Global Sports Communication

Im Interview Jos Hermens zur Situation des Laufsports

Ein Top-Manager der Straßenlaufszene im Interview. Er erklärt unter anderem: „Ein Straßenrennen ist kein Volksfest, Zuschauer lassen sich steuern.“

Jos Hermens war in den 80er-Jahren einer der ersten großen internationalen Athleten-Manager in der Leichtathletik. Der Holländer baute über Jahrzehnte hinweg sein Unternehmen Global Sports Communication auf, dessen Stammsitz sich in Nijmegen befindet. Der 70-Jährige betreut bis heute eine Reihe der weltbesten Athleten und hat einen Schwerpunkt im Straßen-Laufsport. Hier arbeitet er auch für verschiedene Veranstaltungen als Koordinator für das Elite-Feld. Zu seinen Athleten zählen mit den äthiopischen Superstars Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele sowie dem kenianischen Marathon-Olympiasieger und -Weltrekordler Eliud Kipchoge einige der besten Läufer aller Zeiten. 1976 startete Jos Hermens bei den Olympischen Spielen in Montreal über 10.000 Meter und im Marathon und belegte die Plätze zehn beziehungsweise 25. Im gleichen Jahr stellte er einen Weltrekord im Stundenlauf auf. In Arnheim lief Jos Hermens damals 20,944 km. Diese Marke steht heute noch als Europarekord. Jos Hermens gab Race News Service das folgende Interview zur aktuellen Situation angesichts der Coronavirus-Pandemie:

Sie gehören zum Organisations-Team des Amsterdam-Marathons. Das Traditionsrennen ist im Gegensatz zu fast allen großen Rennen nicht abgesagt und weiter für den 18. Oktober geplant. Wie ist die Situation?

Jos Hermens: Wir tun alles, damit der Amsterdam-Marathon stattfinden kann. Natürlich planen wir mit viel weniger Athleten. Wir rechnen zurzeit mit jeweils 7.500 Startern im Marathon und im Halbmarathon plus einem Elitefeld. Zuletzt hatten wir über 50.000 Teilnehmer. Wir haben vor gut zwei Wochen in Nijmegen einen Testlauf gemacht, der lief gut. Unser Plan ist, in Amsterdam über einen Zeitraum von rund fünf Stunden zu starten, damit sich alles gut verteilt und wir die derzeitigen Regeln wie den Mindestabstand einhalten können. Wir haben ausgerechnet, dass wir pro Minute 48 Läufer ins Rennen schicken können. Dabei sind wir sicher, dass wir das schaffen, ohne Neu-Erkrankungen auszulösen.

In Deutschland mussten die Marathonrennen in Hamburg und München trotz ausgetüftelter Hygiene-Konzepte abgesagt werden. Ein Knackpunkt sind die Zuschauer.

Jos Hermens: Ich kenne die Konzepte von Hamburg und München, sie sind gut. Es ist sehr schade, dass die Rennen nicht genehmigt wurden. Ich bin mir sicher, dass man die Zuschauer gut steuern kann, wenn man Regeln aufstellt – wir sind ja hier nicht beim Fußball in einer Fankurve. Start und Ziel dürfen nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sein. In Amsterdam kommen sehr viele Zuschauer durch die Kinderläufe und Rahmenwettbewerbe. Diese Rennen werden nicht stattfinden. Es wird auch keinerlei Hospitality-Bereiche geben. Wenn man sich große Shopping-Malls anschaut, eine Metropole wie Paris oder auch große deutsche Städte, wird klar, dass an der frischen Luft kaum etwas passiert bezüglich Ansteckung. Zudem laufen bei einem Marathon alle in die gleiche Richtung und nicht kreuz und quer. Natürlich darf niemand an den Start gehen, der krank ist. Große Läufe werden jetzt leider von den Politikern in einen Topf geworfen mit Volksfesten oder Konzerten – dabei ist ein Lauf etwas ganz anderes.

Was sagen denn die Vertreter der Stadt in Amsterdam dazu?

Jos Hermens: Wir kooperieren gut mit den Verantwortlichen der Stadt. Und ich glaube, in Amsterdam könnte es tatsächlich klappen. Falls sich die Situation ändert und es doch schwierig wird, wäre es auch noch eine Option, ein reines Eliterennen auf einer kleineren Runde zu veranstalten.

Glauben Sie, dass im Herbst weitere Rennen stattfinden, und wie wichtig wäre es in dieser Situation, dass wieder ein größerer Lauf mit einem entsprechenden Hygiene-Konzept gestartet werden kann?

Jos Hermens: Ich gehe davon aus, dass es ein paar Rennen im Herbst geben wird, zum Beispiel den London- und den Valencia-Marathon. Aber es sind zu wenige. Es wäre sehr wichtig, wenn auch ein paar größere Läufe stattfinden könnten, um ein Zeichen zu setzen und den Stein ins Rollen zu bringen. Ich kann mir vorstellen, dass es im Winter noch einmal schwierig wird aufgrund der Corona-Situation. Aber spätestens ab März muss sich wieder etwas tun, dann müssen Läufe wieder stattfinden. Man merkt, verglichen mit anderen Bereichen, dass dem Laufsport eine Lobby fehlt. Wir müssen wohl an die Regierungen herangehen, um etwas zu bewegen.

In Deutschland gibt es inzwischen eine Petition „Save the Events - Rettet unsere Läufe“ …

Jos Hermens: Ja, das ist eine gute Idee. Ich hoffe, dass sie Erfolg hat. In Holland bräuchten wir glaube ich bei einer Petition auch 50.000 Stimmen, um etwas zu bewegen - das ist natürlich schwieriger, da das Land ja viel kleiner ist als Deutschland.

Ihr traditionelles Kerngeschäft ist seit Jahrzehnten das Athleten-Management. Wie ist die Situation in Ihrem Unternehmen „Global Sports Communication“?

Jos Hermens: Es ist dramatisch. Wir machen zurzeit monatlich 90.000 Euro Verlust. Es ist frustrierend zu sehen, dass das Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, das ich über 35 Jahre hinweg aufgebaut habe, jetzt derart in Gefahr gerät. Wir bekommen staatliche Hilfen, aber diese enden am 1. Oktober. Irgendwie müssen wir versuchen, durchzuhalten.

Ihre besten Läufer, allen voran Marathon-Weltrekordler und -Olympiasieger Eliud Kipchoge, gehören zum NN-Team, das Sie mit Hilfe von Sponsoren gegründet haben. Ist dieses Team gesichert?

Jos Hermens: Die Sponsoren respektieren noch die bestehenden Verträge. Aber es gibt auch viel Unsicherheit. Bei einigen Unternehmen läuft es wieder recht gut, bei anderen jedoch nicht. Beim NN-Team wissen wir zurzeit nicht, wie es mit Nike, einem der großen Sponsoren, weitergeht. Vielleicht muss Nike sein Engagement kürzen. Ich fürchte, insgesamt wird das kommende Jahr noch sehr schwierig. Aber ich hoffe, dass es dann 2022 wieder besser wird.

Afrikanische Top-Läufer, die nicht dem NN-Team angehören, jedoch trotzdem durchaus Weltklassezeiten erreichen, haben es vermutlich schwerer.

Jos Hermens: Ja, diese Athleten haben es in der Tat sehr schwer. Sie leben von Start- und Preisgeldern bei Rennen, die es ja jetzt nicht gibt. Andererseits sind die Afrikaner flexibler und akzeptieren die Situation. Ein Jahr Verlust zählt für sie nicht so stark wie für uns Europäer. Die Afrikaner helfen sich gegenseitig und geben nicht so schnell auf, selbst wenn sich die Rahmenbedingungen vielleicht verschlechtern könnten. Es ist möglich, dass solche Athleten Ausrüster-Verträge von Sportartikel-Unternehmen verlieren, so dass Weltklasseläufer plötzlich in alten Schuhen an den Start gehen müssen.

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