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Alex Hutchinsons Lauflabor Warum läuft man im Wettkampf schneller als im Training?

Kaum hat man eine Startnummer auf der Brust, kann man ein höheres Tempo als im Training laufen. Denn Läufer im Wettkampf sind bereit höhere Muskelschmerzen zu tolerieren.

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Die Situation im Wettkampf befähigt uns zu höheren Geschwindigkeiten als im Training.

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Es gibt nichts demotivierenderes als zu versuchen, sein angestrebtes Wettkampftempo im Training zu laufen. Persönlich habe ich es selten geschafft auch nur die Hälfte meiner Laufdistanz im Wettkampftempo zu laufen; und bei den seltenen Anlässen, bei denen ich so etwas versuche, frage ich mich immer: „Wie um Gottes willen soll ich doppelt so weit und gleichzeitig noch schneller im Wettkampf laufen?"

Natürlich zeigt die Erfahrung, dass man scheinbar Unmögliches leisten kann, sobald die Startpistole abgefeuert wurde. Hier nehmen viele verschiedene Faktoren Einfluss: Man ist ausgeruht, die Motivation ist höher, man hat Konkurrenten, mit denen man sich messen kann und so weiter. Aber wie führt das alles zu einem schnelleren Lauftempo?

Phänomen des Wettkampftempos nun wissenschaftlich belegt

Eine Studie, die kürzlich beim jährlichen Kongress des European College of Sports-Science in Wien vorgestellt wurde, bietet einige interessante Einblicke. Marco Konings und seine Kollegen von der University of Essex untersuchten die Auswirkungen des Wettbewerbs auf die verschiedenen Arten von Müdigkeit, die sich im Gehirn und in den Muskeln zeigen.

Die Studie umfasste Radfahrer, die jeweils zwei 4 Kilometer lange Zeittests, einmal alleine und einmal gegen einen virtuellen Gegner (in zufälliger Reihenfolge) durchliefen. Es überrascht nicht, dass sie in der Lage waren, schneller zu fahren, als sie gegen den virtuellen Konkurrenten antraten (6: 22,2 Minuten im Durchschnitt, im Vergleich zu 6: 33,6 Minuten). Vor und nach jedem Test, sollten die Radfahrer eine „maximale Kontraktionsprobe“ ihrer Beinmuskulatur abgeben, um dann mithilfe elektrischer Stimulation zu untersuchen, wie viel zusätzliche Kraft den Muskeln entzogen werden kann. Das erlaubte den Forschern, die „periphere" Müdigkeit (wie viel schwächer der Muskel selbst nach dem Zeitfahren ist) und die „zentrale" Müdigkeit (wie viel schwächer das Signal aus dem Gehirn an die Muskeln nach dem Zeitfahren ist) zu berechnen.

Die Ergebnisse zeigten, dass die zentrale Müdigkeit in beiden Fällen ungefähr gleich war (ein Rückgang um 4,9 Prozent im Wettkampf-Fahren im Vergleich zu 3,4 Prozent beim Einzel-Fahren). Jedoch sank die periphere Müdigkeit nach dem Wettkampf um 23,1 Prozent und war damit im Vergleich zu der Solo-Fahrt mit nur 16,2 Prozent viel größer. Die Schlussfolgerung ist nun, dass „das Vorhandensein eines wettbewerbsfähigen Gegners, es den Teilnehmern zu ermöglichen scheint, ein höheres Maß an physiologischer Kapazität zu nutzen", dank der „Bereitschaft eine höhere periphere Ermüdung zu tolerieren". Es gibt in der Tat Beweise dafür, dass hartes Training nachhaltig Metaboliten in den Muskeln erzeugt, die ein Signal zurück an das Gehirn senden, welches als Schmerz interpretiert wird. Wenn man bereit ist, diesen Schmerz ein wenig länger zu ignorieren, kann man vermutlich mehr leisten.

Ergebnisse können nicht verallgemeinert werden

Festzuhalten ist, dass diese Messungen komplex sind und stark von den Details des Experiments abhängen. Der Grad der peripheren Ermüdung kann teilweise damit zusammenhängen, an welches Tempo man sich hält: ein langsamer Start und ein rasanter Zielsprint können im Vergleich einen anderen Grad an peripherer und zentraler Müdigkeit hervorrufen als ein schneller Start und ein gleichmäßiges Auslaufen.

„Wir laufen im Wettbewerb besser, weil wir bereit sind mehr Muskelschmerzen zu tolerieren" ist wahrscheinlich nicht die vollständige Erklärung der Magie des Laufens. Aber es ist ein Anfang – und eine nützliche Erinnerung daran, dass Training und Wettkampf nicht das Gleiche sind.

Die Frage, die sich mir jedoch stellt ist: Wäre es besser, den Zugang zu mehr von diesen physiologischen Reserven bereits im Training zu haben sollte man sie aufsparen bis sie im Wettkampf wirklich gebraucht werden? Als Sportler war mein Gespür immer, dass Letzteres die richtige Wahl ist, aber ich habe auch andere Geschichten von großen Athleten gehört, die Wettkampf-Qualitäts-Leistungen im Training liefern konnten.
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Autor: Alex Hutchinson 02.09.2016
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