder darüber seine anaerobe Schwelle erreicht, hat natürlich ganz andere Spielräume. Gesteuert werden sollte die Belastung aber über die Herz­frequenz, nicht über das Tempo.

Was sagt die Spiroergometrie über den Stoffwechsel aus?
Eine Spiroergometrie zeigt ganz deutlich, wann der Läufer mit opti­malem Energieaufwand läuft, also pro eingesetzter Kalorie am weitesten vorankommt. Um das zu messen, reichen Laktatuntersuchungen nicht aus. Zum Beispiel können wir oft sehen, dass die Sauerstoff­aufnahme im Bereich zwischen maximalem Gehtempo und nie­drigster Laufgeschwindigkeit ­höher ist als bei schnelleren Laufgeschwindigkeiten. Das heißt, es wird unökonomisch gelaufen.

Ernst Jakob ist Chefarzt der Abteilung Sportmedizin an der Sportklinik Hellersen. Von 1988 bis 2006 fungierte er als Olympia-Arzt bei sechs olympischen Winterspielen und darüber hinaus als Teamarzt des Deutschen Skiverbands für die Nordi­schen Disziplinen. Er betreute die Profi-Radsport-Teams von Coast, Bianchi und Gerolsteiner als Teamarzt und ist Mitglied der Kommission Sportmedizin des DFB.
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17.07.2011
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