Molly Seidel im Frauenfeld vor dem Start des Boston-Marathons 2022 iStockphoto / Boston Globe

Molly Seidel: "Ich bin keine Versagerin"

Exklusiv-Interview mit Molly Seidel "Ich habe versagt, aber ich bin keine Versagerin"

Bronzemedaillengewinnerin Molly Seidel verrät im Interview, wie sie mit der Niederlage beim Boston-Marathon umgeht und worauf sie jetzt ihren Fokus ausrichtet.

Bei den olympischen Sommerspielen in Tokio 2021 gewann Molly Seidel für die USA die Bronzemedaille im Marathon. Beim Boston-Marathon am 18. April 2022 musste sie bei Kilometer 25 aussteigen. Wir trafen sie am Tag danach bei einer Veranstaltung ihres Sponsors Puma. Im Interview spricht sie darüber, wie sie mit Erfolgen und Niederlagen umgeht und was sie diese Saison noch erreichen will.

RUNNER’S WORLD: Molly, es beeindruckt mich sehr, dass du heute schon wieder so glücklich aussiehst nach dem gestrigen Rennen ...

Molly Seidel: Ja, gestern war’s ziemlich schwierig für mich. Ich bin bei Meile 16 (ca. Kilometer 25, die Redaktion) ausgestiegen und musste danach erst mal eine Weile darüber nachdenken. Es war ein schlechtes Rennen, ein harter Tag, ich bin gescheitert. Aber: Fähig zu sein, daraus zu lernen, ist wirklich wichtig.

Was war deine Lektion?

Meine Lektion ist, dass ich für dieses Rennen nicht bereit war und nicht clever gelaufen bin. Ich habe am Anfang meine Zwischenzeiten nicht überprüft, weil mein GPS nicht funktionierte. So kannte ich die Pace nicht. Ich habe nicht aufgepasst und alles, was ich wollte, war, mit der Spitze zu laufen und zu sehen, wie lange ich dranbleiben kann.

Was wäre besser gewesen?

Ich glaube, einen etwas gemäßigteren Ansatz zu wählen und früher zu realisieren, dass ich es an diesem Tag nicht in den Beinen hatte, wäre besser gewesen. Es geht immer darum, die Balance zu finden: einerseits clever und aggressiv zu laufen, andererseits zu erkennen, wenn es an einem Tag nicht geht. Weil ich mich gestern verausgabt hatte, ist die Hüftverletzung wieder aufgetreten. Ich bin halt eigentlich immer noch ein Neuling im Marathon und deshalb kann ich von jedem Rennen viel lernen wie zum Beispiel: Du kannst nicht wie ein Idiot rennen und erwarten, damit jedes Mal durchzukommen. Aber ich bereue nicht, was ich getan habe. Es nervt natürlich, nicht gefinisht zu haben und ich war auf dem Heimweg ausgebrannt. Ein paar Stunden habe ich Trübsal geblasen, doch dann sagte ich mir: Es macht keinen Sinn, in diesem Zustand zu bleiben. Richte dich einfach wieder auf!

Das sagt sich so leicht. Wie machst du das?

Eine wichtige Sache, die ich mir mental angeeignet habe, ist: Feiere ein Rennen 24 Stunden lang. Oder trauere. Du bekommst 24 Stunden Zeit, egal wie gut es gelaufen ist oder wie schlecht es war. Fühle hinein und dann gehst du weiter. So habe ich es auch bei den Olympischen Spielen gemacht: intensiv feiern und dann weiterziehen. Denn letztlich definiert dich kein Rennen als Mensch. Ich hatte Glück, dass ich vier sehr gute Marathons vor diesem schlimmen hatte. Auf der Weltbühne zu versagen, ist hart. Aber das heißt nicht, dass ich eine Versagerin bin. Wir sind im Leben konstant im Fluss und nicht in der Vergangenheit zu verweilen, ist eine wichtige Sache.

Wer hilft dir bei Niederlagen noch?

Nachdem ich gestern auf dem Hotelzimmer Frust geschoben habe und keine Lust auf die ganzen Presseanfragen hatte, bin ich wieder raus gegangen und habe meine Familie getroffen. Alle waren in dieser Bar. Und da dachte ich mir: Ja, heute war echt hart. Und gleichzeitig haben mich so viele Menschen angefeuert und unterstützt, die mich bedingungslos lieben. Diese Emotion zu kultivieren, dass ich so viel habe, für das ich dankbar sein kann. Lasst uns das feiern: mit meinen Liebsten zusammen zu sein. Und so richtete ich meinen Blick wieder nach vorn. Schließlich habe ich ein richtig großes Rennen in ein paar Monaten vor mir.

Was ist dein Saisonhöhepunkt?

Der große Fokus für den Rest des Jahres ist, bei der Weltmeisterschaft in Eugene für das Team USA zu laufen. Es ist das erste Mal, dass wir eine WM auf amerikanischem Boden haben. Gemeinsam mit Sara Hall und Emma Bates haben wir ein richtig starkes Team und große “beängstigende” Ziele. Doch wir wissen, dass wir den Heimvorteil haben. Ich bin eine Meisterschafts-Racerin, ich blühe in solchen Momenten auf. Und dann renne ich so schnell, wie ich kann, und clever und schaue, was wir erreichen.

Also strebst du nach Gold?

Wir schauen, was drin ist. Ich bin üblicherweise niemand, der große Vorhersagen macht. Die meisten Ziele sind persönliche und ich werde an dem Tag alles geben.

Schauen wir einmal ein paar Monate zurück: Als du Ende 2020 bei Puma unterschrieben hast, war noch nicht klar, ob sie einen Schuh herstellen können, der zu deinen Karrierezielen passt. War das nicht ein großes Risiko, das du eingegangen bist?

Ehrlicherweise war da schon eine gewisse Unbekannte, als Puma zum ersten Mal auf mich zukam. Ich fragte mich: Habt ihr Schuhe, mit denen ich schnell laufen kann? Denn die Schuhtechnologie ist so wesentlich geworden fürs Laufen. Ich sagte: Wenn ihr Schuhe habt, die mir helfen, mit den besten in der Welt zu wetteifern, dann bin ich dabei, denn ich liebe dieses Unternehmen.

Wie ging es weiter?

Puma schickte mir einen Karton Schuhe zu meinem Appartement hier in Boston. Es war ein Prototyp vom Deviate Nitro Elite, der noch nicht auf dem Markt war. Ich probierte sie gleich an, rannte die Straße rauf und runter und wusste: Das wird funktionieren! Ich glaube, einige Leute haben ihren Atem angehalten, als ich das erste Rennen in ihnen gelaufen bin: den Halbmarathon in Vegas im Januar 2021. Der Schuh fühlte sich unglaublich gut an und verhalf mir zur persönlichen Bestzeit (1:09:20 Stunden). Und das an dem Tag, an dem Puma verkündete, mit mir zusammenzuarbeiten: das war der perfekte Start.

Und es ging ja richtig gut weiter …

Ja. Die nächsten Monate waren wie ein Traum für mich. Zu den Olympischen Spielen zu fahren und auf der großen Bühne zu zeigen, dass Puma mit jeder anderen Schuhmarke mithalten kann, war sehr besonders.

Du sagtest, ein wichtiger Faktor neben den Schuhen waren auch die Menschen bei Puma. Was meinst du damit?

Die Puma-Verantwortlichen haben mir gezeigt, dass sie sich auf Frauen und Top-Athletinnen konzentrieren wollen und dass im Unternehmen meine Stimme gehört wird. Außerdem haben sie meine Wohltätigkeitsarbeit in Äthiopien sehr unterstützt. Mir hat es viel bedeutet, dass sie mir gezeigt haben, dass sie mich als Athletin und als Person unterstützen. Andere Unternehmen machen das nicht unbedingt. Denn ich bin ein bisschen schrulliger und sie sagten, dass sie voll und ganz dabei sind. Deshalb möchte ich zeigen, wie cool dieses Unternehmen ist: Puma hat einen rebellischen Geist und macht Dinge ein bisschen anders als andere – und das mag ich.

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