Themenspecial
Ich bin ein Läufer
Mirco Hammerl Jens Nieth

Mirco Hammerl Der Tag, als der innere Schweinehund verschwand

Mirco Hammerls ­Einstellung zum Sport veränderte sich nach einem schweren Unfall, bei dem er beinahe ein Bein verlor, nachhaltig: Der erfolgreiche Triathlet ist seitdem für jede Trainingseinheit dankbar.

Mirco Hammerl, 37, Bankkaufmann aus Hamm, hatte vor 20 Jahren einen schweren Moped-Unfall, musste danach das Gehen mühsam wieder erlernen und viele Jahre auf Sport verzichten. Der Wiedereinstieg in den Sport sieben Jahre später war für ihn wie eine Befreiung. Mittlerweile ist er einer der erfolgreichsten Amateur-Triathleten seiner Altersklasse M 35: Beim Luxemburg-Triathlon 70.3 siegte er letztes Jahr mit 4:16 Stunden in seiner AK

„Ich bin unendlich dankbar, dass ich mich bewegen kann, das bedeutet für mich Freiheit und Reichtum“

Den 22. Oktober 1998 wird Mirco niemals vergessen. „Es war ein warmer Herbstabend. In einer Kurve verlor ich die Kontrolle über mein Moped, weil die Kette plötzlich absprang und das Rad blockierte. Ich prallte ungebremst gegen eine Mauer“, berichtet er über den Tag, der sein Leben schlagartig veränderte. Schwere Knochenbrüche erforderten eine sechsstündige Notfall-Operation. Mirco schwebte in Lebensgefahr. „Ich hatte zweieinhalb Liter Blut verloren; es war sehr kritisch“, sagt er. Dreieinhalb Monate verbrachte Mirco im Krankenhaus. „Ich habe beinahe mein rechtes Bein verloren. Es konnte glücklicherweise gerettet werden.“Vor dem Unfall war er ein begeisterter Fußballer. In der langen Zeit im Krankenhaus musste er das Gehen erst langsam wieder lernen. „Die Aussage der Ärzte nach der Operation: Ich könne nie wieder Leistungssport betreiben“, erzählt er.

Jahrelang hielt er sich an diese Empfehlung. „Ich resignierte, denn mir fehlte die Bewegung sehr. Ich ernährte mich auch nicht mehr so gesund und war bald mit einem Gewicht von fast 80 Kilo bei 1,70 Meter Körpergröße ein richtiger Wonneproppen.“ Heute wiegt Mirco 65 Kilogramm und ist einer der erfolgreichsten Amateur-Triathleten seiner Altersklasse M 35 im Rennen des Ironman 70.3 (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen). Beim Luxemburg-Triathlon 70.3 siegte er letztes Jahr mit 4:16 Stunden in seiner Altersklasse locker mit zweieinhalb Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten. In der Gesamtwertung belegte er Platz 31 und schaffte es, sich für die 70.3-Weltmeisterschaft in Nizza 2019 zu qualifizieren. Wie hat er es aus der Resignation zum Triathlon-Ass geschafft?

Nach einem Umzug 2005 fing er an zu laufen und wurde Mitglied in einem Triathlon-Verein. „Das kam so: Mein Nachbar war Triathlet, er hatte gerade den Ironman Hawaii bestritten, als ich in meine neue Wohnung einzog, und motivierte mich, wieder Sport zu treiben, zu laufen“, erinnert sich Mirco. „Wieder zügig laufen zu können, das war für mich wie eine Befreiung. Seither verbringe ich meine Freizeit meist draußen an der frischen Luft. Für mich gibt es nicht Schöneres, als die Bewegung in der Natur. Mirco ist Ver­mögensberater bei einer Bank, doch Geld macht ihn nicht glücklich.

Wer positiv denkt, der wird gesund. Das hat viel mit Psychologie zu tun, davon bin ich fest überzeugt.

Der lebensbedrohliche Unfall veränderte Mircos Einstellung zum Leben und zum Training nachhaltig. „Ich habe keinen Schweinehund mehr, denn ich bin unendlich dankbar für dieses Leben und meinen gesunden Körper. Für mich gibt es kein schlechtes Wetter, keine schlechte Kleidung oder mangelnde Motivation. Jemand wie ich, der fast vier Monate lang ans Bett gefesselt war, ist dankbar für jeden Lauf, jede Radtour und jede Schwimm­einheit.“ Seine positive Haltung wirkt sich auch aufs Training aus: „Wenn mir mal was wehtut, stoppe ich nicht sofort. Das Glücksgefühl ist stärker als der Schmerz.“ Die Narbe an dem Bein, das er fast ver­loren hätte, spürt er noch heute. „Sie ist 45 Zentimeter lang und macht mir oft zu schaffen. Doch vor allem beim Laufen tanke ich Kraft.“ Seine positive Denkweise half ihm schon damals nach dem Unfall. „Wer positiv denkt, der wird gesund. Das hat viel mit Psychologie zu tun, davon bin ich fest überzeugt.“

Unbeschreiblich groß war das Glücks­gefühl, als Mirco zum ersten Mal die Ziellinie eines Ironman überquerte. Das war genau zwölf Jahre nach seinem Unfall. „Auch diesen Tag werde ich niemals vergessen. Ein absolut einzigartiges Erlebnis, das zwar auch mit großen Schmerzen ­verbunden war, aber gleichzeitig unfassbar emotional.“Mircos Trainingswoche ist gut gefüllt: „Momentan schwimme ich circa zehn Kilometer, sitze 300 bis 350 Kilometer im Sattel und laufe ungefähr 60 Kilometer pro Woche.“ Zur Entspannung macht er gemeinsam mit seiner Frau Yoga. Einen Marathon außerhalb des Ironman ist er noch nie gelaufen. „Meine Marathon-Bestzeit innerhalb des Ironman-Wett­bewerbs liegt bei 3:09 Stunden.“ Seine Ziele für nächstes Jahr stehen fest: Im ersten Halbjahr möchte ich einen Marathon laufen, mit dem Zeitziel 2:45 bis 2:50 Stunden. Und ich möchte mich für Hawaii qualifizieren.“

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