Wer an einem Volkslauf teilnimmt, freut sich in der Regel über Fans, die anfeuern, trommeln und den Läuferinnen und Läufern bewundernde Blicke zuwerfen. Die Teilnehmenden, die jedes Jahr für den 12-Stunden-Lauf am See Zieselsmaar in Kerpen gemeldet sind, haben fürs Publikum allerdings nicht viel übrig – außer die Zuschauer sind genauso bekleidet wie sie: nämlich überhaupt nicht. Denn der Spendenlauf auf dem FKK-Seegelände, der seit 2010 stets im späten Frühjahr (Mai oder Juni) stattfindet, ist ein sogenannter Naturistenlauf.
Ist nackt laufen erlaubt? Die Rechtslage in Deutschland
Was passiert, wenn passionierte Nacktläufer auch bei Trainingsläufen außerhalb abgesteckter FKK-Routen die Shorts fallenlassen, zum Beispiel in Stadtwäldern oder Parks mitten im Zentrum? Ist es in Ordnung, wenn alle, die dort gerade unterwegs sind, also auch sehr alte oder religiöse Menschen, Touristen oder Läuferinnen und Läufer mit internationalen Wurzeln und Religionen, beim gemütlichen Joggen oder Spazieren auf eine Gruppe Nacktläufer treffen?
Toleranz und Akzeptanz hin oder her – wer sich daran stört, könnte ja einfach wegsehen, oder? Doch die Frage bleibt, ob eine solche Einschätzung tatsächlich zutrifft. Wahrscheinlich fühlen sich die meisten Menschen in Stadtparks und Wäldern in der Gegenwart bekleideter Jogger schlicht wohler.
Die individuelle Freiheit ist wichtig, sollte aber auch die Würde anderer bewahren. Das bedeutet für eine Gesellschaft: Jeder sollte dort Halt machen, wo ein anderer sich durch ihn gestört fühlt.
Nun wollen wir uns aber die Rechtslage mal etwas genauer ansehen: In Deutschland ist öffentliches Nacktsein grundsätzlich nicht strafbar, solange es nicht als „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder „Belästigung der Allgemeinheit“ gewertet wird oder gegen lokale Ordnungsregeln verstößt. Entscheidend ist also der Kontext und ob sich andere belästigt fühlen. Oder ob es sich um einen Ort handelt, an dem Nacktheit gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Dazu gehören in der Regel die meisten Parks und Stadtwälder, obwohl nirgendwo Verbotsschilder fürs Nacktlaufen angebracht sind.
Fazit zur Rechtslage: Es existiert kein generelles Verbot. Nacktsein ist in Deutschland durchaus erlaubt, solange es nicht „belästigend oder deplatziert“ wirkt. Kommunen können übrigens auch eigene Regeln festlegen. Das heißt aber auch, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ locker mit Nacktheit umgeht. In etlichen EU-Ländern ist es strikt verboten, sich in der Öffentlichkeit nackt zu zeigen (wie beispielsweise in Polen, Ungarn, Irland, Italien, Portugal und Griechenland).
Vor etlichen Jahren lief Peter Niehenke beinahe täglich nackt durch Städte, Wälder und Wiesen – und durch die deutsche Medienlandschaft. Sein Anliegen: Nacktheit ist ein Bürgerrecht. Wer nackt laufen, Rad fahren oder snowboarden will, sollte dies seiner Meinung nach tun dürfen. „Das stört höchstens eine verklemmte Minderheit“, meinte der Diplom‑Psychologe, Psychotherapeut und Astrologe, der als Deutschlands bekanntester Nacktjogger gilt.
Doch trotz der von ihm beschworenen allgemeinen Akzeptanz erwies sich Niehenkes Leidenschaft als ein Hobby für Besserverdiener. In seiner damaligen Heimatstadt Freiburg musste der kälte- und kritikresistente „Bürgerrechtler“ insgesamt mehrere Tausend Euro Ordnungsgeld begleichen. In der Presse erhielt Niehenke damals den Beinamen „Nacktläufer von Freiburg“.
Nacktläufern, die sich außerhalb ausgewiesener FKK‑Gebiete bewegen, können Bußgelder oder Verwarnungen drohen. „Der als Nacktläufer von Freiburg bekannt gewordene Psychologe Peter Niehenke ist erneut verurteilt worden. Wegen Belästigung der Allgemeinheit muss er eine Geldbuße von insgesamt 2.249 Euro zahlen“, berichtete die taz im März 2003 unter der Überschrift „Nackt kommt teuer“. In den Jahren danach wurde Niehenke in Freiburg jedoch nicht mehr als Nacktläufer gesehen. Heute lebt und arbeitet er in der Schweiz.
Man könnte glauben, dass Niehenkes Überzeugung kaum Anhängerinnen und Mitstreiter hatte. Doch in vielen Bekleideten steckt ein heimlicher Nudist. Die hohen Bußgelder und Gerichtsurteile sowie die Provokation von Mitmenschen und den medienwirksamen Konfrontationskurs, wenn man nackt laufen geht, mögen allerdings die wenigsten. Auch Horst Kehm, Mitinitiator der Internetseite nacktjoggen.de und Teilnehmer an regelmäßigen Nacktlauftreffs, steht solchen Provokationen skeptisch gegenüber. „Wir wollen uns niemandem aufdrängen. Akzeptanz erreicht man eher nach und nach als mit der Hauruck-Methode“, sagt er.
Gesundheitliche Vor- und Nachteile vom Nacktlaufen
Warum muss man im Zeitalter federleichter Hightech-Textilien beim Sport unbedingt nackt sein? Diese Frage werden sich viele stellen, vor allem, weil man ja als Läuferin auch nur im Top und kurzer Hose und als Läufer bei Hitze komplett oberkörperfrei laufen kann.
Die Antwort, die Naturisten darauf in der Regel geben, lautet: wegen der Freiheit. Wenn nichts einengt, die Luft ungehindert den Körper umströmt, sprechen Nacktläufer vom „Einssein mit der Natur“, von „Leichtigkeit“ und „intensivem Körpergefühl“. Gelegentlich werden auch gesundheitliche Vorteile genannt.
Klaus Hartmann, FKK-Anhänger und wie Horst Kehm ein Vertreter der „sanften Konfrontation“, hat obendrein ganz praktische Argumente. Nach seiner Erfahrung funktioniert beim Nacktlaufen der natürliche Temperaturausgleich über die Haut viel besser als mit Kleidung. Deshalb sei das Nacktlaufen bei Wärme und Hitze besonders vorteilhaft, so der FKK-Experte.
Wer mit hochwertiger Funktionsbekleidung läuft, wird wahrscheinlich widersprechen. Funktionale Sporttextilien leiten den Schweiß vom Körper weg, manche kühlen sogar. Zusätzlich bietet die Kleidung natürlich Sonnenschutz. Vielleicht könnte natürliche Funktionsbekleidung ohne Plastik für Freikörperkultur-Fans eine Alternative zum Nacktlaufen sein. Viele schätzen Merinowolle oder Produkte auf Cellulose-Basis, weil sie funktional sind, sich aber dennoch natürlicher anfühlen.
Was Scheuerstellen angeht, können davon sowohl Nacktläuferinnen als auch angezogene Läufer berichten. Schutzgels können in beiden Fällen helfen, enganliegende Kleidung wie Tights allerdings auch.
Vorteil für Nacktläufer: Wunde Brustwarzen kennen sie nicht. Für Nacktläuferinnen wiegt das ein größeres Problem aber nicht auf. Die Schwerkraft tut der weiblichen Brust nämlich gar nicht gut: Wer keinen Sport-BH oder ein Sporttop trägt, riskiert Gewebeschäden, was sich sehr ungesund auswirken kann, vor allem bei mittelgroßer bis großer Brust.
Gesundheitliche Vor- und Nachteile im Überblick
👍 leichtes, natürliches, intensives Körpergefühl
👍 optimale Belüftung der Haut, ungestörter Temperaturausgleich
👎 Gefahr für Scheuerstellen
👎 hohe Belastung durch Sonneneinstrahlung und Sonnenbrandrisiko
👎 starke Belastung der weiblichen Brust, Risiko von Gewebeschäden
Die Geschichte des Nacktlaufens
Die meisten Nacktläuferinnen und Nacktläufer möchten nicht provozieren oder gar als Erregung öffentlichen Ärgernisses gelten, die Einordnung in die Schmuddelecke und der Vorwurf, sich auf Kosten anderer exhibitionieren zu wollen, gefällt ihnen nicht. Deshalb suchen sie ausgewiesene Laufstrecken und Läufe in FKK-Gebieten auf.
Nacktläufer verweisen gerne auf ihren Urvater im antiken Griechenland, wo Nacktlaufen heute allerdings verboten ist: Orsippos von Megaron heißt ihr antiker Urvater. Seit den 15. Olympischen Spielen 720 v. Chr. gilt Orsippos von Megaron als erster Nacktläufer. Es hieß, sein Verzicht auf den damals noch üblichen Lendenschurz habe ihm zum Sieg verholfen, und so taten es ihm in der Antike bald viele Sportler gleich und liefen ebenfalls nackt.
Tipps für den ersten Nacktlauf
Wer gerne mal nackt auf einer Laufrunde unterwegs wäre, sollte sich unbedingt ausgewiesene Strecken in FKK-Gebieten aussuchen. In Deutschland gibt es viele ausgewiesene FKK‑Gebiete, aber sie sind regional sehr unterschiedlich verteilt und konzentrieren sich vor allem auf Strände, Seen und bestimmte Waldabschnitte. Mitten in Städten sind sie eher selten, in touristischen Regionen dagegen etwas häufiger. Es gibt außerdem FKK-Campingplätze, Wanderwege und sogar FKK-Bereiche in großen Stadtparks (wie zum Beispiel im Englischen Garten in München).
Falls man das Nacktlaufen als persönliche Leidenschaft entdeckt – viele überzeugte Nacktläufer schwärmen von einer intensiven Körperakzeptanz –, kann man sich einem Nackt‑Lauftreff oder Sportverein anschließen, der das Nacksein lebt und liebt. Dort erhält man auch Tipps zu geeigneten Strecken.
Zusatztipp: Schütze deine Haut!
Einen weiteren Aspekt, den Nacktläuferinnen und Nacktjogger unbedingt bedenken sollten, ist der Sonnenschutz. Denn beim textilfreien Joggen ist ihre Haut komplett der Sonne ausgesetzt, wovon zumindest größere Teile der Haut im Alltag kaum Sonnenstrahlung abbekommen und entsprechend empfindlich sind. Hautschutz gegen Sonnenbrand ist daher ausgesprochen wichtig.
Community und Events: Hier finden Nacktläufe statt
Überall auf der Welt finden im Sommer Nacktläufe statt, zum Teil schon seit vielen Jahren. Ein bekannter Lauf ist der Naturistenlauf am Strand von Sopelana in Spanien, der seit über 20 Jahren stattfindet. Eine ebenfalls etablierte Alternative im Norden ist der Nacktlauf auf dem Roskilde‑Festival in Dänemark. FKK‑Läufe sind auch in Frankreich beliebt und gut besucht (beispielsweise Montalivet). Frankreich hat eine große Naturisten‑Szene, einige französische Ferienanlagen veranstalten FKK-Fun‑Runs. Oder man wechselt den Kontinent und reist zum Bare‑to‑Breakers‑Treffen in San Francisco.
Bei den FKK-Events können die Teilnehmenden ganz frei laufen, denn organisierte Freikörperkultur erregt dort in der Bevölkerung kaum noch unangenehme Aufmerksamkeit. In den Ausschreibungen für FKK‑Laufevents ist der Verzicht auf Kleidung ausdrücklich als Teilnahmebedingung festgelegt. Da das Laufen ohne Sport-BH allerdings äußerst ungesund fürs Brustgewebe ist, erlauben Organisatoren von Nackt-Volksläufen in der Regel neben Socken, Schuhen und einer Kappe auch ein Bustier. Einige Textilverweigerer sprechen von einer verbesserten Leistungsfähigkeit – doch um Bestzeiten geht es den meisten Nacktjoggerinnen und Nacktläufern bei diesen Fun Runs eher nicht.
3 häufige Fragen zum Nacktlaufen
Die beste Wahl für längere Läufe in der Natur auf ausgewiesenen FKK-Strecken, die oft in der Natur liegen, sind leichte Traillaufschuhe. Es gibt auch Barfußschuhe oder Minimalistenschuhe, bei denen man ein Gefühl wie beim Barfußlaufen hat. Sie haben ein geringes Gewicht und dennoch eine schützende Funktion. Du solltest diese Laufschuhe aber unbedingt zuvor einlaufen.
Ja, das kann gefährlich werden, weil man sich sehr viel schneller erkältet. Erfahrene FKK-Läufer laufen in der Regel erst nackt, wenn die Temperatur zweistellig wird, also meistens nicht im Herbst und Winter.
Es gibt regionale FKK‑Vereine mit Sportgruppen und Laufgruppen, die Frauenstammtische und Frauencommunitys oder Frauensportangebote haben, wo nur Frauen zusammen laufen. Das sind DFK-Vereine (Deutscher Verband für Freikörperkultur). Außerdem gibt es Facebook-Communitys speziell für Frauen, zum Beispiel die FKK Frauen – Deutschland (eine private Gruppe auf FB).





