Die Erfolgsgeheimnisse äthiopischer Läufer Antonio Sortino

Die Erfolgsgeheimnisse äthiopischer Läufer

Magie und Wahnsinn Die Erfolgsgeheimnisse äthiopischer Läufer

Um die Erfolgsgeheimnisse der äthiopischen Läufer zu ergründen, tauchte der britische Anthropologe und Marathonläufer Michael Crawley 15 Monate lang tief in die Laufkultur des Landes ein. Seine Erkenntnisse könnten Ihre Art und Weise zu laufen, für immer verändern.

Die Zahl der Menschen auf der Straße überrascht mich. Das amharische Wort für Morgendämmerung ist „goh“, und die ­Leute neigen dazu, ihren Tag zu beginnen, als hätte man ihnen das lauthals ins Ohr gebrüllt: „Go!“ Los! Selbst zu dieser frühen Stunde marschieren Horden von Männern zielstrebig durch den Staub, und ganze Gruppen warten auf die Minibusse ins Stadtzentrum von Addis Abeba.

Über seine Erkenntnisse in der äthiopischen Laufkultur schrieb der britische Antropologe und Marathonläufer (Bestzeit 2:20 Stunden) Michael Crawley das Buch Out of Thin Air: Running Wisdom and Magic from Above the Clouds in Ethiopia.

Als ich den Mannschaftsbus von Moyo Sports besteige, ist er voll von dösenden Sportlern. Mit ihren Kapuzenpullis oder traditionellen Baumwoll-Shammas sehen sie aus wie eine seltsame Mischung aus Mönchen und Boxern. Sie alle versuchen, vor dem Training noch ein paar Minuten Schlaf zu erhaschen. Es geht bergauf, die ge­wundene Straße entlang, an noch in Dunkelheit gehüllten Siedlungen vorbei. Der Asphalt macht erst Kopfsteinpflaster und dann Lehmboden Platz. Wir kämpfen uns die Serpentinen hinauf zum Ausgangspunkt der Laufstrecke und halten schließlich an, als der Weg zu schmal zu werden droht, um weiterzufahren.

Der Berg Entoto, das Geheimnis von Haile Gebrselassies überragenden Siegen

Ein paar Wochen zuvor hatte ich eine Nachricht von Hailye erhalten. „Besonders würde ich Ihnen raten, den Entoto zu besuchen“, schrieb er. „Er ist das Geheimnis von Haile Gebrselassies überragenden Siegen.“ In Addis freilich erweist sich, dass dies kein sonderlich gut gehütetes Geheimnis ist. Viele der Läufer in dem Wald, in dem ich in den letzten Wochen trainiert habe, haben mir bereits in raunendem Tonfall von diesem Berg erzählt, der eine mythische Qualität habe. „Er ist 3.200 Meter hoch“, erklärt Meseret, Cheftrainer von Moyo Sports.

„Die Luft hier oben ist etwas Besonderes“, sagt mir Aseffa, während er sich nach der Busfahrt den Rücken dehnt. Teklemariam, dessen beginnende Stirnglatze die übrigen Läufer auf über­durch­schnittliche Intelligenz zurückführen, ergänzt: „Es ist gut fürs Hämoglobin.“ Als er ­meine Überraschung bemerkt, dass dieses Wort Teil seines englischen Vokabulars ist, fügt er hinzu: „Kennen Sie Hämoglobin?“ „Nicht persönlich“, antworte ich. „Laufen Sie einfach ganz langsam“, rät er mir, und auch er sagt: „Die Luft hier ist etwas Besonderes.“

Teklemariam fordert mich auf, ihm zu folgen, und beginnt, gemächlich hinter den anderen her in Richtung Wald zu trotten. Sobald wir zu laufen beginnen, fühle ich mich besser. Es gibt mir das beruhigende Gefühl, dass mein Körper aufzuwachen ­beginnt und meine Muskeln sich etwas schneller erwärmen als die Luft um sie herum. Auch wenn dies die höchstgelegene Laufstrecke ist, die ich je in Angriff ge­nommen habe – das Gefühl, morgens los­zulaufen, ist dasselbe wie immer. Das hat etwas Tröstliches in dieser fremden Um­gebung. Meine Glieder lockern sich langsam, und ich passe mich dem von Teklemariam vorgegebenen Tempo an.

Die Erfolgsgeheimnisse äthiopischer Läufer
Antonio Sortino

Die Luft wird immer dünner

Meine Gedanken schweifen ab. Der Mangel an Sauerstoff hier oben verhindert jedes kohärente Denken, und angesichts der Umgebung suchen mich Erinnerungen an den Wald von Hamsterley heim, in der Nähe von Durham, wo ich meine Kindheit verbrachte. Ich stelle mir den Wald unter einer Käseglocke ohne Sauerstoff vor. Der Pfad nimmt jetzt einen eigenwilligeren Verlauf den Hang hinauf. Meine Beine werden müde, und die Menge an Sauerstoff, die sie erreicht, nimmt in der dünner werdenden Luft immer weiter ab.

Irgendwann trottet Teklemariam zurück, um mich zu beruhigen, dass wir „nur noch 200 Meter“ zu laufen haben. Immer wieder frage ich ihn, wie weit wir jetzt noch laufen müssen. Und jedes Mal antwortet er: „Ich hab doch gesagt: 200 Meter.“ Er glaubt, der Witz würde durch Wiederholung lustiger. Wird er nicht. Inzwischen ­quäle ich mich im Kriechtempo voran. Ich schwitze pures Salz und wünsche mir, ich hätte genug Luft, um mit ihm zu streiten. Doch dann stolpere ich um eine Ecke, und da steht der Bus, und ich kann aufhören.

Als ich nach dem Training mit Coach Meseret im Gras sitze, kommen immer wieder Gruppen von Läufern aus dem Wald und mäandern durch das Feld vor uns, um wieder zwischen Bäumen zu verschwinden. „Es gibt viele Läufer hier oben“, sage ich. Meseret nickt. „Mindestens 5.000 Läufer in Addis Abeba“, sagt er. „Anfangs sind sie wie ein großer Vogelschwarm, aber dann reduziert sich ihre Zahl immer weiter. Nur ein paar können Erfolg haben. Von den paar Hundert, die Sie heute Morgen gesehen haben, können Sie die Erfolgreichen später an einer Hand abzählen.“

Was macht den Erfolg aus?

Er betrachtet die Gruppe unter uns, die im perfekten Gleichschritt das Feld überquert. „Und was ist es, was diesen Erfolg ausmacht?“, frage ich ihn. „Die Erfolg­reichen“, antwortet er, „sind die, die hinschauen und nachdenken, bevor sie ihre Beine in Bewegung setzen. Wer nur aus dem Gefühl heraus läuft, kommt nicht weit.“ Diese Antwort kommt mir seltsam vor, ich hatte eins der üblichen Laufklischees erwartet. Etwa, dass man immer hart arbeiten oder 110 Prozent geben müsse.

Der Soziologe Max Weber schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts, die „Entzauberung“ sei das typische Merkmal der modernen Welt. Es gebe, so schrieb er, „keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte […], die da hineinspielen, man [könne] vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen.“ Dies gilt heute sogar noch mehr als damals: Wir laufen mit Pulsmessgeräten und GPS-Uhren in geplantem Tempo. Wir laden die GPS-Daten in Apps wie Strava hoch und witzeln, dass „nicht zählt“, was nicht hochgeladen und mit anderen verglichen wird.

Sportwissenschaftler testen unsere Spitzensportler, um ihre physiologischen Para­meter zu ermitteln. Wir haben das Gefühl, unsere Grenzen zu kennen. Äthiopien hat für mich vielleicht deshalb eine solche Anziehungskraft, weil die Läufer hier glauben, dass „geheimnisvolle, unberechenbare Mächte“ eine enorme Rolle bei unserem Erfolg spielen. Warum sonst würden sie dreimal pro Woche die stundenlange Fahrt auf sich nehmen, um an einem Ort wie dem Entoto zu laufen? Um vier Uhr morgens aufzustehen, um an einen Ort mit heiligem Boden und „besonderer“ Luft zu fahren, macht Laufen zu mehr als einer Freizeit­beschäftigung: Es macht es zur Pilgerfahrt.

Die Erfolgsgeheimnisse äthiopischer Läufer
Antonio Sortino

Äthiopien – ein mystisches Land

Äthiopien ist ein Land, in dem man mir erzählt hat, dass Energie von Engeln und Dämonen kontrolliert werde. Es ist ein Ort, wo Medizinmänner einem helfen können, anderen Läufern die Kraft zu stehlen. Es ist ein Ort, wo mir im Wald ein Läufer erzählte, sein Traum sei, 10.000 Meter in 25:32 Minuten zu ­laufen – fast eine Minute unter dem Weltrekord. Es ist ein Ort, an dem mir viele Leute prophezeien, die Luft des Entoto werde mich zu einem Läufer machen, der die ­Marathondistanz in 2:08 Stunden bewältigt. Kurz: ein Ort, an dem Magie und Wahnsinn noch immer sehr lebendig sind.

Während Meseret und ich auf das Feld am Entoto herabblicken, sehen wir Vertreter aller Leistungsstufen. Die Leistungsklasse der Läufer, die im Zickzack zwischen den Bäumen hervorkommen und wieder verschwinden, zeigt sich an ihrer Kleidung: von denen mit Adidas- und Nike-Trainings­bekleidung oder den leuchtend gelben Jacken der äthiopischen Nationalmannschaft bis hin zu solchen, die in abgerissenen Shorts und Plastiksandalen laufen. Ich picke eine Gruppe heraus, die im Zickzack von links nach rechts das Feld überquert; der Läufer, der sie anführt, so erzählt mir Meseret, laufe den Marathon in 2:05.

Warum laufen sie im Zickzack?

Die Schlange der Läufer windet sich durch das Feld. Der Führende vollführt ungefähr jede Minute eine Wendung um 180 Grad, und die Übrigen folgen ihm wie ein Schwarm Fische. „Warum laufen sie im Zickzack, Meseret?“, frage ich. „Sie lernen das von­einander. Niemand schreibt ihnen das vor.“ Ich frage mich, ob sie unter anderem deshalb so laufen, um es den Langsameren unter ­ihnen, den von den leuchtend bunten Jacken faszinierten Bauernsöhnen, zu ermöglichen, Schritt zu halten und das Laufen von der Pike auf zu lernen.

Meine Erfahrungen während meines Lebens und Laufens in Äthiopien haben mir eine sehr viel intuitivere, kreativere und experimentierfreudigere Herangehensweise an den Sport offenbart. Diese unterscheidet sich vom westlichen Fokus auf „marginale Verbesserungen“ und von den Versuchen von Sportwissenschaftlern, sportlichen Erfolg im Labor zu erklären. In der Berichterstattung über die verschie­denen Zwei-Stunden-Marathonprojekte – beim letzten lief der Kenianer Eliud Kipchoge in Wien 1:59:40 – spielen westliche Wissenschaftler die Rolle der „Experten“ für das ostafrikanische Laufen, und man konzentriert sich auf Innovationen wie mit Carbonfaserplatten versehene Schuhe und aerodynamische Laufformationen. Doch ein junger äthiopischer Läufer erklärte mir: „Ein Wissenschaftler weiß nicht, was Zeit ist, und ein Mediziner läuft nicht.“

Wir glauben, dass der globale Spitzensport von Sportwissenschaftlern und La­bortests bestimmt wird. Doch selbst manche Wissenschaftler geben zu, dass ein simpler Laufwettkampf körperliche Eigenschaften besser messen kann als jeder Labortest. Für einen äthiopischen Läufer gibt es keinen objektiveren Test als ein simples Wettrennen, und die beste Art und Weise, etwas über das Laufen zu lernen, besteht für sie darin, selbst zu laufen – und zwar viel.

Meine Zeit in Äthiopien hat mich in dem Glauben bestärkt, dass Leistung und Spaß am Laufen sich nicht gegenseitig ausschließen. Dass wir, wenn wir mehr mit unseren Körpern, mit anderen Menschen und mit unserem Umfeld in Einklang stehen und unserer Intuition folgen, gute Leistungen bringen können, ohne dabei zu opfern, was den Sport für uns überhaupt erst attraktiv gemacht hat. Dass es eine Alter­native zu psychisch belastenden und wissenschaftsbesessenen Trainingsmethoden gibt, wie sie heute die weltweiten Sport­programme dominieren und inzwischen auch unter Freizeitläufern Usus sind.

Wir alle können eine Menge von Läufern lernen, die sich eine gesunde Skepsis gegenüber der Sportwissenschaft und einen Stolz auf ihre durch eigene Erfahrung gewonnene Kompetenz bewahrt haben. Meine Zeit in Äthiopien hat mir geholfen, Alternativen im sportpsychologischen Denken zu finden und diese zu übernehmen – bei Menschen, die nie von Sport­psychologie gehört haben und für die die Geheimnisse des Laufens noch immer zu geheimnisumwoben sind, als dass sie sich in ein Reagenzglas destillieren ließen.

Von äthiopischen Läufern lernen

Viele von Michael Crawleys Erkenntnissen über das Laufen in Äthiopien können für Läufer in aller Welt von Nutzen sein. Von den folgenden sieben Erkenntnissen werden Sie lange profitieren.

1. Schneller Abschluss

Man sagt, wenn ein Äthiopier und ein ­Kenianer 100 Meter vor dem Ziel noch gleichauf sind, gewinnt der Äthiopier. Man denke etwa an Haile Gebrselassie gegen Paul Tergat über 10.000 Meter bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 oder an Shura Kitata, der Vincent Kipchumba beim London-Marathon 2020 davon­sprintete. Es könnte da­ran liegen, dass die äthio­pischen Läufer leichte Dauerläufe mit einem Sprint über 150 Meter abschließen. Versuchen Sie es zum Abschluss doch auch mal mit 20-Sekunden-Sprints.

2. Nutzen Sie die Gruppe

Allein zu laufen (wie auch allein zu ­essen) gilt in Äthio­pien als verschroben. Alle Topathleten trainieren in Gruppen und wechseln sich beim Tempomachen ab. Die Läufer sprechen davon, „in den Fußstapfen“ des Voranlaufenden zu laufen, und glauben, dass man Ener­gien besser in der Gruppe anzapfen kann. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Laufen in Gesellschaft einen dazu bringt, sich mehr anzustrengen. Das Fazit liegt auf der Hand: Suchen Sie sich Mitläufer für die anstrengenden Läufe.

3. Vergessen Sie die Uhr

Was in den Bergen über Addis zählt, ist nicht, dass es auf Strava erscheint. Smartwatches sind nicht maßgeblich, werden aber kreativ genutzt, „und zwar genauso oft, um das Tempo zu drosseln wie um es zu erhöhen. Bei Waldläufen ­werden sie meist einfach zu Hause gelassen“, schreibt Crawley. Prüfen Sie Ihre ­Beziehung zu Ihren Daten: Beeinträchtigen sie Ihren Spaß am Laufen? Ist es wirklich wichtig, sie an allen Trainingstagen zu erfassen?

4. Im Zickzack zum Erfolg

Um Wiederholung und Monotonie zu vermeiden, setzen äthiopische Läufer auf Trainingsvielfalt. Dazu gehören Läufe kreuz und quer durch den Wald, wobei sich die Läufer in der Führung abwechseln und die Strecken daher ständig variieren. Dies sorgt dafür, dass der Körper immer wieder aufs Neue in unterschiedlicher Weise belastet wird. Was spricht dagegen, in heimischen Parks und Gartenanlagen von den bekannten Wegen ab­zuweichen und etwas äthiopisch inspirierte Abwechslung ins Training zu bringen?

5. Wald statt Asphalt

Äthiopische Läufer sind überzeugt, dass Laufen auf der Straße, wenn man es übertreibt, den Beinen ihr Tempo austreibt. Darum laufen sie nur einmal pro Woche auf hartem Untergrund, den Rest der Zeit im Wald, auf der Aschenbahn oder auf Schotter. Probieren Sie doch auch mal, auf verschiedenen Untergründen und weicheren Böden zu laufen.

6. Werden Sie ein gefährlicher Läufer

Als „adegenya“, gefährlicher Läufer, beschrieben zu werden gilt in Äthiopien als Kompliment. Gemeint ist nicht, dass man unnötige Risiken eingeht. Vielmehr geht es darum, dass man Opfer bringt, zu denen andere nicht bereit sind. Crawley war mit seinen äthiopischen Laufpartnern nachts um drei Uhr unterwegs – in der Stadt, wo er sich vor Hyänen in Acht nehmen musste, oder beim Bergtraining. Anfangs fand er das absurd, doch mit der Zeit er­kannte er die Vorteile: „Wenn wir nachts laufen, macht mir das mehr noch als der jeweilige Ort oder das Umfeld bewusst, wie wichtig es ist, eine besondere Atmosphäre – ein Gefühl von Abenteuer – ins Lauftraining einzubauen.“

7. Konsequente Ruhepausen

Äthiopische Läufer achten auf eine strenge Trennung zwischen Lauftraining und restlichem Leben. Während der festgelegten Trainingszeiten geben sie alles, aber außerhalb davon vermeiden sie jede Aktivität, die ihre Erholung beeinträchtigt. Für die meisten von uns ist diese Trennung aufgrund unseres eng getakteten Alltags meist schwierig: Wir ­laufen, wann und wo es gerade passt. Doch es lohnt sich, sich an einen vorher fest­gelegten Trainingsplan zu halten und im Alltag mehr Ruhephasen einzulegen.

Buchtipp

Michael Crawley
Out of Thin Air: Running Wisdom and Magic from Above the Clouds in Ethiopia
Nov. 2020, gebundene, englische Ausgabe

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