Aufgeben im Marathon gilt in der Lauf-Bubble oft als Schwäche, kann aber schlichtweg eine kluge Entscheidung sein. Wenn dir dein Körper ernste Warnsignale sendet, verhinderst du mit einem rechtzeitigen Ausstieg Schlimmeres. Aber wie lassen sich solche Anzeichen erkennen und wie unterscheiden sie sich von den ganz normalen Schmerzen, die ein Lauf über die 42,195 km nun einmal mit sich bringt?
Wann ein Marathonabbruch sinnvoll oder notwendig ist
Ein Marathon tut spätestens auf den letzten Kilometern weh. Das kann dazu verleiten, die Belastungsschmerzen mit ernsthaften Problemen zu verwechseln und der Gesundheit zu schaden. Augen zu und durch ist bei instabilem Kreislauf, Herzbeschwerden, einer akuten Verletzung oder einem drohenden Hitzschlag fahrlässig. Dass es sich nicht um normale Begleiterscheinungen handelt und du den Marathon besser beenden solltest, merkst du daran, dass
- du keine Kontrolle mehr über deine Beine hast und torkelst, stolperst oder Schlangenlinien läufst;
- du trotz starkem Energiemangel keine Verpflegung und Flüssigkeit mehr herunterbekommst;
- dir schwarz vor Augen wird oder du nur noch verschwommen siehst;
- bei jedem Schritt stechende Schmerzen in den Körper fahren;
- du dich fiebrig und schwach fühlst, weil ein vorher subakuter Infekt durch die Belastung ausbricht;
- extreme äußere Bedingungen dich völlig überwältigen;
- du entsprechende Hinweise von außen nicht mehr richtig registrierst und sie ignorierst.
Diese körperlichen Warnsignale solltest du ernst nehmen
Einige Symptome weisen auf einen echten Notfall hin: Du solltest dann wirklich nicht lange fackeln und den Marathon sofort abbrechen. Sonst drohen bleibende Schäden oder sogar Lebensgefahr: Dazu zählen:
‼️ Schwindel, Benommenheit oder Orientierungslosigkeit: Wenn du dich nicht mehr sicher auf den Beinen fühlst oder nicht mehr geradeauslaufen kannst, solltest du zumindest erst mal stehenbleiben, bevor du umkippst. Ursache können Dehydrierung oder Unterzuckerung sein.
‼️ Brustschmerz, Atemnot, Herzstolpern oder eine plötzlich sehr hohe Herzfrequenz, die auch im Gehen oder Stehen anhält: Diese Warnsignale gehören unmittelbar abgeklärt, besonders wenn sie beim Laufen erstmals auftreten.
‼️ Starke Übelkeit, mehrmaliges Erbrechen und somit Nahrungskarenz: Durch den Flüssigkeits- und Energieverlust kann dein Körper die Belastung oft nicht mehr stemmen.
‼️ Extreme Muskelschmerzen und dunkler Urin: Solche Symptome können auf eine Rhabdomyolyse, eine ernsthafte Muskelzerstörung, hinweisen.
‼️ Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen oder Vernichtungskopfschmerz deuten auf eine ernsthafte Durchblutungsstörung im Gehirn oder auf einen Schlaganfall hin.
‼️ Starkes Schwächegefühl, ausbleibendes Schwitzen oder Kollapsneigung: Bei heißem Wetter könnte sich eine Hitzeerschöpfung oder ein Hitzschlag anbahnen.
In diesen Fällen sofort die 112 anrufen
Der plötzliche Herztod ist die häufigste Todesursache beim Marathon. Stellst du bei dir selbst oder anderen Läufern typische Symptome wie Druck auf der Brust fest, solltest du den Notruf wählen bzw. wählen lassen oder Sanitäter an der Strecke verständigen. Auch Zusammenbrüche mit Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle, Lethargie, Sprachstörungen und Lähmungen sind IMMER ein Notfall und erfordern die sofortige medizinische Versorgung.
Wann Erschöpfung gefährlich wird
Eine gewisse Erschöpfung und schwere Beine gehören zum Marathon dazu, die Grenze zur Überlastung ist fließend. Solange du dich nur müde fühlst, aber weiter relativ flüssig laufen, trinken und denken kannst, bewegst du dich noch im grünen Bereich. So unterscheiden sich angemessene von alarmierenden Anzeichen:
Welche Rolle Hitze beim Marathon spielt
Laufen bei hohen Temperaturen und starker Sonneneinstrahlung ist viel anstrengender und belastender für den Körper als bei kühleren Bedingungen. Dein Herz-Kreislauf-System muss auf Hochtouren arbeiten, um Blut zur Haut zu pumpen, damit dich die Schweißbildung abkühlen kann. Deinen Laufmuskeln steht weniger Sauerstoff zur Verfügung, was eine Temporeduktion zur Folge hat. Schon ab etwa 20 Grad steckt der Körper deutlich mehr Ressourcen in die Temperaturregulation und du solltest deine geplante Wettkampfgeschwindigkeit anpassen – vor allem, wenn du noch nicht an die Wärme gewöhnt bist. Das ist oft bei Frühjahrsmarathons im April oder Mai der Fall. Ab 25 Grad ist eine reduzierte Pace aus Sicherheitsgründen dringend zu empfehlen.
Die größte Gefahr bei einer Hitzeschlacht ist die Kombination aus Dehydrierung und Überhitzung. Wenn du zu wenig trinkst oder dein Körper die Flüssigkeit nicht schnell genug aufnimmt, sinkt dein Blutvolumen, der Kreislauf gerät unter Druck und die Wärmeabgabe über den Schweiß ist nicht mehr so effektiv. Du überhitzt zunehmend, dein Kreislauf destabilisiert sich und deine Wahrnehmung trübt sich. Im schlimmsten Fall versagt die Temperaturregulation komplett und es kommt zu einem lebensgefährlichen Hitzschlag.
Mentale Gründe für einen Marathonabbruch
Nicht immer ist es der Körper, der beim Marathon einen Strich durch die Rechnung macht. Auch der Kopf spielt manchmal nicht mit. Das sind die Gründe:
Motivationsverlust
„Warum tue ich mir das an?“ – diese Frage hat sich wohl wirklich fast jede(r) schon bei einem Marathon gestellt. Wer hierauf keine gute Antwort findet, wirft schnell das Handtuch. Du fällst mental mit jedem Schritt immer tiefer in ein Loch. Das entzieht auch dem Körper Energie: Du fühlst dich schlapp, lustlos und gibst auf. Auch die Nichterreichbarkeit des gesetzten Ziels, etwa einer neuen Bestzeit, kann zum Motivationsverlust und Rennabbruch führen.
Keine mentale Vorbereitung
Für einen Marathon trainierst du idealerweise nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Integrierst du Mentaltraining in deine Vorbereitung, kannst du auf demotivierende Phasen viel besser reagieren. Du hast dann eine Art geistigen Werkzeugkasten dabei, aus dem du je nach Situation das passende Tool nehmen kannst – etwa positive Affirmationen und Visualisierungen.
Keine Topform
Psyche und Physis beeinflussen sich gegenseitig. Gehst du geschwächt oder vorbelastet an den Start, etwa nach einer Erkältung oder gerade so auskurierten Verletzung, bist du auch mental nicht ganz auf der Höhe. Du bist verunsichert und ordnest die normalen Zipperlein während eines Marathons womöglich falsch ein – aus Angst vor einer schweren Verletzung oder Erkrankung brichst du den Lauf besser ab, obwohl es gar nicht nötig wäre.
Angst und Druck
Räumst du dem Marathon einen sehr hohen Stellenwert ein und verknüpfst deinen Selbstwert damit, kann das unterwegs Versagensängste auslösen. Dann überkommt dich nicht nur ein Gefühl des Kontrollverlusts, sondern der Körper schüttet durch den mentalen Druck auch Stresshormone aus, die deine Muskeln verkrampfen lassen. Die psychische und die physiologische Reaktion können sich gegenseitig hochschaukeln – ein Teufelskreis, aus dem du womöglich nur einen Rennabbruch als Ausweg siehst.
Negative Gedankenspirale
Hakt es irgendwo, genügt manchmal schon ein einziger negativer Gedanke, um dich in einen mentalen Abwärtsstrudel zu reißen. Das können manchmal wirklich Kleinigkeiten wie eine Blase am Fuß sein, die dich aber die ganze Zeit nervt und zu weiteren kraftraubenden Überlegungen führt. Gelingt dir dann nicht ein bewusstes Gegensteuern, verstärken sich solche Gedanken immer weiter gegenseitig, bis du schließlich keine Lust mehr hast und aus dem Marathon aussteigst.
Monotonie
42,195 Kilometer ziehen sich – auch im Kopf. Auf Streckenabschnitten mit wenig Ablenkung durch Zuschauer und die Umgebung, kann sich ein Gefühl von Leere und mentaler Erschöpfung einstellen. Dann erscheinen die übrigen Kilometer oft noch ewig lang, alles geht nur noch zäh wie Kaugummi und du verlierst den Fokus auf den Lauf. Wer sich jetzt nicht intrinsisch abzulenken weiß, neigt schnell zum Abbrechen.
Was nach einem Marathonabbruch wichtig ist
Musstest du den Marathon beenden, gilt es wie bei einem Finish auch, sich sofort auf die Regeneration zu konzentrieren. Je nach den Gründen, sind diese Maßnahmen wichtig:
- Lass dich vom medizinischen Dienst an einer Verpflegungsstation oder im Zielbereich durchchecken, wenn du gesundheitliche Probleme hast.
- Wechsle die verschwitzten Laufklamotten bzw. ziehe dir was über, da dein Immunsystem nach dem abrupten Stopp anfällig ist (Open-Window-Effekt) und du schnell auskühlst.
- Versorge dich zeitnah mit leicht verdaulichen Kohlenhydraten und Elektrolyten, um die Glykogen- und Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen.
- Gönne dir ausreichend Erholung und vermeide in den ersten Tagen intensive sportliche Aktivitäten.
- Analysiere in Ruhe die Gründe für den Abbruch, bevor du wieder mit einem Marathontraining durchstartest. Vielleicht war die Vorbereitung zu hart?
Wie man einen DNF mental verarbeitet
Mund abwischen, Krönchen richten und weitermachen: Solche Sprüche helfen erst einmal nicht viel, wenn du nach einem Marathonabbruch frustriert und enttäuscht bist. Ein DNF („Did not finish“) hinter dem eigenen Namen in der Ergebnisliste zu lesen, ist einfach bitter – und du darfst und solltest diese Gefühle auch erst einmal zulassen. Hänge den Ausstieg aber nicht zu hoch auf: Am Ende war es nur ein Lauf und es kommen weitere. Versuche, einen Lerneffekt mitzunehmen, der die Basis für ein gutes Ergebnis beim nächsten Start legt. Spitzensportler machen es genauso: Sie betrachten die vermeintliche Niederlage als Notwendigkeit auf dem Weg zum Erfolg.
Musstest du aus medizinischen Gründen aufgeben, darfst du dir gratulieren: Du hast auf deinen Körper gehört und ihm mit dieser vernünftigen Entscheidung einen guten Dienst erwiesen. Viele können das nicht – und bezahlen es womöglich mit langwierigen Verletzungen oder ernsthaften Gesundheitsschäden.
Fragen und Antworten zum Abbruch eines Marathons
Ja, da dein Transponder nicht mehr von der Zeitmessung registriert wird. In der Ergebnisliste erscheint hinter deinem Namen dann ein „DNF“ (Did Not Finish) und keine Finisherzeit. Manchmal steht auch da, an welchem Kilometer oder nach welcher Messstation du das Rennen beendet hast.
Normalerweise ja, ein DNF hat auf zukünftige Starts keine Auswirkung. Du musst jedoch die geltenden Startbedingungen erneut erfüllen. Bei Rennen mit begrenztem Starterfeld – etwa dem Berlin- oder dem Boston-Marathon – bedeutet das, erneut im Losverfahren gezogen zu werden bzw. die Qualifikation zu erbringen.
Das hängt vom Rennen und den Wetterbedingungen ab. Im Schnitt liegt die Abbruchquote zwischen 1 und 5 % aller Starter – bei extremer Hitze kann sie deutlich höher ausfallen. Bei einem Rennen mit 10.000 Startern laufen also statistisch zwischen 100 und 500 Personen den Marathon nicht zu Ende.
Bei großen Marathonveranstaltungen findest du an der Strecke alle paar Kilometer medizinische Versorgungsstationen, dazu kommen mobile Sanitätsteams. Die geschulten Helfer greifen proaktiv ein, wenn sie Teilnehmer mit gesundheitlichen Problemen sehen. Bei schweren Symptomen nehmen sie dich zum Schutz deiner Gesundheit aus dem Rennen.
Wenn du wegen ernster Symptome wie Schwindel, Kreislaufproblemen, Taubheitsgefühlen oder Brustschmerzen abgebrochen hast, empfiehlt sich eine medizinische Untersuchung noch am Renntag. Ansonsten ein Arztbesuch in den folgenden Tagen.
Wenn du das Rennen abbrichst, solltest du dem nächsten Streckenposten Bescheid geben. Die Veranstalter organisieren meist sogenannte Besenwagen oder Shuttles, die gestrandete Läuferinnen und Läufer einsammeln und zum Zielbereich zurückbringen. Gehe vor allem bei kleineren Veranstaltungen nicht einfach nach Hause, ohne dich im Zielbereich oder beim Sanitätsdienst offiziell abzumelden. Sonst werden womöglich sinnlose Suchaktionen gestartet.





