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Ich bin ein Läufer
Daniel Becker läuft an der Isar Sebastian Arlt

Daniel Becker

Der Traum vom Marathon

Daniel Becker lief sein Marathon-Debüt in 3:04 Stunden – obwohl er mit einem Herzfehler zur Welt kam. Oder vielleicht gerade deshalb.

Daniel ist heute 31 und arbeitet als Filmeditor für's Fernsehen in München. Als er 15 Jahre alt war, wurde bei ihm ein Herzfehler entdeckt: Ein Teil seiner Aorta war komplett verschlossen. „Ich hatte von Geburt an eine Aortenstenose, was bedeutet, dass die Hauptschlagader, auch Aorta genannt, verengt oder, wie in meinem Fall, sogar ganz verschlossen ist“, sagt Daniel. Schon als Baby war sein Blutdruck erhöht, doch sein Körper konnte gut damit umgehen. „Die Ärzte wurden daher erst aufmerksam, als mir im Alter von 15 Jahren immer wieder die Beine einschliefen, da sie nicht ausreichend mit Blut versorgt wurden“, erzählt er.

Die Hauptschlagader des Herzens verteilt das mit Sauerstoff angereicherte Blut im ganzen Körper. „Kurz nach dem Herzen teilt sie sich das erste Mal, ein Teil geht nach oben ab in Kopf und Arme, danach geht sie weiter Richtung Unterkörper und Beine. Genau an dieser Stelle war meine Aorta komplett zu. Daher suchte sich das Blut über die anderen Abgänge einen Weg zu den Beinen, und mein Herz musste viel stärker pumpen. Daher hatte ich einen hohen Blutdruck“, erklärt er.

Nach der Operation reift der Traum, Marathon zu laufen

Nur kurze Zeit nach der Diagnose wurde Daniel am offenen Herzen operiert. „Das verschlossene Stück wurde durch einen synthetischen Stoff, ein kleines Rohr, ersetzt. Ich lag damals nur zwei Wochen im Krankenhaus, die OP fiel in die Herbstferien.“ Vor der Operation ging Daniel regelmäßig ins Schwimmtraining, nahm an Kreismeisterschaften teil. Nach dem Eingriff musste er zwei Monate pausieren. „Danach bin ich an meine Schwimmleistung einfach nicht mehr rangekommen. Ich war dann zwar noch als Schwimmtrainer tätig, wollte selbst aber nicht mehr weitermachen.“ Die Ärzte rieten ihm, dem Ausdauersport treu zu bleiben. Da er im Schulsport immer der Schnellste auf der Laufbahn war, bot sich das Laufen an. Also wechselte Daniel kurzerhand die Disziplin. Eines Tages Marathon laufen, dieser Wunsch wuchs sogleich in ihm. Er nahm sich fest vor, seinen Traum noch vor seinem 30. Geburtstag wahr zu machen.

Knieprobleme legten die Mission Marathon auf Eis

Daniels Laufeinstieg war allerdings ein längerer Prozess. Mit dem ersten Training startete er bereits als Jugendlicher, nach der Herz-OP. Doch zu dieser Zeit besaß er nur Turnschuhe; seine ersten Runden lief er in Hallenschuhen „Ich machte mir überhaupt keine Gedanken über Laufschuhe, weshalb ich ziemlich bald Knieprobleme bekam. Dann beendete ich das Ganze erst mal und vergaß meine Mission Marathon.“

Erst mit 27 Jahren fiel ihm dieser Traum wieder ein. Diesmal stattete er sich jedoch mit passenden Laufschuhen aus – und lief seinen ersten Halbmarathon kurze Zeit später in 1:30 Stunden. Und dann, vor zwei Jahren, ein paar Monate vor dem 30. Geburtstag, lief Daniel in Hamburg seinen ersten Marathon, den er prompt in 3:04 Stunden finishte. Eine Traumzeit, für viele Läufer ein Leben lang unerreichbar. „Auch für mich war es eine Überraschung, denn ich lief einfach drauflos. Ich hatte zwar mein Smartphone mit Lauf-App am Arm, habe aber nie draufgeschaut – so hin und weg war ich von der unglaublichen Stimmung entlang der Strecke. Ich gab Gas und lief dennoch nie an meiner Leistungsgrenze.“

Sich mit solch einer Erstlingszeit noch zu verbessern ist schwierig. Doch Daniel schaffte es, lief seinen zweiten Marathon in Berlin 2018 eine Minute schneller: Nach 3:03 brauste er ins Ziel. Jetzt wurde die Luft aber dünn. Ein weiteres Mal versuchte er sich daran, sogar die Drei-Stunden-Marke zu knacken. „Das ging aber voll in die Hose, vielleicht brauche ich dazu mal einen richtigen Trainingsplan“, lacht er. Nach Plan hat Daniel noch nie trainiert – „weil ich ein totaler Gefühlsläufer bin. Ich trainiere völlig ohne Leistungsdruck, nur für mich. Dennoch möchte ich die drei Stunden irgendwann knacken. Klar!“ Seine 10-Kilometer-Runde schafft er mittlerweile schon unter 39 Minuten.

„Ich habe mir angewöhnt, wichtige Entscheidungen im Leben zu erlaufen.“

Alle zwei Jahre muss Daniel sich von Kardiologen untersuchen lassen. Die Ärzte sagen, für sein Herz sei Ausdauersport das Beste. „Da mein Herz 15 Jahre lang stärker schlagen musste als ein gesundes, wurde es auch leistungsfähiger.“ Momentan hat Daniel kein sportliches Ziel vor Augen – oder doch, ein kleines: den Volkstriathlon in Herzogenaurach im Juli, bei dem er voraussichtlich mit seinem Onkel, Bruder und Cousin starten wird. Aber auch ohne konkretes Ziel gibt ihm das Laufen viel, als Ausgleich zum Alltag. „Entlang der Isar laufe ich mir den Kopf frei. Ich habe mir angewöhnt, wichtige Entscheidungen im Leben zu erlaufen. Seitdem ich laufe, bin ich ausgeglichener.“

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