Ahmaud Arbery wurde im Februar 2020 beim Joggen gejagt und ermordet Lynsey Weatherspoon

Die Ermordung des Läufers Ahmaud Arbery

Ahmaud Arbery wurde beim Joggen ermordet Noch 12 Minuten zu leben

Im Februar 2020 wurde der Afroamerikaner Ahmaud Arbery in Georgia/USA beim Joggen von zwei weißen Männern erst gejagt, dann erschossen. Unser Autor hat den Fall recherchiert und dabei festgestellt, dass der Laufsport in den USA seit jeher ein Rassismusproblem hat.

Stellen Sie sich den jungen Ahmaud „Maud“ Arbery vor: Beim Football-Training hat ihn der Coach der Brunswick High School Pirates als Linebacker eingeteilt, die zentrale Position der Defensive. Die Offensive probt Spielzüge des nächsten Gegners, und wie üblich provoziert der Coach die Defensive: „Ihr seid nicht bereit!“, ruft er. „Ihr könnt uns nicht stoppen!“ Bei einem der Spielzüge schnellt der nur 1,78 Meter große und 75 Kilo leichte Maud vorwärts und trifft seinen Gegenspieler wie ein Rammbock. RUMMS! hallt es übers Feld bis auf die Tribünen.

Einige Mitspieler schauen erschrocken drein, andere klatschen sich begeistert auf die Schulterpolster. Ein Assistenztrainer hilft dem Opfer des Tacklings auf, der Coach bläst in seine Trillerpfeife und brüllt Maud an: „Warum hast du den so umgehauen? Spar dir das für Freitag auf!“Am Spieltag drängen sich die Pirates in ihren blau-gold-weißen Heimtrikots in der Umkleide des Glynn County Stadium zusammen. Maud, ausgestattet mit dicken Schulterpolstern, Maske und der Startnummer 21, die er zu Ehren seines Bruders Buck und seines Idols, des berühmten Defensivspielers Sean Taylor, trägt, stolziert ins Zentrum der Gruppe und beginnt den Sprechgesang, ein Ritual vor dem Spiel: „Alle bereit?“, ruft er.„Zur Hölle, ja!“, erschallt die Antwort. „Alle bereit?“, wiederholt er. „Zur Hölle, ja!“„Ihr seid nicht bereit!“, provoziert er. „Bullshit!“, tönt es zurück.

Ahmaud Arberey im Jahr 2012 mit einem Trikot mit der Nummer 21, die er wegen seines Bruders und seines Idols Sean Taylor trug.
Lynsey Weatherspoon
Ahmaud Arberey im Jahr 2012 mit einem Trikot mit der Nummer 21, die er wegen seines Bruders und seines Idols Sean Taylor trug.

Zu donnerndem Applaus stürmt das Team aufs Feld. Das Blasorchester der Schule spielt das Teamlied, die Cheerleader schütteln vor dem Orchester ihre Pompoms. Die Tribüne ist ein tosendes Meer aus Blau und Gold, auch etliche von Mauds Angehörigen sind dabei. Dann ist Anpfiff, der Kampf wogt hin und her, und irgendwann probiert das gegnerische Team tatsächlich den vorher im Training erprobten Spielzug. Mit eisernem Blick stürmt Maud auf den gegnerischen Runningback zu und trifft ihn wie eine Dampflok. RUMMS! Die Fans reagieren mit jubelndem Gebrüll, Maud jedoch trottet geradezu unbeteiligt an den Rand des Spielfelds zurück. Der Assistenztrainer packt ihn an der Maske. „Genau so“, sagt er. Stellen Sie sich Ahmaud „Maud“ Arbery als einen jungen Mann mitt­lerer Größe und von eher schmaler Statur, aber dafür unbändiger Entschlossenheit vor.

Das Glynn County Stadium in Brunswick, Georgia
Lynsey Weatherspoon
Das Glynn County Stadium in Brunswick, Georgia.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:04 Uhr

Mit einem Zeitstempel versehene Aufnahmen einer Sicherheitskamera zeigen Maud beim Joggen in Satilla Shores, einem Vorort von Brunswick in Glynn County im Bundesstaat Georgia. Er läuft den Satilla Drive hinunter und macht auf dem Rasen eines offensichtlich gerade im Bau befindlichen Bungalows mit der Hausnummer 220 Halt. Vor dem Haus steht eine mobile rote Toilettenkabine, das Garagentor steht weit offen.

Maud trägt helle Nikes, ein weißes T-Shirt und khakifarbene Cargo-Shorts. Nach kurzem Innehalten auf dem Rasen betritt er das Haus. Aufnahmen einer im Haus angebrachten Sicherheitskamera zeigen ein Gerüst aus Balken und Sperrholz und stapelweise Rigipsplatten, Rohre und Kabel. Materialkisten stehen herum, in einer Ecke steht ein kleiner Gabelstapler. Maud fasst nichts an. Er blickt sich um und schaut über den Rahmen des Kamerabilds hinaus in Richtung des Flusses, der hinterm Haus verläuft. Vielleicht überlegt er, wie das Haus aussehen wird, wenn es einmal fertig sein wird.

Maud ist nicht der erste Unbefugte, der die Baustelle betritt. Die Sicherheitskameras haben schon andere dabei aufgenommen, darunter an einem Abend ein weißes Pärchen und tagsüber zwei weiße Jungs. Bei vier Gelegenheiten zeichnete sie noch jemand anderen auf, vermutlich ein und dieselbe Person: einen schlanken jungen Schwarzen mit wilden Haaren und Tätowierungen an Armen und Schultern. Laut Hauseigentümer wurde bei keinem dieser Besuche etwas gestohlen oder beschädigt.

Derweil hat ein Nachbar Maud auf der Baustelle erspäht und die Notrufnummer der Polizei gewählt. „Da ist jetzt gerade einer im Haus“, meldet er. „Das Haus ist im Bau, Satilla Drive 219 oder 220.“ Der Mann wartet nahe der Kreuzung Jones Road/Satilla Drive. „Ich muss wissen, was er Verbotenes tut“, sagt der Polizist am Telefon. „Er wurde schon öfter von der Kamera aufgenommen. Der ist andauernd hier“, sagt der Anrufer, obwohl er es nicht mit Sicherheit weiß. Aber dafür kann er Mauds Aussehen präzise beschreiben: „Ein Schwarzer mit weißem T-Shirt.“

Um zu erahnen, was es bedeutet, wenn ein Schwarzer im Jahr 2020 in Satilla Shores joggen geht, muss man ein paar Dinge über das Laufen als Freizeit­aktivität wissen. Bis zu Beginn der 1960er-Jahre rief es, außer bei Leistungssportlern, fast überall dieselbe Reaktion hervor: Warum sollte man so etwas tun? Doch 1962 besuchte der Lauftrainer und spätere Nike-Mitgründer Bill Bowerman Neuseeland und lernte dort Arthur Lydiard kennen, einen Kollegen, der ein Lauf-Trainingsprogramm für das Gelände entwickelt hatte.

Voller Begeisterung kehrte Bowerman in die USA zurück und startete in Eugene, Oregon, ein ähnliches Programm. 1967 veröffentlichte er mit W. E. Harris ein Buch mit dem Titel „Jogging: A Medically Approved Physical Fitness Program for All Ages, Prepared by a Heart Specialist and a Famous Track Coach“ („Jogging: Ein ärztlich erprobtes Fitnessprogramm, erstellt von einem Herzspezialisten und einem berühmten Lauftrainer“). Das Buch wurde zum Bestseller und machte Jogging zum Freizeitsport – im weißen Amerika.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich zu einer ganz seltenen Sorte Amerikaner gehöre: Ich bin ein Schwarzer aus Oregon. Und ich will Ihnen ein Geheimnis über meinen Heimatstaat verraten: Er ist weiß, richtig weiß. Schwarzen war es per Verfassung lange Zeit verboten, sich hier niederzulassen. Als Bowerman die Bewohner von Eugene ermunterte, in Trainingshose und Laufschuhen durch ihre Nachbarschaft zu trotten, war Eugene zu 97 Prozent weiß.

Man könnte vermuten, dass es auch an der demografischen Zusammensetzung Eugenes lag, dass Jogging bis heute ein überwiegend „weißer Sport“ ist. Doch der monoli­thische Charakter des Laufsports hat wohl mehr mit seiner Vermarktung zu tun, die immer auf weiße und wohlhabende Menschen gemünzt war, sowie mit anderen strukturellen gesellschaftlichen Faktoren.Zur gleichen Zeit, als Bowerman Neuseeland besuchte, lebten Millionen von Schwarzen im von Rassentrennung und Diskriminierung gekennzeichneten Süden der USA.

In den 1960er-Jahren wurden die schwarzen Bürgerrechtsikonen Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. von Weißen ermordet. Und bis Ende der 1960er-Jahre zogen viele Schwarze aus dem Süden in den Norden und Westen, in arme Stadtviertel mit schlechter Infrastruktur, in denen das Leben auf den Straßen von Unsicherheit geprägt war. Joggen stand nicht weit oben auf der Prioritätenliste der Bewohner. Und obwohl der Sport während der letzten 50 Jahre demografisch vielfältiger geworden ist, ist Laufen im Großen und Ganzen ein Freizeitvergnügen für privilegierte Weiße. Schwarze hatten noch nie dieselbe Chance auf Freizügigkeit wie Weiße.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:08 Uhr

Maud schlendert aus dem halbfertigen Haus und beginnt nach ein paar Schritten zu joggen. Er ist sich des Mannes, der die Polizei benachrichtigt hat und ihn noch immer beobachtet, nicht bewusst. „Jetzt läuft er. Da ist er“, spricht der Mann ins Telefon. „Okay, aber was macht er?“, fragt der Polizist. „Er läuft die Straße runter.“ Die Aufnahme zeigt Maud, wie er am Haus von Gregory und Travis McMichael (Vater und Sohn) vorbeiläuft.

Gregory McMichael ist ein ehemaliger Polizist; die Befugnis, Verhaftungen vorzunehmen, wurde ihm entzogen, weil er nicht an einer obligatorischen Weiterbildung zum Einsatz von Gewalt teilgenommen hat. Er sieht Maud an seinem Haus vorbeilaufen und findet ihn verdächtig. „Travis, der Kerl läuft die Straße runter!“, brüllt er. „Los, komm.“ Aus Gründen, für die sich die ­McMichaels nun vor Gericht verantworten müssen (beide sind wegen neun verschiedener Delikte angeklagt, unter anderem schwere Körper­verletzung mit Todesfolge), bewaffnen sie sich – der Sohn mit einer Schrotflinte vom Typ Remington 870, der Vater mit einer Magnum Kaliber .357 – und springen in einen weißen Ford-Pick-up.

Die Region Golden Isles liegt an der ­Atlantikküste von Georgia, zwischen Savannah und Jacksonville (Florida). Sie umfasst die vorgelagerten Inseln St. Simons, Sea Island, Little St. Simons und Jekyll sowie auf dem Festland die Kleinstädte Darien und Brunswick. Das ebenfalls zur Region gehörende Satilla Shores ist ein gemeindefreies Gebiet, in dem Ober- und Mittelschicht­familien, pensionierte Arbeiter und Angestellte, Alteingesessene und Zuge­zogene wohnen. Es gibt auch eine Menge nur während der Saison bewohnter Ferienhäuser.

Die engen Straßen sind überschattet von moosbewachsenen Eichen, hohen Kiefern und Kräuselmyrten und gesäumt von ein- oder zweigeschossigen Häusern mit gepflegten Rasenflächen und Auffahrten, auf denen neue Autos und Bootsanhänger stehen. Die Häuser auf der einen Seite des Satilla Drive, der Hauptstraße des Ortes, grenzen an den sedimentgefärbten Little Satilla River mit seinen mehrere Meilen breiten, mit Schlickgras bewachsenen Salzmarschen.

Das Haus von Mauds Familie in Bruns­wick, wo er zum Zeitpunkt seiner Ermordung lebte, liegt nur drei Kilometer von Satilla Shores entfernt. Praktisch aber ist es eine andere Welt. Das mittlere Haushaltseinkommen in Glynn County beträgt 51 000 Dollar, in Brunswick sind es 26 000 Dollar. Die Armutsquote des Viertels, das junge Schwarze „The Wick“ nennen, liegt bei 38 Prozent.

Hier wurde Ahmaud Marquez Arbery am 8. Mai 1994 als drittes Kind von Wanda Cooper-Jones und Marcus Arbery Sr. geboren. Sein älterer Bruder Marcus „Buck“ Jr., seine Schwester Jasmine und seine Eltern nannten Ahmaud „Quez“ – eine Kurzform seines zweiten Vornamens –, für seine Freunde war er „Maud“. Maud hatte eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen und eine dunkle, von vielen Stunden im Freien geschwärzte Haut. Während der Grundschulzeit lernte Maud seinen besten Freund Akeem „Keem“ Baker kennen, der im selben Wohnblock ­lebte.

Keem, damals ein pummeliger, introvertierter Junge, erinnert sich, dass Maud eins der beliebtesten Kinder in der Nachbarschaft war. Die „Sandkastenbrüder“, wie Keem Maud und sich nennt, waren bald unzertrennlich. Im Schulbus saßen sie stets nebeneinander und erkundeten auf der Suche nach Basketball-Ringen die Nachbarschaft.

Einer von Ahmaud Arberys besten Freunden, Akeem »Keem« Baker. Keem und Ahmaud gingen manchmal ­zusammen laufen.
Lynsey Weatherspoon
Einer von Ahmaud Arberys besten Freunden, Akeem »Keem« Baker. Keem und Ahmaud gingen manchmal ­zusammen laufen.

Mauds drei Jahre älterer Bruder wachte in jenen Tagen als Beschützer über sie. Buck war es auch, der Maud 2002 an den Sport heranführte, den er später so liebte, als sie gemeinsam das Endspiel um die Landesmeisterschaft im College-Football besuchten. Im nächsten Jahr begann Maud mit dem Football: als ultraleichter Runningback und Linebacker. Mit Bucks Freunden – alle zwei oder drei Jahre älter als er – spielte er Tackle-Football.

Während eines Wettkampfs in der Nachbarschaft ging einer der Jungen ihn derart hart an, dass Buck aufsprang und ihn verteidigen wollte, weil er dachte, sein Bruder hätte sich verletzt. Doch Maud war im Nu wieder auf den Beinen und machte weiter, als sei nichts passiert. „Da wusste ich, dass er hart im Nehmen war“, so Buck. „Und dass er auf sich aufpassen konnte.“In der Highschool besorgte sich Maud einen Job bei McDonald’s – nicht nur, um selbst ein wenig Geld in der Tasche zu haben, sondern auch, um seine Mutter zu unterstützen, die häufig zwei Jobs gleichzeitig hatte.

Inzwischen hatte sich Maud – unter dem Einfluss einer ersten Verliebtheit – etwas von der Ordnungsliebe seines Bruders abgeschaut und war modebewusst geworden. Er bevorzugte enge Jeans und knallbunte Polo- und Rugbyhemden und trug die Haare kurz geschoren und sauber ausrasiert. Keem, der Erste im Freundeskreis, der ein Auto hatte, holte Maud häufig ab, und sie fuhren zum YMCA, wo sie stundenlang Basketball spielten oder sich an den Geräten abrackerten.

Jason Vaughn, der Coach des Juniorenteams der Brunswick High School, traf Maud in dessen zweitem Highschool-Jahr. Er war gerade auf der Suche nach einem Line­backer, und ein anderer Trainer hatte ihm von einem Kandidaten erzählt. Als der schmächtige Maud auf den Platz marschierte, war Vaughn verblüfft. „Willst du mich verarschen?“, fragte er den anderen Trainer. „Was soll ich denn mit diesem Bürschchen anfangen?“ Seine Antwort bekam er schnell. Das Training umfasste einen Drill namens „Oklahoma“, bei dem zwei Spieler aufeinander losggehen. Keem erinnert sich, dass Maud bei dieser Übung herausragte – nicht wegen seiner Körperkraft, sondern „weil er völlig furchtlos war“.

Jason Vaughn, Trainer von Ahmaud Arberys Football-Team
Jason Vaughn, Trainer von Ahmaud Arberys Football-Team.

Kurz darauf zog sich Maud in einem Spiel einen Kreuzband- und Meniskusriss zu. Ein weniger engagierter Spieler hätte den Sport an den Nagel gehängt, aber Maud unterwarf sich einem anstrengenden Reha-Programm. Im folgenden Sommer verletzte er sich erneut und durchlief wieder eine schwierige Reha. „Unsere Eltern sagten immer: Wenn ihr etwas anfangt, dann zieht es durch“, sagt seine Schwester Jasmine. Aber die vielen Verletzungen forderten schließlich ihren Tribut. Obwohl er nach seiner letzten Saison für die Brunswick High School Pirates beim populä­ren „Florida-Georgia War of the Border All-Star Match“ mitspielen durfte, erhielt Maud kein Stipen­dium, das es ihm erlaubt hätte, seine Football-Karriere weiterzuverfolgen. Stattdessen schrieb er sich nach dem Schulabschluss am South Georgia Technical College (SGTC) ein, um Elektriker zu werden. Nach einem Jahr brach er das Studium ab und zog nach Brunswick ins Haus seiner Mutter zurück.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:10 Uhr

Die beiden bewaffneten McMichaels rasen in ihrem Pick-up hinter Maud her und verfolgen ihn entlang der Burford Road, einer von üppig grünen Eichen, Pinien und Magnolien beschatteten Straße. Vom Vorgarten seines Hauses aus sieht William Bryan die Verfolgungsjagd, und aus Gründen, für die er sich vor Gericht wird verantworten müssen (er ist wegen neun verschiedener Delikte angeklagt, darunter versuchte Freiheitsberaubung mit Todesfolge), springt er in seinen Wagen und fährt hinterher.

Die McMichaels rasen an Maud vorbei, um ihm den Weg abzuschneiden, aber Maud rennt zurück und sieht sich nun Bryans Pick-up gegenüber. Bryan versucht, Maud den Weg zu versperren, doch der entwischt um eine Kurve in die Holmes Road. Der ältere McMichael – Gregory – ist mit seiner .357 inzwischen auf die Ladefläche des Wagens geklettert. Sie verfolgen Maud, der die Holmes Road entlangsprintet.

Wie Maud war auch ich auf der Highschool leidenschaftlicher Sportler (mein Sport war Basketball), ohne ein Sportstipendium eines großen College-Programms zu erhalten. Und wie Maud besuchte ich danach eine kleinere Bildungseinrichtung (bei mir war es ein Community College) in meinem Heimatstaat. Sowohl Maud als auch ich erlebten, wie Freunde Stipendien erhielten, in andere Städte zogen und dort weiter den Sport betrieben, den wir liebten. Auch ich brach mein erstes Studium am Community College ab. Aber anders als Maud brauchte ich nicht in die Wohnung meiner Mutter zurückzukehren – ich lebte bereits dort.

James „J. T.“ Trimmings, ein Freund von Maud aus frühester Kindheit, glaubt, dass Heimweh die Ursache für Mauds vorzeitige Rückkehr vom College war. Ich dagegen vermute, dass Maud auch deshalb nach Hause zurückkehrte, weil seine Sportkarriere vorbei war; eine derartige Enttäuschung kann selbst die Robustesten unter uns demoralisieren.

Ahmaud Arberys Freund James »J. T.« Trimmings im Selden Park in Brunswick
Lynsey Weatherspoon
Ahmaud Arberys Freund James »J. T.« Trimmings im Selden Park in Brunswick.

Im Jahr nach dem Schulabschluss wurde Maud wegen Waffenbesitzes verhaftet und zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt, gegen die er durch einen Ladendiebstahl verstieß. Auch ich wurde ein paar Jahre nach meinem Abschluss mit Drogen und einer Pistole verhaftet und verbrachte 16 Monate im Staats­gefängnis. Maud – lieber Gott, warum? – ist tot, und ich bin, durch pures Glück, Professor für kreatives Schreiben und steuere mit Riesenschritten auf die Fünfzig zu.

Falls Maud je mit dem Gedanken gespielt haben sollte, sich je wieder am SGTC einzuschreiben, so verlor die Idee an Reiz, als er 2013 Shenice Johnson kennenlernte. Das erste Mal traf er sie bei McDonald’s, wo er wieder arbeitete. Es ist nicht ganz klar, wer den ersten Schritt tat. Keem sagt, dass ihm Maud wochenlang von dem wunderschönen Mädchen auf der Arbeit vorschwärmte, das er sich nicht anzusprechen traute. „Mann, Maud“, habe er gesagt, „geh einfach zu ihr und stell dich ihr vor.“

Shenice erzählt, ihre gut fünfjährige Beziehung habe damit begonnen, dass sie dem hübschen Jungen einen kostenlosen McFlurry anbot. Bei ihrem ersten Date habe Maud sie in dem goldfarbenen Toyota Camry abgeholt, den seine Mutter ihm gekauft hatte. In einem Hemd mit weißem Kragen und blitzblanken Air-Force-1-­Sneakern habe er Shenice zu einem fantastischen Fischessen eingeladen und sie wie ein vollendeter Gentleman behandelt. „Wenn ich mit ihm zusammen war, musste ich mir um nichts Sorgen machen“, sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme.

Shenice Johnson im Glynn Overlook Park in Brunswick
Lynsey Weatherspoon
Shenice Johnson im Glynn Overlook Park in Brunswick.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:14 Uhr

Smartphone-Aufnahmen zeigen Maud auf der Holmes Road, wie er vor Bryans Pick-up weg und auf den weißen Ford der McMichaels zuläuft. Bryan hat zu diesem Zeitpunkt sein Smartphone hervorgeholt und zu filmen begonnen. Zugleich ruft Gregory McMichael den Notruf an. „Äh, ich bin hier in Satilla Shores“, erzählt er dem Polizisten. „Da läuft ein Schwarzer die Straße runter.“ Der Beamte fragt nach dem Standort. „Ich weiß nicht, auf welcher Straße wir sind“, sagt er. „Halt sofort an. Verdammt. Stopp!“, hört man ihn in der Aufnahme dann Maud anschreien.

Maud, inzwischen seit sechs Minuten auf der Flucht, läuft zu diesem Zeitpunkt auf den rotgesichtigen Travis McMichael zu, der hinter der Tür seines Pick-ups steht und mit der Schrotflinte auf ihn anlegt, und auf Gregory McMichael, der mit der Magnum in der Hand auf der Pritsche des Pick-ups kniet. Maud wendet sich zuerst zur einen, dann zur anderen ­Seite, läuft schließlich rechts am Wagen vorbei und quert vor ihm die Straße.

Travis McMichael passt ihn vor dem Kühler des Wagens ab und drückt ab. Die Explosion ist in Bryans Smartphone-Aufnahme zu hören.

„Travis!“, schreit Gregory und lässt sein Handy auf die Pritsche des Pick-ups fallen. Die Schrotladung trifft Maud in die Brust und zersiebt seine rechte Lunge, Rippen und Brustbein.

Irgendwie schafft er es noch, mit Travis McMichael um die Flinte zu ringen und ihm einem Hieb zu versetzen. Gregory schaut von der Pritsche aus zu, Bryan filmt weiter. Travis drückt erneut ab, diesmal außerhalb des Sichtfelds von Bryans Smartphone, doch der Schuss wirbelt Staub auf, der im Bild zu sehen ist. Maud ringt weiter mit Travis und kämpft – das muss ihm inzwischen klar sein – um sein Leben.

Dann drückt Travis McMichael erneut ab und durchlöchert aus nächster Nähe Mauds Brustkorb.

Maud setzt noch einen kraftlosen Schwinger, stolpert ein paar Schritte die Straße hinunter und fällt mit dem Gesicht voran neben dem Mittelstreifen zu Boden. Travis, mit der Flinte in der Hand, tritt einen Schritt zurück und sieht zu, wie Maud zusammenbricht. Sein Vater, der noch immer seinen Revolver umklammert hält, läuft zu Maud, aus dessen Wunden das Blut auf die Straße läuft.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Maud für einen Halbmarathon oder Marathon trainierte oder dass ihm persönliche Bestzeiten wichtig waren. Und doch ist es offensichtlich, dass er ein junger Mann war, der das Laufen liebte und dafür ein Talent hatte. Für mich ist außerdem klar, dass dieselben Kräfte, die das Laufen von einer aufstrebenden Freizeitbeschäftigung in meinem praktisch völlig weißen Heimatstaat in eine milliardenschwere globale Industrie verwandelt haben, zugleich einen kulturellen Rahmen absteckten, in dem Maud unerwünscht war.

Maud war am Tag seiner Ermordung allein unterwegs. Keiner kann genau sagen, welche Route er nahm, bevor er Satilla Shores erreichte. Aber er lief von zu Hause los, daher lief er unterwegs wahrscheinlich an Häusern vorbei, vor denen die Flagge der Konfö­derierten wehte und in deren Vorgärten Schilder mit der Aufschrift „Betreten verboten“ standen. Um nach Satilla Shores zu gelangen, musste Maud außerdem den ­Highway 17 überqueren, der seit vielen Jahren als inoffizielle Grenze zwischen den Wohngebieten der Schwarzen und der Weißen diente.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:15 Uhr

Laut Polizeibericht rollt Gregory McMichael Maud vom Bauch auf den Rücken, um ihn nach einer Waffe zu durchsuchen – obwohl der während seiner Flucht keine gezückt oder sonst irgendeine Drohgeste gemacht hatte. Dann heulen Sirenen über den Satilla Drive. Noch bevor die Streifenwagen eintreffen, nennt Travis McMichael Maud laut Bryans späterer Aussage einen „verfickten Nigger“.

1964, wenige Monate, nachdem mit dem Civil Rights Act das juristische Ende der Rassendiskriminierung eingeläutet worden war, kam ein Team des National Educational Television nach Brunswick, denn die Stadt galt als einer der wenigen Orte im Land, in denen es gelungen war, die Integration ohne Blutvergießen zu bewältigen. Der Film „The Quiet Conflict“ gewann zahlreiche Preise und legte den Grundstein für Brunswicks Ruf als „Vorzeigestadt des Südens“.

Doch obwohl es in Brunswick kein Blutvergießen gab, leisteten die Befürworter der Rassentrennung heftigen Widerstand. Hier wurde der Ku-Klux-Klan gerufen, um junge Schwarze zu bedrohen, die versuchten, eine Bowlingbahn allen zugänglich zu machen. Hier schüt­teten Weiße das kommunale Schwimm­becken zu, damit dort keine schwarzen Kinder baden konnten. Allen Einwohnern von Brunswick, die nun öffentlich ihr Entsetzen über den Mord bekunden und die Bedeutung der Rassenfrage herunterspielen, lassen sich zahlreiche Belege für den andauernden Hass entgegenhalten, darunter von den Ermittlern zitierte Postings in sozialen Medien von Travis McMichael.

Als ein Beispiel möchte ich einen Facebook-Beitrag von Chris Putnam zitieren, einem ehemaligen Mitschüler Mc­Mi­chaels: „Ich werde nicht einer jener Menschen sein, die bloß dasitzen und schweigen. Er war immer schon der Inbegriff eines rassistischen, schusswaffenverrückten Red­necks, und wir alle wussten, dass so etwas irgendwann passieren würde. Ich kann mich an viele Leute erinnern, die selbst offen rassistisch auftraten und die Witze darüber machten, immerhin seien sie ‚nicht so schlimm wie Travis‘.“

Die Bürgerrechtsorganisation NAACP definiert Lynchen als Todesfall, bei dem erstens nachweislich eine Person getötet wurde, zweitens der Tod gesetzeswidrig herbei­geführt wurde und drittens eine Gruppe von mindestens drei Personen an der Tat beteiligt war. Laut „Lynching in America“, einem Bericht der Equal-Justice-Initiative, gab es im Süden der USA zwischen 1877 und 1950 4084 Lynchmorde. Von den 594, die in dieser Zeit in Georgia gemeldet wurden, einem von nur vier US-Bundesstaaten, der noch kein Gesetz gegen Hassverbrechen erlassen hat, ereigneten sich drei in Glynn County.

Von 1920 bis 1938 wurde vor dem Hauptquartier der NAACP in New York jedes Mal, wenn ein Mord geschah, der die NAACP-Kriterien erfüllte, eine Flagge mit dem Text „Gestern wurde ein Mann gelyncht“ gehisst.

Heute wurde ein Junge gelyncht, weil er im Hoodie die Straße entlangging und sich weigerte, den Anweisungen eines Nach­barschaftswächters Folge zu leisten.

Heute wurde ein Mann gelyncht, weil er vor einer Kneipe lose Zigaretten verkaufte.

Heute wurde ein Teenager gelyncht, weil beim Tausch von Zigarillos ein Streit ausgebrochen war.

Heute wurde ein Kind gelyncht, weil es eine Spielzeugwaffe in der Hand hielt.

Heute wurde ein Mann gelyncht, weil er unbewaffnet vor einer Verkehrskontrolle davonlief;

weil er vor einem Laden CDs ver­hökerte;

weil er erklärte, er trage eine ­Waffe, und seinen Waffenschein rausholen wollte.

Heute wurde eine Frau gelyncht, weil sie schlief.

Und noch ein Mann wurde gelyncht, weil man ihn verdächtigte, einen gefälschten Zwanziger in Umlauf bringen zu wollen.

TOD, TOD, TOD! In Florida, New York, Missouri, Ohio, South Carolina, Louisiana, Minnesota, Ken­tucky und wieder Minnesota.

Sonntag, 23. Februar 2020 13:16 Uhr

„Zwei Personen in der Holmes Road. Es sind Schüsse gefallen. Ein stark blutender Mann auf dem Boden“, meldet ein Polizist über Funk. Maud haucht nahe der Kreuzung Homes Road/Satilla Drive, 300 Meter von der Baustelle entfernt, auf die er zehn Minuten zuvor geschlendert war, sein Leben aus.

Die Polizei sperrt den Tatort ab und beginnt mit den Ermittlungen. Sie befragt die McMi­chaels – Gregorys Hände sind blutverschmiert, weil er Maud auf den Rücken gerollt hat – und William Bryan. Und dann lässt sie alle ihres Weges ziehen, und zwar für fast drei Monate. Das allein ist schon ein Verbrechen.

Am 23. Februar 2020 wurde in Glynn County, Georgia ein junger Jogger gelyncht. Sein Name war Ahmaud Marquez Arbery; seine Familie nannte ihn „Quez“, die meisten anderen sagten „Maud“.

Was Sie über Maud wissen sollten, ist, dass er ein Talent besaß, Leute nachzumachen, besonders den Komiker und Filmstar Martin Lawrence. Dass er gern Süßigkeiten aß und sich von seiner Mutter zum Geburtstag, den er oft mit seiner großen Schwester gemeinsam feierte, Cremetörtchen wünschte. Dass er die Karten, die er seiner Mutter kaufte, mit „Baby Boy“ unterschrieb. Dass er und sein Bruder mit Gokart-Helmen aufs Trampolin gingen und sich gegenseitig damit rammten.

Dass er sich beim Basketball in der Schule den kleinen Finger brach und entgegen dem Rat seiner Schwester nicht zum Arzt ging, sodass der Finger für immer krumm blieb. Dass er es nicht leiden konnte, wenn seine Kumpels jammerten, und ihnen sagte: „Heul nicht rum, Mann. Tu, was du tun musst, um das ins Reine zu bringen.“

Dass er manchmal seine Gespräche mit Shenice aufzeichnete, damit er ihre Stimme hören konnte, wenn sie nicht da war. Dass er seine Neffen Marcus III. und Micah Arbery vergötterte und sie, wenn sie als Babys Koliken hatten, mit dem Kinderwagen umherfuhr, bis sie sich beruhigt hatten. Dass seine Schwester Jasmine, als eine College-Freundin sie mal fragte, wen von ihren Eltern sie anrufen würde, wenn sie in ernste Schwierigkeiten geriete, sagte: Maud.

Dass er McChicken-Sandwiches mit Käse liebte. Dass er davon träumte, Elektriker zu werden und eines Tages ein Bauunternehmen zu haben. Dass er oft davon sprach, er wünsche sich, eines Tages ein guter Ehemann und Vater zu sein. Dass er seinen Freunden erzählte, sie sollten alle zusammen ein großes Grundstück kaufen und darauf Häuser bauen, um mit ihren Familien in einer geschlossenen Wohnanlage zu wohnen. Dass er nie in einem Flugzeug saß, aber von Reisen nach Jamaika, Japan und Afrika träumte.

Dass er, als Travis und Gregory McMichael und William „Roddie“ Bryan ihn knapp drei Monate vor seinem 26. Geburtstag jagten und ermordeten, seine Mutter Wanda, seinen Vater Marcus Sr., seinen Bruder Buck, seine Schwester Jasmine und seine Großmutter mütterlicherseits Ella, seine Neffen, sechs Onkels, zehn Tanten und einen Haufen Cousins zurückließ, deren Leben durch seine Abwesenheit in unvorstellbarer und unwiderruflicher Weise ärmer geworden ist.

Ahmaud Marquez Arbery war mehr als ein virales Video. Er war mehr als ein Hashtag oder ein Name auf einer Liste tragischer Opfer. Er war mehr als ein Artikel oder postumes Profil. Er war mehr als eine Schlagzeile oder ein Zeitschriftenkommentar. Er war mehr als ein geteilter Tweet oder ein weitergeleitetes Posting. Er war mehr als unsere Likes oder Tränen-, Herz- oder Gebets-Emojis. Er war mehr als ein „Ruhe in Frieden“-T-Shirt oder -Plakat. Er war mehr als eine Autopsie, ein Protokoll oder Polizeibericht, mehr als eine live gestreamte Anhörung. Er war, da kann man verdammt sicher sein, mehr als der jüngste Grund für die flüchtige Empörung wohlgesinnter weißer Liberaler. Er war mehr als eine Demo oder ein Marsch. Er war mehr als ein Symbol, eine Bewegung oder ein Anliegen.

Er war ein geliebter Mensch.

Eine Gedenktafel für Ahmaud Arbery am Ort seiner Ermordung
Lynsey Weatherspoon
Eine Gedenktafel für Ahmaud Arbery am Ort seiner Ermordung.

Mitchell S. Jackson ist Autor der Bücher „Survival Math“ und „The ­Residue Years“. Er unterrichtet kreatives Schreiben an der University of ­Chicago. Sie finden ihn auf Twitter unter @mitchsjackson.

Für diesen Artikel gewann das Magazin RUNNER'S WORLD den diesjährigen Pulitzer-Preis in der Kategorie "Feature Writing". Der Artikel erschien zunächst in der US-Ausgabe und wurde anschließend unter dem Titel "Noch 12 Minuten zu leben" in der Dezember-Ausgabe der deutschen RUNNER'S WORLD veröffentlicht. "Jackson hat einen tief berührenden Bericht über den Mord an Ahmaud Arbery geschrieben, der einen anschaulichen Stil, gründliche Recherche und persönliche Erfahrungen vereint und damit den systemischen Rassismus in Amerika beleuchtet", begründet die Jury ihre Wahl.

Der Pulitzer-Preis honoriert seit seiner Stiftung 1917 herausragende journalistische, literarische und musikalische Beiträge und ist ähnlich hoch angesehen wie der Academy Award (besser bekannt als "Oscar") in der Film-Industrie. Die Jury setzt sich aus amerikanischen Journalisten und Verlegern zusammen. Zusätzlich zum Pulitzer-Preis wurde der Artikel von Mitchell S. Jackson mit dem National Magazine Award der American Society of Magazine Editors (Amerikanische Gesellschaft der Zeitschriftenredakteure, ASME) gekürt, ebenfalls in der Kategorie Feature Writing.

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