Jürgen Lock SCC-Events

Laufevents und Corona Berlin-Marathon-Chef Jürgen Lock im Gespräch

„Sollte der Marathon auch 2021 nicht stattfinden, ist Schicht im Schacht“, sagt Jürgen Lock, Chef des Berlin-Marathons. Ein Interview.

Jürgen Lock (52) ist Geschäftsführer von SCC-Events, dem größten deutschen Laufveranstalter. Das Team von SCC-Events organisiert unter anderem den Berlin-Marathon und den Berliner Halbmarathon sowie zahlreiche weitere bedeutende Straßenrennen.

Am Sonntag, dem 27. September 2020, wäre eigentlich Marathon-Tag in Berlin. Nach der Corona-bedingten Absage wird es ein virtuelles Rennen und eine Staffel um die Siegessäule geben. Wie kam es dazu?

Jürgen Lock: Wir haben lange überlegt, was wir am besten machen. Nach der Absage des Berlin-Marathons wollten wir gemeinsam mit allen angemeldeten Läufern aus 140 Nationen zeigen, dass wir auch ohne einen echten Wettkampf weiter laufen. Es gibt viele virtuelle Rennen. Wir wollten keinen Marathon anbieten und die Läufer einzeln über eine so lange Strecke schicken, was auch sportmedizinisch nicht sinnvoll gewesen wäre. Unser Alleinstellungsmerkmal ist der Weltrekord von Eliud Kipchoge, den er hier vor zwei Jahren aufgestellt hat. Daher bieten wir die 2:01:39-Stunden-Challenge an und sind gespannt, wie viele Kilometer die Läufer innerhalb dieser Weltrekordzeit schaffen. Parallel läuft am 27. September eine Staffel um die Siegessäule und der RBB überträgt dies live, sodass das Thema Laufen mit der derzeitigen Situation auch im Fernsehen dargestellt wird.

Wie ist die Situation bei SCC-Events?

Jürgen Lock: Dieses Jahr ist für uns und für so gut wie alle anderen Veranstalter komplett verloren. Obwohl nichts läuft, werden wir das Jahr wohl überstehen – allerdings mit einigen Blessuren. SCC-Events hat zurzeit 70 Angestellte, und wir haben in dieser Situation keinen entlassen. Aber die letzten Monate waren ein Kraftakt und sie haben die gesamte Veranstaltungsbranche mitsamt ihren Zulieferern und Dienstleistern stark gebeutelt. Es ist für alle eine schwierige Zeit.

Wie schätzen Sie die Situation für das nächste Jahr ein?

Jürgen Lock: Die Frage aller Fragen ist für uns jetzt in der Tat: Wie geht es weiter? Niemand kann derzeit eine verlässliche Prognose für 2021 abgeben – Planungen müssen aber bereits jetzt angeschoben werden. Was passiert, wenn die notwendigen Hygienevorschriften mit Beginn der Laufsaison im April 2021 noch in diesem Ausmaß bestehen bleiben und Massensportveranstaltungen in der früheren Form weiterhin unmöglich machen?

Könnte SCC-Events ein zweites Jahr ohne Veranstaltungen überleben?

Jürgen Lock: Also wenn das gesamte Jahr erneut wegfallen sollte, wird das mit unserer jetzigen Struktur nicht zu schaffen sein. Sollte der Marathon auch 2021 nicht stattfinden, ist Schicht im Schacht. Mal unabhängig von den Kosten wird es dann auch sehr schwierig, die Fachkräfte zu halten. Das ist sicherlich für alle Veranstalter so.

Bisher gibt es von politischer Seite keine entsprechende Unterstützung für Laufveranstaltungen, die existenzbedroht sind und aufgrund ihrer Struktur bei den Hilfspaketen durch das Raster fallen.

Jürgen Lock: Im Sommer hat die Bundesregierung einen Rettungsschirm für den deutschen Sport verabschiedet. Dieser bezieht sich auf die Zuschauerausfälle in einigen Profi-Ligen. Das ist sicher begrüßenswert. Zugleich aber frage ich mich: Wo bleiben wir? Mit einem Rennen wie dem Berlin-Marathon spielen wir vergleichsweise in der Champions League. Die fehlenden Zuschauereinnahmen der Bundesligisten, das sind bei uns die fehlenden Teilnehmergebühren, wenn wir gar nicht oder nur noch mit sehr kleinen Starterfeldern veranstalten dürfen. Es ist sehr wichtig, dass wir mit den politisch Verantwortlichen vernünftig ins Gespräch kommen, damit die Situation erkannt und richtig eingeschätzt wird. Sport und Kultur sind wichtige Säulen für das soziale Miteinander, welches gerade in diesen Zeiten so wichtig ist. Mit den Vertretern des Landes Berlin haben wir aber verlässliche Partner, die sehr wohl im Blick haben, wie ernst die Situation ist, aber auch wissen, was noch kommen kann.

Was müsste als nächstes passieren, um 2021 wieder größere Straßenläufe starten zu können?

Jürgen Lock: Mit Hilfe von Experten müssen jetzt Szenarien entwickelt und dann Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit klar ist, wie wir 2021 veranstalten können. Es muss dabei sicher um Hygienekonzepte für die Teilnehmer gehen, aber auch um Regeln für Zuschauer. Eine weitere Kostenexplosion, wie wir sie seit Jahren im Bereich der Sicherheit von Großveranstaltungen haben, können wir uns mit der teuren Umsetzung von Hygienevorschriften jedoch nicht mehr leisten. Hier bedarf es Augenmaß und Mitverantwortung durch den Staat. Die derzeitigen Schwierigkeiten und Interessen sind breit und vielfältig. Deswegen muss sich die Politik schnellstmöglich mit dem Thema befassen. Wir erwarten, dass man den Veranstaltungsbereich differenzierter analysiert. Es spricht inzwischen einiges dafür, dass im Freien bezüglich der Corona-Ansteckung nicht viel passiert. Und irgendwann muss man ja auch Traditionsveranstaltungen wie ein Oktoberfest oder eben einen Berlin-Marathon wieder stattfinden lassen. Ich hoffe, wir bekommen für das Frühjahr 2021 ,Grünes Licht’ und sollte es dann doch kurzfristig nicht möglich sein, zu veranstalten, müsste es entsprechende Ausfallgelder geben.

Der Berlin-Marathon beziehungsweise SCC-Events unterstützt auch die Petition „Save the Events – Rettet unsere Läufe“.

Jürgen Lock: Ja, es geht um die Zukunft unserer Laufveranstaltungen, deswegen müssen wir jetzt alle an einem Strang ziehen – auch mit der Petition, die ein Teil einer wichtigen globalen Anstrengung ist ,unserem Sport’, der auch in Krisenzeiten täglich von Millionen betrieben wird, Gehör und Unterstützung zu verschaffen. Die Petition kann uns wertvolle Unterstützung geben und eine starke Stimme. Daher bitte ich alle, denen der Laufsport am Herzen liegt, diese Petition zu unterschreiben.

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