INEOS 1:59 Challenge

Die Laufschuh-Revolution

Carbon-Technologie Die Laufschuh-Revolution

Im Spitzensport hat die neueste Laufschuhtechnik einiges aufgewirbelt. Was Topathleten über Technologien und Regularien denken.

Eine Flut von Rekorden, Bestzeiten und eine nie zuvor gesehene Breite in der Spitze: Ausgerechnet während der Corona-Pandemie produzieren die Topläufer trotz mangelnder Wettkämpfe ständig außergewöhnliche Leistungen. Doch neben der eigenen Leistungsstärke ist es noch etwas anderes, das die Läufer zu immer weiteren Höchstleistungen führt: die neuen Carbon-Schuhe.

Die Wirkung der Schuhe lässt sich anhand der Bestenlisten ablesen: 2017 rannten vier Männer Zeiten unter 2:05 Stunden im Marathon, zwei Jahre später gab es 17 derartige Zeiten. Im Halbmarathon blieben 2020 vier Läufer unter 58 Minuten, was zuvor niemand geschafft hatte. Bei den Frauen ist es genauso: 2016 rannte eine Läuferin im Marathon unter 2:20 Stunden, drei Jahre später gab es 13 solcher Ergebnisse. Zudem brach Brigid Kosgei mit 2:14:04 Stunden den damals 16 Jahre alten Weltrekord von Paula Radcliffe (Großbritannien/2:15:25). Ohne die neue Schuh-Technologie wäre Paula Radcliffe sicherlich noch die Weltrekordlerin. Im Februar blieben beim japanischen Lake Biwa-Marathon gleich 42 Athleten unter 2:10 Stunden – eine Zahl die nie zuvor annähernd erreicht wurde. Und dies obwohl in Japan aufgrund der Pandemie nur einheimische Athleten zugelassen waren.

Carbon-Laufschuhe im Test
Laufschuhe

Das sagen deutsche Topathleten zu den Laufschuh-Innovationen

Race News Service hat unter anderen deutsche Topathleten gefragt, wie groß der Vorteil der neuen Schuhe sein könnte und ob es angesichts der Entwicklungen sinnvoll wäre, die bisherigen Rekorde zu konservieren und neue Bestenlisten zu führen.

Es besteht Einigkeit dahingehend, dass die neuen Schuhmodelle für deutliche Leistungssteigerungen sorgen. „Der Unterschied zu den früheren Modellen ist groß. Der Abdruck ist jetzt viel intensiver, du springst förmlich. Dadurch ist das gesamte Laufgefühl viel besser, und somit haben die Schuhe sogar einen positiven Effekt auf die Motivation“, sagt Amanal Petros (TV Wattenscheid), der bei Adidas unter Vertrag ist und sich bei seinem deutschen Marathon-Rekord von 2:07:18 Stunden in den neuen Schuhen um 3:11 Minuten steigerte. „Ich hatte besser trainiert vor meinem zweiten Marathon, aber die Schuhe haben geholfen. Ich schätze, der Unterschied könnte drei bis vier Sekunden pro Kilometer im Marathon betragen.“ Das wären rund zweieinhalb Minuten. „Je kürzer die Strecken werden, desto geringer ist jedoch der Vorteil. Im Halbmarathon könnten es zwei bis drei Sekunden sein, über 10 Kilometer vielleicht rund zwei“, sagt Amanal Petros. „In einem 5-km-Rennen würde ich zurzeit sogar den alten Schuh vorziehen – aufgrund des etwas anderen, flacheren Laufstils.“

Auch Melat Kejeta (Laufteam Kassel), die neue deutsche Halbmarathon-Rekordlerin mit 65:18 Minuten, ist sich sicher, dass die neuen Schuhe die Situation verändert haben. „Die Energiebelastung der Beine wird verringert, jeder Schritt ist viel bequemer. Ich habe festgestellt, dass sich meine Zeiten sowie die anderer Sportler beim Tragen der Schuhe um Sekunden bis Minuten verbessert haben“, sagt Melat Kejeta, die mit einem Adidas-Schuh läuft.

Hendrik Pfeiffer (TV Wattenscheid) verbesserte sich 2020 beim Sevilla-Marathon in Nike-Schuhen um fast drei Minuten auf 2:10:18 Stunden. Eine klare Steigerung war ihm unabhängig von den Schuhen zuzutrauen, aber mit drei Minuten war sicher nicht zu rechnen „Ich denke schon, dass die Carbon-Schuhe ein technologischer Fortschritt sind, der sich auf die Zeiten auswirkt. Überbewerten sollte man die Technologie dennoch nicht. Ich bin sowohl meinen schnellsten als auch langsamsten Marathon mit Carbon-Schuhen gelaufen. Entscheidend ist und bleibt das Training im Vorfeld. Der Schuheffekt wird sich denke ich im Bereich der Differenz zwischen den Weltrekorden vor und in der Carbon-Ära bewegen“, sagt Hendrik Pfeiffer, der heute bei Puma unter Vertrag ist. Bei den Männern beträgt die angesprochene Differenz im Marathon zurzeit 1:18 Minuten.

Mit genaueren Schätzungen hält sich Richard Ringer zurück: „Wie viel die Schuhe ausmachen, müsste man in einer Studie zeigen“, sagt der Läufer des LC Rehlingen, der bei Asics unter Vertrag steht und bei seinem Marathon-Debüt in Valencia im Dezember auf Anhieb 2:10:59 erreichte. Ein nochmal überarbeiteter Asics-Carbon-Schuh steht den Athleten seit kürzerer Zeit zur Verfügung, so dass sie zukünftig noch mehr von der neuen Schuh-Generation profitieren werden. Das dem so ist, davon geht Katharina Steinruck (Eintracht Frankfurt) aus. Die Asics-Athletin hat bisher eine Marathon-Bestzeit von 2:27:26. „Ich bin sehr überzeugt von dem neuen Schuh, er wird mir hoffentlich viel bringen. Die Ermüdung setzt später ein, so dass man länger eine höhere Geschwindigkeit laufen kann“, sagt Katharina Steinruck.

Arne Gabius (Therapie Reha Bottwartal), der vor Amanal Petros den deutschen Marathonrekord mit 2:08:33 Stunden hielt, lief bis Ende 2020 mit Nike-Schuhen. Zurzeit testet er im Training ein Modell von New Balance. „Ich denke, mit den neuen Schuhen kann man zwei bis drei Sekunden pro Kilometer schneller sein. Wobei die Schuhe mehr bringen je länger die Distanz ist, je weniger Kurven es gibt und je flacher die Strecken sind“, sagt Arne Gabius.

Adidas
Adidas und weitere Laufschuh-Hersteller haben inzwischen ebenfalls Carbon-Modelle auf den Markt gebracht.

Zwei Paar Schuhe … und ein Zwei-Klassen-System?

Besonders international gibt es viele Stimmen, die dafür plädieren, angesichts der Flut von Rekorden und Bestzeiten zwei verschiedene Listen zu führen beziehungsweise Rekorde, die mit den alten Schuhen gelaufen wurden, einzufrieren. Dafür spricht sich Arne Gabius nicht aus: „Die Entwicklungen sind sicherlich gravierend, aber es ist Technologie im Rahmen der Regeln. Amanal Petros zum Beispiel hätte früher oder später sowieso meinen deutschen Rekord gebrochen.“

„Ich würde nicht so weit gehen, zwei separate Aufzeichnungen zu führen, da ich immer noch glaube, dass der Schuh mit dem Athleten zusammenarbeitet und nicht allein, so dass das Training der Athleten eine größere Rolle bei der Leistung spielt als die Schuhe“, sagt Melat Kejeta, während Hendrik Pfeiffer erklärt: „Das Einfrieren der Rekordlisten sehe ich kritisch, da der technologische Fortschritt bei den Schuhen nur einer von vielen Mosaiksteinen der Professionalisierung des Sports ist. Vor Jahrzehnten waren schließlich auch andere leistungsfördernde Maßnahmen wie Höhentraining nicht in dem Maße möglich wie heute. Ein anderes Beispiel sind leistungsfähigere Fördersysteme, zum Beispiel die Sport-Fördergruppe der Bundeswehr, die es zu anderen Zeiten noch nicht gegeben hat.“

Auch Richard Ringer spricht sich nicht dafür aus, bei Rekord- und Bestenlisten zu differenzieren zwischen altem Schuhwerk und der neuen Technologie. „Dann könnten wir alle paar Jahrzehnte neue Listen führen. Alles entwickelt sich weiter. Das Training hat sich in 50 Jahren auch geändert“, sagt Richard Ringer, während Amanal Petros erklärt: „Abebe Bikila ist früher barfuß gelaufen. Die Entwicklung geht immer weiter. Wenn ich eines Tages meine Karriere beende, wird es nicht anders sein. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, zwei Listen zu führen, aber ich wäre eher nicht dafür.“

Katharina Steinruck sieht die Schuh-Entwicklung kritisch: „Ich bin sehr dafür, die bisherigen Bestzeiten einzufrieren und zwei Listen zu führen. Hier ist keine Chancengleichheit mehr gegeben. Wer das beste Material hat, ist vorne – das ist keine gute Entwicklung. Man muss auch sehen, dass sich nur sehr wenige Athleten ihren Sponsor aussuchen können.“

Stärkere Regulierung durch World Athletics?

Da die Carbon-Schuhe in der Regel schon nach rund 200 Kilometern ihre Wirkung verlieren, stellt sich besonders auch bei Nachwuchsläufern die Frage: Gewinnen zukünftig jene Athleten, die es sich leisten können, alle paar Wochen teure, neue Schuhe zu kaufen? Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics könnte die Schuhe stärker regulieren, zum Beispiel die maximale Sohlendicke reduzieren. Man hat jedoch just jene Maße zugelassen, die einem viel genutzten Nike-Modell entsprechen. Da Nike die neuen Schuhe ursprünglich entwickelt hat, hatten Athleten, die von dem US-Unternehmen unterstützt werden, längere Zeit einen Vorteil. Diese Zulassung war wohl kein Zufall. World Athletics-Präsident Sebastian Coe war schließlich weit über seine einmalige Läufer-Karriere hinaus noch eng mit dem US-Unternehmen verbunden.

„Diese Schuhe müssen verboten werden“, sagt der frühere britische Weltklasseläufer Tim Hutchings. „Die Technologie hat dazu geführt, dass es derart dramatische Leistungssteigerungen gibt, dass der Sport beschädigt wird. Es fallen persönliche Bestzeiten, nationale Rekorde, Streckenrekorde und sogar Weltrekorde. Bessere Vereinsläufer, die sich die Schuhe für 250 bis 300 US-Dollar kaufen, steigern sich über 10 km um über eine Minute, im Halbmarathon um zwei bis drei Minuten und im Marathon um fünf. Das ist inzwischen eine lächerliche Situation“, erklärt der heute als TV-Kommentator arbeitende Tim Hutchings.

Jos Hermens, der niederländische Topathleten-Manager, der unter anderem Marathon-Superstar Eliud Kipchoge betreut, sieht das anders: „Für mich ist das eine normale Entwicklung. Vor einigen Jahren gab es den Adidas Boost-Schuh, in dem Athleten verschiedene Weltrekorde gelaufen sind, jetzt hatte Nike einen Vorsprung. Das ist in meinen Augen eine logische Entwicklung.“

„Gewisse Fortschritte wird es natürlich immer geben. Vielleicht haben wir eines Tages in irgendeiner Stadt auch einen anderen Straßenbelag, der sich leistungsfördernd auswirkt“, sagt Mark Milde, der Race-Direktor des Berlin-Marathons. „Als klassischer Leichtathletik-Fan sehe ich die aktuellen Entwicklungen mit gemischten Gefühlen. Denn die Rekorde großer Athleten bekommen plötzlich den Stellenwert einer Fließbandware. Wer weiß, was Haile Gebrselassie mit diesem Schuh hätte laufen können?“

Yannis Pitsiladis, Professor für Sportwissenschaften an der Universität Brighton und Mitglied der Medizin-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees, warnt vor dem Effekt der neuen Schuhe: „Diese Schuhe sorgen dafür, dass beim Laufen Energie gespart wird und steigern damit die Leistungsfähigkeit derart, dass diese nicht mehr vereinbar ist mit dem, was ein Athlet sonst erreichen könnte“, sagt Yannis Pitsiladis, der auch den ersten Versuch von Eliud Kipchoge, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen, wissenschaftlich begleitet hatte. „Am wichtigsten ist, dass die Verbesserung (durch die Schuhe) von Athlet zu Athlet ganz unterschiedlich sein kann, was zu verzerrten Ergebnissen führt. Es ist dringend geboten, die Fairness in der Technologie zu untersuchen“, wird Yannis Pitsiladis in der britischen Leichtathletik-Fach-Publikation „Athletics International“ zitiert.

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